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Veröffentlicht am 2016-06-08 20:32:2 in /we/

/we/ 52529: Hirn degeneriert?

giuliusa Avatar
giuliusa:#52529

Haben andere Bernds je das Gefühl gehabt dümmer anstatt klüger zu werden mit dem Alter?

Bevor ich 20 wurde war ich recht fleißig was das Lernen betrifft und konnte anspruchsvolle Literatur bewältigen. Nun fühle ich mit jedem vergehendem Jahr dass ich mehr Dinge vergesse und nur noch Fiktion auf einem niedrigen Niveau ertrage.

andrewgurylev Avatar
andrewgurylev:#52531

Kann mich damit identifizieren. Früher: Sehr gute Noten, Abschluss als Schulbester, Arthouse Filme allewo, Klassische Musik. Heute: buchstäblich Hartz IV, Lange Texte werden nur noch überflogen, hirnlose Unterhaltungsfilme, höre das was gerade im Radio läuft.

Habe darüber nachgedacht warum es so ist und ich kam zum Schluss, das es meine unbehandelte Depression gepaart mit einem Aufmerksamkeitsdefizit sein muss.

woodydotmx Avatar
woodydotmx:#52535

Ja, ich habe dieses Gefühl schon lange.
Hauptsächlich aber in Bezug auf mein Gedächtnis. Ich habe einen enormen Wandel in meiner Auffassungsgabe und meinem Erinnerungsvermögen in den letzten ca. vier Jahren festgestellt.
Ich kann neue Informationen einfach nicht mehr erinnern. Oder nur mit enormem Lernaufwand. Ein prägnantes Beispiel: ich hatte mich vor mehreren Wochen mit einem Freund getroffen und es kamen noch drei (mir unbekannte) Freunde von ihm dazu. Wir saßen in einem Biergarten und ich habe es über den gesamten Abend nicht geschafft, mir alle drei Namen auf einmal zu merken. Immer, wenn ich mich an ein oder zwei Namen erinnern konnte, fiel der letzte / die letzten einfach aus meinem Kopf wieder heraus.
Klar - Namen zu erinnern, das fällt vielen Menschen schwer. Aber ich wurde immer wieder an die Namen erinnert. Wir saßen ca. drei oder vier Stunden an einem Tisch. Schlussendlich habe ich in einem unbemerkten Moment die Namen in meinem Handy notiert und immer mal wieder beiläufig drauf gesehen, um dann die einzelnen Personen anzusprechen. Das ist doch nicht normal.

Andere Probleme sind auch: Ich kann mich ganz oft an einzelne Episoden aus der direkten Vergangenheit einfach nicht mehr erinnern. Beispiel: Ich war gerade noch eine Zigarette auf der Terrasse rauchen, kann mich noch erinnern, wie ich zur Wohnungstür wieder rein bin und kurz auf Toilette war. Was ich dann aber bis jetzt (ich sitze am PC) gemacht habe, weiß ich nicht mehr. Also klar, ich "weiß", dass ich einfach zu meinem PC gelaufen bin und mich hingesetzt habe. Aber ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie ich es gemacht habe. Ich habe keine bildliche Erinnerung mehr daran. Und das ist jetzt keine 15 Minuten her.

Ich vergesse außerdem Informationen direkt, nachdem ich sie gehört habe. Jemand sagt mir einen Straßennamen + Hausnummer. Ich versuche es schon gar nicht mehr, mir zu merken. Ich weiß, dass ich eh in 30 bis 60 Sekunden den genauen Wortlaut vergessen habe.

Es ist deprimierend, Bernd. Ich habe Angst.
Ich weiß, dass es sehr häufig vorkommt, dass sich bei einer Depression eine Pseudodemenz einstellt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich depressiv bin. Ich kenne die Diagnosemanuale und erfülle bei allen die Kriterien für eine mittelgradige / schwere depressive Episode.
Aber ich will mich nicht behandeln lassen, ich habe viel zu viel Scheu davor und außerdem glaube ich nicht, dass man mir helfen könnte. Ich habe keine tiefgründigen Probleme. Es ist einfach alles nur mühsam.

Außerdem bemerke ich, dass ich physisch immer mehr verlangsame. Wortwörtlich. Ich rede immer langsamer, ich gehe immer langsamer, ich rede immer leiser. Ich denke langsamer, ich verstehe langsamer.

Meine einzige Hoffnung ist, dass ich mich irgendwann wieder fange und diese (hoffentlich) Pseudodemenz wieder verschwindet.
Ich will nicht in zehn oder zwanzig Jahren eine erinnerungsloses Gemüse sein, welches rund um die Uhr versorgt werden muss, weil es unfähig ist, den eigenen Alltag zu bewältigen.

mylesb Avatar
mylesb:#52538

>>52535

Ohje Bernd, konnte mich mit dem ersten Teil deiner Geschichte voll und ganz identifizieren. Der Prozess des Gedächtnisverlusts oder die fehlenden Episoden im Kurzzeitgedächtnis. Bei mir ist es oft auch noch das Erzählte von anderen, das mir abhanden kommt. Früher war ich auch so fit im Kopf, immer eine scharfe Auffassungsgabe und auch nicht gerade unschlagfertig. Heute muss ich mich beinahe auf Gespräche vorbereiten und mich während längeren Gesprächen selber daran erinnern, nicht den Fokus zu verlieren.
Das mit der Depression macht mir ehrlich Sorgen. Kannst du vielleicht deinen Zustand näher beschreiben? Ich verspüre bei mir auch seit geraumer Zeit eine immer stärker werdende Abgespaltenheit mit der Welt: Emotionen sind nicht sehr stark (außer 1-2 Mal im Jahr, da kommt dann für 20 Minuten alles raus), vieles fühlt sich nicht sonderlich real an (Berührungen usw.)... das war früher doch einmal anders!

Ich hatte bisher immer die Auswirkungen meines Lebensstils für die Gründe gehalten. Häufiges lauern, das benutzen von Suchmaschinen usw. sind der Funktionalität des Gehirns wahrscheinlich auch nicht gerade gütlich. Immerhin habe ich nicht mehr so starke Wortfindungsschwierigkeiten wie vor einem halben Jahr oder mir fällt es einfach nicht mehr auf ._. Erzähl doch mehr von dir.

Hoffentlich hast du diesen Thread noch nicht vergessen und antwortest bald!

grrr_nl Avatar
grrr_nl:#52539

>>52529
>Haben andere Bernds je das Gefühl gehabt dümmer anstatt klüger zu werden mit dem Alter?
Im Gegenteil. Seit ich den Sprung vom Studentenkrebs zum Schaf gemacht habe, lerne ich jeden Tag mehr als in den Jahren davor. In meiner Freizeit schalte ich mein Hirn aber bewusst ab, in dem ich z.B. Gegenschlag spiele oder irgendwelche Krebsmongos im Zwischennetz trolle.

>Bevor ich 20 wurde war ich recht fleißig was das Lernen betrifft und konnte anspruchsvolle Literatur bewältigen.
Ich war nie fleißig bzw. habe nie "gelernt", sondern saß halt im Unterricht/in der Vorlesung und habe dann halt die Klausuren irgendwie bestanden.

>anspruchsvolle Literatur
Ich lese nur punktuell bzw. wenn ich eine bestimmte Information suche.

>Nun fühle ich mit jedem vergehendem Jahr dass ich mehr Dinge vergesse und nur noch Fiktion auf einem niedrigen Niveau ertrage.
OP, ich glaube, dass du dein Hirn viel zu sehr mit sinnloser Scheiße flutest, anstatt dich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Fiktion habe ich das letzte Mal mit 12 gelesen, danach habe ich es dann als Zeitverschwendung betrachtet und mich Sachbüchern zugewendet, die ich – wie gesagt – nur punktuell lese.

thinkleft Avatar
thinkleft:#52540

>>52538
>Hoffentlich hast du diesen Thread noch nicht vergessen
Nein.

Bist du OP?

Zu meiner Situation:
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich bin nicht traurig, ich bin auch durchaus in der Lage Glück in manchen Situationen zu verspüren. Nur gibt es leider in letzter Zeit immer weniger solcher glücklichen Momente. Und das liegt daran, dass ich immer mehr vereinsame. Ich bin Mitte zwanzig, Studentenkrebs (im Bachelor), wohne aber nicht in der Stadt, in der ich studiere und auch nicht in der, in der mein alter Freundeskreis war. Ich treffe mich im Schnitt vielleicht alle zwei bis drei Wochen einmal mit einem Freund, ansonsten habe ich nur Kontakt zu den Leuten während der Vorlesung und platonischen (aber regelmäßigen) Kontakt zu meinen Eltern. Welche getrennt leben.
Ich mache regelmäßig Sport, aber es gibt schon seit einiger Zeit keine Fortschritte mehr. Ich sehe nicht komplett scheiße aus, aber ich habe ein Bubi-Gesicht und man sieht mir an, dass ich Introvertiert bin. Mein Vater ist nicht Oberschicht, aber verhältnismäßig wohlhabend. Mir wird viel Geld in den Arsch geschoben. Aber nur in Form von Miete, Essen, Auto, etc. Also halt Fixkosten. Kein wirkliches Bargeld, was ich frei zur Verfügung hätte. Deswegen bin ich faktisch gesehen nicht selbst reich. Was bringt es mir, wenn ich in einem besseren Viertel eine eigene Wohnung habe, aber kein Geld für Kleidung oder Freizeit habe? Ich würde lieber in einer ranzigen Bude leben und dafür mehr Kohle zur Verfügung haben. Aber ich denke, ich muss wohl dankbar dafür sein, was ich habe. Und ja, ich bin DER Studentenkrebs, den hier alle hassen. Dumm, unmotiviert, nur studierend, weil ich halt sonst nichts wusste. Es tut mir leid, aber das bin halt ich. Trotzdem habe ich ein beschissenes Leben und wünsche mir jeden Tag zu sterben. Und das vermutlich zu recht.

Das, was du beschreibst (oder zumindest, das, was ich darin erkenne) hatte ich auch lange Zeit: Depersonalisation/Derealisation. Das "Gefühl", dass man nicht mehr fest mit seinem Körper verbunden ist. Alles klingt dumpf und monoton, Bewegungen werden nicht mehr von der eigenen Person ausgeführt, sondern werden nur aus der 3rd Person beobachtet. Emotionen fühlen sich nicht mehr real an, Berührungen fühlen sich nicht mehr real an. Und alles ist einfach so unendlich weit weg von einem, man ist wie in einer Traumwelt gefangen und eigentlich nur noch Beobachter.
Dazu ständige Müdigkeit und totale Apathie.

Glücklicherweise hat es bei mir nach Jahren aufgehört, aber es war die absolute Hölle. Ich will das nie wieder erleben müssen.

Ansonsten. Hm. Was willst du genau über mich wissen?
Ich hatte mal ein gf, bin aber dick auf die Fresse damit gefallen. Die Geschichte kannst du hier auf /we/ in dem Faden mit Pepe nachlesen, in dem ein OP fragt, wie es ist, ein gf zu haben. Ich bin der mit dem langen Text.

Ich hoffe, dass es sich für dich bessert :3

adhiardana Avatar
adhiardana:#52541

>>52540

Nein. Nicht OP. Verzeihung wenn der Text etwas unelegant klingt, aber ich bin etwas aus der Übung!

Es ist erstaunlich, wie sehr sich unsere Lebensläufe ähneln:
Ich bin ebenfalls Mitte 20, studiere im nahegelegen Ausland, bekomme Miete und Lebensunterhalt von den mittelschichtigen Eltern finanziert. Ich laufe allerdings mit eher teureren Klamotten herum, weshalb meine "Bekanntschaften" hier alle annehmen ich müsse Zuhause in Deutschland wohl ein ziemliches Vermögen besitzen. Naja, es sind und bleiben eben Bekanntschaften. Ein wahres Gefühl von Kameradschaft will nicht so recht aufkommen, aber das mag auch an den sprachlichen Barrieren liegen, die so ein Leben im Ausland eben mit sich bringt. Meine körperliche Verfassung ist deiner vermutlich ähnlich, ich gehe regelmaeßig zum Sport (Fitnessstudio und habe vor kurzem das Schwimmen für mich entdecktweil man dort gut von den eigenen alltäglichen Sorgen abschalten kann und ernähre mich "eher gesund". Dementsprechend sieht mein Körper ganz in Ordnung aus! Allerdings leide ich an einem Problem kosmetischer Natur, dass mich mehr und mehr verunsichert und mich zunehmend zu isolationistischem Verhalten treibt. Zur Korrektur bin ich irgendwie zu feige.
Ferner bin ich sozusagen auch Busfahrer, da langjährige Beziehung hinter mir, die ich dann aber verpasst habe nach meinem Willen zu gestalten und die in der von dir angesprochenen Apathie eingangen ist. War nicht nur meine Schuld, die Mulle hatte auch ihre Probleme, aber das ist eine andere Geschichte. [/[spoiler] Seitdem vergucke ich mich meist nur sporadisch in irgendwelche Mädchen und zwar genau die, die mir ein klein bisschen Beachtung schenken.

Aber zurück zum Thema. Werde mir deinen Gf-Pfosten gleich einmal zu Gemüte führen!
Vorerst aber noch ein par Fragen an dich: Deine Depersonalisation hat einfach aufgehört? Hast du mit einer Verhaltungsänderung dagegengesteuert oder vermutest du vielleicht einen unbewussten Grund für den Wechsel? Zu sterben wünsche ich mir zum Glück nicht, irgendwie sitze ich das ganze schon seit Jahren aus.
Denkst du denn, es liegt in deiner Hand deinen Zustand zu ändern? Oder ist es einfach nur ein Hoffen auf ein Wunder? Könntest du Sachen benennen die dir ganz konkret zu einem besseren Leben fehlen? (Abgesehen vom loswerden deiner Depression und Pseudodemenz natürlich).

alta1r Avatar
alta1r:#52542

>>52541

Spoilerversagen :(

bagawarman Avatar
bagawarman:#52543

>>52541
Das mit der Depersonalisation/Derealisation: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es hat sich langsam "ausgeschlichen". Ich vermute aber auch, dass es an die Depression gekoppelt ist, da ich in diesem Zeitraum eh psychisch komplett "gelähmt" war. Im Moment lebe ich halt so vor mich hin. In den Tag hinein und ohne Ziele für die Zukunft. Früher war ich regelrecht verzweifelt, heute bin ich einfach nur monoton. Das ist auch besser auszuhalten und es geht mir im Vergleich zu Früher auch etwas besser.
Das mit dem Sterben muss ich vielleicht auch noch mal erklären: Ich will eigentlich nicht sterben. Ich habe riesige Angst vor dem Tod. Ich will aber auch gleichzeitig nicht leben. Ich will Ruhe haben und glaube, dass es diese für mich nur gibt, wenn ich nicht mehr bin.

Ob es an mir liegt, etwas an meinem Befinden zu ändern? Weiß nicht, ja und nein.
Meine Person ist einfach nicht auf "das Leben" vorbereitet und ausgelegt. Ich komme nicht gut mit Stress zurecht. Ich kann Ablehnung durch andere Personen nicht ertragen. Ich bin maximal Harmoniebedürftig. Ich kann keine Verantwortung über mich oder andere übernehmen. Ich habe nur eine sehr kleine Toleranz, was Ungewissheit angeht. Ich bin nicht motiviert, irgendwas selbst in die Hand zu nehmen und einfach zu machen.
Das sind vielleicht alles Punkte, an denen ich arbeiten kann. Aber sie sind so ein riesiger Berg, den ich einfach nicht bewältigen kann, habe ich das Gefühl.

Ich würde mich am liebsten in mein Schneckenhaus zurückziehen und die Welt an mir vorbeiziehen lassen. Aber gleichzeitig lässt mich dieser Zustand verzweifeln, da ich Ideale und Wünsche habe, die ich nur erreichen kann, wenn ich wirklich erfolgreich wäre. Aber ich weiß, dass ich niemals erfolgreich sein werde. Bernd, es fühlt sich einfach alles so hoffnungslos an. Ich hoffe, die Zeit geht vorbei und ich werde irgendeinen Ausweg finden.
Ich komme mir auch lächerlich vor, da meine Probleme so viel weniger gravierend sind, als die Probleme von 90% der Weltbevölkerung. Wer bin ich, dass ich es mir leisten kann, über so nichtige Sachen zu weinen, wenn die Menschen um mich herum alle viel weniger haben?

lisakey1986 Avatar
lisakey1986:#52545

>>52543

Ich denke es ist leider an uns selbst, uns aus der Misere zu ziehen. Der magische Tag, an dem man urplötzlich Lust und Motivation hat, sich dem Trott zu entledigen, wird nicht kommen. Jedoch sollte einem eine Sache klar sein. Jeden Tag konditioniert man sich (genauer gesagt sein Gehirn). Verfällt man in wochen- oder gar jahrelange Apathie, werden genau die Nervenbahnen im Gehirn ausgebaut, die jenen Zustand begünstigen oder eventuell sogar hervorrufen. Wahrscheinlich weißt du das sogar schon alles und die Frage die sich einem stellt ist - was nützt mir das?
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Rekonditionierung. Andere Nervenbahnen müssen durch ritualisiertes Verhalten gestärkt werden, damit sie eine neurologische Alternative darstellen. In anderen Worten, es nützt nichts sich eine wie auch immer geartete großartige Zukunft vorzustellen (das habe ich bisher auch immer getan, stetig mit der Hoffnung und viel Naivität im Kopf, dass die schon irgendwie wahr werden würde). Der Schlüssel zum Erfolg ist einfach sich selbst neu zu programmieren. Das was einen im innersten Ausmacht, wird natürlich so gut es geht nicht angetastet werden, ist aber in gewisser Weise unausweichlich. Nach jahrelangem Lauern, intellektueller Introvertiertheit und einer guten Prise Zynismus, beginnt man sich selbst mit den unangenehmen Seiten seiner selbst zu identifizieren. Ganz im Sinne von Dr. House, falls du die Serie gesehen haben solltest.

Manchmal entstehen solche Zeilen wie diese in einem Anflug von Manie und die Motivation sich zu ändern verpufft bereits nach wenigen Stunden wieder. Jedoch habe ich im kleinen bereits Erfolg damit erlebt. Ich habe es zum Beispiel geschafft mir anzugewöhnen, alle Haushaltsgegenstände (so auch meine Räumlichkeiten) nach Gebrauch wieder herzurichten/abzuwaschen. Das klingt vielleicht nicht wie eine Herkulesaufgabe, hat mich das unordentliche Umfeld aber doch in vielen anderen Gebieten behindert. Ich würde sagen es benötigte ca. 1-2 Monate bewussten Aufräumens um die oben angesprochene Nervenbahn auszubauen. Ich muss aber feststellen lieber Bernd, dass das ändern alleine ziemlich mühselig ist. Wärst du daran interessiert mir in den Arsch zu treten und natürlich dich von mir in den Arsch treten zu lassen? Es geht hier natürlich nicht um irgendwelche Sadomaso-Spielereien, sondern um einen ernsthaften Versuch einen Gefährten auf diesem doch recht steilen und steinigen Pfad zu finden.

