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Veröffentlicht am 2015-03-07 00:23:47 in /l/

/l/ 22597: Bernd hat Dysthymie und fühlt sich gerade ganz bes...

millinet Avatar
millinet:#22597

Bernd hat Dysthymie und fühlt sich gerade ganz besonders Scheiße. Musste plötzlich an letztes Silvester denken und habe es daraufhin irgendwie zusammengeschrieben. Ich bin kein guter Schreiber und so, aber es fühlte sich gut an. Will es euch auch nicht vorenthalten.

Mein letzter schöner Moment war in der Silvesternacht. Ein paar Sekunden nach Neujahr, als die meisten Raketen in der Luft waren. Ja, da wo ich stand hatte man einen guten Ausblick. Einer meiner besten Kumpels stand neben mir. Er wohnt eigentlich 100km entfernt, doch ich habe ihn abgeholt und in meine Studentenstadt mitgenommen. Nach dem üblichen Austausch der letzten Ereignisse in dem langweiligen Leben zweier Studenten, ging es auch schon weiter. Das Ziel war ein altes Bauernhaus, in dem ein paar dutzend Hippies leben. Natürlich sind es keine Hippies, denn sowas sagt man heutzutage nur noch zu Menschen, die mit Peace-Symbol und Marihuanablatt rumlaufen. Heutzutage heißen die Leute einfach nur Druffis, denn das sind sie auch. Wenn man das alte Haus betritt, dann riecht es nicht nach Marihuana, aber nur weil die Fenster und Türen nicht richtig dicht sind. Es ist schwierig vom Erdgeschoss bis in das zweite Stockwerk zu laufen, ohne, dass dir jemand dabei eine Tüte anbietet. Und wenn es mal was zu feiern gibt, wie eben Neujahr, dann gibt es auch mal mehr als nur eine Tüte. Raoul Duke persönlich hätte seine Freude daran. Ich zweifle nicht, dass dieses Bauernhaus sein erster Anlaufpunkt gewesen wäre, um seine Drogensammlung aufzufüllen. Aber wie dem auch sei, ich hatte erst meine Bedenken, ob ich hier mit meinem Kumpel hier feiern sollte. Eigentlich habe ich es auch nur angeboten, weil ich ein bisschen protzen wollte. Jeder erzählt was er tolles an Neujahr macht und alle wollen sich überbieten. Nachdem ich sonst nichts zu bieten habe, habe ich eben diesen Trumpf aus den Ärmeln gezogen. Ein Haus voller Drogen und jungen Menschen, damit steht man immer gut da. Eigentlich ein gewagtes Unterfangen, denn ich kenne nur zwei Mädels aus diesem Bauernhaus etwas besser. Als ich also mit meinem Kumpel im Schlepptau das Bauernhaus betreten habe (natürlich war nicht abgeschlossen, und eine Klingel gibt es auch nicht), hatte ich erst noch ein mulmiges Gefühl. Doch das verzog sich schnell, als ich gleich auf meine Bekannte stoß, und diese uns sofort was zu rauchen in die Hand gedrückt hat. Sie hat uns mit den restlichen Leuten bekannt gemacht, und nun verschwimmen auch schon meine Erinnerungen. Natürlich gab es sofort ein Bier, kurz darauf einen Jack-Cola und dazu wurde immer wieder gekifft. Am Anfang erfolgte noch relativ normaler Smalltalk, das Übliche eben. Doch schon bald wurde die Hülle der Zivilisation fallen gelassen. Ich werde jetzt aber nichts von freier Liebe und Gruppenkuscheln erzählen, denn das wäre gelogen. Viel eher versuchte nun jeder der Anwesenden, sein Ding durchzuziehen. Die Goa Musik wurde schon bald durch Black Metal ersetzt und die Umrisse der anwesenden Personen verschimmen immer weiter.

