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Veröffentlicht am 2014-09-19 23:45:2 in /l/

/l/ 21863: Bernd hat geschrieben: Schnake I

davidcazalis Avatar
davidcazalis:#21863

Gregor erinnert sich genau. 13 Jahre ist es nun schon her, aber die Bilder dieses einen verhängnisvollen Fehlers sind geblieben. Tagtäglich kehren sie wieder und quälen ihn. Manchmal schaut Gregor in solchen Momenten auf die vielen Tattoos, die seine Arme bedecken. Dann denkt er daran, was er dafür geben würde, könnte man Erinnerungen wie Tattoos einfach wieder entfernen lassen. Aber das geht nicht. Wenn kein Wunder geschieht, wird Arndt diesen einen Moment mit ins Grab nehmen.

11 war er damals erst. Er lebte noch bei seinen Eltern und machte ausnahmsweise Hausaufgaben: Biologie, irgendetwas über Bienen. Gregor saß an seinem Schreibtisch und langweilte sich schon, noch bevor er seine Mappe überhaupt aufgeschlagen hatte. Bienen interessierten ihn genau so wenig wie alle anderen Tiere, wie die Natur überhaupt. Er war ein Stadtmensch. Das wussten seine Eltern, trotzdem waren sie im letzten Sommer auf diesen ausgebauten Bauernhof gezogen. Tiere überall, es war nicht auszuhalten.

"Bssss-Tokotok-Bssss-Toktok-Bssss-Tokotok." Eine Biene - ausgerechnet! - hatte sich in sein Kinderzimmer verirrt. Panisch unternahm sie nun sinnlose Versuche, durch die Scheibe seines halb geöffneten Fensters hindurchzufliegen. Das beim Aufprall entstehende "Toktok", war das einzige, was das stets summende "Bssss" unterbrach. So konnte er bestimmt keine Hausaufgaben machen, aufstehen wollte er aber auch nicht mehr.

Den Spalt betrachtend, den die Biene wieder und wieder knapp verfehlte, schmiedete er einen Plan. Weit war das Fenster nicht entfernt, und sein Bein war seit dem letzten Wachstumsschub erstaunlich lang. Vorsichtig bewegte er seinen rechten, besockten Fuß so nahe an die Biene, wie möglich. Ja, das ging, zwar bedeutete es einen Balanceakt, aber es ging. Behutsam pirschte er sich mit seinem großen Zeh an das Tier heran und begann damit, es in Richtung Spalt zu bewegen.

Da passierte es. Er verlor sein Gleichgewicht und damit die Kontrolle über den Zeh. Einen Augenblick später hatte er sich wieder gefangen, aber da war es schon zu spät. Die Biene lag zerquetscht auf dem Parkett. Er konnte sich damals nicht überwinden, die Leiche zu beseitigen. Erst als sie Monate später schon lange zu Staub zerfallen war, saugte er irgendwann nachts die entstandene Wollmaus auf.

Die Biene ist weg, die Erinnerungen sind geblieben. Gregor reißt den Blick von seinen tätowierten Armen und schaut Richtung Zimmerdecke, wo sich etwas bewegt hat. Er lebt zwar nun in der Stadt, so wie er es immer wollte, aber auch hier geraten noch manchmal Insekten in seine Wohnung. Dieses Mal ist es eine Schnake, die sich in dem Lichtkegel seiner Schreibtischlampe sonnt. Klassischer Fall, denkt Gregor, draußen ist es Nacht und mein erleuchtetes Zimmer wird sie angelockt haben. Er ist natürlich vorbereitet. Seit diesem traumatischen Nachmittag vor 11 Jahren hat er nie wieder ein Tier bewusst getötet und dabei soll es auch bleiben. Das hat sich Gregor geschworen.

Er öffnet routiniert eine Schublade und holt ein Tuch, ein Fläschchen und eine Untertasse hervor. Mit dem Tuch bedeckt er schnell seine Lampe, damit das Insekt sich nicht an der heißen Glühbirne verbrennen kann. Gregor erschaudert bei dem Gedanken, wie vielen unschuldige Insekten diese tödlichen Fallen wohl schon zum Verhängnis geworden sind. Nun träufelt er aus dem Fläschchen einige Tropfen stärkender Zuckerlösung auf die Untertasse, platziert diese auf seinem Kleiderschrank, und öffnet abschließend sein Fenster sperrangelweit.

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marrimo:#21864

Zufrieden mit sich und der Schnake, die das ganze Treiben scheinbar teilnahmslos verfolgt hat, legt er sich in sein Bett, schläft ein. Als er am Morgen aus unruhigen Traumen erwacht, findet er sich zwar nicht zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt, aber dafür hängt nun ein reisetaschengroßer Kokon an Gregors Zimmerdecke. Direkt über seinem Schreibtisch, genau dort wo die Schnake es sich gestern gemütlich gemacht hatte. Die ist dafür nun spurlos verschwunden. Und vom Zuckerwasser hat sie auch nichts genommen, stellt Gregor etwas enttäuscht fest.

Der Kokon selbst besorgt ihn nur ganz kurz. Er fürchtet, der Vermieter könnte sich deshalb bei ihm beschweren und zusätzliche Miete verlangen, aber dann fällt ihm ein, dass er die Wohnung vor einigen Jahren gekauft hat, und geht so beruhigt zur Arbeit. Abends sitzt Gregor wieder in seinem Zimmer und bemerkt den Kokon schon gar nicht mehr. Sein Blick geht einfach über ihn hinweg, wie über ein etabliertes Möbelstück. Die Träume in der darauffolgenden Nacht sind dafür umso seltsamer: Alle laufen sie darauf hinaus, dass Gregor irgendwann Pappe zerfetzt.

Das beim Zerfetzen entstehende Geräusch klingt ihm sogar noch nach dem Aufwachen in den Ohren. Zumindest glaubt er das anfänglich. Als er dann endlich die Augen öffnet, erkennt er aber, dass das Geräusch in Wahrheit von dem Kokon stammt. Dieser hängt immer noch an der Decke und wird nämlich gerade von innen zerrissen. Zwei kleine Menschenhände sind zu sehen, die emsig an einer größer und größer werdenden Öffnung arbeiten.

Gerade ist Arndt aufgestanden, um den Händen helfen, als sich explosionsartig dichter Staub im ganzen Zimmer verteilt. Sehen kann Gregor nichts mehr, nur noch hören, wie es einen letzten entschiedenen Riss gibt und wie zwei Dinge sachte auf seinen Schreibtisch gelegt werden. Der Staub legt sich und Arndt stellt dann doch etwas erstaunt fest, dass es sich bei den beiden Dingen um zwei zierliche, nackte Füße handelt.

Aber nicht nur das! Es folgen zarte Knöchel, hauchdünne Schienbeine, schmale Oberschenkel, glänzendes Becken, pulsierender Bauch und eine feste Brust, über die leicht verstaubte, aber doch bräunlich schimmernde Haarspitzen fallen. Die Haare vereinigen sich zu einem wilden Schopf und umrahmen ein Gesicht, geprägt von großen, dunkle Augen, die neugierig Gregors genießerisch schweifenden Blick verfolgen.

Tatsache! Da steht vor Gregor nun wahrhaftig ein Wesen, so wie der Kokon es schuf. Ein Wesen sehr ähnlich den Mädchen, die Gregor oft heimlich von seinem Fenster aus beobachtet, und denen er manchmal versucht, in der Supermarktschlange zuzulächeln. Sehr ähnlich, aber etwas ist doch anders, vor allem ist sie viel schöner.

Warte, du hast da etwas, flüstert Gregor ehrfurchtsvoll, und will einen Kokonrest aus des Schnakenmädchens Haar fischen. Verschämt hält er inne, als ihm einfällt, dass sie noch auf dem Schreibtisch steht und ihr Haar für ihn so unerreichbar ist. Über ihren dünnen Mund legt sich ein Schmunzeln. Sssssekunde, summt sie, und landet flatternd in seinen Armen. Sssssuperpraktisch, oder?, entgegnet sie auf seinen entgeisterten Blick und bewegt stolz ihre glitzernden Flügel. Gregor kann nur nicken und sich wundern. Das war also anders an ihr.

Danke übrigenssss, Gregor, sssso lieb hat mich noch nie jemand behandelt … Doch nicht wegen des Stückssss in meinem Haar, du Ssssüßer. Nein, dafür, dasssss du mich so lieb aufgenommen hasssst in deinem Nesssst, und mich nicht direkt rausgeschmissssen oder gar zerquetscht hasssst … Wassss? Sssselbstverständlich? Nein, sssselbstverständlich isssst dassss leider nicht, und dassss weisssst du auch! Wiesssso bisssst du blossss sssso anderssss alssss andere Menschen?

Ach, dassss … äh … das ist eine lange Geschichte und schon lange her. Ich war damals ungefähr so alt, wie du jetzt bist … äh … beziehungsweise so alt wie du jetzt aussiehst … Ich glaub, ich erzähl dir das lieber heute Abend. Jetzt müssen wir erst einmal telefonieren, ich kenne da nämlich einen guten Logopäden.

dmackerman Avatar
dmackerman:#21865

Als ich noch im Studentenheim wohnte, hatte mal eine Hornisse begonnen, in meinem Zimmer ein Nest zu bauen (ich kann nur bei offenem Fenster schlafen). Aus ähnlichen Gründen wie Arndt oder Gregor beförderte ich das Nest vorsichtig auf die Fensterbank, während die Hornisse gerade irgendwo unterwegs war. Hätt ich gewusst, was ich heut weiß, hätte ich ein Hornissen-GF haben können.

marshallchen_ Avatar
marshallchen_:#21866

(Anmerkungen zum Text wie immer nur auf konkrete Fragen)

samihah Avatar
samihah:#21868

>>21865

> Arndt oder Gregor

Abgefahren! Weshalb passiert mir das bloß immer wieder? Wüsste Bernd, um wen es sich bei Arndt handelt, könnte er nachvollziehen, wie tief das beim Autor blicken lässt.

>>21866

Was hat dir am Text am meisten ge-, was am meisten missfallen?

woodydotmx Avatar
woodydotmx:#21870

>>21868
Am besten hat mir der Schluss gefallen, das war wirklich überraschend.

Der erste Teil ist sprachlich etwas holprig und auch nicht besonders interessant. Besonders schlimm fand ich den "besockten Fuß", vielleicht weil man allzu sehr merkt, was dir dabei durch den Kopf gegangen ist.

Der Arschbürger in mir zwingt mich anzumerken, dass Schnaken keine Kokons bauen.

>Wüsste Bernd, um wen es sich bei Arndt handelt

Das könntest du uns jetzt aber schon verraten. Wem, wenn nicht Bernd, können wir unsere furchtbarsten Geheimnisse anvertrauen?

melvindidit Avatar
melvindidit:#21871

>>21863
Ich fand den Text gut. Ausnahme:
>Das beim Aufprall entstehende "Toktok", war das einzige, was das stets summende "Bssss" unterbrach.
Das könntest du rauslassen, weil der Leser es auch ohne die Erklärung versteht. Oder wenigstens stark kürzen.
Im Gegensatz zu meinem Vorredner fand ich auch den Anfang gut; den vielleicht sogar am meisten, weil man im ersten Drittel checkt, dass es um das Bewusstsein eines Psychopathen
geht. Du schreibst genau so viel, wie man wissen muss (Tattoo-Detail fand ich gut); auch ziemlich gute Wortwahl (v.a. "emsig" hat mir gefallen).

shoaib253 Avatar
shoaib253:#21872

>>21871
>das Bewusstsein eines Psychopathen

Is des so? Das ist ja mal ein netter Psychopath.

emilioiantorno Avatar
emilioiantorno:#21873

>>21863
Find ihn auch "nett"; aber ein bisschen übertrieben nett eben ...

