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Veröffentlicht am 2017-04-23 10:27:50 in /tu/

/tu/ 8983: Beziehungskrebs

thinkleft Avatar
thinkleft:#8983

Ach Berndi, ich fühle mich scheiße und muss mich gerade schlichtweg einmal mitteilen, da ich sonst mit keinem darüber reden kann.

Mit meinem BF bin ich seit nunmehr anderthalb Jahren zusammen. In dieser Zeit haben wir natürlich einiges zusammen erlebt, was uns sehr zusammengeschweißt hat.
Nun ist es aber so, dass es in diesen zwei Jahren z.B. kaum Seks gegeben hat. Hin und wieder blas ich ihn und er wichst mich, aber insgesamt ist es schon sehr langweilig, weil er optisch nicht ganz mein Typ ist. Liegt also eher an mir.
Nicht nur das; wir unternehmen relativ selten etwas und haben auch keine gemeinsamen Freunde und Hobbies (außer Videospiele). Die meiste Zeit sitzen wir eigentlich zu Hause, weil wir nichts zu unternehmen haben und auch da langweilen wir uns.
Um mich kurz zu fassen, kann ich festhalten: die Beziehung langweilt mich im Grunde schon seit gut einem Jahr und ich sehe keine Hoffnung auf Besserung. Es passt einfach nicht zu 100%, sondern vielleicht zu 50%, wenn man ganz ehrlich ist. Wir haben nur bedingt die gleiche Wellenlänge und passen in vielen Sachen nicht zusammen, was ich aber oft überspiele.


Jetzt würde Bernd natürlich raten: dann mach halt Schluss!
Aus mehreren Gründen bringt Bernd dies aber nicht fertig.
Zum einen hängt er wirklich extrem an mir. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass es bei seiner Familie gerade den Bach runtergeht (verlieren ihr Haus, Eltern lassen sich wahrscheinlich scheiden, er selbst steckt in einer Ausbildung in der er schlecht verdient), er sonst nicht viele Freunde hat und auch nicht sehr selbstbewusst ist.
Das mit den Freunden trifft zwar auch auf mich zu, aber ich habe zumindest keine größeren Geldsorgen und meine Familie ist einigermaßen intakt.
Darüberhinaus haben er und auch seine Eltern ein Herz aus Gold. Ich habe noch nie solch hilfsbereite Menschen erlebt, die quasi nur geben und nicht nehmen (wollen). Ich schwöre dir, Bernd, ich nutze das nicht aus, aber sie tun mir wirklich ständig kleine Gefallen und ich kann lediglich bei PC-Problemen und dergleichen helfen und mal ein Essen für meinen Freund ausgeben.

Er macht momentan eine unheimlich beschissene Phase durch, da es den Eltern nicht besonders gut geht und er kaum ein Fundament vorfindet, um sich derzeit selbst etwas aufzubauen. Neulich ist er vor mir das erste Mal in Tränen ausgebrochen. Zum Beispiel macht es ihm auch zu schaffen, dass "er mir kaum etwas bieten kann". ;_;
Mir blutet das wirklich Herz, wenn ich das schreibe.
Der Zustand wird auch noch länger bei ihm anhalten, auf jeden Fall dieses Jahr noch.

Ich kann es deswegen nicht fertigbringen, dass ihm seine einzige wirkliche Stütze und Ablenkung wegbricht, nur aufgrund von Egoismen.
Es ist auch nicht so, dass er mir nichts bedeutet, im Gegenteil. Er ist mein bester/einziger wirklicher Freund. Aber ich liebe ihn nicht so im Beziehungsstil, wie er mich.
Im Grunde schreit alles in mir danach, ihn nach Kräften zu unterstützen und ihm durch diese Phase zu helfen, weil er mir ans Herz gewachsen ist und diesen ganzen Mist nicht verdient hat, und das tue ich auch.
Auf der anderen Seite möchte ich aber auch ein bisschen mehr erleben, Leute kennenlernen und jemanden finden, der meine Wellenlänge hat usw.


Naja, um einen Rat mag ich noch nicht einmal bitten. Wenn du das aber so liest, Bernd, wie bewertest du die Situation und was denkst du darüber?
Bin ich ein Arschloch oder kannst du nachvollziehen, was ich denke? Ich brauche einfach mal jemanden, der zu der Situation eine Meinung hat, da ich inzwischen nicht mehr genau weiß, was ich denken soll.
Wenn es etwas wirr geschrieben sein sollte, entschuldige bitte...ich bin noch nicht lange wach und habe das nun wirklich aus dem Bauch heraus geschrieben.

PS: wir sind beide Mitte 20.

scottgallant Avatar
scottgallant:#8988

Ich fühle deinen Schmerz, Bernd, ich fand mich vor 2 Jahren in einer ähnlichen Situation. Hatte seit 2 Jahren BF, mit dem ich nicht wirklich glücklich war, den ich aber auch nicht verletzen und im Stich lassen wollte, nicht zuletzt, weil er enorm emotional abhängig von mir war. (Im nachhinein betrachtet ich auch zu einem weitaus geringerem Grad von ihm).

Seks gab es da auch eher wenig. Er war zwar auch nicht so ganz mein Typ, aber daran ist es nicht gescheitert. Er wollte nie, hatte wenig Selbstvertrauen und kam sich nicht schön genug für mich vor, Verlust- und Versagensängste haben seiner Libido dann den Rest gegeben.

Wir hatten oft über die Probleme geredet und beide geheult, aber letztendlich half alles nichts, alle Versprechen, dass sich was ändern würde, blieben unerfüllt. Am Ende hab ich das einzig Konsequente, das Unumgängliche getan und die Beziehung beendet, nicht zuletzt weil ich zu dem Zeitpunkt so erdrückend deprimiert war, dass ich so nicht weiterleben wollte.

Die Beziehung zu beenden war verdammt schwer. Das kann man nicht schön reden. Aber danach wurde es besser, auch wenn ich mir nach der anfänglichen Erleichterung eingestehen musste, dass ich auch an mir selbst arbeiten muss und noch einen langen Weg vor mir hatte. Den konnte ich allerdings wenigstens mit dem Gefühl beschreiten, das einzig Richtige getan zu haben, ohne diese nicht schweigen wollende innere Stimme, die einem verzweifelt versucht zu sagen, dass etwas nicht stimmt, dass man seine Zeit verschwendet und die Beziehung von geliehener Zeit lebt.

Mein Ex kommt nach wie vor nicht drauf klar und kann/will mich trotz seiner neuen, scheinbar glücklichen Beziehung nicht sehen. Aber das ist sein Problem, dass er seine Defizite auf mich projiziert und sich seinen Ängsten nicht stellt.

Puh, jetzt bin ich abgedriftet... was ich damit zeigen wollte, ist, dass du nicht alleine bist, Bernd, und dass es wieder besser werden kann und wird! Es hat für mich auch immer was therapeutisches, wenn man das Erlebte nochmal resümiert. Wirklich enorm befreiend, wenn wenn man sich anderen mitteilt, das hat mir seinerzeit, vor und nach der Trennung, auch sehr geholfen. Wahrscheinlich ist das schwer, wenn du keine engen Freunde hast, aber versuch erst mal offen mit anderen IRL drüber zu reden, das tut ziemlich gut.

Ansonsten versuch noch ehrlich mit deinem BF drüber zu reden. Das wird ihm wehtun und nicht einfach sein, aber genauso wenig würde er wollen, dass du ihm was vormachst und gute Miene zum bösen Spiel machst. Wenn er dich wirklich liebt, wird er deine Gefühle respektieren und auch wollen, dass du glücklich bist, egal ob mit oder ohne ihm.

Mach dir selbst bitte keine Vorwürfe, du bist kein schlechter Mensch für das, was du denkst und fühlst. Manchmal (sogar recht häufig) funktionieren Beziehungen eben nicht so wie erhofft, da muss nahezu jeder mal durch. Dafür, dass es sonst nicht so doll bei ihm läuft, kannst du ja auch nichts.

Fühl dich gedrückt!

cbracco Avatar
cbracco:#8989

>>8983
Mir gehts ähnlich Bernd. Nur finde ich mich eher in der Lebenssituation deines Freundes wieder.
Ach warum muss das Leben manchmal so scheiße sein

kuldarkalvik Avatar
kuldarkalvik:#8990

>>8988
Danke für deine Antwort!
Beruhigend zu lesen, dass ich nicht ganz allein bin.

Was mir eben so zu schaffen macht., ist, dass ich halt jedes mal sehe, wie sehr er strahlt, wenn wir uns sehen. Dass er albern ist und einfach super gerne mit mir zusammen ist. Und dass ich derzeit eben das einzige bin, was ihn zum Strahlen und zum Lachen bringt...

Ich habe ihn auch gerne um mich und alber mit ihm herum oder unternehme etwas mit ihm. Auch will ich ihm zur Seite stehen und dass er mir von seinen Problemen erzählen kann.
Nur ist da eben bei mir nicht mehr dieses Feuer...keine Leidenschaft, die eine Beziehung ausmacht.

;_;


>>8989
Das tut mir Leid.
Beziehungen können wirklich beschissen sein.

p_kosov Avatar
p_kosov:#8991

>>8990
Ja das können sie.
Ihr scheint ja zumindest wirklich enge Freunde zu sein, und das ist in meiner Sicht das wichtigste. Es ist schade, dass sowas bei einer Trennung so oft verloren geht Vielleicht ist es bei euch ja anders und Ihr bleibt Freunde?
Außerdem kann man Beziehungen ja auch pausieren.
Früher oder später wirst du aber mit ihm darüber reden müssen, sonst machst du dich fertig.

ovall Avatar
ovall:#9005

>>8983

Bernd, egal was dein Partner gerade durchmacht: das ist alles nicht dein
scheiß Problem. Ganz simple. Wenn du also meinst, du willst etwas
anderes als dein jetziges Leben: tu es einfach. Such dir keine
fadenscheinigen Argumentationsketten warum du doch, eventuell,
eigentlich, sozusagen doch da bleiben solltest. Denk zunächst einmal an
deine eigene Psychohygiene.

Jetzt der schwierige Teil. Ich verstehe ein paar Dinge in deiner
Schilderung nicht. Vielleicht willst du mir da mal auf die Sprünge helfen:

a) Du sagst, er sei optisch nicht dein Typ. Vorausgesetzt das ist seit
Anfang so: warum seid ihr dann zusammen? Ich will jetzt nicht andeuten,
man soll nur Güteklasse A mit Sternchen Typen daten, aber wenn er doch
nicht deinen Idealen entspricht, warum sagst du dann einer Beziehung zu?
Finde ich etwas seltsam. (Und falls er sich negativ verändert haben
sollte, hast du mal mit ihm darüber gesprochen?)

b)Du schreibst, wonach du bereits seit einiger Zeit für dich weißt (seit
einem verfickten Jahr!), dass deine Beziehung nicht funktioniert. Warum
hast du dann weiter gemacht? Du schreibst: "In dieser Zeit haben wir
natürlich einiges zusammen erlebt, was uns sehr zusammengeschweißt hat."
aber ein paar Zeilen später heißt es dann, ihr passt "vielleicht [nur]
zu 50%, wenn man ganz ehrlich ist" zusammen. Keine Ahnung Bernd, das
macht auch keinen Sinn für mich. Entweder bist du ein ziemlich passiver
Spieler der alles auf sich zukommen lässt, oder äußerst naiv.

c) Du sprichst selbst recht offen von euren Problemen: mangelnde
Aktivitäten, mangelnde Libido und "nur bedingt [...] gleiche
Wellenlänge" (was zum fick das auch heißen soll). Wenn du nicht der
retardierteste Vollidiot auf dem Planeten bist, hast du doch sicher mal
mit ihm darüber gesprochen, oder? Redet ihr überhaupt miteinander? Ihm
wird doch sicher auch aufgefallen sein, das da etwas nicht stimmt.


Ich weiß nicht Bernd, aber das klingt alles nach einer ziemlich
toxischen Mischung. Ich frage mich beim Lesen deines Textes (und beim
Antwortschreiben) wie man sich in so einen Scheißetsunami hat herein
ziehen lassen. Ich selbst bin ziemlich nachsichtig und mache auch
Abstriche, aber wenn ich seit einem Jahr weiß das das hier nicht richtig
ist, dann wäre ich schon längst weg. Nette Familie hin oder her. ODER
zumindest hätte ich mal mit ihm gesprochen. Ich klemme mir mal die
Floskeln ala "Wenn dir etwas an ihm liegt, kämpfe darum" denn ich glaube
wir wissen beide, das du das eigentlich gar nicht willst.

zl;ng: Warum macht ihr euch Gegenseitig unglücklich, wenn das alles
nicht nötig gewesen wäre?

karsh Avatar
karsh:#9021

>>9005
>Warum macht ihr euch Gegenseitig unglücklich, wenn das alles nicht nötig gewesen wäre?

Ich habe gerade nicht viel Zeit zum Schreiben, deswegen muss ich mich kurz fassen.

Das Problem ist ja, dass er überglücklich mit der Beziehung ist und nicht unglücklich. Sonst wäre es ja leichter, diese zu beenden.
Für ihn ist es das einzige, bei dem er mal abschalten kann.

Dennoch, Bernd... du und die anderen habt Recht. Es muss irgendwie zu einem Ende kommen.
Jetzt, wo ihr soweit die Situation kennt, könnt ihr mir vielleicht etwas Input dazu geben, wie ich das am besten anstellen kann. Wie man sieht, sind solche Dinge nicht gerade meine Stärke und bei dem Gedanken, wie sehr ihm das wehtun wird, sticht es mir ins Herz.

Shriiiiimp Avatar
Shriiiiimp:#9022

>>9021
Bei Trennungen gilt: Wie du es machst, machst du es falsch. Immer.
Viel Erfolg!

bighanddesign Avatar
bighanddesign:#9033

>>9022
Immerhin ehrlich, danke.
Mal gucken, wie und wann ich es fertig bringe.

mr_arcadio Avatar
mr_arcadio:#9035

>>9033
Lieber gleich als später. Ich stand auf der anderen Seite und bin nach etwas über einem Jahr halbwegs drüber hinweg.

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