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Veröffentlicht am 2016-08-16 17:39:47 in /ng/

/ng/ 8345: Türkei

cheezonbread Avatar
cheezonbread:#8345

Wie sieht Bernd die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei?

Bernd war leicht erstaunt, dass S&P das Land als Hochrisikoinvestment einstuft. Sind Millionen Flüchtlinge wirklich so schlecht für die Wirtschaft? Haben die Russen tatsächlich derartigen wirtschaftlichen Einfluss? Und wieso senkt S&P das Rating, nachdem sich die russisch-türkischen Beziehungen wieder normalisieren? Oder ist der ganze Rating-Voodoo tatsächlich nur ein politisches Instrument?


Prinzipiell gefällt Bernd nicht, dass sich Erdogan momentan mehr Feinde als Freunde macht und gerade keinen Nachbarn hat, der ihm wohlgesonnen ist, aber das Umfeld (NATO-Mitglied, EU-Partner, Prospektionsaussichten in der Umgebung, Schuldenquote von 30% des BIP) sieht Bernd weiterhin stark positiv. Gerade wenn man sich mal anguckt, wie sich die Konkurrenz der Nachbarländer oder auch in Europa wirtschaftlich schlägt.

andyisonline Avatar
andyisonline:#8351

Raiting ist politisch.
/Fadem

cyril_gaillard Avatar
cyril_gaillard:#8353

>>8345
Ohne auf die Konkrete Bewertung von S&P zu schauen würde ich davon ausgehen, dass sie mit zunehmender politischer Instabilität rechnen was sich schlecht auf Investments und Exporte auswirken kann. Und je mehr das System in Richtung Diktatur geht desto wahrscheinlicher werden unvorteilhafte Eingriffe der Politik in die Wirtschaft, was ebenfalls das Investmentrisiko erhöht.

funwatercat Avatar
funwatercat:#8354

>>8353
>Und je mehr das System in Richtung Diktatur geht
Aha? Wurde Polen, Ungarn schon abgewertet? Steht Österreich mit dem Hofer am Abgrund?
Oder ist der Hofer die Rettung vor der Diktatur des Kapitals?

HenryHoffman Avatar
HenryHoffman:#8357

>>8354
Türkei = Rest, ich sehe. Hör ja jeden Tag davon, dass in Österreich gegen ethnische Minderheiten vorgegangen, Touristen zerbombt, Justiz/Bildung/Verwaltung/Polizei etc im großen Stil gesäubert, Natopartnern der Zutritt verwehrt wird.

Obgleich ich auch Orbanland und den Polacken (wenn auch weniger) negativ gegenüberstehe, gibt's dann doch einen kleinen Unterschied. Geographisch ist die Türkei - ab vom Nordwestzipfel - von instabilen Ländern umgeben. Da gabs und gibt's Krieg allewo, Revolutionen und Putsche ebenso. Die Türkei ist kein Mitglied der EU, wo man als Investor immerhin die Illusion einer größeren Sicherheit hat. Wenn da in einem Mitgliedsland zu viel Schief geht, also wider den Interessen der Geldelite, wird in Brüssel schon genug Lobbyarbeit betrieben um die wieder in die Spur zu kriegen, damit die Schekels fließen.

michigangraham Avatar
michigangraham:#8364

>>8357
>wird in Brüssel schon genug Lobbyarbeit betrieben um die wieder in die Spur zu kriegen, damit die Schekels fließen.

Da bin ich mir nicht mehr sicher.
Argument A: Guck Dir den Brexit doch an. Und ob dass das Ende war, wage ich zu bezweifeln. Solange solche Überschriften Niederländischer Rechtspopulist: Wilders scheitert mit Nexit-Plan" einfach nur bedeuten, dass das Parlament den Volksentscheid verweigert, ist da gar nichts in trockenen Tüchern, nächste Wahl sieht's schon anders aus, siehe Österreich.
Die Griechen werden auch irgendwann die Faxen dicke haben.

Argument B:
Wir sitzen hier in der EU auf einem ziemlich hohen Niveau rum. Das Niveau wird sich durch die zunehmende Durchmuselung und Verblödung der Gesellschaft "Prekarisierung" nicht halten lassen.
Die Produktivität wird abschiffen, die Kaufkraft wird abschiffen, die Infrastruktur wird abschiffen.

Das mag in der Türkei schon so sein, aber die sitzen nicht auf dem hohen Niveau rum.
Tendenz dort: gleichbleibend mit Chance auf "hey, asphaltieren wir doch mal die Straße"
Die Tendenz in der EU sehe ich hingegen als fallend. Ob das in 20 Jahren immer noch alle nach Europa wollen? Momentan wollen sie ja nicht mal nach Italien :3

Die Amis haben immerhin ihre Ölkrise gelöst und haben ein Militär, was ihnen die Kastanien aus dem Feuer holt. Was hat die EU?

Argument C:
Durchgreifen kann man in einem autoritären Staat genauso gut wie in Brüssel.
Das geht ja nur um Finanzinvestoren, also Staatsanleihen und nicht um Firma Schleicher, die dort einen Produktionsstandort eröffnen will. Da ist mir sogar lieber, dass Erdogan durchgreift statt da einen auf "wir machen eine friedliche Maidan-Revolution" macht.

>von instabilen Ländern umgeben.
Das stimmt allerdings. Deswegen muss ja Trump auch die Mauer bauen. Na warten wir's mal ab.

illyzoren Avatar
illyzoren:#8369

>>8364
A)
Das ist der Wahrheit. Da hat man sich verschätzt. Nach dem Ergebnis hat man seitens der EU Ultimaten gefordert, „Experten“ sahen FTSE und Pfund im freien Fall und generell Weltuntergang für die Inselhampel. FTSE hat sich in kürzester Zeit mehr als erholt, von den Ultimatenforderern hört man auch weniger. Pfund ist allerdings immer noch im Keller. Aber: Alle jene, die Gegenüber den Briten den starken Mann gespielt haben, haben das aus politischen Gründen getan von wegen Warnung an die anderen. Im Hinterzimmer werden derweil schon die Deals der Schekelelite vorangetrieben, damit sich wenig für EU und GB ändert. Am Ende will dann doch keiner auf Milliardenmärkte verzichten. Ich denke das Pfund wird sich spätestens dann wieder erholen, wenn da die Unterschriften trocken sind. Zudem ist da zuviel Psychologie im Spiel und es wird ganz so getan als ob GB ein Kasperland wäre und nicht eine der finanz- und wirtschaftsstärksten Nationen dieses Planeten. Aber nun keine Debatte wie die sich selbst ficken mir ihrer Service- und Finanzkonzentration und den geilen Immobilienblasen (was an sich schon Anlass genug gewesen wäre für das runtergradieren auf AA statt nachm Brexit)
Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte war, dass die Einflussnehmer halt nun anderen Druck machen, damit sie weiterhin problemlos $$$ machen können.

B)
Die Antwort sind natürlich Roboter und KI!!!!! Am Ende wird die intellektuelle Elite in silbernen Überalls in ihren Elfenbeintürmen sitzen, während Drohnen und semiautonome Friedenshüter die Massen in Schach halten.
Nur so als Randnotiz bzgl. Infrastruktur: Da sind wir schon. Wenn auch aus anderen Gründen. Uns geht‘s da nicht viel anders als den Amis, deren Straßen und Brücken nur noch der Rost/Dreck zusammenhält. Politik wird halt symbolisch betrieben und nicht um Dinge langfristig zu richten. Das kostet Zeit und Geld, was heute keiner mehr hat. Bei der Bahn sieht‘s auch übel aus. An 2-3 Ecken baut man Prestigeobjekte, viele Bahnhöfe verfallen und nicht wenige Strecken sind gar nicht mehr regulär befahrbar, weil der Untergrund nachgeben könnte, oder die Schienen abfliegen, wenn ein Zug schneller als 40 kmh drüberfährt. Meh-dorn und dem Börsengangsplänen sei dank.

C)
Das runtergradieren der Türkei ist eh nur eine Masche, damit die Türken ihre Staatsanleihen höher verzinsen müssen um an Zaster zu kommen, damit die Fonds einen dicken Reibach machen.



Langfristig geht‘s auch hier Berg ab, wenn sich nicht einiges ändert. Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen hatte ich eigentlich schon für ausreichend empfunden von den lustigen Einzelfällen kultureller Bereicherung mal abgesehen. Aber muss wohl erst noch mal zur Bundestagswahl ordentlich krachen.

Zur Türkei sei noch gesagt, dass ich da nicht glaube, dass da selbst nur mittelfristig ruhe in der Kiste ist. Dafür ist die Türkei zu gespalten. Ethnisch wie politisch. Natürlich haben die Minderheiten nicht unbedingt ne Chance auf einen echten Putsch oder so. Aber ich denke da wird sich einiges radikalisieren und Erdowilldenhahn wird mit Türrürürmüs zu kämpfen haben.

Wo ich schon beim Romanschreiben bin, auch noch einen Satz zu Ratingagenturen generell. Nomen est Omen, d.h. da wird geraten. Natürlich haben die tolle Zahlen und Modelle, aber insbesondere bei geopolitischen Faktoren können die nur bedingt mehr als was Bernd hier macht. Ein paar Leute tun ihre Meinung kund und was halbwegs schlüssig erscheint wird zusammengefasst und fertig ist die Empfehlung. Im schlechtesten Falle haben die 0 Ahnung oder sind gekauft. Gab‘s halbwegs unterhaltsam in The Big Short zu sehen.

souuf Avatar
souuf:#8447

>>8369
>Was ich eigentlich zum Ausdruck bringen wollte war, dass die Einflussnehmer halt nun anderen Druck machen, damit sie weiterhin problemlos $$$ machen können.

Na schauen wir mal. Ich sehe da erhebliche Zentrifugalkräfte wirken.
Die EU-Wohlstandsrübe, die den Ländern vor die Nase gehalten wurde, hat erhebliche Kratzer bekommen, seit in Südeuropa alles vor die Hunde geht.

Wenn jetzt noch die Visegrad-Länder mit dem Migrantenzwang den Extrafick kriegen und ihren mühsam angehäuften Miniwohlstand gleich wieder in Integrationskosten versenken sollen, gehen sie. Der Osten hat die Demokratie durchaus verstanden, radikal wählen ist eben auch Willensäußerung des Volkes.
Und der Präzedenzfall ist ja geschaffen.

Ich seh das alles gar nicht so schwarz, um den Bogen zum OP wieder zu kriegen: Ich seh den Stabilitäts-Vorteil der EU gegenüber der Türkei als nicht so riesig an.


>Zeit und Geld, was heute keiner mehr hat.
In der Türkei wird für Infrastrukturprojekte aber Geld in die Hand genommen.
Die EU zehrt von der Substanz, in der Türkei wird sie geschaffen.
Was ist aus Investorensicht (der in das Land als Ganzes investiert) mittel- bis langfristig besser? Sicherlich können Zinsen besser bedient werden, solange Tafelsilber vorhanden ist, das verscherbelt werden kann und Deutschland hat davon noch verdammt viel. Aber hier gibt's auf Staatsanleihen eben auch keine Rendite.


>Zur Türkei sei noch gesagt, dass ich da nicht glaube, dass da selbst nur mittelfristig ruhe in der Kiste ist. Dafür ist die Türkei zu gespalten. Ethnisch wie politisch. Natürlich haben die Minderheiten nicht unbedingt ne Chance auf einen echten Putsch oder so. Aber ich denke da wird sich einiges radikalisieren und Erdowilldenhahn wird mit Türrürürmüs zu kämpfen haben.

Das klingt stark nach Indymedia: Herbeireden von Revolution und Klassenkampf weil einem der amtierende Politiker nicht passt.
Wo ist denn die ethnische und politische Spaltung? Erdogans Sorge ist die Schaffung der 2/3-Mehrheit, den prinzipiellen Rückhalt in der Bevölkerung hat er auf Jahre sicher.

Neuste Fäden in diesem Brett: