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Veröffentlicht am 2015-01-31 06:06:02 in /l/

/l/ 22396: Der Lebensmüde

chanpory Avatar
chanpory:#22396

Hallo Bernd, hier eine kleine Geschichte von mir. Bitte nicht so hart zu mir sein, ich habe sie geschrieben, als mich meine Mama nachts auf dem Klo eingeschlossen hat. Sie - nicht meine Mama, die Geschichte - hat auch schon eine Empfehlung bekommen:

"Prädikat: Absolut hirnrissig - ich würde es strafrechtlich aufs Schärfste verfolgen, wenn ich denn noch leben täte." - M.C. Ranitzky

--- Der Lebensmüde ---

- Hallo, ich bin Wanderchirurg, dem man die Lizenz entzogen hat, ich entnehme wehrlosen Haustieren gerne bei lebendigem Leibe Organe und pflanze ihnen schmerzhaft eiternde Peilsender ein, meine Referenzen sind sechs Jahre Zuchthaus, Pflegestufe 9 und eine schillernde Palette an vermehrungsfreudigen Geschlechtskrankheiten und bitte hiermit feierlichst, ihre noch nicht geschlechtsreife Tochter auf das wildeste und menschenunwürdigste durchzunehmen bis die Schwarte kracht.
- Nunja, das klingt schon besser, Herr Henschel. Räuspert sich das Wiesel.
- Und damit muss ich mich jetzt in drei verschiedenen Städten bei Jedermann vorstellen?
- Ganz recht. Henschel, sie, ein tüchtiger Mann von gerade 39 mit ebensovielen Haaren auf dem Kopf, mit großen Aussichten darauf, in ihrem Beruf als Versicherungskaufmann zu verstauben, schauen sie sich an - sie haben gar kein Recht, sich einfach so aus dem Leben zu stehlen. Und auch noch so feige mit Schlaftabletten wie eine kleine Schwuchtel.
- Aber ich -
- Kein Aber! Ich nehme es ihnen schon übel, dass sie im Ernst dachten, ein Petrus würde sie hier empfangen. Nein, für solche lauwarmen Fische ist das Wiesel zuständig. Es geht einfach nicht an, dass das Jenseits ständig durch den Einmarsch von solchen Nullen wie sie eine sind, an Ansehen und Renomée einbüßen muss.

davidsasda Avatar
davidsasda:#22397

>>22396
- Aber ich -
- Nix da. Jetzt trauen sie sich mal was. Ich zähle bis drei, dann werden sie in ihrem vollgekotzten Zimmer zu sich kommen und einsehen, dass die Welt sie erstmal so richtig hassen und verabscheuen muss, damit sie einen Grund zum Sterben haben. Nazi-Terrorist und Pharmalobbyist, da hatten sie schon den richtigen Riecher, die sind in vielen Gegenden gern gesehene Gäste. Sie haben sich das Richtige ausgesucht und müssen nun für die ganze Belegschaft hier in der Vor-Jenseits-Auffangbehörde sich so richtig schön zum Horst machen. Also viel Spaß!
- Aber ich -
Herr Henschel spürte einen Schlag, dann gingen die Lichter aus. Er blinzelte und kam in seiner kargen Wohnung wieder zu sich. Ist das zu fassen? Da will man sich aus diesem jämmerlichen Leben verabschieden, wird aber am Eingang zum Jenseits von einem stinkenden Nagetier noch mit Aufnahmebedingungen gegeißelt! Nun denn, wenn es das ist, was mich und mein Glück trennt, will ich es tun:
Ich will mich wie das Wiesel gesagt hat in drei verschiedenen Städten als Kinderschänder vorstellen, und wenn ich in allen drei Städten gehasst werde, darf ich endlich sterben. Zum Glück hat mein Gehirn während der letzten Stunde keinen Sauerstoffmangel erfahren.
Herr Henschel, Gott bewahre, lebte ein so harmloses und langweiliges Leben, das ihn niemand darum hätte beneiden können. Doch wie steht es in der Bibel, werden die lauwarmen Geister ausgespien. SO geschah es auch ihm, dem Lauesten aller Lauen, auf dass er endlich heiß oder kalt werde!

---

Wenns euch zu blöd ist, oke, dann schreib ich nicht weiter. Danke für eure Aufmerksamkeit.

justinrhee Avatar
justinrhee:#22398

>>22397
In der Vorahnung brillierende Geister werden die Pointe wittern, dass es natürlich eine Loli ist, die Herrn Henschels Plan, zu sterben, verkomplizieren wird.

solid_color Avatar
solid_color:#22400

>>22398

Klingt romantisch. :3

Schreib gerne meer, Friedrich.

adewaleolaore Avatar
adewaleolaore:#22402

Nein, ich finde es nicht zu blöd. Und auch wenn, solltest du dich davon nicht abhalten lasse, weiterzumachen, Berndi Fritz.

garand Avatar
garand:#22422

Auch wenn du vermutlich ohnehin schon wieder weg bist: Wer Kommentare zu seinem Text will, muss Fragen stellen.

mattsapii Avatar
mattsapii:#22437

>>22422
Nagut. Ist der Text unterhaltsam, kann man ihm folgen und vermittelt er ein hoffnungsvolles Bild vom Jenseits?

xravil Avatar
xravil:#22438

>>22437

Oke, habe es eben noch mal gelesen und mir hat es diesmal sehr viel besser gefallen (bin besoffen) und musste sogar grinsen. Beim ersten Mal war es mir zu "originell", d.h. jeder Satz bemüht sich zu offensichtlich, irgendwie besonders zu sein. Es wäre besser, dachte ich, sich auf zwei, drei gute Einfälle zu konzentrieren und ansonsten möglichst nüchtern zu schreiben. Aber da war - wie gesagt - auch ich nüchtern.

Folgen konnte ich ohne Probleme. "Positives Bild vom Jenseits", weiß ich jetzt nicht. War das wirklich die Absicht?

Noch zwei Details:

>sich so richtig schön zum Horst machen.

Hat mir nicht gefallen, was aber kulturelle Gründe haben kann (Ostmarkbernd reportiert rein).

>werden die lauwarmen Geister ausgespien. SO geschah es auch ihm, dem Lauesten aller Lauen, auf dass er endlich heiß oder kalt werde!

Ausgezeichnet! Vermute unbewusstes oder bewusstes Raubmordplagiat, was natürlich völlig irrelevant ist.

Schreib auf jeden Fall weiter, Bernd! Kleinmagderlöserin ist beste Erlöserin.

syntetyc Avatar
syntetyc:#22439

achja, Details hierzu würden mich auch interessieren:
>ich habe sie geschrieben, als mich meine Mama nachts auf dem Klo eingeschlossen hat

Vermute eine mindestens ebenso gute Geschichte.

anjhero Avatar
anjhero:#22455

>>22438
>Schreib auf jeden Fall weiter, Bernd! Kleinmagderlöserin ist beste Erlöserin.

Danke Bernd. Dann wird ich mich in Kürze ans Werk machen.

