Krautkanal.com

Veröffentlicht am 2015-12-02 23:19:18 in /we/

/we/ 51626: Grillfest

chatyrko Avatar
chatyrko:#51626

Hallo Bernd.
Ich möchte mit dir gerne über deine Gedanken zum Thema Suizid sprechen. Hattest du schonmal Suizidgedanken? Wie ernsthaft und langanhaltend waren diese? Und was war der Grund?
Hast du aktuell solche Gedanken? Oder womöglich schon einen Versuch unternommen, dein Leben zu beenden?

Ich frage, weil mich das Thema bis vor einigen Monaten noch nicht wirklich tangiert hat. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eine depressive Phase erlebt - diese war aber irgendwie auch "angebracht", ich habe mein Studium gegen die Wand gefahren und außerdem musste ich mich wegen eines BTM-Vergehens verantworten. Habe auch ungefähr zu der Zeit die Antilopengang entdeckt, deren Mitglied NMZS sich ja umgebracht hat. Das fand ich zwar interessant, irgendwie halt morbide und faszinierend, aber es hatte für mich keine Bedeutung im Sinne von tatsächlichem Abwägen einer Selbsttötung. Ich war zu dem Zeitpunkt auch erst 19 Jahre alt.
Und naja, vorher waren die einzigen Gedanken dazu eher in Richtung Rache, also z.B. "wenn ich mich jetzt umbringen würde, wüsste Papa wie sehr er mich verletzt hat". Und sowas habe ich nur in sehr wenigen Ausnahmesituationen mal gedacht, ohne das dabei wirklich die Option Tod je realistisch gewesen wäre.

Mittlerweile (bin jetzt 21) hat sich das leider geändert - ich habe eine Ausbildung angefangen und hatte in den ersten Wochen fast durchgehend Suizidgedanken. Auf der Arbeit stelle ich mir vor, aus dem Fenster zu springen, an Bahngleisen oder Straßen, einfach den Schritt nach vorne zu tun. Alleine wird es dann auch mal konkreter: Ich überlege mir, wo man sich in der Nähe wohl erhängen könnte. Letztens habe ich sogar davon geträumt, mich aufzuknüpfen. Angefangen hat das ganze wohl mit einer Depression, die sich in den Monaten vor Ausbildungsbeginn entwickelt hat - keine Ahnung woher die kam, und nein, sie ist auch nicht diagnostiziert.

Ich weiß natürlich, dass es sicher einigen Bernds viel schlimmer geht, aber Leiden ist ja auch kein Wettkampf. Ich kann zumindest funktionieren, und habe eigentlich das Gefühl das sich die Wogen wieder glätten. Momentan geht es mir auch eigentlich die meiste Zeit ganz gut, aber das wiederum macht es noch unangenehmer, wenn wieder solche Gedanken hochkommen. Ich meine, wenn mein Leben vollends scheisse wäre und ich aufgegeben hätte, wäre das halt so und Grillen nur noch eine Frage der Zeit und Lust. Aber ich habe Angst, dass ich vielleicht was Dummes tue, nur weil mein Gehirn irgendwie schief gewickelt ist. Irgendwie besteht ja auch noch Hoffnung. Aber wenn die dunklen Wolken aufziehen sehe ich nur noch Versagen an allen Ecken und Enden, ein Leben das wie magnetisch zum Omegastatus gezogen wird, jeder Erfolg nur dazu da um mich am Ende doch wieder als den Dummen dastehen zu lassen... Ihr wisst schon was ich meine.
Ich habe auch bisher noch nicht einer Person gesagt, das ich Suizidgedanken habe. Wäre doch auch komisch, oder? Wer weiß was derjenige dann veranlasst oder wie er sich fühlt...

Naja, würde auf jeden gerne hören, ob jemand mit sowas umzugehen gelernt hat, oder mal eine Phase die dann auf nimmerwiedersehen verschwand, oder sonstwas zum Thema.

