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Veröffentlicht am 2014-03-05 10:32:23 in /ph/

/ph/ 10098: Wer allzu viel bedenkt wird wenig leisten. Ein ger...

emileboudeling Avatar
emileboudeling:#10098

Wer allzu viel bedenkt wird wenig leisten. Ein gern zitierter Spruch. Entspricht er der Wahrheit? Ist Philosophie das Ende von Produktivität und Tätigkeit?
Meine Einstellung dazu wäre: nein. Philosophie beißt sich zwar mit der Schafsmentalität von Erwerbsarbeit, aber nicht mit Produktivität an sich. Philosophie zielt auch darauf ab, effizienter zu werden, also weniger zu tun, dafür mehr zu bewirken.
Viele denken mit Erich Kästner: "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Und natürlich ist das wahr, aber wo fängt eine Tat an, wenn nicht im Denken? Ist nicht schon eine gute Einstellung eine Tat, die andere Taten erst ermöglicht? Und ist die Wahrnehmung eines Themas, das andere übersehen oder vermeiden, nicht selbst schon eine wichtige Handlung, die langsam und im Geheimen, aber doch trotzdem eine Entwicklung vorantreibt und letzten Endes einen Umschwung erzeugen kann? Wie sieht das Bernd?

andina Avatar
andina:#10103

>Philosophie beißt sich zwar mit der Schafsmentalität von Erwerbsarbeit
Ernsthaft? Wo?
Aus der Sicht der Vernunft etwa beißt sich das überhaupt nicht, sie müsste es gar verlangen. (Weitere Ausführung spare ich mir jetzt, oder braucht es eine?)

Würde an dieser Stelle schon einhaken.

Ansonsten ist ein Denken, wie es in der Philosophie praktiziert wird, wie von dir durch rhetorische Fragen nahegelegt natürlich ein gutes Fundament für überlegtes Handeln.
Der Spruch taugt wohl nur dazu diejenigen anzustacheln, die nicht konstruktiv überlegen, sondern in Zweifeln schwelgen. Was wohl auch unter Bedenken zu verbuchen wäre. Bedenken haben.

http://universal_lexikon.deacademic.com/318823/Wer_gar_zu_viel_bedenkt,_wird_wenig_leisten
Das habe ich zum Kontext gefunden. Scheint meine Annahme zu stützen, dass es anders interpretiert werden soll/sollte/will.

trueblood_33 Avatar
trueblood_33:#10108

>>10098
Zum Einen gilt natürlich was OP sagt, dass nämlich durch das Philosophieren auch Handlungen motiviert werden, die anderenfalls gar nicht ausgeführt würden und dass auch das Denken selbst sich als Handlung begreifen lässt. Andererseits gibt es einen bekannten Zusammenhang zwischen exzessivem Denken und Studieren und der Melancholie. Der Philosoph und Denker übt sich in einer Tätigkeit, "die das Hirn austrocknet und die natürliche Hitze auslöscht. Denn während sich die Lebensgeister droben im Kopf der Meditation hingeben, sind die Leber und der Magen alleingelassen, von daher kommt schwarzes Blut." (Ficino, 15. Jh.) Das schwarze Blut aber, sprich das melancholische Temperament, ist nichts anderes als eine "Handlungshemmung", so W. Lepenies in "Melancholie und Gesellschaft". Der Zusammenhang zwischen Untätigkeit und Philosophie ist also auch gegeben. Die Melancholie zumindest interpretiere ich als die Art von Handlungshemmung beziehungsweise Untätigkeit, die mit dem Denken einhergeht. Sie ist weit davon entfernt unnütz zu sein, vielmehr resultiert sie aus der Einsicht in einen Mangel der Situation, der nicht handelnd behoben werden kann. Während es sich mit einer Melancholie noch "gut leben lässt", wie der Schriftsteller Genazino sagt, ist sie auch gleichzeitig die Nachbarin der Depression und birgt daher auch Risiken. Im Übrigen muss sich auch gar nicht erst eine Depression entwickeln, auch das bloß untätige, melancholische Temperament scheint auf Dauer gestellt zu einer Last zu werden. Melancholie ist das Aussetzen des souveränen Zeitgebrauchs, ist das Sichtreibenlassen und das Leben im Denken, ist gehemmte Vitalität. Und es könnte sein, dass der melancholische Mensch nach einer Zeit ein starkes Bedürfnis nach Tätigkeit entwickelt und tätig wird aus keinem anderen Grund als um der Untätigkeit endlich zu entgehen.

jonkspr Avatar
jonkspr:#10109

>>10108
Sehr schöner Pfosten, danke dir.