snowwrite Avatar
snowwrite:#22464

>>22397
Brillengläser wie die Lupen eines Briefmarkensammlers, die 39 Haare leger an die glänzende Glatze gefettet, in kleinstkariertem kurzärmligem Hemd mit einer 90er-Jahre Seidenkrawatte, in Bundfaltenhose hielt Herr Henschel die Hand zum Gruße hin. Es war die erste von drei Städten und sie lag im Osten der Republik. Der Mann, dem er die Hand geben wollte, war ein schrankhoher Mensch in Springerstiefeln mit Gesichtszügen die an einen Amboß gemahnten. Herr Henschel wartete vergeblich auf die Erwiderung seines Grußes, denn er hatte bereits die Absicht seines Besuches erklärt. Der bestiefelte Hüne, als er erfuhr, dass er einen mutmaßlichen Sittenstrolch erster Güte vor sich hatte, ein krankes Schwein wie es im Buche steht, holte unversehens zum Schlag mit seiner stacheldrahtbewehrten Keule aus. Ein herzhafter Klang von zerschmetternden Knochen folgte dieser Handlung.
Erneut schwanden Herrn Henschel die Sinne. Hin und wieder kam er zu sich, bemerkte, wie er von einer Gruppe rohgesitteter Kerle weiter getreten, bespuckt, geschlagen und bepinkelt wurde. Sein von all der Drangsal betäubter Körper wurde, das konnte er noch bemerken, im Dunkel der Nacht über den Asphalt vieler Straßen gezerrt, bis er in etwas Weichem, Schlammigem abgelegt wurde. Doch Ruhe hatte er auch hier nicht. Er spürte wie sich die Zähne mehrerer Tiere in sein Fleisch gruben, sechs, vielleicht sieben Schweine, die ihn auffressen wollten. Sie rissen an seinen Beinen, kauten ihm Ohren und Nase ab und zerknusperten Finger mitsamt den Händen. Wie lange soll das denn noch gehen, dachte sich genervt Herr Henschel. Sterbe ich denn jetzt bald mal? Und wie gerufen, fiel er aus dieser Welt heraus und landete wieder vor dem Wiesel.
- Da sind Sie ja schon wieder, Herr Henschel. Na bitte, jetzt hat ihr Gesicht endlich Wiedererkennungswert!
- Darf ich jetzt endlich sterben? Kann ich jetzt mal endlich diese elendige Welt verlassen?
- Tststs, Herr Henschel. Das war gerade einmal die erste Stadt von dreien, in denen Sie vorstellig werden müssen. Erst wenn sie in allen drei Städten so gehasst werden wie in dieser, dann überlegen wir es uns von der Jenseits-Auffangbeförde, ob wir sie aufnehmen.
- Aber sehen Sie mich an, Herr ... Herr Wiesel, ich bin nur noch menschlicher Kompost, mein Körper ist zerfetzt und zerknetscht, so kann ich unmöglich überleben, Sie müssen mich wohl bei sich aufnehmen!
- Aber Herr Henschel. Wir heilen sie einfach, stellen ihren Körper wieder her. Glauben Sie, wir hätten so etwas nicht eingeplant? Kennen Sie nicht die Geschichte vom heiligen Lazarus?
- Der von Jesus wiederbelebt wurde?
- Falsch. Es war nicht Jesus, sondern ich, das Wiesel. Nur ein untotes Wiesel kann über Leben und Tod bestimmen wie es im Fall des Lazarus geschehen ist. Dieser Lazarus war auch so ein Schluck Wasser in der Kurve, absolut unbedeutend, weder besonders gut, noch besonders schlecht. Dem hat man das Leben nur noch einmal gegeben, damit er sich mal beweisen kann. So geschieht es auch mit Ihnen. Ich stelle Sie wieder her, mit Klamotten und Geld in den Taschen und Sie besuchen mir schön die zweite Stadt.
- Aber ich -
Doch da war Herr Henschel schon wieder erwacht. Er blickte von seiner Zeitung auf. Er saß an seinem Frühstückstisch in seiner langweiligen Wohnung, unversehrt, mit sauberen Klamotten und ohne ein Anzeichen, dass er vor kurzem von Nazis und Schweinen durch die Mangel gedreht worden war.
Also gut, dachte er sich. Dann auf in die nächste Stadt. So schwer kann es ja nicht sein. Bald werde ich endlich tot sein, ich freu mich schon!
Die zweite Stadt lag im Westen der Republik und ist seit alters her bekannt für ihre losen Sitten. Gleichgeschlechtliche Paare und weitere sodomitische Sitten sind hier an der Tagesordnung. Hoffen wir, dass die Leute hier nicht plötzlich mehr Toleranz zeigen, als sie sollten!
Herr Henschel erschien auf einer Beerdigung. Ein kleiner Kindersarg wird gerade in die Grube herabgelassen. Die Anwesenden vergießen bittere Tränen zu den Klängen von Albinonis Adagio in G-Moll. Die Verstorbene ist die adoptierte Tochter eines schwulen Partylöwenpaares. Der Tod des Mädchens erweist sich als besonders tragisch, da sie Opfer einer Vergewaltigung und der Täter immer noch unerkannt und auf freiem Fuß ist. Herr Henschel tippt dem Pfarrer, der gerade die Grabrede hält, schüchtern auf die Schulter und bittet, einige Worte zu sprechen. Verwundert gibt der Geistliche das Rednerpult frei, worauf Herr Henschel zu reden beginnt:

