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Veröffentlicht am 2017-12-12 22:08:40 in /r/

/r/ 5218: Trauerarbeit und Melancholie: Inkorporation des Toten

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polarity:#5218

Trauer ist die intensivste Beschäftigung mit dem verlorenen Geliebten. Trauer scheitert an der Realität. Der Trauernde muß den Geliebten hergeben. Aber so schnell geht das nicht. Es ist ein Prozeß. Oft erscheint der verstorbene Geliebte dem Trauernden als Vision. Darin zeigt sich, wie intensiv das Verhältnis zum Geliebten war. Freud unterscheidet nun zwei Arten der Bewältigung von Verlusten Geliebter: Trauer und Melancholie ('Trauer und Melancholie', WW X,428ff). Trauerarbeit ist die libidinöse Umbesetzung von Objekten. Die Libido, die vormals auf das verlorene Objekt gerichtet war, wird langsam auf ein anderes Objekt übertragen, damit vom verlorenen Objekt abgelöst und so der Verlust durch einen Gewinn bewältigt. Voraussetzung dafür sind aber geeignete Liebesobjekte, daran hat Freud scheinbar nicht gedacht. Melancholie dagegen verinnerlicht das verlorene Objekt, um es immer bei sich haben zu können. Einige von Laings Patienten verinnerlichten nach dem Tod eines Elternteils dieses. Die Mutter, ihrer Verhaltensweisen, ihre Sprache, ihr Atmen, ihre Schminke und Kleidung, alles wird dann perfekt nachgeahmt und der Schizophrene kann schließlich die Rolle so perfekt, daß er sie ist. Die Mutter ist dann zu einem, vom wahren Ich des Schizophrenen getrenntem Selbstsystem im Körper des Schizophrenen geworden, aber einem falschen Selbstsystem. Es kann sein, daß der Schizophrene, wenn er keine Abneigungen gegen die Mutter hatte, sein altes Selbst völlig zugunsten der Mutterinkarnation aufgibt. Empfinden wird er die eingenistete Mutter nur dann als falsches Selbst, wenn er sie gehaßt hat. Dann wird er sich von dem gehaßten Wesen in ihm abgrenzen und ihm immer mehr Platz freimachen durch immer weitere Rückzüge des wahren Selbst ins Vakuum. Beim Einnisten einer geliebten Person hingegen kann die Identität beider ineinander übergehen. Diesen Akt nennt Freud Melancholie. Er bezeichnet ihn als nicht realitätsgerechtes Verhalten.

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emileboudeling:#5227

Das Lied „El Condor pasa“ singt von einem Häuptling der Tupac Amaru, der im Inkareich 1780 eine Aufstand gegen die Spanier versuchte, dabei aber gefangengenommen und umgebracht wurde. In den Indianerlegenden hat er sich der Gefangennahme entzogen, indem er als Kondor wegflog. Hier ist eine ähnliche Verhaltensweise gewählt worden, um die politische Resignation zu verwinden. Der Held ist nicht gestorben, sondern lebt noch. Und er lebt in jeder Stimme, die das Lied singt. Er lebt weiter als Urbild der Befreiung. Erst wenn die Befreiung erreicht ist, darf dieses Lied vergessen werden und die Großmütter singen es ihren Enkeln nur noch als Jugenderinnerung vor.

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