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Veröffentlicht am 2017-04-19 11:04:53 in /l/

/l/ 25197: Geheimtipps

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_vojto:#25197

Wielands' Musarion ist ganz wunderbar. Goethe hatte recht.

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snowwrite:#25198

Leseprobe

In einem Hain, der einer Wildniß glich
Und nah' am Meer ein kleines Gut begrenzte,
Ging Phanias mit seinem Gram und sich
Allein umher; der Abendwind durchstrich
Sein fliegend Haar, das keine Ros' umkränzte;
Verdrossenheit und Trübsinn mahlte sich
In Blick und Gang und Stellung sichtbarlich;
Und was ihm noch zum Timon fehlt', ergänzte
Ein Mantel, so entfasert, abgefärbt
Und ausgenutzt, daß es Verdacht erweckte,
Er hätte den, der einst den Krates deckte,
Vom Aldermann der Cyniker geerbt.

Ermüdet wirft er sich auf einen Rasen nieder,
Sieht ungerührt die reitzende Natur
So schön in ihrer Einfalt! hört die Lieder
Der Nachtigall, doch mit den Ohren nur.
Ihr zärtlicher Gesang sagt seinem Herzen nichts;
Denn ihn beraubt des Grams umschattendes Gefieder
Des innern Ohrs, des geistigen Gesichts.
Empfindungslos, wie einer der Medusen
Erblickt und starrt, erwägt er zweifelsvoll
Nicht, wie vordem, wofür er seufzen soll,
Für welchen Mund, für welchen schönen Busen?
Nein, Phanias spricht jetzt der Thorheit Hohn,
Und ruft, seitdem aus seinem hohlen Beutel
Die letzte Drachme flog, wie König Salomon:
Was unterm Monde liegt, ist eitel!

Der großen Wahrheit voll, daß alles eitel sey
Womit der Mensch in seinen Frühlingsjahren,
Berauscht von süßer Raserey,
Leichtsinnig, lüstern rasch und unerfahren,
In seinem Paradies von Rosen und Schasmin
Ein kleiner Gott sich dünkt, setzt Phanias, der Weise,
Wie Herkules, sich auf den Scheidweg hin,
(Nur schon zu spät) und sinnt der schweren Reise
Des Lebens nach. Was soll, was kann er thun?
Es ist so süß, auf Flaum und Rosenblättern
Im Arm der Wollust sich vergöttern,
Und nur vom Übermaß der Freuden auszuruhn!
Es ist so unbequem, den Dornenpfad zu klettern!
Was thätet ihr? – Hier ist, wie vielen däucht,
Das Wählen schwer! dem Phanias war's leicht.
Er sieht die schöne Ungetreue,
Die Wollust – schön, er fühlt's! – doch nicht mehr schön für ihn –
Zu jüngern Günstlingen aus seinen Armen fliehn;
Die Scherze mit den Amorinen fliehn
Der Göttin nach, verlassen lachend ihn,
Und schicken ihm zum Zeitvertreib die Reue:
Hingegen winken ihm aus ihrem Heiligthum
Die Tugend, und ihr Sohn, der Ruhm,
Und zeigen ihm den edlen Weg der Ehren.
Der neue Herkules schickt seufzend einen Blick
Den schon Entfloh'nen nach, ob sie nicht wiederkehren:
Sie kehren, leider! nicht zurück,
Und nun entschließt er sich der Helden Zahl zu mehren!

Der Helden Zahl? – Hier steht er wieder an;
Der kühne Vorsatz bleibt in neuen Zweifeln schweben.

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gretacastellana:#25199

Als zweites sei hier noch Theodor Däublers' Nordlicht genannt. Eine Probe aus dem Versepos:

Sternennacht! Ich bin von Lichttieren bestochen'.
Gestirne zeugen Qualgelüste, blenden, töten:
Die Welt stürzt ein; ihre Geburt ist urverbrochen.
Geheiligt, nur im Ich erkernt, sind Abendröten!

In jedem Lichte lauert spendendes Verlangen!
Wer sucht die Sonne, ein Geknäul aus Sonnensüchten?
Wer glaubt im Ich zur Allheit lautlos zu gelangen?
Hier klafft der Mensch: erwittre dich nach Urgerüchten!

Die Sterne hoffen einst ermenschlicht zu verlöschen:
Noch sind wir nicht, so lang wir Macht bedenkend ragen!
Wir handeln wie die Affen, blähn uns mit den Fröschen:
Hoch und erreicht bleibt, daß wir in der Liebe zagen!

Die Welt der Lichter wurde Geist und träumt zu schlummern:
Ihr Erzgestirn ist Mitteltum im Menschenkerne.
Wir mehren uns umher zu meidenden Verstummern;
Ein Schlafender ist die Erfriedigung der Sterne.

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