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Veröffentlicht am 2016-08-17 15:36:00 in /l/

/l/ 24597: Testament

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kreativosweb:#24597

Für meine Brüder


O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet und erkläret,
wie unrecht tut ihr mir! Ihr wisst nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet.
Mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl des Wohlwollens.
Selbst grosse Handlungen zu verrichten, dazu war ich immer aufgelegt;
aber bedenket nur, dass seit sechs Jahren ein heilloser Zustand mich befallen, verschlimmert.
Von Jahr zu Jahr in der Hoffnung, gebessert zu werden, betrogen,
endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels (dessen Heilung vielleicht Jahre dauern wird oder gar unmöglich ist) gezwungen,
musste ich früh mich absondern, einsam mein Leben zubringen.

Wollte ich auch zuweilen mich einmal über alles das hinaussetzen,
o wie hart wurde ich dann zurückgestossen,
und doch wars mir noch nicht möglich, den Menschen zu sagen: sprecht lauter, schreit, denn ich bin taub.

O, ich kann es nicht.
Drum verzeiht, wenn ihr mich da zurückweichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte.
Doppelt wehe tut mir mein Unglück, (indem ich dabei verkannt werden muss).
Für mich darf Erholung in menschlicher Gesellschaft, feinere Unterredungen, wechselseitige Ergiessungen nicht statthaben.
Ganz allein fast, nur soviel, als es die höchste Notwenigkeit fordert, darf ich mich in Gesellschaft einlassen.
Wie ein Verkannter muss ich leben; nahe ich mich einer Gesellschaft, so überfällt mich eine heisse Ängstlichkeit,
indem ich befürchte, in Gefahr gesetzt zu werden, meinen Zustand merken zu lassen.


Aber welche Demütigung,
wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte,
oder jemand den Hirten singen hörte und ich auch nichts hörte.
Solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung: es fehlte wenig,
und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.
Geduld, so heisst es, sie muss ich nun zur Führerin wählen: ich habe es.
Dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluss sein, auszuharren, bis es den unerbittlichen Parzen gefällt, den Faden zu brechen.
Vielleicht geht's besser, vielleicht nicht: ich bin gefasst.

Schon in meinem 28. Jahre gezwungen, Philosoph zu werden, ist es nicht leicht,
für den Künstler schwerer als für irgend jemand. 
Gottheit,
du siehst herab auf mein Inneres, du kennst es; du weisst, dass Menschenliebe
und Neigung zum Wohltun drin hausen. O Menschen, wenn ihr einst dieses leset, so denkt, dass ihr mir unrecht getan,
und der Unglückliche, er tröste sich, einen seines gleichen zu finden,
der trotz allen Hindernissen der Natur doch noch alles getan, was in seinem Vermögen stand,
um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen aufgenommen zu werden.

Ihr meine Brüder, sobald ich tot bin, so bittet in meinem Namen, meine Krankheit zu beschreiben,
und dieses hier geschriebene Blatt füget Ihr dieser meiner Krankengeschichte bei,
damit wenigstens soviel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde.

Mein Wunsch ist, dass Euch ein besseres, sorgenloseres Leben als mir werde.
Empfehlt Euren Kindern Tugend: sie nur allein kann glücklich machen, nicht Geld; ich spreche aus Erfahrung.
Sie war es, die mich selbst im Elende gehoben; ihr danke ich nebst meiner Kunst,
dass ich durch keinen Selbstmord mein Leben endigte.

Lebt wohl und liebt Euch!
Kömmt er früher, als ich Gelegenheit gehabt habe, noch alle meine Kunstfähigkeiten zu entfalten,
so wird er mir trotz meinem harten Schicksal doch noch zu frühe kommen, und ich würde ihn wohl später wünschen.
Doch auch dann bin ich zufrieden: befreit er mich nicht von einem endlosen leidenden Zustande?
Komm, wann du willst: ich gehe dir mutig entgegen.
Lebt wohl und vergesst mich nicht ganz im Tode.
Ich habe es um Euch verdient, indem ich in meinem Leben oft an Euch gedacht, Euch glücklich zu machen; seid es!

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