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Veröffentlicht am 2014-10-27 18:29:03 in /r/

/r/ 1717: Sagen wir, es gibt zum Christentum (var.: zu allen Reli...

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irsouza:#1717

Sagen wir, es gibt zum Christentum (var.: zu allen Religionen) drei verschiedene Zugänge oder Teile oder auch nur Perspektiven, nämlich die Philosophie, die Theologie und die Mystik und nehmen für einen kurzen Moment an, das wäre nicht stark vereifacht oder falsch auseinandergesetzt:

Welcher Teil überwiegt bei Bernd?

Ich habe eine fast ausschließlich intellektuelle Überzeugung vom Katholizismus und leide oft darunter, den Teil des ganz persönlichen, emotionalen meinetwegen auch spirituellen Glaubens nicht richtig zu erfahren.

Anders:
Ich bin von der Existenz Gottes überzeugt und die Dogmen, die Schrift sowie die Lehre scheinen mir nachvollziehbar aber ich habe kein rechtes Gespür im Glauben, fühle mich nicht wie viele von Gottes Liebe berührt zum Beispiel, habe kein großes - außer ein theoretisches - Interesse am Beten und der Eucharestie, et cetera...
Oft empfinde ich die überschänglichen Glaubenbekundungen der Evangelikalen Jugend beispielsweise als ziemlich pathetisch und weiß dann nicht, wo ich selbst stehe.

Geht es anderen hier genauso?

marrimo Avatar
marrimo:#1719

>>1717
Ein persönlicher Zugang zur Religion setzt entweder eine besonders sensible Person voraus (das was klinisch Psychose, Migräne, Halluzination, Epilepsie oder bipolare Störung genannt wird, ist in manchen Fällen eine Möglichkeit, religiöse Geheimnisse auf persönlicher Ebene zu erleben). Vor dem Christentum gab es in den meisten Kulturen Menschen die die Aufgabe von Schamanen übernommen haben, Medizinmänner, Druiden, Orakel etc. Sie hatten Zugang zur Geisterwelt, den Mysterien und ihnen erschienen Visionen, die sie zu deuten wussten. Die schamanische Praxis setzte in der Regel Trancepraktiken voraus, Drogenkonsum und Extasetechniken wie Hyperventilation, Trommelschlagen, Tanz und so weiter. Die katholische Kirche sieht und sah argwöhnisch auf spirituelle Alleingänge, denn sie unterminieren die Kirche als Institution. Möglicherweise sind ja alle Menschen prinzipiell zu unmittelbaren spirituellen Erfahrungen in der Lage, somit wäre eine Institution, eine Mittlerrolle der Kirche auf lange Sicht überflüssig.
Aus meiner Sicht überwiegt keine der drei Sichtweisen in meiner Beschäftigung mit der Religion. Je mehr mystische (poetische) Weisheit man erfährt, desto wichtiger wird die philosophische Betrachtung derselben und ebenso die theologische Untersuchung, inwieweit persönliche Erfahrung mit bekannten Dogmata in Einklang gebracht werden kann oder ihnen widerstrebt.

betraydan Avatar
betraydan:#1721

>>1717
>Oft empfinde ich die überschänglichen Glaubenbekundungen der Evangelikalen Jugend beispielsweise als ziemlich pathetisch und weiß dann nicht, wo ich selbst stehe.
Kann das nur unterschreiben. Generell nerven mich Leute, die keine Priester sind, aber „GOtt liebt dich“ oder sowas sagen. Ich merke nicht die besondere Gottesliebe mir gegenüber, aber ich merke, dass jemand, der mir Leben ermöglicht, wie schlecht oder gut ich es auch immer empfinde, mich auf irgendeine Art lieben muss. Das Leben ist Teil der Liebe, die du bekamst; was du daraus machst ist möglicherweise eine Verkettung der freien Willen aller Menschen, die mit dir etwas zu tun hatten.

Manchmal habe ich das Gefühl, meine Gebete sind nur Gerede, meine Hingabe nur „return to sender, address unknown, no such number, no such zone“, mein Opfer vergebens. Das ist wohl Teil des Glaubens. Gerade die Kommunion ist wichtig als Exorzismus, der aber nur wirken kann, wenn der Kommunikant im Gnadenstand ist. Ja, eine Beichte ist eine ernste Angelegenheit und ein schwerer Schritt. Bin auch schon wieder überfällig

>>1719
> das was klinisch Psychose, Migräne, Halluzination, Epilepsie oder bipolare Störung genannt wird, ist in manchen Fällen eine Möglichkeit, religiöse Geheimnisse auf persönlicher Ebene zu erleben
Das ist wahrscheinlich der Grund, warum es von der Kirche her nicht gerne gesehen ist, solchen charismatischen Elementen fern der Kirche zu fröhnen. Generell sind solche Leute nur akzeptiert, weil die Kirche sie ungerne verlöre.

> Möglicherweise sind ja alle Menschen prinzipiell zu unmittelbaren spirituellen Erfahrungen in der Lage
Ja, diese Gabe haben wir durch den Heiligen Geist mitbekommen. Daraus kannst auch du schöpfen, wenn du dich fallen lässt. Nein, das ist nicht was ihr beschrieben habt.

Zum Faden: Ich persönlich bin vom Katholizismus ebenfalls intellektuell überzeugt, allerdings habe ich hier am meisten Probleme mit der Institutionalisierung und dem daraus resultierenden verkrusteten Klüngel. Die katholische Kirche macht nicht viel für Gläubige, sondern versteht sich hier als Dienstleister. Und das ist eine große Schande.

chris_frees Avatar
chris_frees:#1722

>>1721
>Das ist wahrscheinlich der Grund, warum es von der Kirche her nicht gerne gesehen ist, solchen charismatischen Elementen fern der Kirche zu fröhnen. Generell sind solche Leute nur akzeptiert, weil die Kirche sie ungerne verlöre.

Ziemlich interessanter Punkt! Solange die Institution der katholischen Kirche besteht, wurde auch von ihr versucht, die mystischen Elemente (die in Personen wie Bernhard von Clairvaux oder ganzen Bewegungen kulminierten)kraft ihrer selbst zu bündeln, so verrückt und häretisch sie auch manchmal anmuteten.
Was ungezügelte Spiritualität anrichtet, wenn man sie lässt, dessen wurde man nicht zuerst bei den New Age bestens ansichtig.
Vielleicht gab es schon früh ein Gespür für eine Art balance of power, in der sich die drei oben genannten Elemente einfinden müssen, damit sie sich nicht gegenseitig korrumpieren.

Zum Thema: Ich empfinde es allerdings schon als Mangel so wenig emotionalen Zugang zu Gott zu finden. Ich mochte aber was du dazu über den Heiligen Geist geschrieben hast.

heikopaiko Avatar
heikopaiko:#1730

>>1717
Bei diesem Bernd ist es eine Art rationaler Mystik.

Ich bin prinzipiell sehr empfänglich für Emotionales, habe aber inzwischen auch gelernt, gut damit umzugehen. Das ermöglicht mir, mich der Gnaden zu besinnen, die Gott uns schenkt (und die die Katholiken berechtigt sind, anzunehmen).

Philosophisch komme ich von einem anderen Zweig. Glauben hilft - welcher Glaube ist der beste? Welche Religion ermöglicht die Vervollkommnung des Menschen? Gepaart mit dem historischen Zusammenhang und meiner persönlichen Kulturellen Prägung (die auch durch eine Generation "westlicher" Eltern nicht verloren gegangen sein kann) kommt natürlich der Katholizismus bei raus. Wo sonst ist man Bruder bzw. Schwester des Gott-Sohns?

Trotzdem fällt es mir schwer, Gebet in meinen Alltag zu inkludieren. Ich weiß, bzw. habe mehrmals an der eigenen Seele erfahren, wie unglaublich wirksam es ist. Aber (ja, es ist eine Ausrede) vielleicht scheitert es an falsch verstandener Demut, "Wozu brauche ich jetzt etwas besseres, es ist doch allesok".

Und genau das Bewusstwerden solcher Sätze bzw. dass diese Haltung in meinem Gehirn ist, trägt dazu bei, dass mir die Wichtigkeit des Gelebten Glaubens wieder ins Bewusstsein geschrieben wird.

Wie man dazu kommt kann ich allerdings nicht erklären. Überzeugung? Gnade?

bluesix Avatar
bluesix:#1732

>>1730
>Philosophisch komme ich von einem anderen Zweig.
Welchem?

>Gepaart mit dem historischen Zusammenhang und meiner persönlichen Kulturellen Prägung
Welcher?

jeremyworboys Avatar
jeremyworboys:#1735

>>1732
1. Der Annahme, dass Glauben eine Funktion im menschlichen Geist ist, die man anwenden kann (und soll), wofür man gerade Lust hat. Nicht im Sinne dessen Erfinders war es jedoch, dass man damit nicht Kraut und Rüben durcheinander wirft um seinen Willen durchzusetzen, sondern erkennt, was das mächtigste ist, woran man glauben kann.

2. Christliche Prägung, katholische Gesellschaft. Katholizismus wegen der Sukzession.

ayalacw Avatar
ayalacw:#1737

Bei mir überwiegt eindeutig die Mystik. Ich erlange beim Beten Freude sowie die Linderung von Ungemach. Das ist der Grund für meine Religiosität.

Theologie ist für mich primär ein Mittel um Glaubensfragen zu lösen oder Einsichten zu erhalten. Den Religionsunterricht, der meist völlig uninteressante Themen behandelte, empfand ich allerdings als Ärgernis.
Philosophie mag ich nicht sonderlich; stellenweise ist sie sehr interessant aber in weiten Teilen lehne ich sie aus Pragmatismus ab.

Was den Katholizismus angeht... wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre er nicht meine erste Wahl, aber man arbeitet eben mit dem, was man von Gott erhält.
Die erwähnten pathetischen Psychotiker sind mir hingegen recht sympathisch aber ich habe mich früher auch noch mit ganz anderen Themen beschäftigt, von denen nicht wenige einer Beichte bedurften.

hota_v Avatar
hota_v:#1738

>>1737
> Ich erlange beim Beten Freude sowie die Linderung von Ungemach. Das ist der Grund für meine Religiosität.
Ja, dies ist auch der Grund für meine Religiosität.

Die pathetischen Psychotiker verderben einem aber die Freude am Beten, weil man immer im Hinterkopf behalten muss, ob man nicht für andere Leute auch so wirkt.

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