Krautkanal.com

Veröffentlicht am 2016-03-02 02:06:12 in /we/

/we/ 52110: Ach, Bernd. Was sind eigentlich richtige Freunde? Hast ...

iamglimy Avatar
iamglimy:#52110

Ach, Bernd. Was sind eigentlich richtige Freunde? Hast du richtige Freunde - gibt es so etwas heutzutage überhaupt noch?

Dieser Bernd hatte zu keiner Zeit in seinem Leben nie "Freunde", wenn man diese denn so bezeichnen kann. Mein Freundeskreis war jedoch immer sehr überschaubar; vor anderen meinte ich guten Gewissens, dass ich lieber weniger Freunde hätte, dafür jedoch Gute. Die wenigen Menschen, die ich im Leben hatte, waren mir immer sehr wichtig und ich war immer für sie da, wenn es ihnen schlecht ging. Die Alte macht Zuhause Stress und hat dich rausgeworfen? Kein Problem, auf Bernds Sofa ist ein Platz frei. Du hast kein Geld brauchst aber gerade unbedingt x? Kein Ding, Bernd leiht dir Geld mit dem Wissen, dass ich es schon irgendwann wieder bekommen werde. Beziehungsstress, Trauerfall - egal was, ich habe mich immer bemüht, solchen Situationen angemessen zu begegnen. Solche Dinge sind für mich selbstverständlich in einer Freundschaft.

Ich selbst bin anspruchslos, trotz meiner psychischen Krankheiten, von denen besagte Freunde auch wissen, mir immer gut zu reden, etwas zu unternehmen, vermitteln usw. Eines Nachts jedoch hatte Bernd einen psychischen Zusammenbruch, war nur am heulen, lief desorientiert durch die Stadt usw. und habe verzweifelt versucht, irgendjemanden zu erreichen; unter anderem eine Person, von der ich soweit dachte, er sei mein "bester Freund". Ich wurde gnadenlos im Stich gelassen, abgewürgt. Auch danach noch - Kontaktstille. Es scheint, als habe er begriffen, dass ich wirklich "krank" bin und nun diese distanzierte Haltung kommt. Von den anderen kam später am nächsten Tag auch nur. "Dscheiße, Bernd, hatte Handy auf lautlos" bla bla - schön und gut, mag ja sein, aber auch danach keine Anzeichen, auf mich zuzukommen, nachfragen, wie es mir denn jetzt geht. Erwarte ich zu viel? Sind für solche Momente Freunde nicht da? Bin ich zu unfair und ist es am Ende nur eine menschliche Reaktion, sich angesichts einer Situation zu distanzieren, von der man sich überfordert fühlt?

Ich wollte den psychiatrischen Notdienst anrufen, erreichte aber zum Glück einen alten Freund, mit dem ich eigentlich nicht mehr viel Kontakt hatte, dieser hat beruflich mit Ex-Drogis zu tun und wusste, wie er mich in dieser Situation zu behandeln hat, hat sich Zeit genommen, auch noch am nächsten Tag und folgend.

Anscheind war das genau dieser Moment, indem man merkt, wer eigentlich ein "wahrer" Freund ist, wenn man völlig am Ende ist. Nicht derjenige, der sich regelmäßig meldet, mit dem man häufig etwas unternimmt, sondern ein Mensch, der auch da ist, um dich aus der Scheiße zu ziehen.

Nichtsdestotrotz bin ich unglaublich frustriert. Faden kann auch gerne von anderen Bernds genutzt werden, um sich über diese Problematik auszukotzen. Habe fertig.

rawdiggie Avatar
rawdiggie:#52111

Fehlt Dir etwas, hast Du Kummer, Unglück, leidest Du Mangel, reichen Vernunft, Grundsätze und guter Wille nicht zu, so klage Dein Leid, Deine Schwäche niemand als dem, der helfen kann, selbst Deinem treuen Weibe nicht! Wenige helfen tragen; fast alle erschweren die Bürde; ja! sehr viele treten einen Schritt zurück, sobald sie sehen, daß Dich das Glück nicht anlächelt. Sobald sie aber gar wahrnehmen, daß Du ganz ohne Hilfsquellen bist, daß Du keinen geheimen Schutz hast, niemand, der sich Deiner annimmt –o! so rechne auf keinen mehr! Wer hat den Mut, einzig und fest als die Stütze des von aller Welt Verlassenen öffentlich aufzutreten? Wer hat den Mut, zu sagen: »Ich kenne den Mann; er ist mein Freund; er ist mehr wert als ihr alle, die ihr ihn schmähet«? Und fändest Du ja einen solchen, so würde es doch nur etwa ein andrer armer Teufel sein, der selbst in elenden Umständen, aus Verzweiflung sein Schicksal an das Deinige knüpfen wollte, dessen Schutz Dir mehr schädlich als nützlich wäre.

Aus "Über den Umgang mit Menschen", Knigge

ma_tiax Avatar
ma_tiax:#52112

Je nachdem ist auch trotz guter Freundschaft eine distanzierte Haltung, wenn es um das Thema Krankheit geht, eigentlich normal (leider).

Es ist dabei mehr die Angst vor dem Unbekannten und damit Überfordert zu sein, vielleicht auch ein weit Stück Scham (was sie wahrscheinlich damit in der Situation auch waren)

Drogi-Helfer-Freund waren solche Situationen ja nicht so fremd, deshalb konnte er auch besser damit handeln und hat sich um dich gekümmert.

Generell würde ich dir raten mit deiner Art (guter Froind sein etc.) einfach weiter zu machen.

Dass sie sich nicht nach deinem Zustand hinterher erkundigt haben, finde ich zwar auch schwach aber wahrscheinlich versuchten sie Thema aufgrund der oben beschriebenen Angst zu verdrängen.

Auch wenn ich jetzt deine Freunde verteidigt habe, stimmt dein Satz:

"Anscheind war das genau dieser Moment, indem man merkt, wer eigentlich ein "wahrer" Freund ist, wenn man völlig am Ende ist. Nicht derjenige, der sich regelmäßig meldet, mit dem man häufig etwas unternimmt, sondern ein Mensch, der auch da ist, um dich aus der Scheiße zu ziehen."

Unternimm doch mal wieder mehr mit dem Drogi-Helfer-Froind.
Menschen in sozialen, karitativen, oder Berufen im Gesundheitssystem (Pfleger, Ärzte, Sanis) sind meist Menschen mit hoher Empathie und die kannst du auch nachts um 4 anrufen, wenn Not am Mann ist.

donjain Avatar
donjain:#52113

deswegen fragt dieser Bernd gar nicht erst nach Hilfe

clementc Avatar
clementc:#52116

Bernd hatte seine letzten "echten" Freunde vor 15 Jahren, lebt seither auch auf eigenen Beinen und war auf keiner Party oder sonstigen soz. Veranstaltung mehr (eingeladen).

Wirklich allein ist man natürlich nie, Arbeitskollegen und Nachbarn belästigen einen nach wie vor, aber glücklich macht diese Situation ebenso wenig. Vor einigen Wochen bekam ich einen neuen Kollegen zugestellt welcher mich auf seine "Männerabende" einlud. So gerne ich dem zugestimmt hätte, es gäbe für mich nichts unangenehmeres, als seine Freizeit mit anderen Menschen zu teilen.

sindresorhus Avatar
sindresorhus:#52118

Harro Bernd.
Deine Situation ist sicherlich schmerzhaft. Ich selbst habe auch ähnliche Erfahrungen gesammelt und ein paar Erkenntnisse daraus gewonnen:
Die Sehnsucht nach Freunden, die dich unterstützen und dein Leid teilen scheint eine Art Problemlösung darzustellen. Natürlich ist es leichter, wenn man unterstützt wird und Hilfe bekommt.
Aber: Wenn man sich überlegt, wie Beziehungen jeglicher Art funktionieren dann kommt man - oder zumindest ich - zu dem Schluss, dass alle Beziehungen zwischen Menschen zunächst aus einer egoistischen Grundmotivation entstehen. Eine Person ist interessant wenn tolle Hobbies hat, man mit ihr Sachen unternehmen kann, gute Gespräche führen oder sie einen unterstützt. Das alles sind Dinge, die für einen selbst einen Zugewinn darstellen. Auch für andere da zu sein gibt einem das Gefühl wichtig zu sein - auch eine egoistische Motivation.
Ich ziehe daraus den Schluss, das der selbstlose Freund eine Illusion ist. Das muss nicht so pessimistisch sein wie es sich anhört. Eine gute Freundschaft muss nicht vollständig ausgeglichen sein. Aber sie muss funktionieren, also für alle Parteien einen Vorteil bieten. Sonst würde das Interesse verloren gehen.
So ist es mir schon einige Male passiert, auch bei Freundschaften, die wertvoll waren. Bei anderen gab es lediglich ein Ungleichgewicht oder sogar eine Abhängigkeit.
Ich selbst habe hohe zwischenmenschliche Standards und Erwartungen. Ich verlange, ähnlich wie du, ein Selbstverständnis von Hilfsbereitschaft, Zuverlässigkeit und mit Respekt behandelt zu werden. Das schränkt meinen 'guten' Freundeskreis zwar erheblich ein, aber auf die zwei Freunde die ich habe kann ich mich verlassen und enttäuschen mich nicht.

Berndi, du kannst neue Freunde finden. Es ist extrem mühsam aber möglich. Werde dir darüber klar, was du verlangst und welche Ansprüche du hast aber auch, was du in einer Freundschaft bieten kannst und welche Qualitäten du besitzt.Erforsche ob die Personen deines Bekanntenkreises deinen Kriterien entsprechen können und sei konsequent. Streng dich für Beziehungen, die du intensivieren willst, an und versuche oberflächliche Kontakte nicht überzubewerten.

buddhasource Avatar
buddhasource:#52148

Danke für die Antworten.

>>52112
>Unternimm doch mal wieder mehr mit dem Drogi-Helfer-Froind.
Wir haben seitdem wieder guten Kontakt. Zwar etwas merkwürdig, dass "so etwas" als Auslöser dienen musste, aber ich bin doch froh drüber. Besagte Freunde, die mich im Stich ließen, haben sich übrigens nach einer Woche wieder gemeldet und so getan, als sei nie etwas gewesen. Naja..

>>52116
Ich war viele Jahre lang allein und habe mich damit auch halbwegs abgefunden gehabt. Im Dorfkaff war es unwahrscheinlich, dass man Menschen mit ähnlichen Interessen zu finden. Das hatte sich mit dem Umzug geändert, aber allmählich merke ich, dass diese phantastischte Idealvorstellung von Freunden eben nicht der Regelfall ist, sondern nur auf Einzelpersonen zutrifft.

>>52118
Ich habe auch noch eine ganze Weile darüber nachgedacht und schließe mich dir an, was deine Einschätzung geht, also Egoismus als antreibende Kraft von Freundschaft, ohne es allzu negativ klingen lassen zu wollen. Das ändert jedoch nichts daran, dass ich meine Standards ändere - ich werde zukünftig mein "Geben" jedoch einschränken, das habe ich aus diesem Erlebnis gelernt. Hilfsbereitschaft erfahren nur noch Menschen, die mit mir genauso umgehen. Ich hatte trotz meiner Verbittertheit immer geglaubt, dass - wenn man etwas zum Guten wenden will - der erste sein muss, der den Schritt geht, aber ich habe eingesehen, dass das Schwachsinn ist, wenn bestimmte Ansichten von anderen nicht geteilt werden.

Ich weiß gerad nicht, ob das hier Sinn ergibt, bin betrunken..aber ja, zumindest hat das Erlebnis und das Darauffolgende irgendwie etwas verändert. Vielleicht nicht unbedingt etwas Schlechtes..

linux29 Avatar
linux29:#52149

Harro Bernd.
Ich kenne dein Fühl, ich war immer der der hilfsbereit war, aber wenn ich mal Probleme hatte war niemand da, das fühlte unglaublich schlecht.
Danach war ich arreine.
Habe auch einige Zeit hart versucht zu sozialisieren, aber das war ein Schuss in den Ofen.
Die Leute wollten mich nicht meer integrieren, weil ich scheinbar keinen Meerwert biete für sie.
Dabei empfinde ich mich selber als interessiert und bin auch sehr sportlich, dadurch sind Gespräche über ALLES.jpg oder viele gemeinsame Unternehmungen möglich z.B. Kino, Essen gehen, Schwimmen gehen, lange Radtouren, "Feiern" oder ähnliches, ich bin für jeden Spaß zu haben.
Eigentlich.
Mittlerweile sind andere Menschen unglaublich uninteressant geworden, weil sie keine wirklichen Interessen haben, jedenfalls empfinde ich das so.
Die meisten scheinen nur in den Tag hinein zu leben und gehen am Wochenende auf Partei, damit kombe ich nicht wirklich klar, auch sind die gemeinsamen Gesprächsthemen eher eingeschränkt, weil sie meistens nicht wissen wovon man redet oder sie reden über Personen die ich nicht kenne, da sie mich nicht integrieren.
Jetzt ist es halt so, Bernd hat akzeptiert keine "Froinde" zu haben und kann damit handeln.

Folgende Fragen stellen sich mir:

Hat Bernd ähnliche Erfahrungen machen können?
Bin ich in Wahrheit der Langweiler und nicht die anderen?

davidbaldie Avatar
davidbaldie:#52162

>>52149
Also ich komme auch nicht mit den Vorlieben der Leute um mich herum klar, aber ein bis zwei davon sind immer noch meine Freunde. Man trifft sich halt kaum, und ist auch etwas umgeschickt im Umgang, aber das, finde ich, sind wahre Freunde, die auch so Außenseiter/Alleingänger wie uns nicht verschmähen.

evandrix Avatar
evandrix:#52183

Bernd, was genau sind denn richtige Freunde? Für mich steht über allem meine Familie. Meine Mutter, mein Vater und meine Schwester sind für mich die wichtigsten Menschen, denen ich ausnahmslos vertraue. Immer wieder stelle ich fest, wie wertvoll eine heile Familie doch ist und wie selten das leider geworden ist. Irgendwie bin ich gar nicht darauf auf viele Freunde zu haben, weil ich schon Menschen habe, auf die ich mich verlassen kann und umgekehrt.
Ich hatte früher einen besten Freund, mit dem ich schon vor dem Kindergarten im Sandkasten saß und eigentlich täglich was mit ihm gemacht habe. Kindergarten, Grundschule und das Gymnasium durchliefen wir gemeinsam, bis er nach der 9. Klasse auf die Realschule wechselte. Die Freundschaft ebbte langsam, aber sicher ab. Wir haben uns nie gestritten, hegen kein Hass gegeneinander, aber die Freundschaft ist halt einfach „versandet“, weil man einfach immer weniger zu tun hatte – so ist das halt. Und auch sonst, gibt es nicht mehr so viele Schulfreunde, mit denen ich zu tun habe. Mit einem Schulfreund schreibe ich häufig und treffe ihn auch alle paar Monate mal wohnt in einem anderen Bundesland, aber die Schulfreunde wurden zum größten Teil durch Studienfreunde ersetzt. Und auch jetzt wo ich mit dem Studium seit ein paar Jahren durch bin und arbeite, merke ich wie einige Freundschaften langsam weniger werden, dafür intensivieren sich die Beziehungen mit meinen Kollegen.

Bernd, Freunde kommen und Freunde gehen. Nur deine Familie bleibt bis an dein Lebensende an deiner Seite, merk dir das. Bei mir ist nie eine Freundschaft mit einem Knall auseinander gegangen, nie habe ich mich mit jemandem zerstritten. Trotzdem ebbt es halt immer wieder ab, dafür kommen wieder neue Leute.

kinday Avatar
kinday:#52194

Freunde kommen und gehen?Eine wahre Freundschaft kann nur der Tod beenden.

thehacker Avatar
thehacker:#52201

>>52194
Und in welchem Hollywood-Film hast du diese Weisheit aufgeschnappt? Blut ist dicker als Wasser, nur deine Familie bleibt bis zum bitteren Ende an deiner Seite.

illyzoren Avatar
illyzoren:#52202

OP Bernd, diesem Bernd ging es genauso.
Bei mir war es eher Jobverlust und Tot eines Elternteils. Bernd hatte ordentlich gespart, um sich auf bescheidenem Niveau ein Studium zu gönnen. Freunde waren alle in Kinder und Familienphase.(30.)
Plötzlich war Bernd mit 34 der Unterhund, der gerne eingeladen wurde, um sich über Ihn zu amüsieren. War ein schreckliches Gefühl.

Ursache: Bernd hatte nicht gelernt, wie Narzissmus funktioniert. Dadurch hatte Bernd sich Tretminen in den Weg gelegt, die durch seine vermeintliche Schwäche (einziger nicht Akademiker, kleine Wohnung...) zu Detonation gebracht wurden. Ein Teufelskreis nach unten, fast hätte Bernd den Verstand verloren.

Ein Narzisst braucht Deine Schwäche, um sich gut zu fühlen. Er macht Dich unsicher, um Dich zu kontrollieren, er manipuliert Dich, ohne das ein Bernd das jemals merken kann.
Du hast ein gutes Herz und dass macht Dich angreifbar.
Darum liebe Bernds: Lernt inzu NARZISSMUS!!!
Nicht den literarischen, sondern den psychologischen. Beginnt hier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Pers%C3%B6nlichkeitsst%C3%B6rung#Narzisstische_Pers.C3.B6nlichkeitsst.C3.B6rung

Dieser Bernd teilt von nun an seine Umgebung in Narzissten und normale Menschen, das sind genau die ein Gewissen haben und Bernd in Not wirklich helfen. Das kostete Bernd 50% des Freundeskreises, in den Bernd, genau wie Du, viel 'investiert' hatte. Nun ist Bernd um 300% freier und unabhängiger.

ntfblog Avatar
ntfblog:#52205

>>52201 Dann hast du keinen Freund und auch noch nie einen verloren

Neuste Fäden in diesem Brett: