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Veröffentlicht am 2017-02-28 20:35:04 in /we/

/we/ 53727: Keine Energie

vocino Avatar
vocino:#53727

Hallo Bernd,

die Grenze zu /fb/ und Luxusproblemen ist auf jeden Fall erreicht, aber ich hoffe, dass ich hier richtig bin. Immerhin nicht Beziehungskrebsfaden 9001.

Objektiv betrachtet habe ich es recht gut: Das Studium halbwegs erfolgreich beendet und einen sicheren, vernünftig bezahlten Dschob mit netten Kollegen ergattert. Subjektiv sieht es anders aus: Ich bin zwar nicht zutiefst unglücklich, aber massiv unzufrieden und habe "keine Energie".
Was ich damit meine: Ich schaffe es gerade so morgens mich unter die Dusche zu schleppen und zur Arbeit zu gehen. Ich arbeite vor mich her und bin dabei extrem unproduktiv: Ich unterhalte mich mit Kollegen, surfe im Internet, trinke fleißig Kaffee und mache nichts. Abends habe ich dann massive Schuldgefühle, dass ich wieder überhaupt nichts geschafft habe und fühle mich schlecht. Dann sitze ich, genau wie heute, vor dem Rechner und hänge im Internet, bis ich irgendwann müde bin und mich ins Bett lege.
Erst wenn die Deadlines enger werden, der Druck sich erhöht und die Dinge, die ich vor mir herschiebe katastrophal überfällig sind, kriege ich plötzlich den Arsch hoch. Ich arbeite voll konzentriert, schaffe an einem Tag Sachen weg, die über Wochen hinweg rumlagen, mache Überstunden etc. Schlimmerweise halten mich meine Kollegen deswegen für fleißig und denken immer ich hätte zu viel zu tun, dabei wissen sie nicht, dass ich vorher die ganze Zeit einfach nichts gemacht habe.
Dasselbe habe ich auch im Privatleben. Meine Wohnung ist komplett versifft. Die Wohnung sieht so schweinewiderlich aus, ich würde mich in Grund und Boden schämen, wenn Besuch kommen würde. Mir selbst ist es auch unangenehm, aber ich kann es gut ignorieren. Ich kriege meinen Arsch nicht hoch. Wenn sich aber Besuch ankündigt, mutiere ich zum Aufräum-Profi und die Wohnung ist im Rekordtempo in letzter Minute sauber.

Selbst meine Hobbys vernachlässige ich. Ich habe sehr viele Interessen und Ideen, aber ich mache exakt nichts. Ich hocke einfach nur vorm Rechner und warte wie die Zeit verstreicht. Strenggenommen verschwende ich mein komplettes Leben. Diese Erkenntnis macht mich extrem unzufrieden. Ich bin unzufrieden, weil ich bei der Arbeit viel besser sein könnte. Wenn ich meine Aufgaben einfach mal zügig wegarbeiten würde, könnte ich ohne schlechtes Gewissen mit Kollegen quatschen und müsste mich nie in letzter Minute rumquälen – und die Ergebnisqualität wäre sicherlich auch besser. Selbes Spiel bei meiner Wohnung: Wenn ich konsequent am Ball bleiben würde, hätte ich nie irgendwelche Aufräummarathons und könnte mich nach Feierabend in eine angenehme Lauerumgebung setzen. Und zu guter Letzt: Wenn ich meine Lebenszeit nicht verschwenden würde, könnte ich Spaß haben, meine Ideen verwirklichen, aufmannen und Mullen weiten als ob oder irgendeiner anderen erfüllenden Tätigkeit nachgehen.

Aber so wie es jetzt ist, ist es ziemlich belastend. Am schlimmsten ist es für mich, wenn ich an einem Sonntagabend realisiere schon wieder ein Wochenende verschwendet zu haben.

Bernd, sag mir, was soll ich tun? Diese Probleme habe ich seit ich ein Jugendlicher bin. Aus dem fleißigen Grundschul-Kleinbernd ist ein lethargischer Vollpfosten geworden. Es hat sich mit der Zeit natürlich verschlimmert und war am Anfang nicht so schlimm wie jetzt, aber es ist eben nicht erst seit gestern ein Problem.

Geht man mit sowas zum Arzt? Mein Leben habe ich ja trotzdem noch einigermaßen im Griff. Hatte Bernd ähnliche Erfahrungen und hat den Bann gebrochen? Wie bekomme ich die Energie, Dinge anzupacken anstatt erst aktiv zu werden, wenn der Druck groß wird?

anjhero Avatar
anjhero:#53728

Bernd war im Studium genauso, war der letzte Kellermensch mit WTCs aus Pizzakartons und so weiter, hab den bann gebrochen, weil meine Ausbildung anfing und ich aus dem ungeregelten Alltag in den arbeitstechnisch zumindest geregelten Alltag drang, sodass ich zu Hause einfach meine Aufgaben auch danach gerichtet habe, Freitag nach Eins macht jeder seins, ich mache Wäsche, am Mittwoch ist Müll, also Dienstag fein alles in die Tonne und so weiter.

Das Prokrastinieren bis zur Todeslinie und dann im Überschalldüsenjäger alles fertig machen hab ich immer noch, das ist aber mir auch wichtig, denn erst dann arbeite ich auch gut.

Was auch hilft, ist neudeutsch gamification, denn sowohl Ernährung als auch Finanzen halte ich in meinem Fernsprecher fest und habe so den Überblick, was wann anfällt, wie viel noch offen ist usw. So schlimm das SchlauFon Schafbernd auch findet, ich bin ein iBernd und fahre damit sehr gut mein Leben.

coreyhaggard Avatar
coreyhaggard:#53742

Richtig, du hast ein Luxusproblem. Du hast:
Zeit, Geld. Wahrscheinlich lautete dein bisheriger Lebensplan "mach ma mal das Studium fertig, der Rest wird sich dann schon richten".

Ganz Falsch.

Bisher bist du vermutlich herumgegammelt, weil eh keine Kohle und Zeit. Jetzt hast du Kohle, aber die Zeit "brauchst du auf" mit hocheffizienter Prokrastination, aus Angst davor, dir einzugestehen, dass du nicht weißt, was du mit der Zeit anfangen sollst.

Schau dir mal die Liste an. Na, du bist wohl eher auf der rechten Seite unterwegs, hab' ich recht? Also, rüber auf die linke Seite, dabei aber nur nichts überstürzen. Schön langsam angehen!

HenryHoffman Avatar
HenryHoffman:#53746

>>53728
Bernd, mein Studium liegt jetzt schon ein bisschen länger zurück. Und mein Studium war stark verschult, strenggenommen habe ich jetzt mehr Freiheiten als vorher.

>>53742
>dein bisheriger Lebensplan
Ich habe keinen Lebensplan, das hast du gut erkannt. Das Leben an sich ist sinnlos, meine Existenz ein Zufall, eine Laune der Natur. Keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Das Studium habe ich eigentlich nur durchgezogen, damit sich meine Eltern keine Sorgen um mich machen und mich nicht durchfüttern müssen.

Ganz ehrlich: Ich bewundere Menschen, die eine Leidenschaft haben. Und ich hasse mich dafür, keine zu haben. Es gibt schon viele Dinge, die ich interessant und schön finde. Aber in den seltensten Fällen raffe ich mich dazu auf.

>Schau dir mal die Liste an. Na, du bist wohl eher auf der rechten Seite unterwegs, hab' ich recht?
Bild relatiert

>Also, rüber auf die linke Seite, dabei aber nur nichts überstürzen.
Und wie? Wie komme ich auf die linke Seite?

alexradsby Avatar
alexradsby:#53749

Mach halt Sachen die da stehen?

Aber ich denke, dass das etwas zu esoterisch ist und man eher die Batterie wie man sie lädt auch ausleeren sollte. Wichtiger Teil der Gesellschaft ist keine Kernkompetenz und muss nicht immer sein.

woodydotmx Avatar
woodydotmx:#53770

>>53727
Hallo Bernd, dein Text könnte von mir sein!

Ich würde mich an deiner Stelle auf jeden Fall auf ADS/ADHS diagnostizieren lassen. Viele Menschen assozieren mit ADHS nur den "Zappelphilipp", jemanden der hyperaktiv ist und der als Kind schon den Unterricht störte.

Es gibt aber noch einen anderen Typus, den Hypoaktiven. Dieser entspricht eher dem "Hans Guck-in-die-Luft". Er ist verträumt und fällt daher im Regelfall durchs Raster.

Als wäre ADS/ADHS alleine nicht schlimm genug, kommen mit den Jahren Komorbiditäten hinzu. Ich gebe dir ein Beispiel. Ich wusste in der Schule dass ich den Stoff ohne Probleme beherrsche, bekam manchmal aber nichts auf Papier. Das kann einen ziemlich zum verzweifeln bringen, weil man sich selbst nicht mehr vertraut. Minderwertigkeitskomplexe sind das Resultat. Auch das permanente Gefühl sein ganzes Leben nur Sachen vor sich herzuschieben und nicht wirklich zu leben, ist ein guter Weg in eine Depression.

Nach der Diagnose (Ich war damals schon erwachsen und berufstätig) bekam ich Ritalin, was mir im Job deutlich geholfen hat. Es war als hätte jemand die Bremsen gelöst. In meiner Naivität dachte ich jetzt wäre alles in Ordnung, was ein Trugschluss war. In bin nun seit einigen Jahren begleitend in psychotherapeutischer Behandlung.

Mittlerweile ist die Erkenntnis in mir gereift, dass ich nie wie ein normaler Mensch "funktionieren" werde. Auf der anderen Seite habe ich aber auch Fähigkeiten, die anderen Menschen fehlen. Ich kann in kürzester Zeit wie in einem Rausch wahnsinnig viel wegarbeiten, ich bin kreativ, ich kann gut analysieren und ich achte auf Dinge, die andere übersehen. Sich zu wünschen wie ein normaler Mensch zu funktionieren, ist letztlich nur eine Selbstverleugnung.

Ein gangbarer Weg ist die Schwächen versuchen abzumildern (To-Do-Systeme, Tages- und Wochenpläne - da habe ich nach vielen Jahren aber auch noch nicht den heiligen Gral gefunden) und sich einen Job zu suchen der wenig Routinetätigkeiten hat und in dem man immer wieder vor spannende neue Aufgaben gestellt wird. Auch kann man sich in einem Team entsprechend verständigen. Es gibt Menschen die nur stumpf Aufgaben nach Schema F abarbeiten können und die völlig überfordert wären, ein Konzept für ein Thema auszuarbeiten oder ein Problem zu lösen, das zum ersten Mal aufgetreten ist. Warum lässt man die nicht den Routinekram machen, bei dem sie den Kopf abschalten können und man selbst widmet sich den spannenden Aufgaben? Das mag nicht überall funktionieren, schon klar.

Bei der Wohnung bin ich mittlerweile soweit eine Putzfrau engagieren zu wollen. Ich kann es mir ohne Probleme leisten und trotz jahrelanger Versuche habe ich es nie geschafft, die Wohnung dauerhaft in einem Zustand zu halten, der spontanen Besuch ermöglicht. Und das ist ein richtiger Verlust an Lebensqualität. Ich kann alle meine Freunde spontan besuchen, während das bei mir fast nie möglich ist. Ich bin diese Putz-Marathons jedenfalls leid.

Also Bernd, such dir einen auf ADS/ADHS spezialisierten Psychiater und falls meine Vermutung zutreffen sollte, beginne noch eine Verhaltenstherapie.

katiemdaly Avatar
katiemdaly:#53771

>>53770
>Bei der Wohnung bin ich mittlerweile soweit eine Putzfrau engagieren zu wollen. Ich kann es mir ohne Probleme leisten und trotz jahrelanger Versuche habe ich es nie geschafft, die Wohnung dauerhaft in einem Zustand zu halten, der spontanen Besuch ermöglicht. Und das ist ein richtiger Verlust an Lebensqualität. Ich kann alle meine Freunde spontan besuchen, während das bei mir fast nie möglich ist. Ich bin diese Putz-Marathons jedenfalls leid.
Armbernd (der sich keine Putze leisten kann), hat folgendes geholfen:
>entspannteres Verhältnis zur "Vorzeigbarkeit" der eigenen Wohnung
Also die eigenen Ansprüche etwas senken und lernen, keinen Fick zu geben. Das ist sicherlich der schwierigere Teil.
>das deutlich niedriger gesteckte Ziel ernst nehmen
Also weg vom alles oder nichts. Bernd hat so in den letzten Jahren einen brauchbaren Mittelweg zwischen Messi-Bude und Möbelhaus-Idylle gefunden.
Spontane Besichtigungen sind nun im äußersten Notfall möglich (Bernd gibt keinen Fick mehr) und richtige Besuche von Freunden und Familie sind mit weniger als einem Stündchen Vorbereitung problemlos möglich.
Denn wenn die Hütte erst mal so weit degeneriert ist, daß
>hier kann ich ja eh niemanden mehr reinlassen.
zutrifft, dann gibt man sich auch keine Mühe mehr und endet irgendwann bei RTL. Wenn man allerdings seine Ansprüche bewußt etwas niedriger ansetzt, ist auch deutlich einfacher sie zu halten.

Neuste Fäden in diesem Brett: