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Veröffentlicht am 2014-02-25 15:09:22 in /ph/

/ph/ 9955: Hallo /ph/, ich möchte mich gern mit Moral b...

eduardostuart Avatar
eduardostuart:#9955

Hallo /ph/,
ich möchte mich gern mit Moral beschäftigen. Präzisier formuliert, mit der Moral als vernunfgesteuerte oder gefühlsgesteuerte(oder eine Kombination aus beidem?) Instanz. Ich weiß, dass sich zahlreiche Philosophen mit dem Thema ausführlich beschäftigt haben, doch mir geht es darum, Meinungen darüber einzuholen, welche Werke /ph/-Bernd als besonders lesenswert erachtet.

joshjoshmatson Avatar
joshjoshmatson:#9956

Eigentlich reichten hier als Einstieg die 2 Extreme:
Kant als entschiedener Rationalist und Nietzsche als entschiedener Irrationalist.

aio___ Avatar
aio___:#9957

Ich weiß perfekt was moralisch ist, fertig, aber ich bin nicht moralisch, ich halte mich nicht daran.
Bezieht man einen Gott in die Rechnung mit ein ist Moral natürlich anders.

nerrsoft Avatar
nerrsoft:#9958

>>9957
Ist es vernünftig, ein Flugzeug abzuschießen, das eventuell in ein vollbesetztes Stadium fliegt?

ovall Avatar
ovall:#9959

>>9955
Rationalistisch betracht gibt es keine Moral als vernunftgesteuerte Instanz. Moral basiert auf Tradition, Prägung und Nachahmung, Vernunft ist Erkenntnis aus sich selbst heraus, a priori. Moralisch zu handeln ist dabei in der Praxis öfters damit verbunden, nicht aufzufallen, während vernünftiges Handeln gute Entscheidungen fällt ohne Hinblick auf Konvention und Gesellschaft. Auch eine durch die Vernunft reflektierte Moral wird keine Vernunft, sie gibt sich nur als das zu erkennen, was sie ist: Eine Sammlung von Sitten. Und Sitten entstehen da, wo man lange gesessen hat. Moral ist deshalb allgemein nicht die Art, gut zu handeln, sondern die Weise, wie man sich innerhalb einer Gesellschaft so verhält, dass man nicht negativ auffällt. Das sind durchaus zwei verschiedene Dinge. Viele Handlungen, die Anderen helfen, erfordern Mut, Überwindung, kurzum Rückgrat, während moralisches Handeln ein stetiges Fließen mit dem Strom der allgemeinen Ahnungslosigkeit ist.

n1ght_coder Avatar
n1ght_coder:#9960

OP sollte übrigens erst einmal klären, ob es ihm wirklich nur um Moral oder um Ethik geht. 'Ethisch' und 'moralisch' werden zwar gerne zusammengewürfelt, sollen aber eigentlich etwas jeweils Anderes ausdrücken.

oskamaya Avatar
oskamaya:#9961

>>9959
Schöne Antwort. Danke fürs Tippen.

Der Unterschied zwischen Moral und Ethik war doch einfach nur jener, dass Moral das derzeitige "Regelwerk" darstellt und Ethik sozusagen die Wissenschaft von der Moral darstellt, nicht wahr?

Ich kriege das öfter durcheinander. Gibt es da mehr Feinheiten, die ich kennen sollte?

leandrovaranda Avatar
leandrovaranda:#9962

>>9961
Moral: Gesamtheit der geforderten, anerkannten oder wenigstens geduldeten Verhaltensnormen OHNE Anspruch auf Konsistenz (Widerspruchsfreiheit), argumentative Begründbarkeit etc.
Ethik: 'Wissenschaft der Moral' mit dem Anspruch auf das, was der Moral fehlt.

Es macht also durchaus einen Unterschied, ob ich mich zu einer Sache bloß moralisch oder ethisch äußere. In letzterem Fall muss ich dafür gute, auch für andere nachvollziehbare Gründe angeben können.

adewaleolaore Avatar
adewaleolaore:#9963

>>9960
>OP sollte übrigens erst einmal klären, ob es ihm wirklich nur um Moral oder um Ethik geht.
Mir geht es in diesem Fall tatsächlich um Moral.

>>9959
Auch von meiner Seite aus ein Danke für diese schöne Antwort. Sie hat mir auf jeden Fall schon einen sehr guten Denkanstoß gegeben.
Bei der Literatursuche bin ich bisher bei David Hume angekommen. "Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral", so wie "Ein Trakat über die menschliche Natur".

stayuber Avatar
stayuber:#9964

Ist vernunftgesteuerte Moral nicht schon Ethik?

Kleinliche Frage ist kleinlich, aber ich wundere mich nur.

nicoleglynn Avatar
nicoleglynn:#9965

>>9964
Aus einer Reflexion über Moral kann Ethik entstehen, muss aber nicht. Moral ist deskriptiv, indem man sich mit ihr befasst, erfährt man, welche Dinge erlaubt, welche Tabu und welche in einen Graubereich fallen. Ethik ist normativ, also sie bezieht die Sitten als Ausgangszustand mit ein, betrachtet aber auch die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen und präsentiert deshalb auch eigene Vorschläge zum Handeln.
Ethik im allgemeinen ist das, was >>9962 sagt:
>Ethik: 'Wissenschaft der Moral' mit dem Anspruch auf das, was der Moral fehlt.

>Ist vernunftgesteuerte Moral nicht schon Ethik?

Moral, die von der Vernunft betrachtet wird, wird eher die Motivation für moralisches Handeln ins Auge fassen statt die wirklichen Vorzüge für das Zusammenleben. Allgemeine Motivation für moralisches Handeln ist Schadens- und Verantwortungsbegrenzung: Hauptsache, sich in so wenig wie möglich einmischen.
Ethik muss nicht aus Moral entstanden sein, denn Vernunft kann auch ohne empirisches Input zum richtigen Verhalten verhelfen, während der rein moralisch handelnde Mensch öfters wie ein Kind handelt, das sich einmal am Herd verbrannt hat und jetzt deshalb einen großen Bogen darum macht, selbst noch als Erwachsener, wo er herausfinden müsste, dass ein Tabu sich je nach Zweck und Kenntnisstand in Luft auflösen kann.

cboller1 Avatar
cboller1:#9966

>>9958
> Ist es vernünftig, ein Flugzeug abzuschießen, das eventuell in ein vollbesetztes Stadium fliegt?
Kommt drauf an wie sicher man es weiß, aber ja, wenn man dieses Stadium nicht räumen kann, sollte man dieses Flugzeug abschießen.

hibrahimsafak Avatar
hibrahimsafak:#9967

>>9966
>Stadium

Und du bist, lass mich raten, im Stadium der orthographischen Leichtmatrosen?

illyzoren Avatar
illyzoren:#9968

>>9967
Ich lachte. Danke.

darcystonge Avatar
darcystonge:#9969

>>9965
>Moral ist deskriptiv
Tschuldigung Bernd, aber du vermischst hier Moral mit dem "Befassen mit Moral". Natürlich ist Moral auch normativ, welchen Sinn hätte sie denn sonst? Eine Beschreibung der Moral ist deskriptiv, aber das ist ja klar. (Diese Deskription ergibt jedoch immer, dass Moral normativ ist.)

>>9959
Interessanter Gedanke. Was hältst du von dem Gedanken, zwischen Moral und Sittlichkeit zu unterscheiden - frei nach Hegel. "Sitte" bezeichnet dieser Unterscheidung nach die Erwartungen an gutes Handeln und Verhalten, die in einer Gruppe oder einer Gesellschaft existieren. Moral bezeichnet demgegenüber die Regelvorstellungen guten Handelns, die im Kopf des Individuums existieren. Vielleicht könnte man mit Kant sagen - das eine ist das allgemeine Gesetz, das andere die daraus individuelle Maxime. (Nicht jede Maxime muss vorher Gesetz gewesen sein; ich sage das jetzt nur mal als Analogie.) So wie ich dich verstanden habe, sagst du aber, dass sowohl sittliches als auch moralisches Handeln nur bedeutet, die "Regeln der Väter" zu befolgen, um keine allzu grell sich abhebende Erscheinung vor dem passiv aggressiven Hintergrund debiler Regelkonformität abzugeben. Wie würdest du dann "gutes" Handeln bezeichnen, da sittlich und moralisch ja beide ausfallen - ethisch dagegen mehr eine Meta-Perspektive bezeichnet?

shalt0ni Avatar
shalt0ni:#9970

>>9969
>die daraus *erwachsende individuelle Maxime

a_khadeko Avatar
a_khadeko:#9971

>>9969
>zwischen Moral und Sittlichkeit zu unterscheiden - frei nach Hegel

Die Unterscheidung kann man wohl machen, gerade weil im Deutschen zwei Begriffe vorhanden sind, Moral von Lateinisch mores - sitten, und dann einmal Sitten als indigener deutscher Begriff.
>Wie würdest du dann "gutes" Handeln bezeichnen

Mir kommt dabei der Begriff Tugend oder Tugendhaftigkeit in den Sinn. Montaigne sagt, dass Tugend eine gute Tat ist, die man auch gegen Erschwernisse und gegen den Widerstand der Öffentlichkeit durchführt. Soll heißen, eine gute Tat, eine tugendhafte Tat wäre nur das, wo man Mut und Rückgrat beweisen muss, weil viele gute Sachen im alltäglichen Leben immer noch Überwindung und Selbstvertrauen verlangen - anders als das moralische Verhalten, das wie ich finde, immer nur das nötigste tut, möglichst kein Aufsehen macht, Menschen hilft, aber eben nicht zu sehr. Moralisches Handeln heute sehe ich analog zur Gleichgültigkeit des Volkes an sich, also oberflächliche Hilfsbereitschaft, die doch nur die Motivation hat, von anderen nicht beschuldigt zu werden, man sei selbstsüchtig.

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