Zu guter Letzt noch etwas. Auch wenn du mein Angebot ablehnst, möchte ich dir einen Rat mit auf den Weg geben. Löse dich von diesem Gedanken, dass es andere noch viel schlechter hätten als du. Genau das ist wahrscheinlich dein Problem. Du bist übersättigt. Du hast zwar Appetit, aber keinen Hunger mehr, der dich Aufstehen lässt um dir zu nehmen was dir gefällt. Leute die es schlechter haben als du, haben oftmals genau diesen Hunger, der sie bisweilen auch ganz nach oben bringen kann. (z.B. den Chef von Goldman Sachs, oder erst kürzlich verstorben Muhammad Ali). Vermutlich hältst du dich für ziemlich intelligent, was du vermutlich auch bist - dir fehlt nur die Tatkraft diese Intelligenz als Werkzeug zu benutzen. Sei es um deinen Beruf deiner Träume, das Mädchen deiner Träume oder aber auch (besonders wichtig) den Geisteszustand deiner Träume zu verwirklichen. In diesem Sinne, ich wäre offen für einen schriftlichen oder sonst wie gearteten Austausch, zum Wohl unser beider Leben. Ein einfaches Ja oder Nein genügt.

cat_audi Avatar
cat_audi:#52546

>>52545
Bernd, du schreibst einige kluge Sachen und gerade das mit dem Aufräumen und Rekonditionieren leuchten mir nicht nur ein (ich studiere ein relatiertes Fach. Also relatiert zu Konditionierung, nicht zu Aufräumen), sondern haben irgendwie einen anstoßenden Effekt auf mich. Eigentlich sitze ich auch gerade am PC, da ich mich auf meine Prüfungen nächsten Monat vorbereiten muss und gerade gemerkt habe, dass es wahrscheinlich doch noch zu schaffen ist, wenn ich mich anstrenge und jeden Tag was mache.
Heute scheint ein guter Tag zu sein. Auch wenn das Wetter trüb und regnerisch ist.

Ich halte mich - so wie du es sagst - leider nicht für sonderlich intelligent. Ich bin in einem recht intelligenten Umfeld aufgewachsen und habe dadurch gewisse Meinungen und Ansichten übernommen. Ich halte mich aber für reflektiert. Ich kann kognitiv leider nicht das leisten, was ich aus meinem Umfeld gewöhnt bin. Deswegen versuche ich meinen simplen Geist oft zu maskieren, in dem ich intelligent klingende Wörter wie "maskieren" benutze. Das funktioniert auch recht häufig. Aber es macht mich dann immer traurig, wenn ich meinen eigenen Ansprüchen an Intelligenz nicht gerecht werde. Das ist aber auch unter Anderem dem eigentlichen Thema dieses Fadens geschuldet. Naja, was solls.

Darf ich fragen, was du studierst?
Wenn du im angrenzenden Ausland studierst, dann nehme ich an, dass du ein Fach gewählt hast, das hier in D einen hohen NC hat?

Wegen dem Kontakt: Ich würde dir gerne den Gefallen tun, da du anscheinend ein ähnliches Leben führst und ähnliche Probleme hast, aber ich fühle mich als Bernd wohler. Ich möchte anonym bleiben und persönlicher Kontakt ist für mich eine schwierige Angelegenheit, wenn ich die andere Person nicht aus meinem eigenen Umfeld kenne. Ich hoffe, du hast dafür Verständnis. Aber ich werde diesen Faden bis zum Ende verfolgen. Solltest du also weitere Fragen haben, dann stell sie mir gerne :3

krdesigndotit Avatar
krdesigndotit:#52547

>>52546

Schade, aber ich respektiere deine Entscheidung voll und ganz. Jeder nach seiner Façon! Ich denke du kannst es auch so schaffen, wenn du dich nur weiterhin traust dich etwas zu öffnen und so anderen die Möglichkeit gibst einen Stein des Anstoßes für dich darzustellen. Erstmal in Bewegung sind jene Steine bekanntlich ein Selbstläufer oder Selbstroller .

Mit der Einschätzung meines Studienfachs liegst du falsch, auch wenn man von meinen Ausführungen vielleicht schließen könnte ich würde Psychologie studieren. Ich bin einfach nur ein generell interessierter Mensch, weswegen mich diese generelle Lebensunglücklichkeit wie in deinem Fall vermutlich nicht in dem Ausmaß heimsuchen wird - es gibt schließlich immer etwas zu entdecken und dafür lohnt es sich meiner Ansicht nach zu leben. Auch wenn ich dieses Leben gerne wieder mit jemandem Teilen würde. Vielleicht bietet sich mir demnächst ja die Chance, das zu ändern. Jetzt bin ich aber etwas vom Thema abgekommen: Mein Studiengang ist nur sehr klein (manche würden vermutlich anmaßend von elitär sprechen), weswegen ich den exakten Namen lieber für mich behalten würde. Er stellt aber eine beinahe einzigartige Mischung aus politischen, soziologischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und organisationswissenschaftlichen Aspekten dar und versucht dieses Wissen auf die großen Probleme unserer Zeit anzuwenden. Ins Ausland zog es mich aus vielerlei Gründen. Zunächst einmal ist die Wissensvermittlung und die ganze universitäre Struktur hier wesentlich interaktiver, was mir als chronischen Faulenzer den nötigen Druck gibt, mitzuhalten. Du siehst, ich bin mir meiner Natur bewusst, aber treffe Entscheidungen so, dass ich den negativen Seiten meiner Selbst nicht nachgebe. Ausbruch aus der Komfortzone ist die Maxime! Ich muss allerdings gestehen, dass es einiger Fehlschläge und Fehlentwicklungen bedurfte, bis ich aufmannen konnte . Neben diesen psychischen Faktoren war ich natürlich auch unheimlich in der Breite dieses Studiengangs interessiert und wurde bisher auch nicht enttäuscht. Der Umzug ins Ausland war für mich außerdem wie eine Art Neuanfang, quasi als würde ich einen neuen Charakter in einem Videospiel erstellen - ein unbeschriebenes Blatt. Niemand wusste wer ich bin, ich konnte allen erzählen was ich wollte usw.
Dennoch plagt mich, trotz dieses Lebenswandels die vom OP angesprochene Hirndegeneration. Ich befürchte ja seit langem ich könnte eine Schizophrenie (eben diese Abspaltung von der Realität entwickeln), versuche dieses mögliche Schicksal aber gekonnt zu ignorieren. Soweit ich weiß hat sogar mein Vater den ein oder anderen Psychologenbesuch hinter sich, viel gesprochen haben wir darüber jedoch nicht.

Nun zu dir: Ich habe das Gefühl, dass du dich unterschätzt. Im Gegensatz zu mir scheinst du deine Gedanken viel klarer und pointierter zum Ausdruck bringen zu können - und das in einem angenehm zu lesenden Schreibstil. Ich denke, jemand der so reflektiert ist wie du, bringt die nötigen Grundvorraussetzungen mit, ein Leben im Guten zu führen. Skepsis, vor allem Selbstskepsis kann natürlich zu einer Last mutieren, aber deine Reflektiertheit sollte dir ermöglichen wieder auf den "gesunden" Weg zurückzufinden. Wie ich schon bereits gesagt habe, mangelt es dir anscheinend an Tatkraft. Was ist deiner Meinung nach die Quelle für diese Antrieblosigkeit? Bist du zu sehr auf sofortige Belohnung konditioniert? (genau das machen Komputerspiele mit dir Bernd!). Oder fehlt dir vielleicht etwas, was den Dingen seinen Wert gibt (du willst Erfolg haben, aber die Frage WOZU dieser Erfolg ist von dir noch nicht sinnstiftend beantwortet worden). Oder sind es vielleicht doch die Versagensängste, den Anforderungen anderer oder deiner selbst nicht gerecht zu werden - es also lieber bei der traumhaften Illusion belassen, man hätte ja können, wenn man denn gewollt hätte.

Fragen über Fragen!

davidcazalis Avatar
davidcazalis:#52574

>>52541
>Mitte 20
>studiert im nahegelegen Ausland
>bekomme Miete und Lebensunterhalt von den Eltern finanziert
>"Mittelschicht

alles klar einzelkind bonzen sören

chaabane_wail Avatar
chaabane_wail:#52575

>>52547
Ich habe den Thread nicht vergessen, konnte allerdings die letzten Tage nicht antworten, da ich einen Mix aus persönlichen Verantwortungen, Uni und dem gewöhnlichen Prokrastinieren zu bewältigen hatte.
Nun aber zu deinem Post:

Dass dir das Studium im Ausland gefällt, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Ich war ebenfalls mal eine längere Zeit im Ausland (ganz und gar der Krebs, den KC hasst) und habe diese Zeit genossen. Alles schien möglich, alles schien erreichbar. Kontakt mit anderen Menschen war einfacher, da alle in meinem Alter nach neuen Kontakten suchten und man sozusagen im "gleichen Boot" saß. Fand diese Zeit sehr fein :3 Aber da ich nicht - wie du - dort im Ausland ein größeres Ziel verfolgte, sondern völlig frei in der Gegend herumtrampte, war ich gegen Ende des Jahres auch wieder froh, nach hause kommen zu können.

Du schreibst, ich würde mich unterschätzen. Ich glaube eher, dass meine Erwartungen an das Leben zu hoch sind und ich deswegen immer wieder in Selbstmitleid versinke. Ich komme aus einer sehr erfolgreichen Familie (wie ich anfangs schrieb: mein Vater ist verhältnismäßig wohlhabend).
Ich habe mich an einen gewissen Lebensstandard gewöhnt und dementsprechend auch hohe Ansprüche für mein weiteres Leben.
Mein Großvater und Vater waren beider Mediziner, in leitenden Positionen. Mein Bruder hat ebenfalls sein Medizinstudium abgeschlossen und arbeitet. In der Familie meiner Mutter waren ebenfalls alle Männer in leitenden Positionen, die Frauen hatten mitunter auch gute Anstellungen.
Nur ich bin es, der keine Medizin studiert und das Studium, welches ich gewählt habe, kann ich nur studieren, da finanziell nachgeholfen wird. In den letzten Jahren merke ich immer mehr, dass ich eigentlich nur existiere, da mir von Außen geholfen wird. Würde der Geldfluss abrupt enden, stünde ich vor einem großen Nichts: keine Wohnung, keine Uni, keine Nahrung, keine Zukunft. Ich arbeite nicht selbst und habe nichts in meinem Leben je "gemacht". Ich kann mit meinen ~25 Jahren auf nichts zurückblicken und sagen "das habe ich ganz alleine geschafft, das kann mir niemand nehmen".
Ich fühle mich (und bin es ja faktisch auch) zu 100% Abhängig von der Gunst meiner Umwelt.

Wenn man sich das so betrachtet, dann kann man ja gar nicht wirklich glücklich sein oder?
Und wenn ich in die Zukunft blicke, dann sehe ich da auch nichts außer einem großen Fragezeichen. Ich habe jegliche Motivation verloren, ich freue mich nur noch auf Kleinigkeiten, aber es gibt einfach nichts mehr, für das ich leben würde.

Woran das liegt und wann es angefangen hat? Eine gute Frage. Ich vermute, dass es nicht nur in meiner Person als solcher liegt, sondern, dass ich so erzogen wurde. Bzw. dass es sich viel mehr so ergeben hat:
Ich wurde geboren und kurz darauf trennten sich meine Eltern. Ich wuchs daraufhin bei meiner Mutter auf, welche eine sehr, sehr liebe Person ist, aber leider auch selbst sehr introvertiert, zurückhaltend, unterordnend und verklemmt ist. Wir zogen später aufs Land. Das resultierte natürlich darin, dass ich weniger Kontakt zu Mitschülern hatte, als mir lieb war.
Mein Vater zahlte für mich immer den Unterhalt, sodass es mir nie an Geld fehlte. Alles, was ich mir wünschte, konnte ich darüberhinaus auch über meinen Vater beziehen. Neuen 1k€ Gaming-PC? Np. Zwei mal im Jahr Urlaub? Np. Auto zum 18. Geburtstag? Np. etc.
Damit wurde mir natürlich eine "alles ist möglich"-Mentalität anerzogen. Gleichzeitig wurde mir von meiner Mutter aber auch anerzogen, dass man immer zurückhaltend, bescheiden und moralisch integer handeln sollte. Und auch irgendwie, dass "wenn man lange genug aushält, dann kommt das Gute zu einem".
Nüchtern betrachtet ist das natürlich eine super Kombination, aber in der Realität züchtet man einen zweiten Faust heran: Alles in einer Person zu vereinen geht halt nicht.

Ich bin also ein verwöhnter Junge, der den Luxus gewöhnt ist, aber keinen Hunger oder Durchsetzungsvermögen hat.
Berndi, je öfter ich mir meinen eigenen Post durchlese, desto unangenehmer wird es, ihn abzuschicken.
Erst wenn man mal wirklich seine Probleme aufschreibt, wird einem klar, wie schlecht es doch um einen steht. Ich war immer sehr erfolgreich darin, Probleme zu verdrängen. Unangenehme Gedanken zu verdrängen. Schlechte Erinnerungen zu verdrängen. Naja und nun? Nun poste ich in einem Thread, in dem es um kognitiven Verfall geht. Ich habe es wohl wirklich perfektioniert, Inhalte zu verdrängen / zu vergessen :3

bagawarman Avatar
bagawarman:#52587

>>52575
VERPISS DICH AUS DEM KANAL DU BONZENSCHWUCHTEL!

ah_lice Avatar
ah_lice:#52588

>>52587
Liest du dir ernsthaft diese Textwände durch um dann so zu antworten? Es ist /we/ hier, nicht /arm/.

doronmalki Avatar
doronmalki:#52592

>>52587
Ich verstehe, dass der Text stellenweise leicht anmaßend / überheblich klingt, wenn ich über mein Leben weine und es mir dabei im selben Moment materiell gesehen (sehr) gut geht.
Wie ich schon weiter oben schrieb, ist mir das auch sehr unangenehm.
Ich verlange es von niemandem hier, dass er meine Probleme nachvollzieht oder gar akzeptiert. Ich weiß, dass ich in großem Maße privilegiert bin und bessere Voraussetzungen für ein gutes Leben habe, als 97% (Zahl natürlich frei erfunden) der Weltbevölkerung.

Aber dennoch ist das Leben nicht angenehm für mich.
Vielleicht kannst du das ja verstehen.

hota_v Avatar
hota_v:#52593

>>52592
Anderer Bernd hier.
Wollen wir tauschen? Ich kann dir das selbe Packet ohne finanzielle Absicherung bieten.
Ich verstehe dich schon, aber verstehe du auch das du gerade auf hohen Niveau jammerst.

jonkspr Avatar
jonkspr:#52595

>>52593

Ich habe gerade einen langen Text angefangen, in dem ich mich und meine depressiven Episoden verteidigen wollte. Habe dann aber mittendrin realisiert, dass das nicht zielführend ist.
Ja, meine Umweltfaktoren sind irgendwie besser als die von anderen. Und trotzdem schaffe ich es damit nicht, glücklich zu werden. Vielleicht (nein, ganz wahrscheinlich sogar) ist es so, dass mich eben das noch mehr runterzieht, als es andere Dinge eh schon tun.
Bin derzeit die Made im Speck, aber kann den ganzen Speck nicht als Ressource nutzen. Der Gedanke, dass ich ein Fersager trotz all der Hilfestellungen bin, nagt gewaltig an mir.

atariboy Avatar
atariboy:#52596

>>52595
Nachtrag: Ich wollte meine finanzielle Situation aber nie zum Thema machen und wie weiter oben beschrieben, bin ich nicht Reichbernd, der mit den 50ern durch den Klub werfen kann.
Ich habe """""nur""""" derzeit(!) eine gesicherte Existenz.

dmackerman Avatar
dmackerman:#52597

>>52595
Kenne das Gefühl, ich lebe gerade genauso, nur noch mit der bitteren Erkenntniss dabei, das meine Eltern es gerade nicht so dicke haben und ich ihnen auch noch das letzte Geld und Nerven koste.
Fühlt auch schlecht.
Weil ich in der selben Situation verweile kann ich dir leider wenig Rat zukommen lassen. Weist du denn den genauen Grund warum du nix auf die Kette bekommst?
Bei mir weis ich es, hilft mir aber bisher auch nicht viel weiter, aber wenn du es wissen magst dann forciere ich es das nächste mal gleich mit.

ripplemdk Avatar
ripplemdk:#52604

>>52575
Ich war in den letzten Tagen auch mit allerelei Dingen beschäftigt und hatte leider keine Zeit zu pfostieren. Aber jetzt bin ich ja da!

Wie bereits erwähnt, denke ich, dass dein Problem gerade deine materielle Priviligiertheit ist. Es ist mir schleierhaft wie es Besuchern des /we/-Bretts nicht einleuchtend sein kann, dass Schmerz und Leid sich nicht objektiv anhand irgendwelcher Besitztümer oder sozialen Parametern messen lassen. Natürlich ist Leid nicht gleich Leid und ein Leben am finanziellen Existenzminimum beschert einem ganz andere Sorgen, als an unerreichbaren (und vielleicht aber auch gar nicht selbst hervorgebrachten) Anspruchshaltungen seiner selbst und anderen einzugehen. Jeder Bernd sollte also versuchen so intersubjektiv wie möglich auf das Leid des Anderen zu blicken. Das soll natürlich nicht eine Art Leid-Relativismus heraufbeschwören, denn jener wäre äußerst unklug! Viele Probleme oder unliebsame geistige Zustände sind hausgemacht. Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, dass die Welt um einen herum durch den Filter namens Gehirn wahrgenommen und interpretiert wird. Hat man diesen Filter (der auch gleichzeitig die eigene Identität bildet) so umgebaut, dass er nur noch fähig ist, Erlebtes in pessimistischen oder anderen negativen Stimmungen darzustellen und abzuspeichern, wird selbst aus einem 'faktisch' ganz guten Leben, der absolute Alptraum.

Und genau das ist bei dir der Fall. Anstatt dich deiner vorhandenen Ressourcen zu erfreuen und sie in deine Tatkraft einfließen zu lassen, bereust du es fast sogar sie zu besitzen, schließlich hast du dich in diesem Faden mehrmals dafür entschuldigt gewisse Privilegien zu besitzen. Dein eigentliches Problem sind aber weder jene Privilegien, noch etwaige verpasste Chancen deiner Vergangenheit. Es ist viel mehr dein geistiger Zustand, natürlich das weißt du ja, aber diesen Zustand reproduzierst du ständig selber und zementierst so eine neue Identität, die deinem früheren (vielleicht fröhlicherem Ich) gar nicht so entspricht. In anderen Worten du leidest an Selbstmitleid. Eventuell ergeht es dir genau wie mir, denn ich habe tief im inneren die Hoffnung auf einen Neustart (und das haben wohl sehr viele Menschen, denn sonst wäre z.B. das Christentum nicht so erfolgreich gewesen mit ihrer sündenwaschenden Taufe usw.).

Ich bedauere sehr, dass du scheinbar deine Mündigkeit aufgegeben hast und dich eher als Spielball deiner Umwelt und deiner bisherigen Erfahrungen betrachtest. Was hat dir nur diesen Mut genommen, dein Leben anzupacken, Dinge in die Hand zu nehmen und deinen Vorstellungen nach anzupassen? Scheiß auf die Lehre deiner Mutter, du bist ihr jetzt nicht mehr hörig. Sprichwörtlich heißt es: "Gott/das Glück ist mit den Tüchtigen!" oder "Wer wagt der nicht gewinnt". Hat die Wahrheit dieser Sätze keine Chance mehr zu dir durchzudringen? Sind die eigens angelegten Ketten bereits so schwer geworden, dass du den Schlüssel in deiner Hand nicht mehr zum Schloss führen kannst?

>>52597
Woran liegts bei dir?

ionuss Avatar
ionuss:#52606

>>52604

Deine Ausführungen erinnern mich stark an die "persönlichen Konstrukte" nach Kelly. Dafür, dass du keine Psychologie studierst, hast du einen guten Einblick in die Materie, Bernd. Oder beziehst du dich sogar vielleicht absichtlich auf kognitivistische Theorien? Kelly war hierfür (unter Anderem) der Vorreiter, der sich zu einer Zeit, als der Behaviorismus und tiefenpsychologische Ansätze in der Psychologie vorherrschten, Gedanken darüber machte, wie es wohl sei, wenn der Mensch kein rein passives Wesen in einer aktiven Umwelt wäre.
Wenn es dich interessiert, dann lies dir mal den Wiki-Artikel zu Kelly durch. Ist ein schönes Modell, dass man auf vieles beziehen kann, wie ich finde.

Die Frage, wann und warum ich meine Mündigkeit aufgegeben habe, ist denke ich nicht unbedingt der Weg zum Verständnis meiner Probleme: Ich habe die Überzeugung, dass ich diese Mündigkeit leider nie erlangt habe.
Ich möchte die Schuld natürlich nicht gänzlich externalisieren, aber ich habe nach wie vor die Ansicht, dass es an der Erziehung und dem Umgang meiner Eltern mit mir in meiner frühen Kindheit liegt.
Depressive Menschen attribuieren Erfolg oft external und Misserfolg internal. Das macht sie dann auch zu dem von dir beschriebenen "Spielball" ihrer Umwelt. Und genau dort vermute ich den sprichwörtlichen Hasen begraben:
Dadurch, dass meine Mutter mir in meiner Kindheit weismachte, dass Gutes den Guten widerfährt und man deswegen schlechte Zeiten auch mal aussitzen müsse (Religion hat ihr schon immer Halt gegeben), befürchte ich, habe ich nie wirklich "gelernt" selbst Initiative zu ergreifen, wenn mir etwas fehlte. Immer und überall begleitet mich der (unbewusste) Gedanke, dass es irgendwann besser wird. Dass ich das bekomme, was mir "zusteht" (Glückseligkeit). Und dass sich die Dinge fügen, wenn ich nur lange genug aushalte.
Klar, das ist ein Konzept, was wohl sehr viele Menschen haben und was vermutlich auch irgendwo in der Natur des Menschen verankert ist. Wir alle hoffen ja auf bessere Zeiten.
Aber vielleicht weil ich dann nie wirklich (oder erst viel später als andere) Kontakt mit der "harten Realität" hatte, da mir der größte Teil meiner Wünsche einfach immer erfüllt wurde, muss sich diese Erwartungshaltung weiter manifestiert haben.
Soweit meine Theorie zu meiner psychischen Entwicklung.

Die viel interessantere Frage ist nun aber: Was tun, um die "Filter", durch welche ich meine Umwelt wahrnehme - und die schlussendlich auch meine Einstellungen, Erwartungen, Werte und Handlungen bestimmen - neu zu kalibrieren?
Um den Bogen zum ersten Absatz wieder zu schließen: Kelly versuchte in seiner Therapie zunächst die Konstrukte (Filter) zu isolieren, welche für die "fehlerhafte" (Kelly hätte wohl nicht von fehlerhaft gesprochen, da er eine objektive Realität verneinte. Vielleicht eher von Ineffektivität) Wahrnehmung verantwortlich waren und diese dann in einer Art "Rollenspiel" umzuwandeln - in effektivere.
Rollenspiel ist jetzt natürlich etwas, unter dem man viel verstehen kann, ist aber im Endeffekt genau das, was du schon (unbewusst?) in ein paar Pfosten weiter oben beschrieben hattest. Man muss mit alten Gewohnheiten brechen und neues, effektiveres Verhalten ausprobieren. Du hattest da das Beispiel mit dem Abwasch. Im Grunde genommen meint er damit, dass man neues ausprobieren und Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten soll, um seine Filter neu zu kalibrieren.

Aber einfacher gesagt als getan, näch?


:3

millinet Avatar
millinet:#52607

>>52606

Ich muss gestehen, ich habe weder je von den "persönlichen Konstrukten" noch von diesem Herrn Kelly gehört. Werde ihn mir aber mal zu Gemüte führen! Es kann natürlich sein, dass Personen mit denen ich mich austausche, auf seine Errungenschaften zurückgreifen, aber dennoch empfinde ich bei solchen "Zufällen", wie jetzt gerade, immer eine gewisse Genugtuung. :3
Für mich rührt der Ansatz eines aktiven Menschen jedoch nicht aus meinen psychologischen Kenntnissen, sondern vielmehr aus einem (vielleicht) normativen Menschenbild. Was wären wir, wenn wir tatsächlich nur im Determinismus gefangen wären? Wenn wir und unser Handeln nur das Resultat unserer Umwelt, unserer Gene und irgendwelchen
nicht greifbaren Ereignissen wären? Diesem unmündigen Menschenbild möchte ich eben entgegentreten, in dem ich metaphysisch behaupte, dass dem nicht so ist! Ich setze mich also zur Wehr, zur Wehr gegen eine allumfassende Bestimmtheit und zur Wehr gegen den Glauben an einen "großen Plan", den viele Gläubige besitzen.
Ehrlich gesagt, beneide ich religiöse Menschen um die Leichtigkeit und Gelassenheit mit der sie durchs leben gehen. Alles hat einen Grund und auch schlechtes stellt nur eine Art Herausforderung Gottes dar, die es zu bewältigen gilt. Wobei mir gerade auffällt, dass man in dem Augenblick der Entscheidung sich dieser Herausforderung anzunehmen
ja mündig sein muss.. darüber muss später weiter nachgedacht werden!
.

Um zurück zu deinem psycholigischen Werdegang zu kommen, da ist denke ich nicht mehr viel zu machen. Du hast ihn hinreichend analysiert, verbalisiert und internalisiert. Das was du hier berichtet hast, leuchtet (zumindest diesem Bernd) ein. Kein Wunder, dass du so geworden bist, wie du eben bist. Bei unserer Diskussion beschleicht
mich jedoch langsam das Gefühl, dass wir unsere Energie auf das falsche Ziel kanalisiert haben. Wir wissen beide woran es liegt und darüberhinaus verfügen wir beide über das nötige technische Wissen, unseren Zustand zu ändern. Was uns jedoch fehlt es klipp und klar: Motivation.
Um ehrlich zu sein, bin ich auf diesem Gebiet eher nicht so bewandert. Na klar, es liegt auf der Hand, dass man an ein Gelingen des angestrebten Verhaltens glauben muss um motiviert zu sein und darüberhinaus muss man sich in der Lage sehen, überhaupt im Stande zu sein, ein bestimmtes Verhalten auszuführen. Aber weiterzuhelfen scheint diese Einsicht auch nicht...
Ich denke, man sollte diesen Prozess nicht Zerdenken, wie meine Mutter jetzt sagen würde. "Der Tag an dem du aufwachst und du bist motiviert, der wird nicht kommen." Habe ich in meinem Leben nicht nur 1x gehört :s. Shia LaBeoufs "Mach es einfach!" Just do it ], ist wahrscheinlich eine triviale Wahrheit die es über Motivation zu lernen gilt.

Wie sieht's denn bei dir aus wenn der externe Druck steigt? Funktionierst du besser in Arbeitsgruppen als wenn du Dinge nur für dich machen musst? Das ist nämlich gerade ein Experiment, dass ich angehe. Ich habe gemerkt, dass Anerkennung von anderen ein wichtiger Motor hinter meinem Verhalten ist. Mancher wird jetzt sagen, nicht das edelste aller Ziele, aber hey solange es funktioniert?
Dementsprechend mache ich Versprechungen von Dingen, so wie ich sie gerne hätte. Der "Anerkennungsdruck" lässt mich dann auch mit Handlungen beginnen, die ich ohne diese (ich nenne sie mal) "Selbstfalle" niemals durchgezogen hätte. Bildlich gesprochen stelle ich den Rohmarmorblock aus dem mein Idealbild gemeißelt werden soll in die Welt und hole mein Idealbild
in die Köpfe anderer.

Wäre sowas auch eine Strategie für dich, Bernd?

Entschuldige etwaige Unklarheiten. Es ist schon spät, ich bin hundemüde, aber musste meine Gedanken noch für dich niederschreiben :3

javorszky Avatar
javorszky:#52614

>>52607
Ob der Mensch nun einen freien Willen hat oder nicht... Bernd, ich habe schon lange aufgehört, mich mit dieser Frage zu beschäftigen. Ich würde mich zwar als agnostischen Atheisten bezeichnen, aber die einzig zufriedenstellende Antwort gibt eigentlich nur die Religion. Der Mensch als transzendentes Wesen. Ich _will_ dass der Mensch mehr als nur eine stupide Aneinanderreihung von Atomen ist. Ich will, dass das Leben etwas selbstbestimmtes ist.
Ich glaube zwar nicht an einen Gott, aber tief in mir drin hege ich dann doch den Wunsch, dass das aufgeklärte Christentum die Wahrheit verkündet. Die Chancen stehen meiner Ansicht nach zwar sehr schlecht, aber man soll ja nicht aufhören Träume zu haben (naja, ich sollte das vielleicht schon, wenn man den Faden hier als Kontext hat).

Jaja. Ansonsten: Kelly ist wirklich niemand, den man kennen muss. Sein Modell finde ich aber trotzdem sehr sympathisch; leider gibt es nicht viele Veröffentlichungen dazu. Es spricht daher umso mehr für dich, dass du so ein tiefgreifendes und auch anwendungsbezogenes Wissen bezüglich den psychischen Abläufen hast. So sehr kann dein Hirn also gar nicht degeneriert sein :3


Bezüglich externem Druck: Ich habe gestern Abend noch deine Antwort gelesen und mir den Tag über Gedanken darum gemacht.
Ich bin zu keiner zufriedenstellenden Antwort gekommen, um ehrlich zu sein. Es gibt viele Situationen, in denen ich unter Druck besser funktioniere, als ohne. Vor Prüfungen zum Beispiel. Ich drücke mich immer bis zur letzten Sekunde, bevor ich wirklich mal mit dem Lernen anfange.
Aber dann wiederum gibt es auch die Situation, dass ich unter zu viel Druck einfach einknicke. Gerade wenn es um sozialen Druck geht. Der anfangs seichte Druck wird dann rasend schnell zu einem riesigen Stress für mich und ich gerate in eine Schockstarre (im übertragenen Sinne). Deswegen hüte ich mich im sozialen Umfeld Versprechen zu geben, bei denen ich mir nicht absolut sicher bin, dass ich sie einfach einhalten kann. Ansonsten relativiere ich diese Versprechen relativ schnell wieder.

Hm, hm. Ich muss mir noch mal etwas genauere Gedanken zu diesem Thema machen, glaube ich!
Was ich mir aber gerade überlegt habe, was mir wirklich helfen könnte: Eine ToDo-Liste. Das klingt vielleicht banal, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es etwas den Stress wegnimmt und so hilft, auch größere Unterfangen strukturiert anzugehen.
Ich bin nämlich eigentlich ein sehr strukturierter Mensch. Also im Geiste. Ich liebe Kategorien, in die ich neue Informationen einsortieren kann. Ich liebe Systeme, an die ich mich halten kann. So warte ich zb. tatsächlich an allen roten Ampeln (auch als Fußgänger!), plane immer viel Zeit für Anfahrten ein, um pünktlich zu sein, etc, etc.
Im echten Leben bin ich dann aber gar nicht mehr so strukturiert: meine Wohnung ist ständig unordentlich, der Abwasch muss eigentlich mal wieder gemacht werden und den Müll habe ich auch schon wieder eine knappe Woche nicht rausgetragen.

Ich glaube, ich weiß nie, womit ich anfangen soll. Daher türmen sich dann immer riesige Berge der Verantwortung vor mir auf und ich kann keine Motivation mehr finden, diese zu bewältigen.

Bernd, du hast mich gerade wirklich auf eine Idee gebracht! Die letzten Absätze sind vielleicht etwas wirr, aber ich glaube, das könnte des Rätsels Lösung sein! Ich muss über das ganze auf jeden Fall noch etwas weiter nachdenken, aber du hast mir gerade glaube ich echt ein ganzes Stück weitergebracht. Danke :3

>>52597
Deine Geschichte würde mich auch interessieren.

georgedyjr Avatar
georgedyjr:#52632

Der Verfall scheint biologisch bedingt, Bernds zweite Ausbildung war ein Kampf, weil er sich nichts mehr merken konnte und die Fachliteratur drölfzig mal durchkauen musste.

subtik Avatar
subtik:#52634

Habe manchmal auch den Eindruck. Allerdings ist mir schon klar dass das keine wirkliche Verblödung ist. Die Gründe liegen in meiner Faulheit und meinem ADS. Besonders die Faulheit ist hervorzuheben. Und meine andauernde Spitzheit. Sobald sich irgendwas mit Titten in meinem Radius aufhält ist die Konzentration schwer gestört.

shalt0ni Avatar
shalt0ni:#52642

Ja, bis ich mein Konsumverhalten in den Griff bekam fühlte es sich so an.
Nun ist noch "jugendlicher Elan" da, den ich nie aufgebraucht habe. fuehltgut.jpg
PS:neuschuchteln können blablabla nicht

stephcoue Avatar
stephcoue:#52872

Ich kann weiterhin fleißig sein und anspruchsvolle Sachen mir reinziehen ABER irgendwie bin ich unfähig geworden (neue) Dinge zu erlenen und zu behalten. Habe es mit Fremdsprachenkursen jahrelang gemacht und bin immer noch so ziemlich ein Anfänger. ;_;

degandhi024 Avatar
degandhi024:#52881

>>52634
Rainer?

alagoon Avatar
alagoon:#52912

Schade, dass der Faden tot ist. Fand das Gespräch sehr angenehm.

Neuste Fäden in diesem Brett: