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Veröffentlicht am 2017-04-02 19:06:10 in /l/

/l/ 25174: Literatur lieben lernen

shoaib253 Avatar
shoaib253:#25174

Hallo Bernd.

Seit ein paar Monaten widme ich mich nun dem Lesen doch ich fühle mich als ob mir die Welt der Literatur noch verborgen liegt. Wenn ich nun ein Buch zu Ende gelesen habe und es niederlege dann kann ich nicht mit Vertrauen sagen ob es mir nun gefiel oder nicht.

Ich würde nun gerne lernen was ein Buch nun gut macht; Sprache, Struktur, Themen und Motive. Hat Bernd Empfehlungen für mich?

katiemdaly Avatar
katiemdaly:#25177

>nun gut macht;
ha ha das "gute" Buch.
was für ein Märchen.
Des einen Kuh ist des anderen Nachtigall.
Es ist die Kombination von Thema und Erzählkunst die bei Bernd greift. Es gibt Sprachkünstler die geraten in Vergessenheit, weil sie nichts zu sagen haben. H.C.Artmann ist wohl so einer. Es gibt Geschichten die Fesseln weil sie einem Einblicke in andere Zeit und Welten verschaffen. Es gibt Spaßvögel die formulieren derart köstlich, dass du mit 16-18 nicht mehr aus dem lachen heruskombst und mit 42 gähnst du nur darüber weil dein Leben noch viel größere Witze parat hatte. Bernd kennt ein Buch dessen erster Absatz ist das erhabenste was Bernd an Erzählerkunst kennt und der Rest ist so öde das Bernd nicht mehr weiterlesen mochte.
Hans Habe schafft es in seinem Hausfrauenbuch Palazzo über 6mio Erzählstränge kunstvoll und spannend zu verweben aber es ist und bleibt ein Romänchen.
Empfehlen kann Bernd die Reportagen von Mark Twain. Dann John Steinbeck (für wenig Belastbare Anfänger wäre Cannery Row dt. Straße der Ölsardinen etwas)
Kurt Vonnegut ist bester Mann und erspart einem mit seinem Buch "Die Sirenen des Titan" all die Redundanzen der Anhalter Galaxis. Bernds Lieblingsgeschichte ist bis heute "Nach Outschena" von Peter Rosei.
Peter Handke kann man auch mal riskieren, der Mann hat sich nie verraten! Aber vorher in der Bücherei mal hineinlesen, besser is das!
Mit vielen Autoren kann Bernd nichts anfangen obwohl die als "gut" gelten. Bernd hat eine Idee, geh ins letzte wohlsortierte Antiquariat und frage dort nach alten Ausgaben der Lettre. Wähle ein Thema, zahle 1 euro pro Heft und geniesse die vielfalt der späten Postmoderne.

Bester Straßen-roman. Strobo, von Airen. Prädikat: Fesselnd
Wikipädia findet das zweite Buch, i am Airen Man sogar noch besser.

Wär doch eine Aufgabe für dich, uns zu berichten ob dem so ist.

crhysdave Avatar
crhysdave:#25189

>Wenn ich nun ein Buch zu Ende gelesen habe und es niederlege dann kann ich nicht mit Vertrauen sagen ob es mir nun gefiel oder nicht.

Und dennoch liest du, bist also schon auf dem richtigen Weg. Nicht jeder gerät bei der Lektüre einer Klopstock-Ode in andächtige Extase wie Goethes Werther (siehe schon die Klopstock-Lesung in Anton Reiser), nicht jedem drückt Vians Der Schaum der Tage auf die Tränendrüse und nicht jedem macht 50 Graustufen den Schritt feucht - halt! Was sucht dieser Schund hier? Nun, gute wie schlechte Literatur kann erregen und zwar ganz gemäß dem, was >>25177 meint.
Ein Zeichen für gefallen ist eine starke Gefühlsregung während des lesens - nicht nach dem Zu-Ende-gelesen-haben, außer natürlich dem starken Drang, das Buch erneut zu lesen.


>Ich würde nun gerne lernen was ein Buch nun gut macht; Sprache, Struktur, Themen und Motive. Hat Bernd Empfehlungen für mich?

Ja, "Understanding Poetry" von Dr. J. Evans Pritchard, Ph.D.
https://www.youtube.com/watch?v=LjHORRHXtyI

Höre nie auf, Bücher zu lesen und du liebst Literatur - so einfach ist das.
Finde heraus, was dir gefällt, ein bestimmtes Motiv oder Genre (Mittelalter, SciFi, Liebe, Mord & Totschlag, Büroalltag...) oder die Erzähltradition einer bestimmten Epoche (langatmige Texte mit sich über Seiten erstreckenden Sätzen, Texte ohne Punkt und Komma dafür mit konsequenter Kleinschreibung, Collagen, in Versen...).

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