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Veröffentlicht am 2014-11-29 14:22:46 in /l/

/l/ 22120: Warum mochten der Grimm und Eichendorff den Hoffmann ni...

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clementc:#22120

Warum mochten der Grimm und Eichendorff den Hoffmann nicht?

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mat_stevens:#22121

>>22120
Ich könnte nur mutmaßen, dass Hoffmann ihnen zu verrückt war. Hoffmanns Geschichten überschreiten in gewisser Weise alle Grenzen, sie sind so bunt und grenzenlos wie Alice im Wunderland, man denke an Der goldene Topf oder Die Elixiere des Teufels. Aber auch seine genialische Lebensbeschreibung in den Aufzeichnungen des Katers Murr hat Hoffmann ähnlich wie Wagner in der Musik das Format des Romans und der Selbstbetrachtung und Fabulierlust gesprengt und neue Maßstäbe gesetzt. Noch heute lebt Hoffmann im Schatten von Goethe und Schiller, dabei ist sein Schöpfergeist so vielfältig gewesen - wahrscheinlich zu vielfältig um wirklich als deutsche Leitkultur zu gelten: Er schwang nicht mit der Moralkeule, zeigte auch keine verbissenen Gelehrtenportraits oder bediente sich der klassischen Mythologie, sondern ließ seinen Wahnsinn sprudeln. Hoffmann, der deutsche Dichter zwischen Wein und Opium, war einfach zu exaltiert, viel zu leidenschaftlich und unmäßig, um hierzulande anerkennenden Beifall zu ernten. Darum waren es auch zuerst Dostojewski oder Jacques Offenbach, die seinen literarischen Wert und seine Weltgeltung zu bestätigen wussten.
Hoffmann, die schillerndste Persönlichkeit der Romantik, beschäftigt sich eingehend mit den Abgründen der Seele, am ehesten vergleichbar mit Edgar Allan Poe. Die deutschen Dichter der Romantik, Tieck, Schlegel, Novalis, Eichendorff, sind Charaktere für sich, aber scheinen der ungezügelten Fabulierlust eines Hoffmanns unzugänglich.
Es wäre zu kurz gegriffen, Eichendorff und Goethe als Neider Hoffmanns darzustellen. Sie konnten mit einem so übersteigert romantisch-manisch-depressiven Geist nichts anfangen, wie der Großteil der Bevölkerung und auch der Literaturliebhaber. Romantik ist Grenzerfahrung, und Hoffmann ist die Grenzerfahrung par excellence.

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BrianPurkiss:#22122

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kuldarkalvik:#22125

Weil Hoffmann schon eher post-ironisch zu Gange war.
Eichendorff und Grimm waren noch pathetisch.

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jitachi:#22128

>>22125

Wirklich post-ironisch, und nicht bloß einfach ironisch?

to_soham Avatar
to_soham:#22140

>>22128
Schon post-ironisch, Heine war manchmal ironisch-romantische Sachen geschrieben und da merkt man schon einen Unterschied.

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