Krautkanal.com

Veröffentlicht am 2015-09-04 18:45:26 in /we/

/we/ 51097: Vater gestorben

yassiryahya Avatar
yassiryahya:#51097

Hallo Bernd, ich brauch mal deinen Rat,

Mein Vater ist gestern im Alter von 53 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben.

Fadenerstellbernd ist ein Scheidungskind und hat erst vor etwa einem halben Jahr wieder Kontakt mit seinem alten Herrn aufgenommen.
Wir haben uns gut verstanden aber nicht sonderlich häufig gesehen, etwa drei oder vier mal.
Das eigentliche Problem ist das Bernd nicht weiß wie es ihm gehen soll. Warum sollte ich um jemanden trauern den ich die letzten neunzehn Jahre nicht gesehen habe?

Bernd ist das klar aber sein Unterbewusstsein brodelt und tobt ohne einen klaren Gedanken hervorzubringen.

Was tun? Ablenken, Ignorieren, zur Trauer zwingen?

bighanddesign Avatar
bighanddesign:#51098

Einfach dem, was du fühlst (oder auch nicht fühlst) Raum geben. Und zwar dann, wenn du es fühlst (oder auch nicht fühlst). Es gibt keine Vorschriften darüber, wann oder wie oder wiesehr man zu trauern hat. Die (immer noch viel zu) verbreiteten Vorstellungen, man müsse "Trauerarbeit leisten" (Freud) oder es gebe Trauer-Stadien, die man zu absolvieren habe (Kübler-Ross) sind wissenschaftlich nicht haltbar. Links:

https://www.psychologytoday.com/blog/thriving-in-the-face-trauma/200910/grief-doesnt-come-in-stages-and-its-not-the-same-every
http://www.theatlantic.com/health/archive/2013/12/the-secret-life-of-grief/281992/
http://www.nytimes.com/2009/12/29/health/29book.html?_r=1&

Rituale können aber wichtig sein, weil sie das Verstehen dessen, was geschehen ist, und das in-sich-hineinhorchen, wie man sich eigentlich damit fühlt, unterstützen. Das kann ganz klassisch ein Abschied am offenen Sarg oder die Teilnahme an der Bestattung sein. Das kann aber auch ein individueller Besuch an einem Ort, an dem du mal mit deinem Vater warst, sein. Oder ein Brief, den du ihm schreibst und später auf sein Grab legst oder an einem geeigneten Ort verbrennst. Oder alte Fotos des Verstorbenen ansehen. Alleine, oder auch gemeinsam mit Freunden. Oder mit deiner Mutter. Aber zwing dich zu nix: Jeder hat seinen ganz eigenen Weg, mit sowas umzugehen. Du mußt nicht trauern. Du darfst es aber, wenn dir danach ist.

funwatercat Avatar
funwatercat:#51099

Danke Bernd, das sind gute Denkanstöße.
Manchmal bist du wirklich zu gebrauchen

ayalacw Avatar
ayalacw:#51100

>>51097
Lieber OP, ich hatte nach dem Scheidungskram meiner Eltern meinen Vater nur noch sehr selten gesehen und mein letztes Treffen mit ihm war im Krankenhaus als ich 16 war. Einige Tage später wurde er in ein Hospiz verlegt und ist dort gestorben. Als man mir es mitteilte, fühlte ich erstmal auch nicht viel - mein direktes Leben war durch meine Mutter geprägt, die sich um mich kümmerte und so schmerzte es nicht sofort - doch nach einiger Zeit kam es schon mal vor, dass ich Weini gemacht habe und mich fragte, warum ich ihn nicht öfter gesehen habe. Das ist jetzt Jahre her und ich habe meinen Frieden gemacht. Ich würde sagen, du musst dich zu nichts zwingen, aber wenn du trauern willst, dann zeige den Leuten in deiner Nähe, dass du einfach Ruhe brauchst und allein sein willst. Sich zum Trauern zu zwingen muss nicht sein.
Es kommt manchmal vor, dass bei der Nachricht vom Tod einer nahestehenden Person sich gar nichts regt, dann aber, bei einem kleinen Detail im Alltag bricht man zusammen. Schone dich einfach. Du musst für niemanden eine Show abziehen und trauriger wirken als du bist.
Aber wenn es dir dann mal schlecht gehen sollte, /we/ ist für dich da. :3

n_tassone Avatar
n_tassone:#51102

>>51097
>Was tun? Ablenken, Ignorieren, zur Trauer zwingen?
>erben

fixiert!

Mein Beileid übrigens!

Neuste Fäden in diesem Brett: