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Veröffentlicht am 2014-05-26 08:52:00 in /ph/

/ph/ 10554: Hab nächste Woche mein Religions-Kolloquium (Abitu...

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newbrushes:#10554

Hab nächste Woche mein Religions-Kolloquium (Abitur nachholen (intern) nach NEET tum) und Nietzsche wird bei den Gottesablehnungen in den Atheismusbereich geschoben, die theologische Bewertung seines Werkes scheint mir aber irgendwie...dumpf:

Der Autor setzt die "Sinnlosigkeit" im Nihilismus gleich mit einer Abwesenheit von jeglicher Sozialität, das kapier ich aber nicht. Nur weil in der Natur kein Sinn existiert und der Sinn ein sprachlogisches menschliches Konstrukt sein könnte heisst das doch noch lange nicht, dass sich im Miteinander nicht trotzdem soziale Strukturen bilden? Und dass man diese aus diversen gründen befolgen würde?

Die "Ideologie" des Herren- und Übermenschen wird als inhuman und asozial beschrieben? Widerspricht Nietzsches Entwurf wirklich der gegenseitigen Begegnung in Liebe und Zuwendung?

Auch sagt der Kerl, dass der Nihilismus keinen Beitrag zur Erfassung der Wirklichkeit leistet, doch aber ist das Erkennen, dass Objektivität nicht existiert, in meinen Augen ein sehr wichtiger Beitrag?

Nietzsche will doch bestehende Ethiken und Werte zerstören als Vorraussetzung für die kraftvolle Selbstentfaltung des Menschen, inwiefern sagt das aus, dass dieser neue Mensch asozial wäre? Nietzsche spricht sich doch auch aus für einen Rationalismus, also dass sich jedes Individuum seine eigenen Werte schaffen sollte. Setzt Nietzsche die Menschen wirklich in "einem brutalen, rücksichtslosen Kampf ums Überleben in einer sinn-und wertfreien Welt aus"? Tritt Nietzsche wirklich für Sozialdarwinismus als menschliche Natur ein und Egoismus und son Schrott oder ist das falsch ausgelegt?

joynalrab Avatar
joynalrab:#10555

>Nietzsche wird bei den Gottesablehnungen in den Atheismusbereich geschoben, die theologische Bewertung seines Werkes scheint mir aber irgendwie...dumpf:

Nietzsche gehört in einem gewissen Sinne ganz klar zu den Atheisten. Das ist schon richtig so. Aber: Er lässt auch die Tür offen für einen sinnvolleren, aus seiner Sicht weniger schädlichen Gottesbegriff. Heißt: Eine in seinem Sinne zu rechtfertigende Religion ist nicht per se ausgeschlossen.

>Der Autor setzt die "Sinnlosigkeit" im Nihilismus gleich mit einer Abwesenheit von jeglicher Sozialität

Das ist auch schlicht falsch. Nietzsche würde wohl sagen, dass es eine Rücksicht aus Egoismus gibt. Es ist für das Individuum schlicht sinnvoll, sich eine Moral zu geben. Dazu muss sie nicht wie bei Kant absolut sein. Nein, sie kann und sollte es auch nicht sein.

>Die "Ideologie" des Herren- und Übermenschen wird als inhuman und asozial beschrieben? Widerspricht Nietzsches Entwurf wirklich der gegenseitigen Begegnung in Liebe und Zuwendung?

Es gibt KEINEN "Entwurf". Der Übermensch als Übermenschliches verliert eben gerade sein Übermenschliches, wenn der Mensch ihn fassen könnte. Das ist wie der eigene Schatten, der mit jedem Schritt mitgeht und nie greifbar wird. Am ehesten geht es beim Übermenschen noch um einen Verzicht auf letzte Begründungen, auf beruhigenden Stillstand. Und das beißt sich eben gerade nicht zwangsläufig mit dem Sozialen.

>Auch sagt der Kerl, dass der Nihilismus keinen Beitrag zur Erfassung der Wirklichkeit leistet, doch aber ist das Erkennen, dass Objektivität nicht existiert, in meinen Augen ein sehr wichtiger Beitrag?

