Krautkanal.com

Veröffentlicht am 2014-11-24 13:46:34 in /r/

/r/ 2190: Jesus der Ketzer

tereshenkov Avatar
tereshenkov:#2190

Antwort auf den Faden "Lieblingsreligion

>>2189
Dies. Mit religiösen Mysterien wie der unbefleckten Empfängnis und der Dreifaltigkeit kann man sich arrangieren, aber sein eigener Sohn zu sein ist doch nichts weiter als eine Schwäche, die sich durch den Hochmut der katholischen Kirche ergeben hat: Jesus, ein bloßer Mensch, der das immergültige Ideal gepredigt hat, wurde einer Apotheose unterzogen, vom Menschen- zum Gottesstand heraufgereicht - nicht um ihn und sein Verdienst rechtmäßig zu ehren, nein, sondern um jeden Diskurs über seine Fähigkeiten und sein Wesen zu unterbinden. Man denke sich nur, es wäre möglich, dass jeder Gottes Sohn oder Tochter werden könnte, wenn er nur die innere Stimme des einen Gesetzes in sich erhören würde - jede Mittlerrolle einer Kirche würde damit obsolet werden. Man denke sich, jedem Menschen würde eine aktive Mitwirkung am Gemeinschaftsprojekt der Menschheit, der Erlösung zugebilligt anstatt bloßes Objekt einer Erlösung zu sein, welch aufklärerischer Zug käme in der Person Jesu und allen weiteren Ketzern zum Vorschein!

aadesh Avatar
aadesh:#2196

>Jesus der Ketzer

/r/ - steile Thesen

Ich verstehe, worauf du hinauswillst, aber dann wäre eher die ganze Welt ketzerisch als Jesum.
Wenn man Jesum nicht als das betrachtet, was er war die einmalige Realisation des Einen Gottes als sein Sohn auf Erden schweift man schnell in Sozialethik oder Buddhavergleiche ab.
Letztere sind vor allem bei näherem Hinsehen doch unfassbarer Unsinn.
Wenn man sich mit wenigstens einem der beiden "Religionsstifter" oder "Reformatoren" auskennt, weiß man das.

wahidanggara Avatar
wahidanggara:#2200

>>2196
Nur was spricht dafür, dass er wirklich der Sohn Gottes ist? Die Rhetorik der Propheten? Ist es nicht denkbar, dass ein so außergewöhnlicher Mensch wie Jesus nicht einfach bloß ein vorbildlicher Mensch war, mit Fähigkeiten, die er sich durch Meditation und Askese erworben und ausgeprägt hat? Wozu vergöttert man ihn? Meines Erachtens vermeidet man durch diese Etikettierung einzig und allein die Auseinandersetzung mit den menschlichen und geistigen Qualitäten Jesu. Er soll als Vorbild gelten, in dem Sinne, dass wir wie er werden oder ihm nachstreben, natürlich mit aller gebotenen Demut. Und darum sollte man ihn nicht betrachten als durchweg transzendente Gestalt, sondern als Mensch, der das beste aus sich gemacht hat. Man sollte ihn sehen als Zeichen der Hoffnung, nicht in dem Sinne, dass er die frommen Seelen zu sich aufnimmt, sondern als Zeichen der Hoffnung, dass es vielen Menschen offensteht, die Ideale der Liebe und des Geistes in ihrem Leben zu verwirklichen und so aktiven Teil an der Erlösung der Menschheit beitragen.

chanpory Avatar
chanpory:#2201

>>2200
Es gibt eine Relativität des Begriffs Gott. So wie ein Wurm vielleicht einen Vogel, der ihn fressen kann, für einen Gott hält, so hält ein einfältiger Mensch einen Weisen für einen Gott. Es scheint einzig das Gefälle von Einsicht, Erkenntnis und Macht zu sein, die bestimmen, wie sehr jemand vergöttlicht wird.
Selig sind die Armen im Geiste, denn der Begriff eines Gottes bleibt für sie unangetastet und leuchtend und groß. Aber wer sich philosophisch engagiert und darum bemüht, seine eigene Einsicht zu schärfen, für den gelten die gemeinhin göttlichen Dinge nicht mehr als unumstößlich göttlich. Denn:
Ob etwas göttlich genannt wird oder nicht ist Frage der Erkenntnis. Wenn ich nichts verstehe, sehe ich überall Wunder und Magie. Wenn ich verstehe, kann ich mein Verstehen anwenden. Und das was als Wunder galt, erkenne ich als reine angewandte Methode. Was als Magie galt, erkenne ich dann als den Effekt von angewandten Prinzipien. Einzig und allein die Erkenntnis vergöttlicht. Sie vergöttlicht den, der erkennt. Gottes Sohn ist, wer sich dessen in allen Facetten bewußt geworden ist. Es gibt kein Exklusivrecht auf den Götterstand, jeder denkende Mensch kann sich prinzipiell in diese Richtung entwickeln.

aleclarsoniv Avatar
aleclarsoniv:#2206

>>2201
Genaugenommen ist der Mensch ja nicht un-göttlich, denn er ist Teil der Schöpfung und Schöpfer zugleich. Wie im Himmel so auf Erden, wie im Größten und Kleinen die Dinge geschehen, so geschehen sie auch in der Welt der Menschen. Der Schöpfergeist ist in uns, und Jesu Verdienst ist es, das Bewußtsein darauf zu lenken, dass es jedem offensteht, das Göttliche in sich zu nähren und zu klären, indem man sich der Schönheit und der Eleganz des Seins zuwendet.
Wir können als denkende Menschen keinen Menschen zum Gott erheben, er selbst kann das auch nicht. Die Unterschiede von Mensch zu Mensch sind graduelle, keine wesentlichen. Und auch wenn es stimmen mag, dass der Unterschied zwischen einem herkömmlichen Menschen und einem Affen ein geringerer ist als zwischen einen herkömmlichen Menschen und einem Genie wie Leonardo, Tesla oder Christus, so sind Genie und einfacher Mensch keine wesensverschiedenen Existenzen.
Man kann von all diesen Genies der Geschichte sagen, sie seien Zufrühgeborene, oder auch Frühreife. Doch anders als auf einem Obstbaum, wo die ersten reifen Früchte auch als erstes verderben und nichts anrichten, können die Genies (die Frühreifen) den Gang der übrigen Menschheit optimieren.
Ein Genie wie Christus zu vergöttlichen, setzt voraus, dass der gewöhnliche Mensch seine eigene Göttlichkeit verneint oder sie noch nicht fassen kann. Doch wie schrieb Goethe:

"Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft
Wie könnt uns Göttliches entzücken?"

"Gleiches wird von Gleichem erkannt"

"Du gleichst dem Geist den du begreifst."

Jesus galt und gilt als göttlich, weil seine Vollkommenheit keinen Vergleich besaß. In seiner Zeit war er die besonderste Schneeflocke von allen. Aber die Geschichte hat viele weitere Genies hervorgebracht, die zeigen, dass der Weg von Mensch zu Gott ein fortlaufender Prozess ist, der über die Bewußtwerdung geschieht.

Neuste Fäden in diesem Brett: