Krautkanal.com

Veröffentlicht am 2016-04-06 11:56:36 in /l/

/l/ 24302: schöne Orte

peterlandt Avatar
peterlandt:#24302

Zuweilen geht es Bernd nicht so gut (ihr kennt das) und dann macht er sich in seinen Gedanken schöne Orte, um zu ihnen zu flüchten (kennt ihr das?). Da es Bernd öfter mal nicht so gut geht (ihr kennt das), sind bereits einige Orte zusammengekommen und nun hat Bernd beschlossen, sie der Reihe nach niederzuschreiben. Dies soll der erste sein. Vielleicht passiert es ja, dass Ihr in ihnen auch eine Milderung findet.

>Die Abenddämmerung ist wie eine Versöhnung über Dich gekommen. Von Osten ist sie in Euer Lager geschlichen, hat sich zu Dir und Deinen arbeitenden Kameraden gesellt und Euch in ihre immer fester werdende Umarmung geschlossen. Schon bald bist Du ihn ihrem Dunkel so versunken gewesen, dass erst die anderen und dann auch Du selbst in das Unsichtbare glitten. Als Erinnerung an die Anstrengungen des vergangenen Tages ist Dir jetzt nur noch der allmählich aus Deiner Uniformjacke dampfende Schweißgeruch geblieben und der sonnige Duft, der von den Heidekräutern hinab in Eure Sandkuhle schwebt. Die ganze Mittagshitze hindurch habt Ihr Euch diese Zuflucht in den Hang derjenigen Düne getrieben, auf dessen Kamm Ihr den Feind vermutet. Da oben, noch hinter den Büschen von Heidekräutern, dort zwischen den wenigen Birken, da wird er liegen, habt Ihr Euch immer wieder während des Grabens zugeflüstert und dann kurz innegehalten. Manchmal hat es dabei zwischen den Stämmen herabgeblitzt; und es mag Metall gewesen sein, ein Spiegel, oder auch nur ein ein Tropfen Tau. Der kleine Hain – Dein Tod könnte morgen aus ihm kommen – liegt gen Westen und so sind das Letzte, das Du vor der totalen Düsternis noch hast ausmachen können, seine Stämme gewesen. Als dunkle Schatten haben sie über der schwindenden Insel Blau im sonst tiefen Schwarz gelegen. Du hast Deinen Blick nicht lösen können und bist so der letzte Wachende zwischen Deinen schon lange bewusstlosen Kameraden geworden. Doch jetzt ist gar nichts mehr zu sehen und gleich wirst auch Du eingeschlafen sein und Du denkst nur noch: zu den Birken, habe ich geguckt, nicht zu den Feinden, nein, nicht zu den Feinden, sondern zu den Birken.

sunshinedgirl Avatar
sunshinedgirl:#24306

>Du bist so aufgewacht, wie Du eingeschlafen bist: plötzlich und ausversehen. Nun hebst Du Deinen Kopf vom Kissen und schaust Dich – ein zerknittertes Buch unter Deiner Brust hervorziehend – im Zimmer um. Für das Löschen des Lichts hast Du wohl keine Kraft mehr gehabt, nicht einmal die offenen Flaschen und das Brotmesser sind vom Bett weggestellt – aber alles ist gut gegangen. Nur die Unterhose, mit der Du eingeschlafen bist, die liegt auf einmal zum Haufen geknüllt neben dem Bett. An ihrem Faltenwurf erkennst Du bereits: etwas Deines trocknenden Spermas hält sie im Inneren zusammen, doch weder an einen feuchten Traum kannst Du Dich erinnern, noch daran, etwas ausgezogen zu haben. Nun schon stehend aber immer noch nackt schaltest Du die Deckenlampe aus, und in das neue Dunkel fällt die merkwürdig helle Nacht durch Dein Fenster ein. Bereits beim Öffnen desselben fühlst Du, es war zum letzten Mal. Die Stadt brennt und das wüsstest Du auch ohne den Rauch, der jetzt schon an Dir vorbei in Dein Zimmer fließt, denn da ist auch das vielstimmige Klagen der Sirenen. Auf Dächer bunter Wagen hat man sie geschraubt, um gemeinsam, Verletzte, Wasser, Waffen durch ein sich auflösendes Labyrinth zu fahren. Und nun, es ist seltsam, fällt Dir doch noch ein ein, wovon Du geträumt hast.

dmackerman Avatar
dmackerman:#24313

Stelle mir solche Orte oft vor dem Einschlafen vor. Meistens ist es da sonnig.