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Veröffentlicht am 2016-06-21 12:13:52 in /l/

/l/ 24457: Nietzsche

joshjoshmatson Avatar
joshjoshmatson:#24457

Was hält Bernd von Friedrich Nietzsches Gedicht "Vereinsamt"? Ist das gute Literatur? :3

Friedrich Nietzsche
Vereinsamt

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüstenvogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein, –
Weh dem, der keine Heimat hat!

herkulano Avatar
herkulano:#24461

Er hat bessere Gedichte geschrieben uezs.

carloscrvntsg Avatar
carloscrvntsg:#24474

Kann mir jemand erklären, warum die meiste deutsche und klassische englische Lyric so außerordentlich scheiße für meine Ohren kling? Auf Morphologie, Satzbau und Semantik wird meist geschiessen. Da auch meist keine Spuren irgendwelcher Metrik oder Reimen vorhanden sind, frage ich mich welche Ästhetik hinter solch einer hässlichen Sprachverkrüppelung zu stehen vermag. Das irritiert mich ungemein, da ich Deutsch mir als bevorzugte Fremdsprache autodidaktisch aneigne.

Gruss von /int/

alessandroribe Avatar
alessandroribe:#24476

>>24474
Nein, kann ich dir nicht erklären. Poste halt wenigstens ein Beispiel. OP kann man, jedenfalls was Metrik und Reim angeht, nichts vorwerfen.

alexcican Avatar
alexcican:#24480

>>24476
>Kann mir jemand erklären, warum die meiste deutsche und klassische englische Lyrick so außerordentlich scheiße für meine Ohren klingt?
Das liegt an deiner Schädelform.

jehnglynn Avatar
jehnglynn:#24493

Am Gletscher


Um Mittag, wenn zuerst
der Sommer ins Gebirge steigt,
der Knabe mit den müden, heißen Augen:
da spricht er auch,
doch sehen wir sein Sprechen nur.
Sein Atem quillt, wie eines Kranken Atem quillt
in Fieber-Nacht.
Es geben Eisgebirg und Tann und Quell
ihm Antwort auch,
doch sehen wir die Antwort nur,
denn schneller springt vom Fels herab
der Sturzbach wie zum Gruß
und steht, als weiße Säule zitternd,
sehnsüchtig da.
Und dunkler noch und treuer blickt die Tanne,
als sonst sie blickt,
und zwischen Eis und totem Graugestein
bricht plötzlich Leuchten aus --
Solch Leuchten sah ich schon: das deutet mir's.-

Auch toten Mannes Auge
wird wohl noch einmal licht,
wenn harmvoll ihn sein Kind
umschlingt und hält und küßt:
noch einmal quillt da wohl zurück
des Lichtes Flamme, glühend spricht
das tote Auge: "Kind!
ach Kind, du weißt, ich liebe dich!"-
Und glühend redet alles - Eisgebirg
und Bach und Tann -
mit Blicken hier das selbe Wort:
"wir lieben dich!
ach Kind, du weißt, wir lieben, lieben dich!"
Und er, der Knabe mit den müden, heißen Augen,
er küßt sie harmvoll,
inbrünst'ger stets
und will nicht gehn;
er bläst sein Wort wie Schleier nur
von seinem Mund,
sein schlimmes Wort:
"Mein Gruß ist Abschied,
mein Kommen Gehen,
ich sterbe jung."

Da horcht es rings
und atmet kaum:
kein Vogel singt.
Da überläuft
es schaudernd, wie
ein Glitzern, das Gebirg.
Da denkt es rings -
und schweigt --
Um Mittag war's,
um Mittag, wenn zuerst
der Sommer in's Gebirge steigt,
der Knabe mit den müden, heißen Augen.

crhysdave Avatar
crhysdave:#24532

Mein Lieblingsgedicht ist immer noch aus "Ecce Homo".

Ja, ich weiss, woher ich stamme/
Ungesättigt, gleich der Flamme/
Glühe, und verzehr ich mich/
Licht wird alles, was ich fasse/
Kohle alles, was ich lasse/
Flamme bin ich sicherlich/

Gibt´s hier irgendow ein Gedichtkompendium vom Dynamitmann?