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Veröffentlicht am 2016-04-24 11:27:0 in /ng/

/ng/ 7785: Dieser Bernd hier ist sich nicht ganz sicher ob dies au...

mikaeljorhult Avatar
mikaeljorhult:#7785

Dieser Bernd hier ist sich nicht ganz sicher ob dies auf /b/ oder /ng/ gehört. Es wird vermutlich ein bisschen kantig werden, aber ich bemühe mich ausdrücklich sachlich zu bleiben. Ich denke es ist in meinem Alter (etwas über 20) ganz normal, sich über seinen Werdegang Gedanken zu machen und schätze, dass ein wenig Austausch für alle ein Gewinn ist.

Zl,ng: Ich vergleiche die Arbeitswelten Wirtschaft – Technik, schildere meine persönlichen Erfahrungen und erbitte am Ende alle Bernds, seine Erfahrungen und seine Einstellung mit allen zu teilen.

Besagter Bernd studiert etwas MINZiges und ist mit der Lage zunehmend unzufrieden, da sich das Studium immer mehr so anfühlt, gezwungen zu werden, in einem Shittest mit einem Lächeln im Gesicht versagen zu müssen.

Nehmen wir mal meine letzte traumatische Erfahrung, die die Lage gut repräsentiert. Bernd ist in mündlicher Prüfung, zwar so mittelgut vorbereitet, aber die Prüfung selber läuft inhaltlich völlig anders (also schlechter) als erwartet. Prüfer packt Karteikarten mit so kleinen sehr präzisen Aufgaben aus. Da sind Achsen, Drehrichtungen und verschiedene Koordinatensysteme usw. eingetragen. Jedenfalls soll er irgendeine Projektion mathematisch ausdrücken, ist ja jetzt auch egal. Nicht nur dass Bernd darauf nicht vorbereitet war, er verstand die Aufgabe (da aufgeregt) auch nur so halb und hatte zudem auch überhaupt keine Lust auf sowas. Die Antwort so in der Richtung „Trigonometrie, Sinus- und Cosinussatz wird was mit cos und sin im Term ergeben“ reichte nicht aus und es wurde barsch nachgehakt, ob denn nun „Plus oder Minus als Vorzeichen? Cosinus oder Sinus? Was denn nun?“

Es reicht doch wirklich zu wissen (meine persönliche Meinung), wie man so eine Aufgabe löst, dergleichen kann doch irgendein übereifriger Rechenkobold lösen.

Jedenfalls ist genau diese Ausgangslage die ganze Studienzeit schon vorhanden. Es ist so, als müsse man die ganze Zeit die Versorgerrolle spielen, was einen eindeutig zu Omega-Bernd degradiert.

Glücklicherweise arbeitet Bernd noch nebenher als Werkstudent in einem eher kaufmännischen Umfeld, das zwar Technik thematisiert, aber nur oberflächlich daran arbeitet. Die Entwicklungsabteilung nebenan bekommt ab und an eins „auf die Mütze“, wenn die Projektziele verfehlt werden, also die Ergebnisse nicht ausreichend gut sind. Neben technischen Kennzahlen gibt es auch Preisvorgaben, die erfüllt werden sollen. In Bernds Abteilung verwaltet man dagegen nur und muss Ergebnisse an das Management vermarkten. Gibt es dort mal Ärger von oben, gibt es mal eine Taskforce oder man kann sich geschickt mit Floskeln (okay, etwas überspitzt, damit der Punkt klar wird) wie „Erhöhen wir halt mal den Cashflow“ oder „Ziehen wir halt eine mickrige Leistung der Konkurrenz als Vergleichswert heran“ herausreden.

Im krassen Gegensatz dazu steht nebenbei erwähnt noch die IT-Abteilung, die dafür zuständig ist, dass alle PCs laufen. Natürlich gibt es ab und zu Probleme (gerne durch Updates), neulich hat das Netzwerkbooten nicht mehr funktioniert; will gar nicht wissen, wie hoch der finanzielle Schaden durch dergleichen ist. Grob geschätzt sind diese am niedrigsten in der Alpha-Leiste angesiedelt. Wenn die ihren undankbaren Job gut machen, bekommt man von ihrer Existenz absolut nichts mit und wenn unverschuldet durch ein Adobe Reader-Update irgendwas nicht mehr funktioniert, sind sie der Sündenbock. Ja, das ist zwar kantig ausgedrückt, aber es ist doch wahr.

BrianPurkiss Avatar
BrianPurkiss:#7786

>>7785

Bernd steht jetzt vor dem Problem, dass noch das komplette Masterstudium (das Industriepraktikum ist schon absolviert) und die Bachelorarbeit ausstehen. Fachwechsel ruiniert den Lebenslauf und vom Schwierigkeitsgrad ist das heftigste auch erledigt, vorausgesetzt, Bernd wählt eine einfache Vertiefungsrichtung (was er natürlich tun wird). Für die beiden Arbeiten kann man sich glücklicherweise auch was eher Wirtschaftliches heraussuchen, das mehr in Richtung Marktforschung / oberflächliches Geschwafel als inhaltliche Knochenarbeit geht. Bernd stört aber das menschliche Umfeld, ich mag eher Menschen, die wirtschaftlich denken und nicht in Details herumstochern. „Die Welt da draußen ist meist gar nicht so kompliziert, hier werden wieder mal die zufällig schwierigsten Zusammenhänge herausgepickt“, denke ich mir oft. Vorteil ist sicher, dass man hinterher einen Intellekt hat, sich auch kompliziertere Konzepte schneller aneignen zu können. Hinterher ist es mit Sicherheit von Vorteil, sowas in der Art mal praktiziert zu haben.

Irgendwie auch logisch, dass viel Werbung für MINZe gemacht wird, denn das sind die Leute, die tendenziell Innovation und das BIP ankurbeln. Ich denke es ist gut, dass ich diese Verbitterung jetzt erlebe und nicht erst später, wenn die Berufswahl schon mehr fixiert wurde. Ich will auch keine Labertasche werden, die nur Floskeln runterbetet und eine große Klappe hat, dabei aber nichts kann oder weiß. So technisch oberflächlich arbeiten wie ich es momentan nebenher tue, ist auch anspruchsvoll genug, sodass man seine Arbeit eben gut oder schlecht erledigen kann, aber eben nicht in der Wirkkette die Versorgerrolle übernommen hat.

Mir ist auch aufgefallen, dass die Mitarbeiter mit dem größten technischen Erfahrungsschatz nicht diejenigen sind, die mit dem größten Ego den Raum betreten und irgendwelche Forderungen stellen. Ich erkläre mir das so: Wirtschaftler haben eine einfachere Sicht auf die Welt und können ihr Ego damit einfacher voll ausbreiten. Taucht man tief in die Technik ein, merkt man eigentlich nur, wie sehr man doch beschränkt ist und muss viele Ansätze, Konzepte und vielleicht sogar Lösungen (da z.B. die Kosten zu hoch sind) verwerfen. Wichtig noch:

Bernd ist nicht faul, nur braucht er für alles eine gute Motivation / einen Anreiz, sonst lässt er alles schlagartig liegen. Rein wissenschaftliche Neugier ist nicht vorhanden, vielleicht ist das der Knackpunkt.

Ich denke auch vom Image her wird es sich auszahlen, eher in die kaufmännische Ecke zu gehen und dann eventuell ins Management aufzusteigen. Mit einem guten Ingenieursabschluss gilt man immerhin als glaubwürdig und wenn irgendwelches Wirtschaftswissen vorausgesetzt wird, kann man sich dieses noch schneller nebenher reinpfeifen als das bei technischen Themen der Fall wäre.

Zu guter Letzt noch eine Überlegung. Was ist für Frauen attraktiver? Nehmen wir mal zwei gleich intelligente, gleich aussehende und gleich verdienende Männer, einer arbeitet als Entwickler und der andere arbeitet im Management. Ich fürchte einfach, dass der Techniker von der Frau viel schneller in die Versorgerrolle gestopft wird, während der Manager sich eher nicht so Hände schmutzig macht und schon für das Glühlampen-Wechseln daheim den Elektriker bestellt. Das ist auch einfach so eine Mentalitätsgeschichte, schätze ich mal.

Mit meinen Ansichten ecke ich natürlich ordentlich an; auch wenn meine Argumentation größtenteils nachvollzogen werden kann, scheint das einfach eine andere Gewichtung oder einen anderen Stellenwert innerhalb meines menschlichen Umfelds zu treffen.

Mich würden weitere Berufserfahrungen interessieren, ganz gleich, ob sie meine Thesen unterstützen oder widerlegen. Oder denkt jemand komplett anders und möchte seine Denkweise darlegen? Es würde mich wirklich sehr interessieren, da mich diese Fragen wieder und wieder beschäftigen.

Grüße gehn raus

cbracco Avatar
cbracco:#7790

Du bist oberflächlich hoch 10 - und das, wie es sich anhört, nicht nur fachlich sondern auch menschlich. Irgendwas mit Labern und Wirtschaft passt also perfekt.

Dein Beruf macht dich nicht zu einem Menschen, den Mullen mehr mögen. Das liegt allein in deinem Auftreten/Charakter. Bist du dein eigener Mann, folgst deinen eigenen Regeln und Werten und erhebst dabei den gleichen oder höheren Maßstab an dein Verhalten als du es bei anderen tust, bist verlässlich, gerecht und freundlich zu jedem, der sich nicht das Gegenteil verdient hat, dann ist das schon gut. Bist du aber ein unliebsamer Wicht, kannst du dreimal in irgendeinen Managerposten wechseln und wirst immer noch ein Wicht bleiben - privat und im Beruf. Einzig genug verfügbares Geld wird dann Mullen darüber hinwegsehen lassen.







Auch: sich aufbauschen, mit den Fäusten auf die Brust trommeln etc hat nix mit Alpha zu tun. Vor allem nicht ununterbrochen. Alpha muss nicht die ganze Zeit beweisen/zeigen, dass er Alpha ist. Sowas muss er vielleicht 1mal alle paar Monate oder noch seltener - nämlich wenn mal ein Beta zu weit aus der Reihe tanzt. Betonung liegt hier auch bei "zu weit", denn es muss auch nicht alles gleich vom Alpha gedeckelt werden. Soviel Zeit und Energie hätte man sowieso nicht. Im Alltag muss der Alpha nicht mehr und nicht weniger als regeln bzw alles, was sich als Problem darstellt geregelt kriegen. Daraus muss er auch keine Show machen, um sich und anderen zu zeigen, wie toll er doch ist.

Die ganze Zeit versuchen den Größten zu markieren, sowas tun die (oberen) Betas, um den Oberbeta zu finden, welcher dann vielleicht mal wagt sich dem Alpha entgegenzustellen. Aber das auch nur, wenn der Alpha nicht grade miese Laune und überhaupt keine Lust auf den Scheiß hat - denn dann kann es passieren, dass er kurzen Prozess macht und wenig Nachsicht zeigt. Oft ist bei den Möchtegern-Alphas Schein größer Sein.