abotap Avatar
abotap:#21874

>Gregor erinnert sich genau. 13 Jahre ist es nun schon her, aber die Bilder dieses einen verhängnisvollen Fehlers sind geblieben. Tagtäglich kehren sie wieder und quälen ihn. Manchmal schaut Gregor in solchen Momenten auf die vielen Tattoos, die seine Arme bedecken. Dann denkt er daran, was er dafür geben würde, könnte man Erinnerungen wie Tattoos einfach wieder entfernen lassen. Aber das geht nicht. Wenn kein Wunder geschieht, wird Arndt diesen einen Moment mit ins Grab nehmen.


langatmig und ungeübt.
"könnte man Erinnerungen wie Tattoos einfach wieder entfernen lassen"
tattoos entfernen lassen ist stark abhängig von der tattoogröße und der farbintensität. der prozess ist verbunden mit schmerzen und häufig bleiben sichtbare spuren auf der haut zurück. ganz zu schweigen von den erinnerungen.

das ist oberflächliches denken; dort zerbricht der sinn im geschriebenen.

iqbalperkasa Avatar
iqbalperkasa:#21877

>>21865

Bibor mit Brüsten? Erschreckende Vorstellung.

>>21870
>>21871

Danke Bernd. Von dir nicht vollkommen zerrissen zu werden, ist mehr als ich zu träumen wagte. Mit Euren Einwänden gegenüber dem Text habt ihr aber dann auch durchweg recht, denke ich.

>Das könntest du uns jetzt aber schon verraten.

Arndt war der Name meiner Katze. Sie starb an einer verschluckten Biene.

Tut mir Leid, Bernd, so spannend ist das ganze leider nicht. Es ist bloß ein Name aus einer anderen Geschichte, an der ich aber ewig nicht mehr geschrieben habe. Daher die Bestürzung.

>>21874

>langatmig und ungeübt.

Diese eine Stelle besonders, oder der gesamte Text?

Dass man Tattoos nicht "einfach" wieder entfernen lassen kann, war mir beim Schreiben durchaus bewusst. Aber das, was ich in diesem Text beschreiben möchte, ist ja nicht die Realität an sich, sondern die Realität, wie Gregor sie wahrnimmt.

starburst1977 Avatar
starburst1977:#21879

>>21877
>langatmig und ungeübt

Ich meine deinen Schreibstil. Auf mich wirkt er juvenil, ein 16-jähriger schreibt eine Abenteuergeschichte.
Ich denke mal du bist 22 und faul. Schreib mehr Bernd.

>Aber das, was ich in diesem Text beschreiben möchte, ist ja nicht die Realität an sich, sondern die Realität, wie Gregor sie wahrnimmt.

mach halt nicht

tomgreever Avatar
tomgreever:#21880

>>21879

>Ich denke mal du bist 22 und faul.

Touché.

>Schreib mehr Bernd.

Reicht das denn? Brauch ich kein System?

nehemiasec Avatar
nehemiasec:#21881

>>21880>>21880
Mein System: Schreib die nächsten 5 Jahre so oft wie möglich.
Aber stell dir vorher die Frage, warum du überhaupt schreibst.

arnel_lenteria Avatar
arnel_lenteria:#22048

>>21881

Bernd schreibt, weil er einen Drang verspürt, sich auszudrücken. Bin ich es jetzt richtig machend?

bighanddesign Avatar
bighanddesign:#22053

>er öffnet routiniert
>bedeckt er schnell
>und öffnet abschließend

Nicht sicher ob gewollt, er das sind auf jeden Fall zuviele Adverbien für einen Absatz.

intertarik Avatar
intertarik:#22059

>>22053

Danke. Dabei fällt mir gerade auch noch auf, dass es doch recht seltsam ist, "öffnen" in Kombination mit "abschließend zu verwenden.

>>21881
>>22048

Ach, das ist doch auch nicht viel mehr als ein Klischee mittlerweile, schon durchgepeitscht durch jeden Schreibratgeber und durch jede Talkshow.