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Veröffentlicht am 2017-11-28 21:25:46 in /l/

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Ein loser Gedankengang

Dann ist es ein Gedicht, wenn der Text bestimmte, dichterische Konventionen zur Schau stellt.
Leider geht damit der Gestus des "Hallo, ich bin ein Gedicht!" einher:

Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen,
In diesem Hause wohnte mein Schatz;
Sie hat schon längst die Stadt verlassen,
Doch steht noch das Haus auf demselben Platz.

Das ist schön gedichtet. Aber den Eindruck habe ich dennoch, dass man mich, und auch der Dichter sich selbst, betrügt. Schon die Form des Textes, das Bild auf dem Monitor, ist Symbol und Weckruf meiner Konditionierung (als Gedichteleser): Jetzt lese ich ein Gedicht. Ich muss meine ganze Aufmerksamkeit anstrengen. Diese Sprache ist typisch, jene typisch untypisch für das Gedicht. Da ist das altbekannte Sujet und da kommt auch schon der Reim usw.usf. Alles, was man nur irgends in sich unter den Begriff 'Gedicht' subsumieren kann, wird aus dem Unterbewusstsein heraufbeschworen; allein durch die Zauberformel der Gestalt der Versstruktur, schon bevor man ein einziges Wort inhaliert hat.

Das Gedicht und seine Konventionen sind Spiel und Spielregeln. Die Form des Sonetts: die künstliche, zur Kunst erklärte (denn alles, was Einer lange übt, wird irgendwann zur Kunst), Hürde. Freilich, ein Rilke hat schöne Sonette gechrieben, denen man attestiert, Form und Inhalt gingen Hand in Hand; Da hat eben der Rilke auf seinem Ross die Hürde genommen und nimmt traurig die Medaille entgegen.

Ich verachte die vielen Formen der Gedichte nicht, aber ich finde sie in gewissem Sinne unnötig. Das heißt: Der Glaube an die Wichtigkeit der Form, den viele Dichter und Leser an den Tag legen, hat etwas krankhaft psychisches an sich, wie eine gegenseitige, destruktive geistige Befruchtung; Die Form des Gedichts ist eine künstliche Hürde, zu der Leser und Schreiber in einer Stockholm-Syndrom-artigen Beziehung stehen.

Das Eigentliche des Gedichts ist für mich der Geist, der mir aus ihnen entgegenweht (oder den sie aus mir herausrufen, damit er in sie hineinfahre). Dieser Geist ist die Seele des Menschen, die in Beziehung zur Welt steht und in Beziehung zu mir und sie ist eine Brücke.

Ich gestehe einem Rilke oder Hölderlin die Formschönheit ihrer Gedichte zu und verkenne im gleichen Atemzuge auch nicht die oft vorliegende Verwobenheit des Inhalts mit der Form. Ich erdulde es, und erduldend schüttle ich das Haupt, wenn mir ein wirrer Kopf mit aschfahlem Haar, etwa in einer der hölderlin'schen Elegien, die Bedeutung eines
Uff ta Uff ta ta Uff ta? Uff ta Uff ta ta Uff ta
statt eines
Uff ta Uff ta ta Uff Uff Uff ta Uff ta ta Uff ta
anpreist und sie etwas anderes nennt als Spielerei (die Form mag hier Bedeutung tragen, aber nicht jede Übertragung von Bedeutung durch die Form rechtfertigt, dass man nicht einfach die Bedeutung offen, dem Effekt gemäß, ausspricht). Das ist Erbsenzählerei, ein gähnender Kraftakt der Geduld, wenn man die Fülle des Lebens bedenkt.

Womit ich, zum Abschluss nun, zu dem komme, was ich mir, anfangs, zu sagen vorgenommen hatte: Opitz orientierte sich für seine Poetik an lateinischen und griechischen Rhetorikbüchern, sowohl was den formellen Aufbau anging als auch die zugrundeliegende 'Philosophie'. Er verstand die Poesie als Festrede und seine Poetik als Sammlung der Regeln des festlichen Vortrags (nach der Dreiteilung die man z.B. bei Aristoteles findet: 1. Beratende Rede, 2. Gerichtliche Rede, 3. Festrede). Opitzens Poetik fand begeisterte Aufnahme usw. und Klopstock und Lessing usf. Die Poesie wurde zum Instrument der festlichen Stimmung und verdrängte die festliche Rede. Das Festliche bekam die gekünstelten Hürden der Poesie auferlegt und wurde so befreit von der Freiheit der Rede. Und wenn nun ein sprachbegabter Mensch in sich feierliche Gefühle fühlt, dann meint er, er müsste ein Gedicht schreiben, das fünf Hebungen hat und abba reimt; Oder ein Gedicht, das moderner ist, also nichts Halbes und nichts Ganzes, aus ironischer Seelenverstimmung heraus; Anstatt zu reden, wie man mit Freunden spricht.

Ich liebe das Gedicht nicht. Ich halte es für angebracht, sich von den Hürden zu befreien, denn das Leben ist kurz, und stattdessen wie der Redner zu werden oder der Prediger, der die menschennahe Sprache des Alltags aus dem ungebundenen Innern seiner Seele schöpft und wortlos überreicht: und mit der Zeit die Menschen aufhören, die Hürden zu lieben, sondern einander lieben und auch selber zur Sprache kommen.

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Fortsetzung

Ich habe dabei den Bernd im Hinterkopf, der zuletzt seine zwei Gedichte im Poesiefaden hinterließ. In den beiden Gedichten steht sein Wille zum offenen Ausdruck, auf den es doch ankommt (mehr als alles andere), ganz in den Konventionen der Dichtung, in die man als Schreiber hineingestoßen wurde, steht gebückt und verrenkt, wie ein Bergmann im Minenschacht, statt im Offenen Freien.

Dass ich ihm wünsche, er schriebe sich sein Vorwort wie folgt:
Nichts hier trägt die elaborierten, eleganten Gewänder des Gedichts. Wäre das Leben lang, so hätte ich Gedichte geschrieben, da es aber kurz ist, tat ich es nicht. Ich schreibe, wie ich spreche: zu den Vielen, die nicht Gedichte lesen können, aber die Wahrheit hören, die evident ist. Daher spreche ich die Sprache des Volkes und singe ihr kunstloses Lied. Ich verweigere mich der gelehrten philosophische Rede und der gelehrten Worte der Professoren und Dichter. Sondern arbeite am deutlichsten Ausdruck dessen, was ist.
Denn es ist verkehrt, zu glauben, die Wörter, die man selbst versteht, wären verständlich auch für den anderen. Und jeder lebt in seiner eigenen Sprache, wenn nicht die Wahrheit das Wort verdrängt; dass, ob es wahr sei oder nicht, was einer sagt, jeder ermessen kann; dafür bedarf es der Wahrheit.
Was ist Wahrheit? Ich behaupte nicht, das zu verstehen. Aber mir scheint, es ist wahrer, alles im Leben Gelesene zu vergessen, und dann, ohne Bedenken, zu sprechen. Denn die Wahrheit, so scheint es mir jetzt, die ich auszudrücken hoffe, bin ich selbst. Und was ich im Leben gelesen habe, das ist mir fremd, wo es nicht mit mir eins geworden ist. Was aber eins mit mir ist, das kann ich unmöglich vergessen, sodass ich nur vergessen habe, was mir fremd war.
Die ehrliche Rede ist schmucklos, denn sie selbst ist ihr Schmuck. Und die unnötige Zierde ist wie bunte Kleidung, die den Leib verdeckt: beliebig und vergessen, wenn sich der Körper in Nacktheit enthüllt; der Verliebte liebt alles am Geliebten, aber mehr noch die Nacktheit des Körpers und der Seele.
Und so wird meine Stimme lauter und leiser, wie es der Moment verlangt. Ich unterhalte mich mit Freunden: niemand hascht niemandes Lob, und keiner ist sich im Unklaren über den unverkennbaren und immerwährenden Wert aller; der begeisterten Liebe.

Neuste Fäden in diesem Brett: