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Veröffentlicht am 2013-01-19 21:50:30 in /keller/

/keller/ 2439: Till Tegetmeyer hat das zweifelhafte Glück, a...

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p_kosov:#2439

Till Tegetmeyer hat das zweifelhafte Glück, ambitionierte Eltern zu haben - ambitioniert vor allem in Bezug auf sich selbst und die persönliche Entfaltung. Was die Kinder - Till und seine jüngere Schwester Ann-Marie - treiben, wird unter "sie müssen ihre Erfahrungen sammeln" subsummiert, was letztlich bedeutet, dass der vermögende Vater, Schönheitschirurg, und die egozentrische Mutter, die eine Art Möbelgalerie namens "SchauRaum" betreibt, das nötige Geld bereitstellen, die Jugendlichen aber ansonsten tun lassen, was auch immer diese tun wollen.

Es ist vermutlich diese anleitungs- und prinzipienfreie Umgebung, die Till ins Taumeln kommen lässt, als am Ende seiner schulischen Laufbahn plötzlich sämtliche Lebensplanungen platzen: Er wird nicht für das Abitur zugelassen. Till sieht sich seines Umfelds beraubt, muss eine Abzweigung nehmen, während alle anderen voranschreiten, nicht selten in den Fußstapfen der Eltern. Und so kommt er ins Grübeln. Seine Antwort lautet: Rückzug. Selbstfindung. Isolation. Hinterfragung.

Aus dem Zimmer, das Till von allen Möbelstücken bis auf Matratze und Computerarbeitsplatz befreit, wird die Box, die ganz persönliche, freie und neu auszufüllende Projektionsfläche für das Projekt Selbstauslotung. Der Erkenntnis, die Schablonen nicht zu verstehen, folgt der Versuch, eigene Ideale zu finden, aus der von anderen schablonierten Welt auszubrechen. Zunächst hält Till losen Kontakt nach außen, begegnet auch hin und wieder noch der Familie, geht sogar auf eine Party, aber sein Unvermögen, das Geschehen um sich herum zu verstehen, gar dort die eigene Position zu finden, zwingt ihn immer weiter in die innere Isolation. Er spielt tagein, tagaus am Computer den Shooter "Medal of Honor", nimmt über Facebook-Statusmeldungen zur Kenntnis, was die Schwester im Nebenzimmer treibt, und entwickelt eine stark reduzierte Kommunikation mit der Mutter, die zur stummen Versorgerin wird.

Währenddessen lebt die Restfamilie weiter, als wäre nichts geschehen. Till mauert sich ein, verklebt das Fenster, verlässt den Raum überhaupt nicht mehr, bestellt sich aber über das Internet einen Leguan, der nachts an Tills Finger nagt. Der junge Mann bemerkt auch kaum, dass sein "Hikikomori" - japanisch für "gesellschaftlicher Rückzug" - inzwischen per Livestream ins Netz gestellt und von Tausenden verfolgt wird. Nach Monaten entdeckt er das Simulationsspiel "Minecraft", mit dem riesige, völlig freie Welten gestaltet und bevölkert werden können, zusammengebaut aus simplen Blöcken und einfachen Prinzipien folgend. Die von Till geschaffene "Welt 0 (Null)", reduktionistisch und endlos zugleich, markiert die Katharsis. Er glaubt, seine Lebensaufgabe, einen persönlichen Sinn gefunden zu haben; die Grenzen zwischen Virtualität und Realität sind aufgehoben. Was mit ihm selbst geschieht, wird bedeutungslos.

Dieser sehr bemerkenswerte und intelligent konstruierte, in eigenwilligem, doch angemessenem Duktus verfasste Roman erzählt vordergründig vom Entstehen und dem Verlauf einer psychischen Störung, aber er zeichnet zugleich ein Sitten- und Gesellschaftsbild. Kuhn thematisiert Werteverfall, die Sucht nach einer Kommunikation, die keine ist, jene egozentrische Elterngeneration, die Anfang des neuen Jahrtausends damit begann, Kinder zu zeugen, und - natürlich - auch Freundschaft und Liebe. "Hikikomori" ist ein spannendes, packendes, unkonventionelles Buch, streng komponiert, präzise und feingeistig erzählt, und mit viel Empathie für seine exemplarische Hauptfigur ausgestattet. Wenn es etwas Negatives anzumerken gäbe, dann höchstens, dass sich der Stoff auch als Kurzgeschichte oder Novelle hätte wiedergeben lassen - "Hikikomori" wirkt zuweilen etwas gedehnt, was auch die Perspektivwechsel nicht auszugleichen in der Lage sind.

Meine Lieblingsstelle ist jene, als Till am Anfang des Experiments eine Party besucht. Sein persönlicher Fokuswechsel wird überdeutlich, als alle auf das Geschehen konzentriert sind, er jedoch Dinge wahrnimmt, die niemanden sonst interessieren. Daher auch der Titel dieser Rezension.

mr_arcadio Avatar
mr_arcadio:#2442

Fand das Buch leider nicht so großartig und etwas verschwurbelt. Ich bin natürlich auch kein großer Literaturkenner und dass der Autor sich bei der Beschreibung von Minecraft und der Anwendung von Zangendeutsch (ich glaube nicht, dass er bei seiner zweistündigen Bilderbrettrecherche so ganz verstanden hat, was 'fappieren' bedeutet) genommen hat, hat wohl meine Arschbürgerei aktiviert.

souuf Avatar
souuf:#2443

>>2442
*viel künstlerische Freiheit genommen

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n1ght_coder:#2445

Der erste (literarische) Hikikomori war Gregor Samsa - und es ist auch das bessere Buch.

kennyadr Avatar
kennyadr:#2446

>>2439
Schaut euch den Spacken von Autor doch bloß einmal an.

Der wird in dem Buch doch niemals irgendetwas Inneres von ihm verarbeitet haben. Das Bedürfnis, ein Buch über genau dieses Thema zu schreiben, wird bei ihm lediglich darauf basieren, dass er halt irgendein interessantes Thema braucht, an dem er die Handgriffe anwenden kann, die ihm während seine Kreatives-Schreiben-Studium vermittelt wurden.

Das kann nicht funktionieren.

linux29 Avatar
linux29:#2449

Kann Bernd die PDF liefern?

joeymurdah Avatar
joeymurdah:#4102

Stoß aus Interesse.

oscarowusu Avatar
oscarowusu:#4103

>>2449
Lohnt sich nicht. Das Buch ist maximaler Müll.

tereshenkov Avatar
tereshenkov:#4107

>Der junge Mann bemerkt auch kaum, dass sein "Hikikomori" - japanisch für "gesellschaftlicher Rückzug" - inzwischen per Livestream ins Netz gestellt und von Tausenden verfolgt wird.

Klar doch. Tausende schauen zu wie er von einer Seite auf die andere Klickt.

murrayswift Avatar
murrayswift:#4108

>>4107
>Klickt

canapud Avatar
canapud:#4115

Ein Herausforder erscheint:

Nur wenige sorgfältig gewählte Worte benötigt Milena Michiko Flasar, um ihre Figuren zum Leben zu erwecken, nur wenige Szenen, um ganze Schicksale zu erzählen. Ein junger Mann verlässt sein Zimmer, in dem er offenbar lange Zeit eingeschlossen war, tastet sich durch eine fremde Welt. Eine Bank im Park wird ihm Zuflucht und Behausung, dort öffnet er die Augen, beginnt zu sprechen und teilt mit einem wildfremden Menschen seine Erinnerungen. Der andere ist viele Jahre älter, ein im Büro angestellter Salaryman wie Tausende. Er erzählt seinerseits, über Tage und Wochen hinweg, Szenen eines Lebens voller Furcht und Ohnmacht, Hoffnung und Glück. Beide sind Außenseiter, die dem Leistungsdruck nicht standhalten, die allein in der Verweigerung aktiv werden. Aus der Erfahrung, dass Zuneigung in Nahrung verpackt, Trauer im Lachen verborgen werden kann und Freundschaften möglich sind, stärken sie sich für einen endgültigen Abschied und einen Anfang. Milena Michiko Flasar macht eine Parkbank zur Bühne, zu einem huis clos unter freiem Himmel. Die Bank befindet sich in Japan und könnte doch ebenso gut anderswo in der westlichen Welt stehen. Dieser Roman stellt der Angst vor allem, was aus der Norm fällt, die Möglichkeit von Nähe entgegen sowie die anarchische Kraft der Verweigerung.

yassiryahya Avatar
yassiryahya:#4123

>>4115
Das hat mir meine Oma geschenkt. War ganz nett, kann nicht darüber lästern. Bei so grobem Unfug wie Hikikomori-Lebendstrom hätte ich hart rangiert, bin also nicht völlig anspruchslos

splashing75 Avatar
splashing75:#4178

>>4115
Bin neugierig, habs mir mal gekauft.

tjisousa Avatar
tjisousa:#4183

>>4178
Habs auch gekauft. :3

zackeeler Avatar
zackeeler:#4184

Und wie ist das Buch?

Würde zwar nicht kaufen, aber das E-Buch ladieren, wenn es denn irgendwann erscheint. Habe nämlich noch nichts gefunden. ;_;

suprb Avatar
suprb:#4186

>>4184
Hab' mir ein gebrauchtes für 9 Euro inkl. Versand gekauft, so teuer ist's dann auch nicht mehr. Bin erst bei Seite 35 oder so, lässt sich zumindest gut lesen, zum Inhalt kann ich noch nichts sagen, langweilig war's bis hierhin nicht.

samscouto Avatar
samscouto:#4187

>>4184
Ich habe es mir für €16 in Mayersche gekauft. Eingeschweißt. Ich will es noch nicht lesen. Vielleicht, wenn der Winter vorbei ist. Wir haben noch Herbst. Kann noch eine Weile dauern.

dhooyenga Avatar
dhooyenga:#4196

>>4186
Bin nun bald durch, es war gestern Nacht echt traurig ;_;

rangafangs Avatar
rangafangs:#4197

Ebenfalls gebraucht geholt. Die Leseprobe hat meine Neugier geweckt, außerdem gefällt der detailierte Schreibstil.

nelshd Avatar
nelshd:#4223

>>4196
Noch mehr männliche Tränen wurden vergossen, bin durch, war schön.

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oaktreemedia:#4253

Sehr gut geschrieben, habe aber meer berndigen Humor erwartet.
Außerdem kann Bernd sich nicht mit dem schwermütigen Charakter identifizieren:
"Ich lese keine Mangas[...]und verbringe die Nacht nicht vor dem Computer. Von Videospielen wird mir schlecht" (S.42)
Hier hörte er auf zu lesen und ging erstmal schlafen. Die Vorfreude war ein wenig dahin.
Natürlich ändert das nichts an der Kwalität der Geschichte, schmälert aber das Mitfiebern.
Dem Lesefluss abträglich ist außerdem der Verzicht auf Kennzeichnung der wörtlichen Rede und die Sprünge zwischen den Personen.
Bin gespannt, ob das noch besser wird.

Neuste Fäden in diesem Brett: