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Veröffentlicht am 2014-01-20 12:35:45 in /ph/

/ph/ 9445: Guten Tag Bernd, seit einiger Zeit studiere ich...

Chakintosh Avatar
Chakintosh:#9445

Guten Tag Bernd,

seit einiger Zeit studiere ich poststrukturalistische Autoren und habe bislang alle Klippen des Wahnsinns umschifft. Ein Poststrukturalismusbernd warnte mich bei Deleuze, man müsse bitte zwischendurch häufig und viel spazieren gehen. Nun wandte ich mich wieder an Poststrukturalismusbernd mit dem Wunsch einer Einschätzung bezüglich Lacan.

Abermals ist seine Antwort besorgniserregend, dieses Mal noch mehr: Poststrukturalismusbernd sagte, er habe die Lektüre nicht gewagt, denn seine Freunde hätten ihm gesagt, dass, wer schon bei Deleuze viel spazieren gehen müsse, bei Lacan garantiert verrückt werde.

Nun habe ich also solche Klippen bislang umschifft und auch bei "Anti-Ödipus" wurde ich nicht verrückt, sondern nur verpeilt, faul und widerständig, was aber aufgrund der Tatsache, dass ich das Werk in erster Linie beim Uni-Schwänzen und in der Schlange beim Jobcenter las, eher positive Effekte hatte und mich ansonsten eben prächtig mit bunten Worten unterhielt (und einen Überblick über Begrifflichkeiten und Diskurse gab).

Lacan hingegen hat andere Wirkungen. Nun stehe ich hier und kann nicht anders und muss mitteilen, dass sich Perversionen zeigen, die zuvor verdeckt waren. Wie Schlangen krochen sie an die Oberfläche und malen begehren, das in jahrhundertealte Diskuse eingebettet sind. Als würde sich mein Selbst schärfen, meine Oberfläche zu einem Begehrensfeld werden.

Das sollte einem vielleicht gar so viele Sorgen machen, weil man damit ja viel Spaß haben kann. Mich würde aber interessieren, ob Lacanbernds anwesend sind, die von ähnlichem oder anderem berichten können.

lisovsky Avatar
lisovsky:#9446

>>9445
Ich muss zugeben, ich habe Lacan bisher nur durch Zizeks Buch über ihn rezipiert. Ohne diese Einführung wäre ich wahrscheinlich gezwungen gewesen, einen seiner Seminarbände zu erwerben und dann nur Irrfahrten zu erleben.
Aber wenn du schon etwas Deleuze kennst, vielleicht auch Milles Plateaux, wirst du den Begriff der Wunschmaschine kennen.
Und im Vorgänger, Anti-Ödipus, entwickeln Guattari und Deleuze gegen Freud das, was vor der Wunschmaschine kommen muss: die Bestreitung des Mangels als Hauptmotiv menschlichen Handelns. Freud sieht den Mangel, also ein Zuwenig als Motor aller menschlichen Handlungen und Regungen, Deleuze postuliert dagegen den Wunsch. Damit zeigt sich Deleuze einmal mehr in der klaren Tradition Spinozas ("Begehren ist das Wesen des Menschen selbst" aus Spinozas Ethik).
Vor diesem Hintergrund kann man die Begehrensfelder als Explikation dieser Wunsch-Zentrierung, dieser Wunschmaschine betrachten. Es hängt alles zusammen, und Deleuzes Stil, der so schizophren sein kann wie seine Themensprünge, kann einem richtig ans Herz wachsen. Wenn du Tausend Plateaus bei dir hast, leg es dir in Griffnähe, mach es wie andere Leute mit der Bibel, schlag ganz wahllos eine Seite auf und lies dich fest ... so ähnlich ist das Buch ja auch gedacht, wie Joycens Finnegans Wake ein Buch, das inhaltlich gesprochen kein Ende hat, ein Buch, das seinen Mittelpunkt dort hat, wo man gerade liest. Damit offenbart sich Deleuze nicht nur als einer der relevantesten Philosophen und Medientheoretiker, sondern auch als großer Ästhetiker, indem er die Theorie des Rhizoms, das er gegen den Wissensbaum postuliert, auch durch Stil und Form von Text und Werk verarbeitet.

puzik Avatar
puzik:#9447

>>9446
>Wunsch
>nicht die Folge eines Mangels, des Wollens

Ich weiß schon, warum ich diese Ecke bisher ignoriere. Unfassbar.

Säge, weil kein wirklicher Fadenbeitrag.

t1mmen Avatar
t1mmen:#9449

>>9446

Danke für die Anmerkungen, sehr interessant. Bezogen auf Lacan würde ich gerne wissen, ob die auftauchenden Perversionen "meine" sind oder "diskursiviert". Und was für "Perversionen" auftauchen. bzw. sich klarer zeigen und besser verstanden, gesehen werden können.

Mir fallen da Begriffe wie Sünde, Verbot, etc pp ein.

commoncentssss Avatar
commoncentssss:#9450

>>9446

Äh, und ich lese auch nicht Lacan direkt, sondern dies: http://www.scilogs.de/un-zugehoerig/buchempfehlung-narzisstischer-universalismus/

Ansonsten habe ich auch schon ein wenig Zizek gelesen, aber das war mir nicht zugänglich genug, kann an mir liegen.

markgamzy Avatar
markgamzy:#9451

>>9447
Ja, das klingt sicher affig, und Poststrukturalismus wird nicht umsonst schief beäugt von vielen Seiten. Man denke nur, dass es eine extra Veröffentlichung gibt, die sich mit den schwindelerregenden Vergleichen von poststrukturalistischen Autoren befasst, "Eleganter Unsinn" von Sokal und Bricmont.
Dessenungeachtet ist der Unterschied von Mangel und Wunsch da, und wenn man zuerst darüber den Kopf schüttelt, gibt es umso mehr Grund, die Begriffe einmal klar gegeneinander abzugleichen und auch zu untersuchen, was im philosophischen Diskurs mehr Nutzen und Potenzial hat.

kuldarkalvik Avatar
kuldarkalvik:#9452

>>9451

Es wurde nicht danach gefragt, ob der Poststrukturalismus eine Quatschtheorie ist, sondern wie er sich auf Begehren auswirkt.

roybarberuk Avatar
roybarberuk:#9453

>>9452
Es wurde gar nichts gefragt.

alek_djuric Avatar
alek_djuric:#9454

>>9453

Doch. Nun frage ich mich, ob ich mich lieber an ein Datingforum oder einen Rabbi/Priester wenden sollte.

smenov Avatar
smenov:#9455

>>9454
Der Mangel, der eine wichtige Rolle in der klassischen Psychoanalyse Freuds spielt, unterscheidet sich vom Wunsch wie folgt:
Der Mangel ist ein Begehren. Wird das Begehren als Mangel bezeichnet, wird dadurch gleichzeitig ein Soll-Zustand des begehrenden Subjektes impliziert: die Person, die sich oder anderen einen Mangel zuschreibt, projiziert gleichzeitig das Bild eines zu erstrebenden Normalzustandes auf ihn. Die Annahme von einem Normalzustand ist in physiologischer Betrachtung sehr nützlich, wir können ziemlich genau sagen, welche Mineralien und Nährstoffe, welche körperliche und geistige Betätigung wir brauchen, um uns gut zu fühlen.
Auf seelischer Ebene jedoch gibt es keine solchen "Ernährungslöcher", die Seele kann nicht zerfleddern, verfallen oder absterben - der Mensch aber kann verkümmern, wenn er die Verbindung zu ihr verliert. Das geschieht unter anderem dadurch, wenn man seinen Wünschen nicht folgt, die eben die Beziehung zur Psyche aufleben lassen und stärken.
Es sind eben "nur" Wünsche, keine Mängel, weil die Seele zwar weiß, was sie will, aber eben nicht stirbt oder verfällt, wie es geschehen würde, wenn ein Mangel bestehen würde.
Der Wunsch ist optional (vergleiche das lateinische Wort optio - Wunsch, optativ, der Modus des Wünschens). Es sind Vorschläge, die uns die Seele ins Bewußtsein gibt, damit wir uns um sie sorgen.
Der Mangel ist ein körperliches Phänomen, und er ist immer verbunden mit der Vorstellung eines Normalzustandes, dessen Soll man nicht erfüllt hat. Dass es einen je nach Individuum entsprechenden Normalzustand physiologischer Natur gibt, ist sehr wahrscheinlich, aber auch hier spielt die Wunschkraft der Psyche hinein: Was die Psyche begehrt, ist in der Regel nicht selbstsüchtig, sondern schließt schon die Sorge um die Physis, ihre materielle Wohnung, mit ein. Vor allem Mangel also steht der Wunsch.

bagawarman Avatar
bagawarman:#9456

>>9455
Das ist doch nun wirklich Sophisterei. Wenn ich einen Mangel als etwas Fehlendes begreife, dann unterscheiden sich Wunsch und körperliches Bedürfnis nur dahingehend, dass man fragen kann, ob es Bedürfnis oder nur Begehren im Kamlahschen Sinne ist. Aber egal, wie man es dreht und wendet: Es bleibt ein Mangel - sei es auch nur ein Mangel an Zufriedenheit. Und ob es sich nun um Begehren oder Bedürfnis handelt, ist nicht schon dadurch geklärt, dass man den Wunsch kategorisch optional nennt. Das ist eine mehr als voraussetzungsreiche These - unter anderem in der Hinsicht, dass die Freiheit eingeräumt werden muss, dass sich Menschen prinzipiell zu ihren Wünschen verhalten können.

Mal völlig davon abgesehen, dass ich die Rede von "Seelen" äußerst befremdlich finde.

silv3rgvn Avatar
silv3rgvn:#9457

>>9456
Nachtrag: Wie verfehlt diese Haarspalterei ist, sieht man übrigens wunderbar bei den sexuellen Bedürfnissen (!). Hier wird man wohl einen körperlichen Anteil nicht ausschließen können - und dennoch ist es sinnvoll, hier von einer optionalen Sache zu reden. Niemand stirbt, wenn er keinen Sex etc. haben kann.

suprb Avatar
suprb:#9458

>>9457
Dies. Und gleichzeitig crêpieren Kleinkinder, wenn man ihnen in der Kindheit keine Zuneigung entgegenbringt. Zumindest gab es da doch mal diesen Friedrich II., der Waisenkinder ein einen Turm sperrte, um herauszufinden, welche Sprache, die denn erlernen würden, wenn sie ganz ohne unnötigen menschlichen Kontakt auskämen. Kaspar-Hauser-Style.

Oder sind diese Experimente etwa nur Esoterikmythos? Bekombe da nur so Schrottquallen. Mein ganzes Leben ist eine Lüge.

matt3224 Avatar
matt3224:#9459

>>9458
Bei diesen Friedrich-II.-Geschichten handelt es sich in den meisten Fällen wohl um Erfindungen, die aber auf etwas Wahres hinweisen. Soll heißen: Sie zeigen, dass diese Fragen damals von Bedeutung waren. Hier ging es aber, wenn ich mich richtig erinnere, um die Frage, ob es eine Art 'Ursprache' gibt. Die Kinder sollten isoliert aufwachsen, da man sehen wollte, welche Sprache sie sprechen werden. Der reale Hintergrund ist klar: Am Hofe Friedrichs II. wurden viele Quellen gesammelt (darunter aus dem Orient, glaube ich). Dabei stellte man fest, dass die bisherigen Annahmen, welche Sprachen ursprünglich seien, falsch waren.

mattsapii Avatar
mattsapii:#9460

>>9459
Nachtrag: Viele dieser Geschichten wurden übrigens nachweislich von 'Feinden' in die Welt gesetzt. Sie beweisen insofern nur eines: Man hielt Friedrich II. für einen Forschenden. Und das wiederum ist zweifelsfrei korrekt. Er war sicher ein ausgesprochen gebildeter Mann.

timgthomas Avatar
timgthomas:#9461

>>9456
Ich lese gerade, es war Lacan gegen dessen Begriff von Mangel Deleuze und Guattari ihre Wunschmaschine postuliert haben. Aber ich nehme an, dass für den Lacans Begriff von Mangel bei Freud ein Vorbild zu finden ist.
Jedenfalls ist einzuwenden, dass diese Wunschmaschine nicht unbedingt über das Feld der Psychoanalyse und Deleuze' und Guattaris Schizoanalyse hinaus Relevanz hat.
Deleuze hat mit seinem Wunsch-Postulat wohl eher keine kategorische Sprachkorrektur, Sprachbereinigung beabsichtigt - obwohl die Intention dahinter auch psychologisch wäre: Man sieht seinen Zustand nicht als ein nicht erfülltes Soll, sondern als zu entfaltendes Potenzial an.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wunschmaschine

Wer eine Anschnur-pdf von Anti-Ödipus anschnur findet, kann sie ja einmal hier verlinken, auch um das Hauptthema mit Primärtexten zu unterfüttern.

ultragex Avatar
ultragex:#9943

>>9451
Fashionable Nonsense deckt nicht
>schwindelerregende Vergleiche
auf. Sondern Sokal und Bricmont weisen in der Sache Lacan einwandfrei nach, dass der ein Scharlatan ist. Lacan produziert gar nicht schiefe Analogien, sondern der schöpft(!) seine "Einsichten" aus einem ganz verkehrten Verständnis der Topologie. Das sind nicht hinkende Vergleiche, denen der sich bedient, sondern der meint das ernst, wenn er seinen psychoanalytischen Konzepten beschneinigt diesem oder jenem topologischen Objekt zu entsprechen.

Weder Zizek noch Lacan will ich das aber vorwerfen. Und womöglich glauben die ihr Irr- und Wirrsal sogar. (In deren Interesse wäre es immerhin.) Allerdings gibt es 2014 nicht mehr die geringste Rechtfertigung dafür auf der Rezipientenseite so einen Bären sich aufbinden zu lassen. Es gibt in Deutschland weiß Gott genug seriöse Beratungsstellen. Niemand muss bei AstroTV anrufen oder Lacan: Eine Einführung kaufen und mithin mich zu Mitleid nötigen.

craighenneberry Avatar
craighenneberry:#9944

>>9943
Raus, du Trittbrettfahrer. isidor pfostiert hier nicht mehr.

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