In Liebe,
Bernd

subburam Avatar
subburam:#51629

Obwohl dieser Bernd weiß, dass er immer ein Außenseiter sein wird, auch wenn er mal Freunde haben sollte, obwohl er weiß, dass er oft Phasen extremer Unlust und Nervosität hat, die Gedanken an Selbstmord waren bisher erstaunlich selten. Das ist bemerkenswert, weil mein Vater mit 26 sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, es aber überlebt hat.
Aber die Verzweiflung kenne ich. Nur kam ich bisher nie darauf, dass es besser sein sollte, sich umzubringen. Das kann vielleicht auch daran liegen, dass ich, wenn ich es tun wollte, es nicht bei einem Versuch belassen möchte - und wirklich sichere Methoden sind selten. Der Exit-Bag jedenfalls ist nicht mein Stil, auch vom Hochhaus springen nicht.
Allerdings sehe ich kein ethisches Problem beim Suizid. Es sollte nur eben die letzte Sache sein, auf die man zurückgreift und vorher erst einmal durchgehen, was man ändern kann, um mit Lust zu leben. Solche Fragen wie: ist das, was ich tue, wirklich das was ich will? Was will ich? Wenn ich es will, was hindert mich? Schiebe ich Gründe vor, die verhindern, dass ich zufrieden bin? Möchte ich vielleicht einfach depri sein?

vicivadeline Avatar
vicivadeline:#51631

>>51626
Immer, wenn ich so richtig tief in der Depression stecke und verzweifelt bin, greife ich zur Wunderwaffe: Beethoven. Nicht nur seine Musik, seine ganze Lebensgeschichte sind für mich eine bessere Behandlung als alle Medikamente, Drogen oder Therapien. Welche Verzweiflung muss Beethoven erlebt haben, als Kind, wo er von seinem Vater unablässig zum Üben gezwungen wurde und später, als sich sein Gehör zu verschlechtern begann! Im berühmten Heiligenstädter Testament hat Beethoven festgehalten, wie verzweifelt und ratlos er war, die Qual, das Leiden, aber auch die Schande, als Mensch, der mit den Ohren arbeitet, zu ertauben. Doch wie wir wissen, hat Beethoven diese Krise überstanden. Zwar verschlechterte sich sein Gehör weiter, aber das konnte ihm die Suppe nicht verhageln. Ganz im Gegenteil: als er diese große Krise überstanden hatte, wurde seine Musik umso mächtiger und schöner. Und auch wenn man kein Beethoven ist, jede überstandene Krise ist eine erledigte Prüfung, jedes Leiden zeigt uns, dass wir uns für unser Glück einsetzen sollen und das Leben mit Leidenschaft angehen dürfen. Etwas wagen, etwas aufs Spiel setzen, etwas geben, auch mal für andere leiden, das geht ein Stückchen besser, wenn man in die Geschichte blickt und der Menschen gedenkt, die uns mit ihren Gaben noch heute erfreuen, die es geschafft haben trotz aller Widrigkeiten und unser Herz von Kummer und Schwäche befreien, damit wir in Freude leben können.
Also, OP: wenns ganz schlimm wird, hör Beethoven, denke daran, dass er für deine Sünden gestorb... äh dass er sich den Arsch aufgerissen hat, damit die Leute später Beethoven hören konnten, der Komponist der Herzen, der erfolgreichste Psychotherapeut den ich kenne. Alles Gute!
https://www.youtube.com/watch?v=kbJcQYVtZMo

tomgreever Avatar
tomgreever:#51632

Bernd denkt zwar oft dran, allerdings verpasst er dann den neuen Sternenkrieg, viele Animus, Serien und Filme.
Außerdem gibt es ja Alkohol und Musik. Und Pornos. Die Ironie des Brutalo-Kapitalismus: Er verursachte Bernds Leiden, betäubt sie aber auch wieder recht zuverlässig. Niemand will ihn, niemand mag ihn, keiner gibt ihm Arbeit oder einen echten Lebenssinn. Aber: In der schönen Medienwelt ist alles in Ordnung.

michaelkoper Avatar
michaelkoper:#51633

>>51626
Berndstyle sehe ich keinen Sinn im Leben. Arbeiten fürs Geldverdienen ist meh, sich betrinken macht auch keinen Spaß. Keine Beziehungen/soziale Bestätigung tun ihr übriges. Ich bin der Welt einfach überdrüssig und will das nicht noch weitere 30 Jahre machen. Und trotzdem hab ich noch die HOffnung, dass alles irgendwann besser wird. Es ist zum verzweifeln.
Mittlerweile häufen sich die Suizidgedanken bei mir. Eigentlich traten sie seit 3 Jahren auf. Mal für mehrere Wochen, dann wieder monatige Phasen der Ruhe. Im Moment ist es wieder soweit.
Was mich wirklich davon abhält, ist die Tatsache, dass ich noch keine perfekte Methode gefunden habe. Und ich es meinen Eltern noch nicht antun kann. Wenn der Leidensdruck aber steigt, wird das eh hinfällig.
Sieh den Suizid wirklich als letzte Möglichkeit/Garantie zur Selbstbestimmung und Flucht vor dieser Welt OP. Vielleicht hälst du es so wie ich noch ein bisschen länger aus.

romanbulah Avatar
romanbulah:#51637

> Hattest du schonmal Suizidgedanken? Wie ernsthaft und langanhaltend waren diese?
Ja. Sie kommen immer wieder. Bernd denkt viel über den Tod und das Leben nach. Die Ernsthaftigkeit reicht dabei von spielerisch-methodischen Überlegungen bis hin zu festen Planungsabsichten und natürlich Verzweiflungsreaktionen (wie ernsthaft ist sowas?).
> Und was war der Grund?
Perspektivlosigkeit, Depression, Rückschläge im Studium, Selbstzweifel, Perfektionismus, Verlorenheit im Leben, Angst vor der Zukunft, Dauerstress.
> Hast du aktuell solche Gedanken?
Ja. Bernd erfährt gerade mal wieder von allen erdenklichen Seiten Druck, hat jede Menge Schulden und kein Interesse mehr am Leben. Die Angst vor den Konsequenzen des Sich-gehen-lassens sind geringer als die Anstrengungen gegen dieses Schicksal und der Suizid bleibt einem ja fast immer als ultima ratio.
> Oder womöglich schon einen Versuch unternommen, dein Leben zu beenden?
Parasuizid während einer schweren Depression resultierte in drei Tagen Notaufnahme.

Bernd fragt sich immer wieder wie die Leute nicht an Suizid denken können, angesichts des Leids, das jeder täglich zu ertragen hat, all der schlechten Nachrichten, der ständigen Bedrohung, die uns umgibt und des ach so zielgerichteten Treibens in unserer technisch pervertierten Welt.

chanpory Avatar
chanpory:#51638

>>51637
Ständig an Suizid zu denken ist nicht notwendig. Und wer nicht ständig an Selbstmord denkt, ist nicht unbedingt naiv oder unreflektiert, denn Leiden heißt eigentlich nur, dass man empfänglich und empfindlich ist für verschiedenste Erregungen und das Leid anderer. Man kann damit aber konstruktiv umgehen. Es gibt da viele hilfreiche Bücher und Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=78fl3jPhJgI

robinlayfield Avatar
robinlayfield:#51640

>>51633
Guter Post, geht mir auch so, besonders der Teil mit den Eltern.

Ich denke über das Thema auch rational nach und, hört sich vielleicht komisch an, ohne depressiven Hintergrund.

Mir fehlen im Prinzip die großen Lebensziele, ich glaube, dass das bei vielen so ist.

Grillen ist aber auch irgendwie uncool, deswegen habe ich da eigentlich keine Lust drauf. (Mach es nicht Bernd)

lightory Avatar
lightory:#51655

>>51631
>Immer, wenn ich so richtig tief in der Depression stecke und verzweifelt bin, greife ich zur Wunderwaffe: Beethoven.
t. Alex

lisakey1986 Avatar
lisakey1986:#51670

>>51640
Ich seh das Grillen als letzen Ausweg/Flucht vor dieser Welt, welchen mir keiner nehmen kann und deswegen will ich es so lange wie möglich hinauszögern. Paradox, nicht wahr?

Neuste Fäden in diesem Brett: