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Veröffentlicht am 2017-05-08 23:31:37 in /l/

/l/ 25233: Panther

artheft_ua Avatar
artheft_ua:#25233

Habe geschmiedet:


Der Michel
Im Wahllokal, Bundesrepublik Deutschland

Sein Blick ist von dem Brot, den Spielen
so müd geworden, daß er nichts mehr sieht.
Ihm ist, als ob er tausend Spiele spiele
und keins der tausend Spiele ihn bestiehlt.

Die hohe Kraft der hehren Traditionen,
die er im Allerinnernsten bewahrt,
ist wie ein Traum von Ahnen vor Äonen:
In ihm betäubt ein großer Wille harrt.

Nur manchmal zuckt im Traum er stille
unruhig auf -. Dann sieht das Bild er klar,
doch tönen Drucker blau die rote Pille -
und er wählt so, wie's immer war.


Ratiere.
Auch: Allgemeiner Pantherlyrikfaden

mandalareopens Avatar
mandalareopens:#25234

>>25233
1000/1000 Beifall!

areus Avatar
areus:#25237

Aus ner älteren Titanic:


Der Käpt’n

Sein Bart ist vom Vorüberziehn der Stäbchen
ganz weiß geworden, so wie nicht mehr frisch.
Ihm ist, als wenn es tausend Stäbchen gäbchen
und in den tausend Stäbchen keinen Fisch.

Schwach ist sein Gang, mit kurzen Trippelschrittchen
vom Heck zum Kiel, seniorenhaft verdreht.
Quecksilberfischig jedes zweite Trittchen,
weil er auf einem Narwal-Holzbein geht.

Nur einmal schiebt der Vorhang vom Pupillchen
sich auf: Europa retten kann nur er!
Stark wie ein Wal war früher ja sein Willchen.
Doch heute? Käpt’n Iglo bläst nicht mehr.

Peter Maria Neuhaus

jehnglynn Avatar
jehnglynn:#25238

>>25237
Munzelte. Besonders gut finde ich
>Stäbchen gäbchen
Werd mir später erstmal Fischstabchen kaufen.

strikewan Avatar
strikewan:#25239

>>25237
"Mit" verliert.
ausserdem
unpolitisch, billig. Wäre auf ernstchan besser aufgehoben.

iamglimy Avatar
iamglimy:#25240

Sein Dick ist vom Hinübergehn der Spermen
So schlaff geworden, dass er nur noch fällt.
---



Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht sein Strahl hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Mastdarm auf zu sein.

oskamaya Avatar
oskamaya:#25241

>>25240
Oke, Faden kann zu. Bilderbrettlogik: 3 Müllpfosten schieben die Perle ins Abseits.

erikdkennedy Avatar
erikdkennedy:#25242

Sein Dick ist vom Hinübergehn der Spermen
So schlaff geworden, dass er nur noch fällt.
Ihm ist, als müssten tausend Schwänze wärmen
wo er nur brennt, alleine aufgestellt.

Der heiße Gang geschmeidig starker Stöße,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft in ihrer Blöße,
in der betäubt sein großer Schwengel steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht sein Strahl hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Mastdarm auf zu sein.

aio___ Avatar
aio___:#25249

>>25233
Versmaß in Zeile 1 stimmt nicht, es müsste heißen:
> Sein Blick ist von dem Brot und von den Spielen
Vergleiche:
> Sein Blick ist vom Vo-rü-ber-geh'n der Stäbe

Zeile 8 finde ich nicht so geil, weil diese pseudo-altertümliche Formulierung mit dem Verb am Ende billig wirkt. Stört mich schon in einigen Liedern von Sleipnir, die eigentlich ganz gut sind. Vorschlag für die Zeile:
> Mit dessen Leugnung er sich selber narrt.

Zeile 9/10 wieder so ein komischer Satzbau, und danach eine zu gewollte Metapher (müssten die Farben nicht auch andersrum sein?) - Mach die Strophe nochmal ganz neu, Potential hat der Text.

shoaib253 Avatar
shoaib253:#25250

>>25249
Besten Dank!

>Versmaß Vers 1
Musste einige Male ganz genau nachzählen bis ich es glaubte, aber ja natürlich!

>Vers 8
Geschmackssache. Ich halte ihn für den stärksten Vers. Hier muss Kraft sein, denn in der zweiten Strophe ist nicht alles so fatalistisch wie im Rest, hier herrscht die Einkerkerung der ultimativen Kraft (vgl. Rilke). Der Vers ist mir sogar so wichtig, dass ich die Rilkesche Interpunktion verlasse und ihn mit einem Doppelpunkt abgrenze. Dein Versvorschlag ist als Vers zwar schön, gehört aber nicht an diese Stelle. Außerdem hat er das Verb ebenfalls am Ende.

>Strophe 3
Metapher vielleicht tatsächlich etwas zu forciert. Aber die Farben stimmen schon: Michel schluckt eine rote Pille, doch die Medien relativieren und moralisieren so lange rum, bis sie blau ist. Aber ich habe die Strophe mal neu gemacht.


Hier eine überarbeitete Version (der Tippfehler in Vers 6 ist jetzt auch weg):

Der Michel
Im Wahllokal, Bundesrepublik Deutschland

Sein Blick ist von dem Brot und von den Spielen
so müd geworden, daß er nichts mehr sieht.
Ihm ist, als ob er tausend Spiele spiele
und keins der tausend Spiele ihn bestiehlt.