Chakintosh Avatar
Chakintosh:#22598

Plötzlich befinde ich mich im WG Zimmer eines Prototypbernds. Er füllt gerade seine eigenen Feuerwerkskörper und hat Schwarzpulver an den Fingern. Er reicht mir einen Joint. Auf seinem Nachttisch liegt eine Packung Antidepressiva. Warum hat er einen Nachttisch aber kein Bett? Die Gedanken werden mit einer grünen Flüssigkeit heruntergespült. Darin befindet sich in Ouzo eingelegte Marihuanablüten. Nach mehrmaliger Nachfrage von diversenen Personen stellt sich heraus, dass auch noch ein paar Valium reingemörsert wurden. Egal, es ist kurz vor Mitternacht, Zeit sich aus dem Haus zu begeben. Ich kann noch überraschend nüchtern zu dem kleinen Hügel spazieren. Mein Kumpel ist leider nicht mehr so gut unterwegs. Er torkelt stark und ist nicht mehr fähig seine Jacke zu schließen. Es ist Mitternacht. Die Raketen fangen an zu schießen. Ich genieße den Moment. Dieses wahnsinnig schöne Gefühl, weswegen man am Leben ist. Ich kann es nicht beschreiben, zu selten meine ich es gefühlt zu haben. Es fühlt sich ehrlich und natürlich an, als ob das Leben immer so sein müsste. Ich fühle mich im Einklang mit mir selbst und der Natur. Eben diese ganze New-Age Psychoscheiße eben. Sind es die Drogen oder eine natürliche Epiphanie? Eine Bekannte aus dem Bauernhaus kommt auf mich zu, umarmt mich. Verdammt, was soll ich nun machen? Soll ich jeden umarmen? Einfach ich selber sein? Wer und was bin ich überhaupt? Am Besten ist, ich stelle mich leicht abseits und warte bis alle wieder heim gehen. Okay, das waren nun schöne zehn Sekunde. Genug, um mich auf nächstes Jahr zu freuen.

suprb Avatar
suprb:#22599

Du hast deine Luxusprobleme sehr erfolgreich in mittelklassige Prosa verwandelt. Ein erneutes Lesen würde ich in Anbetracht der Lage in Erwägung ziehen.

Besonders brachte mich die Stelle über das milchige Spiegelbild des Protagonisten ins Resümieren meiner eigenen Fehlschläge, da der Ich-Erzähler dieser Verblendung seines eigenen Unterbewusstseins scheinbar gar nicht merkte und somit dachte, dass er wirklich einen Leidensgenossen fand. Darauf deutet indirekt die Erwähnung des Antidepressivas hin, da Bernd sich doch einleitend ebenfalls als depressives Geschöpf vorstellte. Das Fehlen des Betts, welches er zwar merkte, aber nicht weiter verarbeitete ist in diese Richtung ein weiterer Wink, da unser Autor rastlos ist und, obwohl er sich hier eventuell geborgen fühlte, doch wusste, dass er hier nicht ruhen kann und darf.
> Er füllt gerade seine eigenen Feuerwerkskörper und hat Schwarzpulver an den Fingern.
> Er reicht mir einen Joint.
> Auf seinem Nachttisch liegt eine Packung Antidepressiva.
> Warum hat er einen Nachttisch aber kein Bett?
Dies ist wahrhaft Kunsd.

zl;ng: OP hat ernsthafte Persönlichkeitsstörungen und will den Kampf Klub neu schreiben.

smenov Avatar
smenov:#22600

Immerhin scheint es ehrlich zu sein und das ist bei dieser Art von Text am wichtigsten.

Außerdem wird es gegen Ende zu deutlich besser - ein gutes Zeichen.

kimcool Avatar
kimcool:#22601

>>22599
Nun komm ich mir dumm vor, weil ich deinen Beitrag nicht wirklich verstehe. Aber das passt schon. Trotzdem vielen Dank dafür, ich werd ihn noch ein paar mal durchlesen.

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