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Veröffentlicht am 2014-04-29 12:57:53 in /l/

/l/ 21103: Wer kann überschauen, wieviel Literatur schon...

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_vojto:#21103

Wer kann überschauen, wieviel Literatur schon in Vergessenheit geraten ist? Die Willkür des Menschen, Bücherverbrennungen, bloße Unkenntnis, all das trägt dazu bei, mitunter bedeutende und große Werke in der Versenkung verschwinden zu lassen und die Namen bedeutender Autoren ganz von der Bildfläche zu tilgen.
Zu diesem Schlage gehört auch Jacob Elias Poritzky, ein Autor aus der Zeit der Weimarer Republik. Sohn jüdischer Eltern, aber selbst eine Dichternatur, die sich in keinen orthodoxen Dogmatismus fügen konnte und wollte, zog es ihn früh in die Welt hinaus, nach Frankfurt, Berlin, Paris, wo er teils unter erbärmlichsten Bedingungen sich Brot und Logis zu verdienen pflegte. Trotz allen Widrigkeiten ist aus ihm ein großer Autor geworden, der Romane (Melancholie - Erlebnisse eines Lebemanns), Märchen und Erzählungen im Stile Hoffmanns und Poes, Portraits und Essays schrieb und zudem mit seinen Werken als einer der ersten Deutschen im gerade entstehenden Rundfunk seinen Einzug hielt. Daneben war er Theaterdirektor und Regisseur, ihm gelang es also in einer Vielzahl von Bereichen seine Kreativität zu verwirklichen.
Poritzky starb vor Ausbruch des Krieges, während seine Frau und Tochter, eine begabte Komponistin und Multiinstrumentalistin im Konzentrationslager ihr Ende fanden.
Heute ist der Name Poritzky niemandem mehr ein Begriff. Zu Unrecht, wie ich finde, da seine Sprache von einem überlegenen Stil und tiefer Einsicht zeugt. Sowohl wissenschaftliche als auch literarische Werke sind von klarem Ausdruck, fesselnd und lehrreich. Dazu gehört auch das Werk "Dämonische Dichter - Probleme und Portraits", ein nur antiquarisch zu beziehendes Buch, in dem der Autor eine Reihe namhafter Autoren untersucht, darunter Hoffmann, Dostojewski, Poe, Strindberg, Gorki und viele weitere, Dichter des Opiums, Phantasten und Selbstmörder - eine illustre Gesellschaft also.
Ich lade jeden Literaturbegeisterten dazu ein, einmal nach dem Namen Poritzky zu forschen, besonders wenn sein Interesse in die dunklen Gefilde der Kunst neigt, die Schattenseiten von Seele und Geist.
Damit ihr versteht, wovon ich rede, habe ich einen Auszug aus seinem Essay über den norwegischen Dichter Jonas Lie aus ebendiesem Buch eingelesen, den ihr euch bei Interesse anhören könnt:

http://vocaroo.com/i/s0H4V3dNi2XI

chaabane_wail Avatar
chaabane_wail:#21104

Danke, Bernd, klingt sehr interessant und nach meinem Geschmack.

liang Avatar
liang:#21128

OP, Freund, Orator, fantastisch vorgetragen.

Danke für diesen Faden.