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Veröffentlicht am 2015-12-29 14:06:4 in /we/

/we/ 51786: Ach, Bernd... Ich erinnere mich gerade zurück wie ...

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dmackerman:#51786

Ach, Bernd... Ich erinnere mich gerade zurück wie ich vor einigen Jahren hier gelebt habe und werde dabei sehr traurig und depressiv. Ich war Kettenraucher, drogen- und medikamentensüchtig. Ich hatte ein völlig durchgelegenes hellbraunes Klappsofa, geziert mit größeren und kleineren Brandflecken, überall auf dem Sofa lagen Tabakreste und Asche. Es roch alles sehr muffig.
Der Rest der Wohnung war aber noch schlimmer. Überall Müll, Essensreste, usw.
An der Grenze zur Verwahrlosung. Nein, es war verwahrlost.
Ich kaufte mir von meinem letzten Geld Drogen, konsumierte diese und lauerte dabei liegend. Immer wieder fiel dabei etwas Asche auf Laptop, Sofa und meinen Körper. Es interessierte mich nicht. Ich hustete ständig, vor allem beim Kiffen.
Meine Zähne waren in einem desolaten Zustand, ich hatte sehr oft starke Zahnschmerzen. Die Zähne habe ich mir übrigens währenddessen nie geputzt. Hygieneartikel habe ich kaum gekauft. Ich habe monatelang kein Toilettenpapier besessen.
Das ist kein Scherz! Wie ich mein großes Geschäft gemacht habe? Nunja, in die Badewanne und dann mit der Duschbrause weggespült... Ich schäme mich so sehr dafür, aber ich hatte schlichtweg keine 1,95 NG für Toilettenpapier. Es war so versifft alles. Lebensmittel kaufte ich nur die allerbilligsten Discount-Schnellessenprodukte. In der Regel Pizza. Täglich 3-4x. Dazu Leitungswasser. Ich wurde immer mehr zum Wrack. Aber ich fand das nicht schlimm, denn ich hatte mit meiner Existenz schon abgeschlossen und meine Psyche war ohnehin am Ende. Auch betäubten Drogen und Fappieren ja den Schmerz.
Einmal ließ ich die Wäsche 2 Wochen in der Waschmaschine, weil ich einfach zu depressiv war sie zu entfernen. Einmal aß ich 3 Wochen lang nichts, verspürte auch keinen großartigen Hunger, nahm dabei 13kg ab.
Irgendwann brach ich psychisch zusammen und ließ mich einweisen, ich machte eine Suchttherapie. Ich will dazu auch keine großen Worte verlieren, aber ich lebe heute ohne Drogen, bin Nichtraucher, trinke keinen Alkohol.

Ich kaufe jetzt sehr viel bewusster meine Lebensmittel ein, kaufe bewusst normale Produkte. Es fühlt sich so anders an. Es ist für mich immer noch so "wunderbar" an Alltägliches einzukaufen zu können. Ich kann das nicht beschreiben. Ich bin aber auch sehr geizig und schaue, dass das Geld immer reicht, damit ich auch weiterhin kaufen kann. Ich komme auch problemlos mit dem Geld hin, was ja früher undenkbar war.
Aber es ist auch etwas neues dazugetreten: Es fällt mir zunehmend schwieriger Billigprodukte zu kaufen. Häufig kaufe ich ausschließlich teure Markenprodukte bei Lebensmitteln usw. Einfach weil ich mir denke "du musst dir etwas Gutes tun, du hast dich jahrelang so selbst vernachlässigt, das für 8,99 NG geht jetzt völlig in Ordnung!". Mitleerweile entwickle ich gar eine regelrechte Phobie vor Billigprodukten, Discounter meide ich. Mein Hass auf Unterschichtiges steigt und steigt. Ich ekele mich vor allem was ungepflegt wirkt, warscheinlich als psychischer Selbstschutz oder so.
Aber das nimmt immer mehr zwanghafte Züge an. Ich putze hier täglich die Wohnung, achte penibel darauf, was ich noch verbessern könnte an dem Zustand der Wohnung, alles nur damit ich nicht an diesen degenerierten Zustand von vor einigen Jahren erinnert werde. Neulich habe ich fast 2 Stunden lang die Badewanne geschrubbt um etwaige Mikroreste der Kacke, die dort noch kleben könnte zu entfernen. Auch ekelt mich die Benutzung der Badewanne, weil dort noch etwas kleben könnte.
Muss ich mir langsam Sorgen machen?

katiemdaly Avatar
katiemdaly:#51788

Hol dir halt eine Putzfrau.

_vojto Avatar
_vojto:#51790

Von einer Sucht zur nächsten. Steig einfach auf geile Kinder um.

ryanmclaughlin Avatar
ryanmclaughlin:#51798

Mal mein primitiver Ratschlag:

Ich hatte mal den Tick, dass ich fünfmal nachschauen musste ob auch wirklich abgesperrt ist. Das hat sich dann so gesteigert und irgendwann wurde ich wirklich leicht neurotisch. Habe dann angefangen mich zu zwingen nur einmal und dafür ganz bewusst etwas zu machen. Seitdem wurde es besser und besser.
Ebenso hatte ich eine beschissene Kindheit und falle oft geistig in meine Vergangenheit zurück. Dann bin ich wieder schlecht drauf und richtig zornig. Aber mittlerweile zwinge ich mich dann abzulenken, und nun wird das auch immer besser.
Ich will dir deine Macke nicht wegreden, aber versuchst du überhaupt dagegen anzugehen? Was sind denn die Alternativen? Willst du nun gleich wieder Medikamente dagegen einnehmen? Steck dein Suchtpotential lieber in Sport, da ist das gut aufgehoben. Und dann überwinde dich und benutz einfach mal die Badewanne. Oder sag dir ganz bewusst: "Vor dem schlafen gehen putze ich noch 30 Minuten die Wohnung. Nicht länger."

smaczny Avatar
smaczny:#51822

Du gehst gerade an das andere Ende des Spektrums.
Sieh es allerdings als Teil einer Entwicklung an und steigere dich nicht zur sehr rein.
Nach gegebener Zeit wird sich eine Verhaltensnormalisierung einstellen.

sindresorhus Avatar
sindresorhus:#51830

Ich erkenne mich wieder

ademilter Avatar
ademilter:#51831

>>51786
Ach Bernd ich hab dich doch lieb, so wie du bist. Wie die Wohnung aussieht ist zweitrangig.

Aber dusch bitte, bevor du jemanden umarmst

vaughanmoffitt Avatar
vaughanmoffitt:#51839

Hallo Bernd,
halte das gar nicht für so ungewöhnlich. Du solltest darauf achten, dass du trotz teurer Lebensmittel o.ä. genug Geld übrig hast. Ansonsten ist dein Verhalten denke ich einfach aufholen vom Verpassten und gehört zu deiner weiteren Entwicklung. Mein Beispiel könnte man vielleicht auf deine Situation übertragen: Ich war ca. 2 Jahre magersüchtig, habe am Tag nur eine Wurzel oder ein Brötchen gegessen. Auf diese 2 Jahre folgte ganz plötzlich eine Fresssucht, ihr könnt euch nicht vorstellen, wieviel ich in mich reingestopft habe, alles in Massen, alles was immer "verboten" war. Das hat auch ca. ein halbes oder ein Jahr angehalten.
Danach konnte ich "normal" essen, habe glaube ich wieder ein normales Verhältnis zu essen, bin inzwischen normalgewichtig.
Mach dir nicht zu viele Sorgen, vielleicht ist das dein Weg in ein schönes Leben in einer schönen Wohnung. Ich hatte nie psychologische Hilfe, aber evtl würde dich das auf einem guten Weg unterstützen?!

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