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Veröffentlicht am 2016-01-07 02:06:46 in /we/

/we/ 51834: Wie handle ich damit, dass ich nie Liebe erfahren werde...

garethbjenkins Avatar
garethbjenkins:#51834

Wie handle ich damit, dass ich nie Liebe erfahren werde?

Es gibt natürlich unendlich Dinge die ich nicht erleben werde. Ich werde wahrscheinlich nie zum Mond fliegen, das Leben eines Millionäirs führen oder es mit einem Promi treiben. Aber das sind auch Dinge die mir nicht täglich ins Gesicht vorgehalten werden.

Ich habe leider kein Geld oder Talente um mich davon abzulenken.

rcass Avatar
rcass:#51835

>>51834
Du bist nicht gezwungen, niemals Liebe zu erfahren.
Bedenke: als Kind war dein Leben mal die reine Freude, Liebe, Spaß und Spontaneität.
Mit der Erziehung und dem Heranwachsen kam das Ich-Konzept in dir auf, und dein Umfeld und deine Eltern wirkten darauf ein, welches Verhalten von dir bei ihnen akzeptiert oder gar gewünscht sei und welches nicht.
So formt sich bei einem normalen Menschen die Persönlichkeit: ursprünglich ist er undefiniert, er ist furchtlos, fühlt sich grundsätzlich geliebt und freudenvoll (sieh dir einfach kleine Kinder an, sie sind auch mal traurig, aber sie können noch gar nicht in solchen Irrtümern versinken wie zu denken, dass es für sie keine Liebe gäbe).
Weil der Weg des Heranwachsens oft mit Kompromissen gepflastert ist, muss das Kind öfters Dinge zurückstecken, die ihm eigentlich sehr wichtig sind für sein Wohlbefinden und seine Freude. Dabei vergisst es auch, dass es selbst die Liebe ist, die es irgendwann vergeblich in der Welt sucht.

Stell dir dich vor wie einen Computer: du wurdest nach den Wertvorstellungen, Erfahrungen und Wünschen deines Umfelds programmiert (erzogen) und das kann die Erfahrung von Selbstliebe stark dämpfen. Aber sie ist immer noch da, die Liebe geschieht durch dich selbst. Nur wenn du die Liebe in dir selbst zulässt, ziehst du wiederum Menschen an, die dich lieben.
Aber es ist machbar:
Bedenke: das, was du dein Ich nennst, ist eigentlich die winzige Spitze des Eisbergs deines ganzen Bewußtseins.
Dein Ich (oder dein Ego) ist sowas wie ein Spotlight oder Cursor, das sich auf deine bewußten Fähigkeiten und Erfahrungen richtet.
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FEHLERQUELLE UND LÖSUNG
Wenn nun in deinem bewußten Erleben, sozusagen in deinem Arbeitsspeicher, das Empfinden für deinen wirklichen Selbstwert und das Gefühl der Selbstliebe nicht präsent ist, bedeutet es, dass du noch nach der elterlichen und gesellschaftlichen Programmierung läufst.

Denn du selbst würdest dich niemals vom grundsätzlichen Gefühl der Selbstliebe entfernen - Eltern allerdings binden ihre Vergabe von Bestätigung, Sympathie und Liebe allerdings öfters an die Erfüllung von Bedingungen, soll heißen: du wurdest belohnt, als du etwas getan hast, was dem Umfeld gefiel, und bestraft, was das Umfeld störte.
Weil du, wie es normal ist, so Belohnung und Bestrafung meist von außen erfahren hast, hängst du nun emotional in der Luft.

Was du tun musst, ist, dich aktiv und ohne auf die Meinung anderer zu hören, mit all den Dingen zu beschäftigen, die dir gefallen und Freude machen.
Es ist das Standardsetting jedes Lebewesens, Liebe zu empfinden, die Liebe zu sich selbst.

Nimm dir Zeit, um zu sehen, dass du wie so viele Menschen etwas im Stich gelassen wurdest, weil man dich zwar für die Anforderungen deiner Eltern erzogen hat, aber dir niemals einen Kurs in Selbstständigkeit gegeben hat - deshalb läufst du wie 90% aller Menschen noch mit dem veralteten Betriebssystem namens Elterliche Erziehung. Viele scheint es nicht zu stören, und da kann man und braucht man nichts machen. Aber wenn man an seinem Zustand leidet, mache ein Update!

nateschulte Avatar
nateschulte:#51836

>>51835
Muss sich echt toll angefühlt haben diesen Post abgeschickt zu haben. Hat dich vermutlich mit einer Menge Selbstliebe erfüllt. Ist nicht schlimm, würde mir genauso gehen.
Leider ist was du verzapfst trotzdem nicht gerade hilfreich. Als wäre es so einfach, sich von Konventionen zu lösen. Zumal locker 95% oder mehr der elterlichen Erziehung einfach notwendig ist, um in der Gesellschaft zu überleben. Würde man alles sofort ablegen, was einem mal in die Quere kommt, würde man zusehends zu einem nicht sozialfähigen Menschen verkümmern. Man muss also selektieren. Aber nach welchen Maßstäben? Wie soll man das System der eigenen Verhaltens- und Empfindensmaßstäbe aus sich selbst heraus beurteilen? Ohne festen Fixpunkt ist das einfach unmöglich.

markmushiva Avatar
markmushiva:#51837

>>51836
Da hast du natürlich Recht. Dazu muss gesagt sein, dass es in gewisser Weise auch gewollt ist, dass die Menschen sich nicht kritisch mit ihrer Erziehung auseinandersetzen sollen, weil das zur Folge haben könnte, dass sie selbständig werden und ihre Werte nur noch aus sich selbst schaffen.
Sicher ist das nicht einfach. Aber ein anhaltendes Unwohlsein, Lustlosigkeit und das Gefühl nicht geliebt zu werden, hängt in den meisten Fällen eben mit den Schattenseiten der eigenen Erziehung zusammen.

Und es stimmt, auf keinen Fall sollte man (kann man es denn überhaupt?) alles Gelernte auf einmal vergessen. Aber mit einer wichtigen Sache sollte man anfangen: nachfragen, was einem im eigenen Leben wichtig ist.
Es ist nicht unüblich, dass Menschen durch ihre Erziehung auf ihre Bezugspersonen eingestellt werden und Lob und Tadel von ihnen ganz über ihre Befindlichkeit bestimmt.
Aber die Fixierung auf die Bezugspersonen, wenn man schon ganz auf den eigenen Beinen stehen sollte (besonders emotional), kann leicht zu Schwierigkeiten und neurotischen Zuständen führen.
Es gibt Leute, die verspüren Schuld und Scham, noch lange, nachdem ihre Eltern gestorben sind, weil Mutter und Vater längst zu einer Art autonomen Einheit in ihrem Denken geworden sind, so wie Engel und Teufel im Donald Duck-Trickfilm, die dir auf der Schulter sitzen.
Darum ist es essenziell, die eigene Stimme der Seele wiederzufinden. Überall, wo man Mangel, Angst, Scham oder Schuld verspürt, kann man davon ausgehen, dass dies das Ergebnis der Sozialisierung durch Bezugspersonen ist, denn Kinder empfinden ursprünglich keine Schuld, ihr Grundzustand ist das arglose und unschuldige Verlangen, das Verlangen nach dem Befriedigen der Wünsche und der Spieltrieb.
Die Erziehung ist dazu da, um das Kind für die Gesellschaft anzupassen. Es kommt dabei gelegentlich vor, dass die Erziehung so stark auf das Kind einwirkt, dass dabei sein natürlicher Lebensimpuls gehemmt wird. Und Lebensimpuls ist beinahe selbstbedeutend mit Selbstliebe.
Selbstliebe wird unterdrückt, wenn man überall erzählt bekommt, dass das eigene, natürliche Verhalten schlecht sei, dass es falsch sei, bestimmte Dinge zu tun, obwohl sie Spaß machen. Natürlich hast du Recht, dass die Erziehung viele nützliche Seiten hat, denn wer würde kritisieren wollen, dass er stubenrein ist?
Aber jeder, der sich innerlich so geknickt fühlt, sollte sich Zeit in Ruhe nehmen, um darüber nachzudenken, ob das Gefühl der Liebe nicht einfach nur unterdrückt worden ist. Es ist immer noch da, aber es ist gefesselt und eingeschnürt. Es kann nicht sterben, aber es hat einen Vorteil, wenn man es in sich wiederentdeckt und nährt, indem man sich auf die Dinge konzentriert, die einem gefallen, die Spaß machen, gut tun und sich gut anfühlen. Dann kommt die Selbstliebe von selbst wieder zum Vorschein.

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