Die hohe Kraft der hehren Traditionen,
die er im Allerinnersten bewahrt,
ist wie ein Traum von Ahnen vor Äonen:
In ihm betäubt ein großer Wille harrt.

Nur manchmal, wenn der Strom steht stille,
blickt er hinauf -. Dann sieht das Bild er klar,
doch tönen (((sie))) erneut die rosarote Brille -
und er wählt was man ihm befahl.

jonesdigidesign Avatar
jonesdigidesign:#25252

>>25250
Und er, im Wahn, wählt wieder was man ihm befahl.

Werde das Gedicht dann im Deutschunterricht besprechen lassen. Danke!

Bernd Avatar
Bernd:#25253

>>25252
>Und er, im Wahn, wählt wieder was man ihm erlaubt.

madhan4uu Avatar
madhan4uu:#25255

>>25250
Zeile 8 mag inhaltlich die wichtigste sein, mit der Form kann ich mich aber nicht anfreunden. Ich muss da mal ein bisschen klugscheißen: Es stimmt, in meinem Vorschlag steht auch das Verb am Ende. Die Zeile ist aber ein Nebensatz und da ist das normal, während du durch den Doppelpunkt einen Hauptsatz einleitest. Und für Hauptsätze gilt in der deutschen Grammatik die Verbzweitstellung.

Die Metapher mit den Pillen hast du verworfen; finde ich gut. Interessant ist aber die Interpretation: Meine Vorstellung war, dass die Presse die blaue Pille (Lüge und Bequemlichkeit) rot färbt, so als sei der Kampf gegen "rechts" ein Akt der Aufklärung und Wahrhaftigkeit, während er doch in Wahrheit längst ein billiger Reflex zur Abwehr schwieriger Gedanken ist. Du dagegen stellst dir vor, die Pille würde nach dem Schlucken noch umgefärbt, wenn ich das richtig verstehe. Auch ein interessantes Bild... Aber das wird jetzt eher philosophisch als poetisch.

Da mich gestern abend noch die Inspiration überkam, habe ich mal eine eigene Version geschrieben. Die inhaltlich-emotionale Gliederung Rilkes habe ich jetzt versucht in Zeile 8 beizubehalten. Und an deinen Zeilen 5-7 kann ich nichts beanstanden.

Der Michel
Im Wahllokal, Bundesrepublik Deutschland

Sein Ohr ist vom Verfolgen der Debatten
so müd' geworden, dass es nicht mehr hält.
Ihm ist, als würden tausend Redner schwatzen
und hinter diesen klänge keine Welt.

Die hohe Kraft der hehren Traditionen,
die er im Allerinnersten bewahrt,
ist wie ein Traum von Ahnen vor Äonen,
in dem ein Wille auf Erweckung harrt.

Nur manchmal schweigt das Rauschen der Erziehung
einen Moment - dann geht ein Wort hinein,
das wartet bang und fragend auf Vertiefung -
und hört im Kreuzchen auf zu sein.

arashmanteghi Avatar
arashmanteghi:#25256

>>25255
Der Druckabfall in Zeile Eins kann nicht mehr wettgemacht werden.

Ganz schwach, auch wenn das Versmaß stimmen mag,
Bei der Gruppe 47 würde es heissen
"bemüht." und schlimmer noch: "bieder"

>>25250 + Schlussatz 25253 regelt. Aber auch ohne den Alliterationsschluß ist 25250 genial. Es trifft den Ton der Zeit.
Da wird nicht mehr dran herumgepfuscht.
t. Nobelpreisbernd

sawalazar Avatar
sawalazar:#25257

> Pantherlyrik

Bin ich es richtig machend?

velagapati Avatar
velagapati:#25259

>>25256
Danke!
Die Kritik am ersten Vers ist sehr berechtigt. Also lassen wir die Einsilbenwortfüllerei. Hier ein Rettungsvorschlag, der gleich auch noch etwas mehr Kritik hineinbringt:

Sein Blick von dem Weizentoast, den Spielen
usw. usf.


>>25257
Ja. Ratiere mit 14/88.

puzik Avatar
puzik:#25260

>>25259
Da ging in der Hektik das Verb verloren.
Es muss natürlich heißen:
Sein Blick ist von dem Weizentoast, den Spielen

n1ght_coder Avatar
n1ght_coder:#25263

>>25260
Es muß heissen "Weizenbier". Und so wirkt es denn auch.

shesgared Avatar
shesgared:#25267

>>25256
>>25259
> Druckabfall
> imaginäres Urteil gesponserter Systembüttel
Ausgerechnet bei diesem Thema!
> (((Nobelpreis)))
> Die Kritik am ersten Vers ist sehr berechtigt

Welche Kritik? Ich lese da nur eingeschnapptes Gefasel.
Gebt eurer Meinung Substanz und drückt euch verständlich aus!

devankoshal Avatar
devankoshal:#25268

>>25267
Eingeschnappt scheinst eher du. Wenn du moderne Sprache nicht verstehst, dann liegt das an dir. Wenn du mit Metaphern nicht kannst, dann ist Lyrik nichts für dich.

xravil Avatar
xravil:#25269

Moment mal, jetzt fällt der Goschen… wie gesagt, Metaphern sind so ne Sache.

stephcoue Avatar
stephcoue:#25270

>>25268
> Eingeschnappt scheinst eher du
Oh wie originell...
Na gut, dann überlasse ich euch mal wieder eurer Kreiswichserei.

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