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Veröffentlicht am 2015-08-16 22:18:13 in /l/

/l/ 23484: Will sich hier jemand mit mir befreunden und sich ü...

mikaeljorhult Avatar
mikaeljorhult:#23484

Will sich hier jemand mit mir befreunden und sich über Literatur austauschen? Ich bin in meinem Kellerloch vereinsamt.

ah_lice Avatar
ah_lice:#23485

>>23484
Warum nicht? Was liest du denn gerne?

iqbalperkasa Avatar
iqbalperkasa:#23487

>>23485
Zu meinen Lieblingsschriftstellern zählen folgende:
Poesie: Novalis, Lenau, Trakl, Alfred Lichtenstein, Rilke, Georg Heym, Stefan George
Prosa: Yukio Mishima, Dazai Osamu, Dostojewski, Ernst Jünger, Thomas Bernhard, Jacques Rigaut, ETA Hoffmann, Przybyszewski

andrewgurylev Avatar
andrewgurylev:#23488

>>23487
Bist du der Buchwandbernd mit den Kleinpferden?

oanacr Avatar
oanacr:#23498

>>23488
Nein, tut mir leid, ich muss dich enttäuschen.

macxim Avatar
macxim:#23499

Wohlan, sollte jemand Interesse zeigen, wäre es mir Erquickung elektronische Post zu erhalten: [email protected]

hota_v Avatar
hota_v:#23500

>>23484
Semi lit Bernd umarmt dich

joeymurdah Avatar
joeymurdah:#23512

>>23484
Na da hast du dir ja auch sehr eigenwillige Schreiberlinge ausgesucht. Hatte mal eine kleine Heym-Imitation geschrieben, die etwas nach Ophelia klingen sollte. Inspiration war die Erzählung, dass eine Bekannte aus dem Studium mir erzählte, wie sie eine Freundin im Wald identifizieren musste, die sich dort an einem Baum erhängt hatte. Mir fällt nur noch eine Strophe ein:

Durch trübes Schwirren dringt her ein krankes Singen
Ein Irrlicht kreist um ihren Fuß
Man hört den Wald mit fremden Feinden ringen
Erliegend keucht er feuchten Ruß.

Mit George habe ich mich ziemlich lange beschäftigt, habe ihn dann aber vernachlässigt, weil seine Poesie mir dann doch etwas zu vergeistigt erschien. Ich lese aber noch oft seine Baudelaire-Übertragungen, obwohl keine die Genialität des Originals im Deutschen auferstehen lassen kann:

LXXIX

Trübsinn

Ich bin ein fürst in landen trüb und kalt
Reich aber machtlos · jung und doch schon alt ·
Der seiner lehrer bücklinge verachtet ·
Bei seinem hund und andren tieren schmachtet.
Nicht spiel nicht jagd das leben ihm verschönt
Und nicht sein volk das unterm fenster stöhnt.
Des lieblingsnarren possenhafte lieder
Erwecken seine heiterkeit nicht wieder.
Sein reichgesticktes bett wird ihm zum sarg.
Der damenkreis an lockungen nicht karg
Erhofft umsonst mit schamloser toilette
Ein lächeln von dem wandelnden skelette.
Und nicht gelangs dem arzt der gold doch schafft
Aus ihm zu bannen den verderbten saft ·
Kein bad im blut wie es die Römer lehren
Wie altersschwach despoten es begehren
Erneute kraft dem stumpfen leib gewinnt
Wo blutes statt der schlamm der Lethe rinnt.

Hier eine Prosaübersetzung des selben Werkes:

Ich bin gleich dem König eines Regen-Landes, reich, doch kraftlos, jung und dennoch uralt, der die Bücklinge seiner Hofmeister verachtet und sich mit seinen Hunden wie mit ändern Tieren langweilt. Nichts vermag ihn zu erheitern, weder Wild noch Falke, noch sein Volk, das man vor dem Balkon niedermacht. Des Lieblingsnarren schaurig dummes Lied entwölkt nicht mehr die Stirne dieses kranken Grausamen; sein lilienbesticktes Bett verwandelt zum Grab sich, und die Hofdamen, denen jeder Fürst schön dünkt, wissen keine schamlose Gewandung mehr zu erfinden, um diesem jungen Skelett ein Lächeln zu entlocken. Der Weise, der ihm Gold bereitet, vermochte nie aus seinem Wesen auszurotten das verdorbne Element und es mißriet ihm, in jenen Blutbädern, die wir von den Römern überkommen haben und deren auf ihre alten Tage die Mächtigen sich entsinnen, diesen stumpfsinnigen Kadaver zu erwärmen, in dessen Adern statt des Blutes das grüne Wasser des Lethe fließt.

Hier das Original

http://poesie.webnet.fr/lesgrandsclassiques/poemes/charles_baudelaire/spleen_je_suis_comme_le_roi_d_un_pays_pluvieux.html

suprb Avatar
suprb:#23515

>>23512
Ja, die George-Nachdichtung von Blumen des Bösen ist ziemlich gut, hab ich vor Kurzem erst entdeckt. (Er selbst nennt es glaube ich Neudichtung oder so). Hab sogar eines auswendig gelernt, welches sei hier verschwiegen.

bagawarman Avatar
bagawarman:#23519

>>23515
>Verschwiegen

Och schade. Das ist doch nicht peinlich, wer mit Gedichten und Literatur zu tun hat, lernt Dinge auch auswendig. Selbst wenn es das Gedicht ist von der enthaupteten Frau oder die zensierten Verse aus Lesbos, hat doch mittlerweile alles Klassikerstatus. :3

vaughanmoffitt Avatar
vaughanmoffitt:#23520

>>23519
Die Riesin -_-

michaelkoper Avatar
michaelkoper:#23521

>>23512
Heym inspiriert mich gleichfalls, doch scheue ich meine Dichterei hier zu präsentieren, sintemalen sie tieferer Qualität ermangelt; ist's mir nur Beschäftigungstherapie und grundsätzlich Confessional Poetry. Doch konvenieren mir deine vier Verse.

Die von dir angesprochene Übertragung von George befindet sich in meinem Besitze, allerdings in keinem sonderlich guten Zustand; scheint sie sich jeden Augenblicke aufzulösen. Eine Perle des George-Kreises ist für mich zudem Maximilian Kronberger. Bedauerlich, dass er so frühe verschied.
Dank möchte ich dir erweisen für die mir bis dato unbekannte Prosafassung.

So nenne mir doch bitte deine Lieblingsliteraten.

marciotoledo Avatar
marciotoledo:#23528

>>23521
Ich kann verstehen, dass du lieber in deinem Kellerloch vereinsamen willst, statt darüber nachzudenken, deine Schriftsprache zu entschlacken. :3 Vielleicht findest du es unterhaltsam, dich so auszudrücken, aber das ist ehrlich gesagt viel eher peinlich als dass du mit uns den Titel des George-Gedichts teilst (daran ist ja doch nun gar nichts verwerflich, ein schönes Stück ist das!).
Ich habe alle meine Bücher verschenkt, aber zu den Büchern, die mich sehr beschäftigt haben, zählen Mysterien von Knut Hamsun, Von Verschlungenen verschlungen von Rejean Ducharme, Ein Mann der schläft von Georges Perec, der Verfolger von Julio Cortazar, Fälle von Daniil Charms, Einladung zur Enthauptung von Vladimir Nabokov und Die unsichtbaren Städte von Italo Calvino.

commoncentssss Avatar
commoncentssss:#23529

>>23521
> sintemalen sie tieferer Qualität ermangelt; ist's mir nur Beschäftigungstherapie und grundsätzlich Confessional Poetry

Dass sie tieferer Qualität ermangeln, kommt möglicherweise daher, dass du sie unbedingt todernst und hyper-barock klingen lassen willst. So eine Phase haben viele literarische Einsiedler mal. Kommt es vielleicht daher, dass man sich einerseits erschlagen fühlt von zuviel Wissen um die Tradition, zuviel Wissen um eigenes und fremdes Anspruchsdenken - und andererseits weil man fürchtet, die eigenen Gedanken seien nichts wert, deshalb schmückt man sie so weit aus, bis die eigentliche Idee gar nicht mehr erkennbar ist hinter den Schnörkeln?
So ist es doch mit Dichtern auf der ganzen Welt. Es gibt nichts zu tun, also beschäftigt man sich. Man erfindet Spiele und eigene Spielregeln. Aus Beschäftigungstherapie können sich unterhaltsame Dinge entwickeln. Es ist ja andererseits auch erfreulich, kein solch getriebener Geist zu sein wie ein frühreifer Arthur Rimbaud, der von seinem Heimatdorf abhaut und in Paris mit Stephane Mallarme abhängt, bis der im Wahn mit einer Waffe auf ihn zielt. Oder wie Dylan Thomas, der sich totsaufen musste, das war der Preis für seine Dichtung. Viele schreiben nur aus und wegen der Langeweile. Das ist ein subtiles Leiden, das aber nach einiger Zeit selbst den angepasstesten Menschen mal ausrasten lassen kann.
Confessional Poetry - die bekanntesten dichterischen Werke sind Bekenntnisse, manchmal Bekenntnisse durch Masken hindurch, manchmal sind es Allgemeinplätze, die nur als Bekenntnis präsentiert werden, aber wenn unsere Zeit denn noch wahre Bekenntnisse ermöglicht, nur zu.

kinday Avatar
kinday:#23531

>>23521
>baudelaire.jpg
Sehr schön, Bernd, ich bin ein bisschen neidisch. Achja, "Umdichtung"! Meine Ausgabe der Originalfassung ist zwar auch sehr hübsch aber mein Französisch reicht nicht wirklich aus, um das flüssig zu lesen. Zum Vergleichen mit George ist es nun aber doch ganz gut (er bleibt übrigens sehr nah am Original).

>doch scheue ich meine Dichterei hier zu präsentieren

Ach, ist doch egal. Wo, wenn nicht hier?

>viel eher peinlich als dass du mit uns den Titel des George-Gedichts teilst (daran ist ja doch nun gar nichts verwerflich, ein schönes Stück ist das!).

Glaube, wenn es mir jemand empfohlen hätte, hielte ich es für etwas zu schwül. Käme natürlich auch auf den Empfehlenden an. Sehr dumm, ich weiß.

areus Avatar
areus:#23532

>>23531
> etwas zu schwül

Ich muss sagen, dass mir das Gedicht gar nicht so präsent war - jetzt würde ich aber sagen, dass es zu Baudelaires eigener innerster Bekenntnis-Dichtung gehört. Er mag ja gern jammern über sein Außenseiterleben, der von Spleen angeödete Pariser Dandy, in seinem Kern sucht er die Geborgenheit einer mütterlichen Figur, und in jeder Frauengeschichte sucht er eigentlich nur etwas Mütterliches, und wenn er es nicht bekommt, wird es ihm langweilig. Er mag es, wenn in einer Beziehung jede Person mehrere widersprechende Rollen verkörpert, so ist es auch mit ihm und seiner langjährigen Freundin und Vertrauten Jeanne Duval. Den seichten Frauen mag er arrogant und unzugänglich erscheinen, wie ein launischer Einzelgänger, aber er weiß tief im Innern, dass er eine ganz kitschige Sehnsucht in sich hat, die er dummerweise mit dem genetisch einprogrammierten Interesse an Frauen verbindet. Doch das ist keine Schande, auch die Perser haben ihre Sehnsucht nach Erfüllung durch Liebeslyrik ausgelebt. Bei Baudelaire ist es freilich eine Hassliebe, er würde Frauen sicher genauso schnell an die Gurgel gehen, wie er nach ihrem Geheimnis sucht. Dabei dürfte ihm klar sein - auch wenn die Erkenntnis ihn erst damals auf dem Sterbebett ereilt hat - dass seine Dichtung deutlich zeigt, dass alles, was er im Leben gebraucht hat, in ihm selbst vorhanden war.
Diese George-Übertragung eines Baudelaire-Gedichts fängt für mich den Geist der Faszination und Beobachtungsgabe am klarsten und genußvollsten ein:

XCII
EINER MALABARESIN
Dein fuss so fein wie deine hand • der hüfte breite
Bestände mit der schönsten weissen frau im streite.
Dem denker-künstler ist dein körper lieb und traut
Und schwärzer ist dein sammtnes aug als deine haut.
In blauem heissem lande hat dich Gott geborgen •
Es ist dein amt des herren pfeife zu besorgen.
Du giebst den frischen duftigen krügen ihren ort •
Du treibst vom bett die schwärmenden insekten fort.
Und singen in dem morgenwinde die platanen
So gehst du ananasse kaufen und bananen.
Dann wandelst du wohin du wünschest stundenlang
Und murmelst einen alten unbekannten sang.
Und bringt der abend mit dem scharlachmantel schatten
So legst du sachte deine glieder hin auf matten
Und deine träume fliegen kleinen vögeln gleich
Und sind wie du an anmut und an blumen reich . .
Warum du • glücklich kind • nach unseren gestaden
Dich sehnst die übervölkert sind und leidbeladen •
Der schiffer starke arme dir zum schutz bestimmst •
Von deinen lieben tamarinden abschied nimmst?
Du halb bekleidet nur mit leichten musselstoffen
Da drüben von dem schnee- und hagelsturm getroffen •
Wie wirst du weinen um die tage frei und unbewusst!
Du musst mit rohen schnüren fesseln deine brüst •
Nach einem abendbrot in unsrem schmutze laufen
Und deiner reize seltsam fremden duft verkaufen.
Dann suchst du starren blicks im nebel schwarz und kalt
Der fernen kokosbäume schwankende gestalt.

haydn_woods Avatar
haydn_woods:#23537

>>23532
Ahja, danke. Jemand sagte mir zur Riesin bereits Ähnliches und ich glaube es Euch gerne, auch wenn mich solche psychologischen Deutungen immer ein wenig enttäuschen.

Was die Sehnsucht angeht; kein Mensch kann uns geben, was wir schmerzlich vermissen (es ist auch zuviel verlangt und man muss sich vor solchen Ansprüchen hüten), das ist schon klar. Aber einen schönen Moment oder Gedanken mit einem geliebten Menschen zu teilen, ist doch das Äußerste, was wir an "Erfüllung" erreichen können. Kein Grund also die Liebeslyrik in die zweite Reihe zu stellen. Oder habe ich etwas versäumt?

Die Malabeserin ist auch sehr schön, ja.

>Und singen in dem morgenwinde die platanen
>So gehst du ananasse kaufen und bananen.

Nicht sicher, ob unfreiwillig oder freiwillig komisch. Aber es war ihm wohl auch egal, in solchen Verdacht zu geraten. Glaube fast, es ist meine Lieblingsstelle.

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