snowwrite Avatar
snowwrite:#22465

- Liebe Freunde, liebe Angehörige, ich bin Wanderchirurg, dem man die Lizenz entzogen hat, ich entnehme wehrlosen Haustieren gerne bei lebendigem Leibe Organe und pflanze ihnen schmerzhaft eiternde Peilsender ein, meine Referenzen sind sechs Jahre Zuchthaus, Pflegestufe 9 und eine schillernde Palette an vermehrungsfreudigen Geschlechtskrankheiten und bitte hiermit feierlichst, ihre noch nicht geschlechtsreife Tochter auf das wildeste und menschenunwürdigste durchzunehmen bis die Schwarte kracht. Da mir nicht entgangen ist, dass betreffliches Objekt meiner Begierde bereits das Zeitliche gesegnet hat, möchte ich mich untertänigst beim Mörder des Mädchens bedanken, dass er mir hier die Gelegenheit verschafft, erstmalig meine nekrophilen Phantasien vor den Augen aller Anwesenden in die Tat umzusetzen. Und jetzt, falls sie nichts dagegen haben ...
Und wieder gingen die Lichter aus. Ein kleiner Grabstein, geschleudert von einem Mannsweib oder einem Weibsmann, hatte Herrn Henschel empfindlichst an der Schläfe getroffen.
Das nächste, was er wahrnahm, war dumpfe erdige Luft und das Aroma von Stein und Regen. Man hatte ihn lebendig begraben. Es dauerte eine beträchtliche Weile, bis ihm die Sinne schwanden und wieder fand er sich vor dem altbekannten Wiesel.
- Sehen Sie, es ist doch gar nicht so schwer, guter Herr! Nur noch eine Stadt müssen Sie besuchen, in der Sie bis aufs Blut gehasst werden müssen, dann, ja dann haben Sie ihre Pflicht erfüllt und können endlich sterben!
So sehr wie in diesem Moment hatte sich Herr Henschel noch nie gefreut. Das Sterben lag in greifbarer Nähe, nur noch eine Stadt besuchen, in der man verachtet, verabscheut und gehasst werden musste, und dann endlich ... !

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kiwiupover:#22466

>>22465
Herr Henschel fand sich in der dritten Stadt wieder. Lag sie im Osten oder im Westen? Das konnte er nicht bestimmen. Die Straßen schienen verlassen, die Häuser marode, etliche Gebäude lagen in Trümmern, brannten oder es stieg Qualm aus ihnen auf. Von Menschen keine Spur. Herr Henschel schlenderte durch Krater und elefantengroße Schlaglöcher, stundenlang, doch die Gegend schien vollkommen unbewohnt.
Da hörte er aus einer windschiefen Hütte Geräusche kommen. Er blickte zur Tür hinein und sah, wie ein kleines Mädchen an einem alten Pac Man-Automaten spielte.
- Hallo, ich bin Wanderchirurg, begann Herr Henschel, doch das Mädchen unterbrach ihn:

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markgamzy:#22467

- Wanderchirurg? Könntest du meinem Haustier-Leguan bitte einen schmerzhaften Peilsender einpflanzen? Er haut immer ab, weil ich in als Türstopper mißbrauche, wenn er mir aufs Kopfkissen scheißt. Und je öfter er als Türstopper mißbraucht wird, desto öfter scheißt er mir aufs Kopfkissen. Aber ich brauche den Türstopper, weil ein Leben ohne Türstopper einfach nicht lebenswert ist.
Das Mädchen scheint etwas durch den Wind zu sein, überlegte Herr Henschel.
- Bist du der einzige Mensch hier in dieser Stadt? Wo sind denn die anderen Leute?
- Hier gibt es keine anderen Leute. Das hier ist meine Stadt. Hier gehört alles mir. Aber sag, was machst du hier?
- Ich ... ich will sterben.
- Sterben? Wieso?
- Weil das Leben langweilig und öde ist.
- Na, dann stirb halt.
- Das geht nicht. Das Wiesel am Eingang zum Jenseits hat gesagt, ich muss erst in drei Städten gehasst werden, damit ich sterben kann.
- Und wie stellt man das an, als langweiliger Mensch gehasst zu werden?
- Indem man erzählt, man steht auf kleine Mädchen.
- Und, stehst du auf kleine Mädchen?
- Nein, dann hätte ich ja kein Problem. Dann wäre mein Leben ja nicht so langweilig. Aber ich bin so normal, es ist zum verrückt werden. Aber nicht einmal verrückt werde ich.
- Du bist ein komischer Vogel. Und trägst ziemlich blöde Klamotten. Ja, du siehst schon ziemlich langweilig aus.
- Danke. Tja, was mach ich jetzt? Jetzt war ich ehrlich zu dir, dass ich gar nicht auf kleine Mädchen stehe. Wie kann ich dich jetzt dazu bringen, mich zu hassen? Ich will doch einfach nur sterben, warum muss das so schwer sein?
- Weißt du, ich glaube wir sind uns sehr ähnlich. Du willst sterben - naja, und ich will, dass alle anderen Menschen sterben. Und wie du siehst, hab ich das auch geschafft.
- Du hast - nicht wirklich oder?
- Doch. Ich habe alle Menschen in dieser Stadt umgebracht. Weil sie nicht verstehen wollten, dass ich auf meinen Lehrer stehe. So richtig halt. Naja, mein Lehrer ist ins Gefängnis gekommen, weil wir uns getroffen haben. Und als er rauskam, hat ihm ein fieser Typ, mein Onkel, mit einem Hobel den Schwanz abgehobelt und ihm als gegrilltes Sandwich zum Essen vorgesetzt. Tja und das fand ich nicht so gut. Naja und meine Eltern haben eine Tankstelle und da hatte ich immer Zugang zu Benzin, und so ...
- Ich verstehe. Und ich sehe, dass das hier nichts wird. Du bist ein unglückliches Mädchen, dem man gehörig ins Hirn geschissen hat und ich bin ein langweiliger Versicherungskaufmann, der einfach nicht sterben kann. Das Wiesel lacht sich jetzt sicher ins Fäustchen ... wusste doch sicher von Anfang an, dass die Sache einen Haken hat und ich auf diese Weise nicht sterben kann. Wie mich das alles ankotzt.
- Das Wiesel? Wovon faselst du da? Du scheinst doch verrückt zu sein, so wie du redest.
- Nein, es ist wahr. Alle Menschen, die langweilig sind, werden im Jenseits von einem Wiesel begrüßt und ...
- Alle Menschen? Woher willst du das wissen? Vielleicht ist das Wiesel ja nur für dich da.
- Hör jetzt mal bitte auf mit diesem philosophischen Schwachsinn, das entspricht nicht deiner Rolle als wehrloses Opfer.
- Vielleicht ... bin ja auch ich nur für dich da.
Die Blicke von Herrn Henschel und die des Mädchens treffen sich. Im Hintergrund brennen Autos und Dachstühle brechen unter Funkenregen in sich zusammen.
- Also ich hasse dich jedenfalls nicht. Und ganz normal kannst du nicht sein, wenn du mir von einem Wiesel aus dem Jenseits erzählst. Spricht das Mädchen und nimmt lächelnd seine Hand.

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anass_hassouni:#22468

- Nagut. Ich muss mich wohl damit abfinden. Dann lass mich mal eine Runde Pac Man spielen, okay?
- Auf keinen Fall, das ist ein Erbstück von meinem verstorbenen Freund. Vielleicht später. Jetzt kannst du mal lieber mit meinem Leguan Gassi gehen. Und bring was zu essen mit.
So nahm Herr Henschel den Leguan des Mädchens und führte ihn Gassi durch die Landschaft der Schlaglöcher.
Verhurtes Wiesel, dachte sich Henschel. So dreist bin ich noch nie reingelegt worden. Das einzige was mir jetzt noch übrig bleibt, ist wohl, mit diesem Mädchen die Stadt neu zu bevölkern, haha. Doch das war nur ein Gedanke von vielen, die Herrn Henschel durch den Kopf huschten, so wie der Leguan des Mädchens vor seinen Füßen umherhuschte, mal hier an einem Leichnam nagte, mal hier an verkohlten Stümpfen schnupperte und bei einem bestimmten Einfall des Lichtes fast schon aussah wie ein mutiertes Wiesel. Der Lebensmüde hielt inne und kratzte sich an der Stirn, schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort.

Ende

(Musik für die Credits: https://www.youtube.com/watch?v=Dl-QQc4rsPo)

leandrovaranda Avatar
leandrovaranda:#22469

Warum schließt dich deine Mutter ins Klo?

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aluisio_azevedo:#22470

Gut geworden, Bernd.

sindresorhus Avatar
sindresorhus:#22472

>>22469
Weil ich dem Postillon einen gut recherchierten Artikel habe zukommen lassen, in dem geoffenbart wird, dass alle Deine-Mutter-Sprüche sie zum Vorbild haben.

syntetyc Avatar
syntetyc:#22473

>>22470
Danke, Bernd. Hoffentlich habe ich damit keine religiösen Gefühle oder ideologischen Überzeugungen verletzt.

buleswapnil Avatar
buleswapnil:#22474

>>22473
Das Wiesel, der himmlische Torwächter, ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle Weltreligionen einigen können.

emileboudeling Avatar
emileboudeling:#22476

Sehr gut, OP!

Hast du "Curfew" gesehen? Ich nicht, aber gelesen habe ich über den Film. Und die Konstellation ist dort glaube ich so ähnlich, wie bei Deiner Geschichte in der 3. Stadt. Also einen suizidären Typ und eine Loli gibt es da, die ihn dann "rettet", sozusagen.

alessandroribe Avatar
alessandroribe:#22477

Also wenn wir schon bei relatierten Empfehlungen sind: "Der dritte Polizist" von Flann O'Brien hat eine ähnliche Grundstimmung.

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aleclarsoniv:#22478

>>22438
>werden die lauwarmen Geister ausgespien. SO geschah es auch ihm, dem Lauesten aller Lauen, auf dass er endlich heiß oder kalt werde!

ja, das klingt nach Nietzsche.

Zu PO:
Bin zwar auch betrunken, aber ist schon ok. Für eine Kurzgeschichte reichts allemal.
Ein Problem ist, daß der Leser sich die Geschichte schon fast selbst zusammendenken kann, ich glaube, man wüsste was so passiert.

joshjoshmatson Avatar
joshjoshmatson:#22479

>>22474
> Das Wiesel, der himmlische Torwächter, ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich alle Weltreligionen einigen können.

Ne.

pakhandrin Avatar
pakhandrin:#22481

>>22478
„Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! So, weil du lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Mund.“ Offenbarung 3:15-16

Dass es nach Nietzsche klingt, kommt wohl daher, dass er eine ähnlich pompöse Sprache benutzt, besonders im Zarathustra, der ja teilweise wie eine neue Offenbarung gelesen werden kann.

ffbel Avatar
ffbel:#22482

>>22478
Ja, aufregend neu ist es natürlich nicht. Was mich dazu gebracht hat es fertigzuschreiben war bloß die Idee, dass jemand nichts besseres zu tun hat, als von allen Menschen gehasst zu werden, obwohl der Grund den er dafür auswählt, nichts mit ihm zu tun hat. Genaugenommen rettet die Loli ihn ja nicht, sie ist mehr ein Trick des Wiesels, das ihm seinen Wunsch zu sterben vereitelt. Er sieht, dass absolut niemand überall gehasst werden kann und das kein moralisches Gesetz so fest verankert ist, wie es scheint. Vielleicht hat Herr Henschel ja mit seinem Wunsch, als Unhold überall gehasst zu werden, gerade auf die Sicherheit der Moral gehofft, obwohl es ihm insgeheim schon klar war, dass es so etwas nicht gibt. Aber es wäre absurd, aus der Geschichte wirklich so etwas wie eine Lehre herausfischen zu wollen.

gojeanyn Avatar
gojeanyn:#22488

"Ah, Sie sind es," sagte das Wiesel. "Ihr Bericht wird an allerhöchster Stelle bereits mit Ungeduld erwartet." Es betrachtete den hageren, großen Mann über den Rand seiner Brillengläser hinweg. Es dauerte immer ein wenig, bis sich die Gesandten wieder erinnern konnten, wer sie waren. So ein Menschenleben und so ein Menschentod können eben doch auch ein wenig anstrengend sein. Endlich ging ein Ruck durch den Mann, sein Körper straffte sich, er nahm Haltung an. "Dr. Axel Stoll, Ritter des Alten Ordens und Mathemagier dritten Ranges meldet sich vom Außendienst zurück!" "Ja, ja, ist schon recht", murmelte das Wiesel. "Gibt es etwas Neues auf...", ein kurzer Blick in die Akten, eigentlich nur um dem stechenden Blick des Gesandten auszuweichen (das Gedächtnis des Wiesels war tadellos), "...dem Strafplaneten 'Erde'?" Dr. Stolls Blick wurde noch durchdringender. "Nichts Neues. Überhaupt nichts Neues! Dieser Abschaum ist nicht besserungsfähig und vor allem nicht besserungswillig. Man hat mich diesmal kaum wahr- geschweige denn ernstgenommen. Ein paar Getreue haben sich freilich gefunden, das ist schon rein statistisch unvermeidbar, aber wegen eines Häufleins Gerechter soll man die Sintflut nicht aufhalten, sage ich immer. Empfehle die sofortige Auslöschung!"

thomweerd Avatar
thomweerd:#22489

"So so", murmelte das Wiesel. Es fühlte sich zunehmend unbehaglich und sehnte den Feierabend herbei. Im Kühlschrank wartete ein Flasche Ambrosia, die seine Gedanken schon den ganzen Tag über beschäftigt hatte. "Auslöschung, wie? Nun ja, ich nehme an, sie sind befugt?"

"Befugt?" Die Stimme des Doktors hatte plötzlich einen drohenden Klang. "BEFUGT!?" Er riss sich die abgetragene Weste und das fleckige Hemd vom Körper. Auf der kränklich weißen Brust prangte eine riesige schwarze Sonne, die sich vor den Augen des Wiesels zu drehen begann und eisige Kälte ausstrahlte. "ERHEBE DICH, TORWÄCHTER, UND WALTE DEINES AMTES". Die donnernde Stimme des Doktors schien jetzt von allen Seiten zu kommen und den Äther ganz zu durchdringen. "Ist ja schon gut", murmelte das Wiesel, lief zum Aktenschrank und begann hastig im Register A wie "Auslöschung, totale" zu suchen. "Da haben wir es schon. Hier noch bitte ihre Unterschrift." Der Doktor unterschrieb schwungvoll in makellosem Sütterlin und das Wiesel setzte mit einem Seufzer seinen Stempel darunter. Ein wenig übertrieben schien ihm ein weiterer göttlicher Holocaust ja schon, aber sein Mitleid hatte sich schon immer auf Einzelfälle beschränkt. Die Menschenmasse in ihrer Gesamtheit war ihm stets eher unappetitlich und vulgär erschienen. "Schön, dann danke ich ihm Namen des Himmelsvolkes für ihre geleisteten Dienste", sagte es vorschriftsmäßig, um den Fall abzuschließen. Der Doktor nahm das Formular entgegen und schritt grußlos durch das Tor. Das Wiesel murmelte etwas Unfreundliches in seine Barthaare, legte die Durchschläge in den entsprechenden Ordnern ab und atmete tief durch. Eigentlich hatte es längst genug von diesen Spinnern aber für alternde Himmelstorwächter gab es wenig Alternativen und es hatte bestimmt keine Lust, in den Wald zurückzukehren und Mäuse zu jagen.

bassamology Avatar
bassamology:#22490

Dr. Stoll schritt mit langen, federnden Schritten in Richtung der alten Ordensburg. Der Tod war ein Sturmwind gewesen aber nun herrschte absolute Stille in seinem brillanten Geist. Die Garde salutierte bei seinem Eintreten, als wäre er gestern erst hier gewesen (was nur deswegen nicht zutraf, weil es im Himmel natürlich kein gestern gab oder je geben würde). Rasch eilte er die Stufen zum ehernen Turm hinauf und betrat die Steuerzentrale. Ohne überlegen zu müssen, führte er die nötigen Handgriffe aus, seine Beherrschung der Todesmaschine war mustergültig. O himmlischer Waffenmeister, wie viele Völker sanken durch deine Hand schon in den Staub seit Anbeginn der Zeiten? Das glänzende Dach des Turmes öffnete sich, aus der Öffnung glitt eine lange, elegant geformte Lafette. Doktor Stoll hatte den erotischen Askpekt dieses Augenblicks immer zu schätzen gewusst. Seine langen Finger glitten über die Armaturen wie über den Körper einer bwilligen Hure. Gleißendes Licht erfüllte den Raum als die Mächtigste aller Skalarwaffen ihren tödlichen Strahl durch Raum und Zeit ergoss.

thehacker Avatar
thehacker:#22491

>>22490
Schau an, eine gebührliche Fortsetzung, wohl mit dem Namen "Der Doktor und das Wiesel"?:3

danro Avatar
danro:#22493

Der erste Treffer atomisierte Tel Aviv. "Fahrt zur Hölle", flüsterte Dr. Stoll mit bebenden Lippen. Eigentlich erlaubte die Dienstvorschrift keine Schadenfreude in Ausübung des göttlichen Strafgerichtes, aber in diesem Moment konnte er ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. New York, Los Angeles, London. Die großen Städte der Menschheit erglühten ein letztes Mal und Millionen von Seelen wurden in den mitleidlos kalten Weltraum hinausgeschleudert. Peking, Tokyo, Seoul. Die Hälfte der Erdoberfläche war bereits eine rote Feuermasse aber der Endpunkt der Parabel war noch nicht erreicht. Unermüdlich und unerbittlich feuerte das Himmelsgeschütz Salve auf Salve und verbrannte Sünder und Heilige gleichermaßen. Schließlich war nur noch eine einzige Menschenstadt übrig. Doktor Stoll zögerte und dachte zurück an all die elenden Jahre, die er dort verbracht hatte, an all die verachtenswerten Untermenschen, die er hatte ertragen müssen. Freilich gab es auch Ausnahmen. Vor seinem geistigen Auge, das sich übrigens mittlerweile wieder deutlich auf seiner Stirn abzeichnete, sah Doktor Stoll die wenigen gücklichen Momente seiner letzten Inkarnation vorüberziehen: Sliwowitz-durchtränkte Nächte, launige Gespräche unter Kameraden, das Gesicht seines einzigen Freundes. "Ich tue das auch für dich, Peter." flüsterte er mit heiserer Stimme und berührte ein letztes Mal sanft den Auslöser. Irgendwo, irgendwann versank das moderne Sodom, das einst Welthauptstadt der wahren Menschen hätte werden sollen, in einem furchtbaren, wunderschönen Teilchensturm.

finis historiae

albertodebo Avatar
albertodebo:#22494

>>22491
;3

cat_audi Avatar
cat_audi:#22513

>>22396
Hübsch, OP.

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