Bullenkot. Nietzsche übernimmt Kants Gedanken aus der Kritik der reinen Vernunft, radikalisiert sie aber bis zum Äußersten. Heißt: Objektivität ist doppelt unmöglich: sensorisch UND psychologisch. Denn: Das Gehirn und unsere Sinne sind Werkzeuge zum Überleben und zur Bedürfnisbefriedigung. Wir sehen UND denken so, wie es unsere NÖTE (Sammelbegriff bei Nietzsche für Bedürfnisse, Wünsche etc.) befehlen.

>Nietzsche will doch bestehende Ethiken und Werte zerstören als Vorraussetzung für die kraftvolle Selbstentfaltung des Menschen

Nein. Damit verfällst du in dieselben längst überholten Interpretationsmuster, die deinem kritisierten oben zugehörig sind. Ein Verzicht auf Moral bzw. Ethik (inkl. Werte) ist nach Nietzsche NICHT möglich. Der Mensch ist per se ein moralisches Wesen. Es gibt dazu im Nachlass ein paar sehr bezeichnende Stellen.

>Setzt Nietzsche die Menschen wirklich in "einem brutalen, rücksichtslosen Kampf ums Überleben in einer sinn-und wertfreien Welt aus"?

Nein, 20er-Jahre-Kacke der frühen Nietzsche-Forschung.

>Tritt Nietzsche wirklich für Sozialdarwinismus als menschliche Natur ein und Egoismus und son Schrott oder ist das falsch ausgelegt?

Er benutzt diese Perspektiven als Masken, als GEGENPOSITIONEN. Er kritisiert damit bestehende Wertsysteme und zeigt, dass es auch ANDERS geht. Sprich: Er ersetzt alte Plausibilitäten gegen NEUE. Das ist das, was man bei Nietzsche seinen Widerspruchsgeist nennen kann. Es geht im gar nicht darum, neue Werte aufzustellen, es geht im darum, wieder Bewegung ins Spiel zu bringen. Nietzsche war als Mensch viel zu feinfühlig, viel zu mitleidig, als dass er tatsächlich irgendeine Form der Barbarei befürwortet hätte. Das sind philosophische Maskenspiele, die aufrütteln, aber nicht Vorbild sein können.

nerrsoft Avatar
nerrsoft:#10556

>>10555
>Es geht iHm gar nicht darum, neue Werte aufzustellen, es geht iHm darum,

Vorhin in Eile getippt. Sollte ich mich noch woanders vertan haben, bitte ich darum, es ausnahmsweise zu überlesen.

dutchnadia Avatar
dutchnadia:#10559

>>10555
>>10556
Aufmerksam gelesen und wird angewandt. Danke!

likewings Avatar
likewings:#10560

>>10559
Kannst ja mal berichten, wie es lief.

hota_v Avatar
hota_v:#10565

Mir stellt sich die Frage, wie Menschen immer noch dazu kommen zu behaupten, Nietzsche sei ein Nihilist?

Durch seine Untersuchung der Moral beweist er doch vielmehr, dass das aktuelle Wertesystem zwar nötig ist, jenes den Menschen aber auf den zweiten Blick degradiert und ihn auf den Nihilismus verweist? In der Hinsicht deckt Nietzsche Strukturen auf, um den Menschen vom Nihilismus zu bewahren. Er ist durchaus sehr lebensbejahend und bejaht das menschliche Dasein weitaus mehr als beispielsweise christliche Ideale.

clubb3rry Avatar
clubb3rry:#10566

>>10565
>Er ist durchaus sehr lebensbejahend

Wer seine Briefe kennt, wird daran Zweifel haben.

>Mir stellt sich die Frage, wie Menschen immer noch dazu kommen zu behaupten, Nietzsche sei ein Nihilist?

Es spricht ja erst einmal nichts dagegen, dass er auch Nihilist ist. Schließlich hat er so klar wie keiner zuvor aufweisen wollen, dass es mit den Werten nichts ist. Dass er parallel das Schaffen neuer, bewusst relativer Werte anregt, ändert daran ja erst einmal nichts, denn Werte im klassischen Sinne gibt es auch dann nicht mehr.

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