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Veröffentlicht am 2016-10-19 14:35:08 in /we/

/we/ 53339: Wie umgehen mit einer schrecklichen Kindheit? Brend is...

kuldarkalvik Avatar
kuldarkalvik:#53339

Wie umgehen mit einer schrecklichen Kindheit?
Brend ist nun 25 Jahre und war auch schon zwei Jahre in Therapie. Ich habe Depressionen und Angststörungen und nehme auch Antidepressiva. Das Ganze schwankt in seiner Intensität enorm. Von super guten Tagen bis hin zu selbstverletztendem Verhalten ist alles konstant dabei. So richtig ging das Alles los als ich mit 21 eine eigene Wohnung und quasi ein eigenes Leben hatte. Davor war ich wohl "nur" depressiv, was sich aber in meiner Jugend durch verschiedene Sachen wie chronische Kopfschmerzen oder Bauschschmerzen geäußert hat.
Noch immer träume ich von der Scheiße die damals passiert ist. Zu Hause gab es recht viel Gewalt von meinen zwei Brüdern, ich war Mobbingopfer in der Schule, meine Eltern haben konstant weggeschaut und mich mehr oder weniger gezwungen ihren Lebensstil nachzuleben (nur kein Alkohol, wer braucht schon Freunde, deine Hobbys sind mir egal aber du gehst jetzt gefällig zum Musikunterricht, spiel jetzt auf dem Altennachmittag für die Senioren). Das Ganze wurde auch geschickt verpackt und oberflächlich habe ich immer alles bekommen was ich mir zu Weihnachten gewünscht habe. Aber andererseits habe ich auch teilweise "Stimmen gehört" und meinen Eltern war es egal. Mein Musiklehrer hatte sich mal verabschiedet und anstatt "Auf Wiedersehen, schönen Abend" habe ich soetwas gehört wie "hau ab du fette Sau". Ich habe natürlich angefangt zu heulen, meine Mutter fragt was los ist, ich erkläre es ihr und sie sagt, ich habe falsch gehört und zu viel Stress. Natürlich wurde nichts getan um meinen Stress zu reduzieren. Daheim gab es wieder Schläge, mein Vater hat angefangen zu heulen weil ich mich mit meinen Brüdern nicht verstehe, meine Mutter ist wütend geworden und hat mir anstelle einer gute Nacht Geschichte dann irgendwie Schuldgefühle eingeredet, dass man ja nicht alles haben könne und man muss bescheiden bleiben. Ziemlich obskur das Ganze im Nachhinein.

Wie kann man sowas am besten verarbeiten? Auf Therapie hab ich kein Bock mehr. Soll ich einfach alles niederschreiben? Mich von daheim komplett ausklinken? Versuchen komplett mein eigenes Leben zu führen ohne Rücksicht auf Verluste? Wie allgemein mit 18 Jahren beschissener Kindheit handeln?

armcivor Avatar
armcivor:#53346

Dass der Beziehungskrebsfaden oben ist statt diesem hier, macht mich sehr betroffen und auch ein Stück weit traurig.

>Mich von daheim komplett ausklinken?
dies

Wenn deine Brüder nicht unterste Drunterschicht sind, werden sie wissen was sie getan haben. Sie werden es vielleicht bereuen und herunterspielen aber sie werden nie darüber reden. Deine Eltern haben es gut gemeint aber alles verbockt, weil sie überfordert waren. Du wurdest Opfer durch deine Geburtsfolge.

Der übliche Rat an Eltern den man für Streit zwischen Geschwistern findet ist der, dass man ihn ignorieren und die Kinder ihn austragen lassen solle. Ich könnte kotzen bei sowas. So ist die Welt, Bernd, aber das weißt du ja.

Du erhoffst jetzt vielleicht, dass deine Familie von sich aus auf dich zugeht und ihr die Sache verarbeitet und euch verzeiht und alles besser wird und dass sich alle lieb haben. Wird nicht passieren. Wird nie passieren.

adriancogliano Avatar
adriancogliano:#53347

Also, von jemanden, dessen Kindheit zwar nicht die Katastrophe, aber halt auch manchmal ziemlich ungeil war, mein Rat:
>Wie kann man sowas am besten verarbeiten?
Naja. Ich weiss, Therapie kann auf den Sack gehen. Aber nach deiner Beschreibung könntest du (so wie ich) unter einer emotionalen Störung leiden. Und das lässt sich eben nur (mühsam) unterdrücken oder mithilfe von Therapie aufarbeiten, wegen verdrängten Kindheitstraumata und so.
Hat dir denn der Arzt nicht geholfen? Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es oft auf die Professionalität der Einrichtung ankommt. Einzelarztpraxen, die Kassenpatienten nehmen, haben meist nix drauf.

Okay, du KANNST natürlich versuchen, ein eigenes Leben zu führen. Aber deine Psyche holt dich immer ein. Das ist nicht zu vermeiden. Und willst du dann wirklich nach 20 Jahren erfolglos Schafen, Jobcenter, Neeten, wechselnden Beziehungen (alsob.png), etc. noch mal so richtig auf die Schnauze fallen?
Passiert immer wieder. Tüp hat nicht verarbeitete Probleme und schaft brav vor sich hin, wird gefeuert/kriegt Scheidung. Und schiesst dann das Büro zusammen. Willst du das?


Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen: Besser jetzt zusammenreißen, die Dscheisse im Kopf aufarbeiten und danach glücklich unter dem normalen Berndsymptom leiden.
Aber letztendlich musst du diese Entscheidung treffen, das kann dir keiner abnehmen.

doronmalki Avatar
doronmalki:#53348

>>53339
es ist schwer dir zu sagen was für dich richtig ist. Wenn du dich gerne komplett ausklinken würdest dann tue dies. Da Mitgefühl in deiner Erziehung nicht gerade eine große Rolle spielte, ist es wohl sehr verständlich sich von diesen Menschen (bis auf weiteres) zu distanzieren. Dein Leben zu leben wie du es willst, ganz egal was deine Erzeuger sagen, klingt richtig- nicht nur in deinem Fall, aber auch.
Du hast zwar keinen Bock mehr auf Therapie, aber ich würde dir dennoch eine höherfrequente tiefenpsychologische oder analytische Therapie ans Herz legen. Kognitive oder Verhaltenstherapie kannst du vergessen in solchen Fällen.

stevenfabre Avatar
stevenfabre:#53518

Bernd noch hier?

Ich hatte auch eine ziemlich eigenwillige Kindkeit. Keine Schläge, aber sehr viele verdeckte Erwartungen. Habe nach 4 Jahren eher sinnlosen Therapien einfach mal was anderes probiert. Sage jetzt nicht was, hat schlechten Ruf. Dadurch bin ich aber auf ganz andere Sachen aufmerksam geworden.

Eine mögliche Antwort wäre Familienaufstellung. Demo-Video von Eltern ihre Fehler verzeihen hier: https://www.youtube.com/watch?v=sMuomo6OsSM Sorry für nicht optimale Quali. Sind halt offensichtlich 80er Jahre.
Leider 1.5 Stunden lang. Es kann dir schon ein bisschen helfen, wenn du dir das Video ansiehst, und dich selbst in die Situation reinversetzt. Das Video auf deine eigene Situation überträgst.

Ich habe mich bei einem Elternteil, den ich für mein nicht vorhandenes Wohlbefinden verantwortlich gemacht habe, bedankt. Für alles was gut war. Ganz komisches Gefühl, wenn die Gedanken darüber bisher nur total negativ geprägt waren. Das war kein leichter Schritt, darauf habe ich 1 Jahr hingearbeitet.
Ich habe das Gefühl, das hat sehr viel weitergebracht. Unser Verhältnis ist ganz anders, wir sind jetzt auf Augenhöhe. Ich habe keine Schuldgefühle mehr.

Kopf hoch, das bekommst du hin!

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