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Veröffentlicht am 2016-07-05 22:26:56 in /we/

/we/ 52713: Ich bemerke, dass ich auf einem kurzzeitigen Schmerzver...

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adewaleolaore:#52713

Ich bemerke, dass ich auf einem kurzzeitigen Schmerzvermeidungssystem funktioniere. Das heißt ich strebe nach der 0, nach dem Komfort. Und obwohl ich mir dessen klar bin, kann ich nichts ändern. Ich meine es gibt doch Grenzen wie sehr man sich seinen Gefühlen widersetzen kann.

Das heißt, dass ich nicht nach dem Glück strebe. Es ist auch irgendwie komisch. Ein richtig trauriger Film kann mich zu Tränen bringen, ein schönes Stück Musik auch, aber wenn ich Freude fühle ist es irgendwie so als wäre diese Freude nicht grenzenlos. Als wäre meine maximale Freude die ich empfinden kann ziemlich niedrig. z.B. ging ich in ein echt gutes Restauraunt. Und obwohl ich schmecken konnte, dass das Essen sehr gut war, hat es bei mir keine Euphorie ausgelöst. Oder ich war mal in echt schöner Natur und obwohl ich mehr Freude fühlen wollte konnte ich es nicht.

Deshalb ist mein Leben bisher einfach meh verlaufen. Auf Bilderbrettern lauern und Schnellessen essen. Weil sich anstrengen für mich zu schmerzhaft ist. Statt auf ein angenehmes Leben hinzuarbeiten das jetzt so komfortabel wie möglich zu gestalten. Dann verzweifeln wenn irgendwann die unangenehme Zukunft kommt die man aufgeschoben hat. Dabei gibt es schon Dinge die ich erreichen will. Aber sie sind alle so weit weg und brauchen Jahre von harter Arbeit jeden Tag.

Was tun? Hatte jemand das selbe Fühl und hat es überwunden?

remiallegre Avatar
remiallegre:#52720

Bei den genannten Dingen hält sich meine Freude auch arg in Grenzen, weil es einfach nur kleine Freuden sind.

andrewofficer Avatar
andrewofficer:#52721

>>52720
Vielleicht habe ich dann nie wahre Freude erlebt?

kennyadr Avatar
kennyadr:#52722

>>52721
Kann sein. Gab es denn irgendetwas das dir unerwartet eine kleine Freude bereitet hat?

arnel_lenteria Avatar
arnel_lenteria:#52723

>>52713
Ich glaube, ich kann mich ganz gut in dich hineinversetzen.
Und es ist vermutlich (nehme ich zumindest mal an) so, dass die meisten depressiven Menschen so fühlen (ob du wirklich depressiv bist geht nicht wirklich aus deinem Text hervor; spielt aber für meinen Post auch keine größere Rolle).
Ich nehme jetzt mal diese Standardphrase, die ich immer wieder gehört habe:
"Das Erleben von Depressiven unterscheidet sich nicht qualitativ, sondern quantitativ von gesunden Menschen" (oder so ähnlich).

Das bedeutet auf gut Deutsch, dass eine depressive Person weniger Zugang zu Verstärkern, also Situationen, die positive Emotionen auslösen, hat, als ein "gesunder" Mensch. Dadurch ist die depressive Person natürlich auch insgesamt trauriger oder gefühlsloser. Immerhin gibt es ja keine wirklichen Situationen für sie, in denen sie Glück erleben könnte.
Woran es liegt, dass diese Person weniger positiv verstärkt wird ist jetzt die Frage.

Du hast also irgendwie in deiner Lebensgeschichte gelernt, nicht mehr nach dem Glück zu suchen, sondern dich darauf zu konzentrieren, dass dir kein "Leid" oder "Schmerz" mehr widerfährt. Das verhindert auch gleichzeitig, dass du dich Situationen aussetzt, die potentiell positiv sein könnten. Denn selbst wenn du in einer bist, konzentrierst du dich wahrscheinlich (unbewusst) darauf, dass nichts unangenehmes passiert, was dann wiederum verhindert, dass du dich wohlfühlst.
Mir persönlich geht es oft so, dass ich mich in sozialen Situationen (das von dir genannte Restaurant zum Beispiel), die mir eigentlich Freude bereiten sollten, darum sorge, dass ich nicht unangenehm auffalle: "Was denken die anderen von mir?", "Was soll ich jetzt zum Gespräch beitragen, ohne, dass die anderen merken, dass ich ein Fersager bin?", etc, etc.
Dementsprechend kann ich also gar nicht wirklich das genießen, was ich eigentlich genießen wollte.

Und gerade weil so "große" Aufgaben und Situationen (wie zB. das Restaurant, in die Natur gehen, etc) viel Möglichkeiten bieten, sich unwohl zu fühlen, könntest du vielleicht mal probieren, dich an den kleinen Dingen des Lebens zu erfreuen.
Das klingt so blöd, aber mir hat es ein bisschen geholfen:
Die letzte Zigarette des Tages auf der Dachterrasse beim Sonnenuntergang, einen guten, selbstgebrühten Kaffee am Morgen, ein paar schöne Kleidungsstücke anziehen (auch zuhause), eine schöne Uhr kaufen, mal wieder zum Frisör gehen und schauen, ob es eine Frisur gibt, die einem gefällt, Körperpflege betreiben und ein schönes Parfüm auftragen, öfter mal spazieren gehen, etc, etc

Es geht hierbei nicht darum, dass du plötzlich "das große Glück" erfährst. Diese ganzen Sachen sind alles Kleinigkeiten. Aber ziemlich "sichere" Kleinigkeiten. Du musst nur darauf achten, dass du sie regelmäßig in dein Leben einbaust und eine gewisse Routine bekommst.

Ich bin übrigens kein promovierter Psychologe, ich mache mir nur gerne ein paar Gedanken. Also nimm das bitte alles ohne Gewähr. Aber mir hat es geholfen. Würde ich dir auch wünschen!

:3

_vojto Avatar
_vojto:#52724

Du lebst eben ein hedonistisches Leben. Mit dem Nachteil, dass echtes Glück eben mehr ist als Komfort und Schmerzvermeidung. Echtes Glück kommt aus der Tatsache dass man etwas geschafft hat, tätig war. Das wiederum ist mit Anstrengungen und Schmerz verbunden. Du siehst, ein Teufelskreis.
Ich habe lange genau so gelebt. Mittlerweile lebe ich jedoch so dass ich regelmäßig ausserhalb meiner Komfortzone bin. Trotzdem bin ich noch dem Hedonismus verpflichtet. Als Arschbürger brauche ich den Schutz, den der Hedonismus mir gibt.

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