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Veröffentlicht am 2016-02-02 01:09:23 in /t/

/t/ 29597: Schweissgerät

turkutuuli Avatar
turkutuuli:#29597

Hallo Bernd,

der guten alten Tradition folgend, nutze ich unser /t/ nicht nur um Fragen zu stellen, sondern auch um Projekte vorzustellen. Nunja, um ein Projekt handelt es sich hier nicht, eher um einen Erfahrungsbericht. Vielleicht als Entscheidungshilfe für einen Kauf.

In schöner Regelmäßigkeit kommen Fäden über das Schweißen auf, sei es hier auf Kadse oder in den einschlägigen Foren. in den allermeisten Fällen fragt OP nach der Tauglichkeit von Schweißgerät xyz mit dazugehörigem ebay-link und dem Bild eines Chinaböllers aus dem örtlichem Baumarkt.

Ich sehe mich als ambitionierten Bastler, repariere gerne meine Sachen selber und hab im laufe der Jahre so manches Werkzeug zusammen getragen. Mein Hobby fing mit Elektronik an, mit dem Fokus auf Röhrenzeugs für Gitarren und dazu noch Effektgeräte. Trotzdem wollte ich schon immer schweissen können, zugegebenermaßen zum beträchtlichen Teil, um es einfach zu können, zum anderen Teil weil ich Metallverarbeitung cool finde und einfach gerne Werkzeug für alle Fälle besitzen mag. Einen "echten" Grund, oder besser gesagt: "Reperaturanlass" gab es nicht. Dennoch habe ich in den letzten 18 Monaten einige Dinge mit dem Schweissgerät angestellt und Projekte verwirklicht, die ich sonst so nicht hätte auf den Weg bringen können. Unterm Strich hat es sich also gelohnt, grade wenn ich an zwei Konstruktionen denke, die ich sonst mit Verschraubungen hätte realisieren müssen: Eine Art Bollerwagen und ein Schwerlasttisch in der Werkstatt. Für beides habe ich die Rahmenkonstruktion geschweisst, was allerdings einiger Stunden an Übung im Vorfeld bedurft hatte. Dennoch bin ich hochzufrieden und bereue die Anschaffung keine Sekunde - es ist wie das Werkzeug, das du nie brauchtest bevor du es hattest.

Doch zum zurück Thema:

Mir war von Anfang an klar, das ich ein gewisses Maß an Qualität wollte. Dazu muss sich der geneigte Käufer erstmal klar sein, was er will und wie sich die Qualität denn äussert. Ich hab dann viel gelesen und die einschlägigen Foren konsultiert: Ein einfaches Schweißgerät besteht aus einem Schweißtrafo, der den benötigten Strom aus der relativ hohen Netzspannung bezieht. Leider kann so ein Trafo nicht viel mehr, ist bei den China-billig-Dingern oft unterdimensioniert und entweder bleischwer, oder - was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: einfach Aus. je nach Blechstärke braucht es einen relativ hohen Strom. Das ganze spiegelt sich in der Einschaltzeit wieder, die angibt wie lange der Schweißtrafo den Saft liefert, bevor er sich zum abkühlen ausschaltet. Einschlägige Berichte über Geräte der Preisklasse Güde&Konsorten berichten über 5 bis 10-Minütige Zwangspausen alle 120 Sekunden. DAS wollte ich auf keinen Fall. Ein weiteres Kriterium war das Gewicht: Mittlerweile gibt es gute, leichte Inverter, aber auch die werden schonmal warm, was zu Pausen führt. Dazu liest man oft, das die Halbleiter nicht genügend geschirmt sind gegen die elektromagnetischen Spitzen, die beim schweißen mit hohen Strömen unweigerlich vorkommen können. Chinesische Leistungstransen scheinen da mit unfehlbarer Präzision abzurauchen, meist nur Tage nach erlöschen der gesetzlichen Gewährleistung.

Ein weiteres Kriterium war die Frage, WAS ich schweissen wollte. Es gibt das klassische Elektrodenschweissen, MIG, MAG und WIG. Autogenschweissen lass ich jetzt mal aussen vor, genauso wie die Spezialfälle mit Rotation oder Druck. Ich empfehle die Lektüre der Fachliteratur, wenn da noch Fragen offen sind; Die .pdf hier gibt schonmal einen guten ersten Überblick http://www.wal-austria.at/cu/wal/pdf/Allgemeines_ueber_MIG_MAG_und_WIG.pdf

Wie ich mich also in die Materie einlas, wurde irgendwann klar, das MIG-Schweissen wohl das beste für mich sei. Entweder klassisch mit Gasflasche oder ein Gerät mit Fülldraht. Bei beiden Varianten ist der Lichtbogen durch Schutzgas geschützt, was den Kontakt der Schmelze mit dem Luftsauerstoff verhindert und eine schönere, gleichmässigere Schweißnaht ergibt. (laut Lehrmeinung). Nachteilig ist die Notwendigkeit der Windstille, denn wenn die laue Luft das Schutzgas wegweht ist der schützende Effekt dahin.

leonfedotov Avatar
leonfedotov:#29598

>>29597
Dann machte ich mich auf die Suche nach geeigneten Geräten. Und fiel fast vom Stuhl: Ein gutes Schweißgerät kostet halt, klar. Aber die Folgekosten bzw. sekundären Anschaffungskosten sind horrend: Ich brauch das Gerät, dazu aber noch den Schweißdraht, die Gasflasche!!! nebst Füllung, relativ teuren Schlauch und Druckminderer. Mal abgesehen davon, das selbst der schlankste Schweißinverter den Braten nicht mehr fett gemacht hätte, wenn man dazu noch die 35 kg Gasflasche schleppen muss, waren mir die Gesamtkosten doch zu heftig. Und um vorwegzugreifen: Ich hatte mich schon für einen Hersteller entschieden, der in Tests durchweg gut wegkam: GYS. Oerlikon, Elektra-Bekum und die anderen Profigeräte kamen finanziell einfach nicht in Frage, zumal es sich ja nur um das "besitzen-wollen" drehte, noch ohne konkreten Grund. Zum anderen war mein Großvater mal mit seinen Jungs in Frankreich und er sagte damals, das es eine lustige Zeit war - also konnte ja nicht alles schlecht sein, was die Hugenotten da machen.

Also schraubte ich meine Ansprüche etwas zurück, allerdings immer noch mit dem Wunsch nach Qualität. So wurde es aus Vernunft ein GYS Schweißkonverter, dort dann einer aus der professional - Reihe. Was immer das heissen mag im Vergleich zu 5000 Euro - Geräten; Jedenfalls hat mich das Teil nie enttäuscht. Für die Entscheidung gab es Gründe, die ich auch gerne darlege:

Ich erwähnte eben die Einschaltzeit bei hohen Strömen. Der GYS Konverter erlaubt, bis nahezu an die Leistungsgrenze zu gehen bei 100% Einschaltzeit. Erst bei Dauerhaften 160A geht das Teil überschauber in die Knie und geht runter auf 60% Einschaltzeit - bei 160A. Diesen Strom habe ich nur zu Testzwecken verwendet, auf einem 25mm Blech, sinnloses braten. In der Realität schweiße ich viel dünnere Bleche, etwa 2 - 4mm sind der Regelfall.
Weiter hat das Gerät einige Features, die ich nicht mehr missen möchte: Es ist "Hot-Start" fähig, das heisst, bei Beginn des Schweißvorgangs wird die Spannung erhöht, damit der Lichtbogen sicher zündet. Die hotstart - Spannung ist einstellbar. Dazu kommt die antistick - Funktion. Das bedeutet, wenn die Schweißelektrode kleben bleibt, regelt ein µC sofort Spannung und Strom weg, damit die Elektrode nicht ausglüht. Das ist grade für einen Anfänger von unschätzbarem Wert.

Als weiters Bonbon kann ich mit dem Gerät auch ganz dünne Bleche, Alu und sonstwasnoch schweißen - es ist nämlich WIG - fähig. Das benötigte Schlauchpaket mit WIG - Brenner kostet unter 100 Euro. Klar hab ich dann noch die Kosten für die KroGon - Gasflasche, aber allein die Möglichkeit auf ein späteres Upgrade finde ich grandios.

Übrigens sind Verschleißteile wie Klemme, Schweißkabel und Schlauchpakete austauschbar, da alles mit genormten Anschlüssen am Gerät angebracht ist. Die billigen Dinger haben das oft nicht, was oft zu teuren Reperaturen führen kann.

Unterm Strich habe ich etwa 500 Euro ausgegeben: 400 Euro für das Gerät inklusive einem Automatikhelm, 50 Euro für ein vernünftiges Verlängerungskabel (PUR - Leitung, 3x2,5mm², 30m) und etwa 20 Euro für richtig gute Schweisserhandschuhe. Dazu bekam ich Elektroden, Testbleche und einen weiteren Automatikhelm von einem Kumpel, die sind bei ihm vor der Firma vom Laster gefallen. Ich benutze Elektroden zwischen 2 und 3 mm. dazu kaufte ich dann noch einen Schweißerwinkel und Magnete, die Metallteile auf 90°, 75° und 45° zusammenhalten. Gibts in der Bucht preiswert; Hämmer und Drahtbürsten bzw. Flex mit Trenn- und Schrubbscheiben hatte ich eh schon.

Mittlerweile gibt es das Gerät, das GYS GYSMI E160 für 250 Euro. Es wiegt keine 5 Kilogramm und macht echt eine gute Figur beim Arbeiten.

Vor allem macht das Arbeiten damit Spass, so das ich ohne viel Mühe in kurzer Zeit gelernt habe, damit umzugehen um einigermaßen sauber arbeiten zu können. Sicher bin ich noch kein Profi, aber was ich zusammendengeln muss, das hält auch. Und man sieht ja auch bei Fynn Kliemann, das das keine Raketenwissenschaft ist - wobei ich auch glaube, das Schweißen das einzig Handwerkliche ist, das er sicher beherrscht. Sicherheitsrelevante Dinge wie Fahrradrahmen oder tragende Konstruktionen sind damit gut machbar, traue ich mir aber noch nicht zu - vielleicht mache ich mal einen Lehrgang, die örtlichen Handwerkskammern oder Volkshochschulen bieten sowas von Zeit zu Zeit an.

oaktreemedia Avatar
oaktreemedia:#29599

>>29598
GYS ist allerdings nicht der einzige Hersteller, der gute Geräte in vernünftiger Preisklasse anbietet. Dennoch möchte ich hier gerne eine Lanze brechen, da die Vielzahl an Funktionen für den Preis echt mehr als ok sind.
Profi - Schweißbernd mag sicherlich nur darüber schmunzeln, aber für den Beginner hoffe ich, das ich einige Fragen beantworten konnt.

Wenn nicht, fragt mich ruhig. Ich brutzel mit dem Gerät seit 1,5 Jahren rum und teile meine Erfahrungen gerne.

hota_v Avatar
hota_v:#29600

Vielen vielen Dank für deine Ausführungen!

Ich habe mich vor einiger Zeit auch schon etwas mit der Thematik beschäftigt, aber dann schnell aufgegeben, da ich (nach oberflächlicher Suche) kein Gerät gefunden hatte, das meinen Kriterien (preiswert, 230V, haltbar, "semi-professionell", WIG?, ...) gerecht werden konnte. Besonders das Schweißen mit Elektrode schreckt mich etwas ab: unsaubere Naht, Schlacke abklopfen, ...

Es wäre schön, wenn noch andere, die schon etwas aus dem Anfängerstadium raus sind, ein paar Tips zu (preiswerten) Geräten abgeben könnten. Auch Einschätzungen zum "richtigen" Schweißverfahren sind willkommen.

trickyolddog Avatar
trickyolddog:#29827

Stoß wegen akutem Interesse

mat_walker Avatar
mat_walker:#29880

>>29827
Wow, hätte ja nicht meer damit gerechnet, das sich Bernd für meinen Textblock interessiert.
Was willst du denn wissen?

antonkudin Avatar
antonkudin:#29881

Koenntest du ein paar Bilder deiner Werke liefern Bernd?
Das waere echt schoen!

syntetyc Avatar
syntetyc:#29891

>>29600
>Besonders das Schweißen mit Elektrode schreckt mich etwas ab: unsaubere Naht, Schlacke abklopfen, ...

Bernd hat zwar mal in der Branche gelernt, aber eher zerspant als geschweißt - Thema wurde in der Ausbildung eher wenig behandelt. Bernd hat es sich so langsam mit der Zeit selbst beigebracht.

Wenn man mit Elektrode schweißen kann, dann sehen die Nähte auch schön aus. Auch fällt die Schlacke von selbst ab wenn man es kann.

Bernd schweißt aber ganz selten mal etwas das schön aussehen muss, meistens schweißt Bernd eher schwere Stahlkonstruktionen die nur halten sollen - und oft sowieso danach noch bearbeitet werden.

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