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Veröffentlicht am 2014-03-13 15:19:0 in /ph/

/ph/ 10231: Durch den Faden über Führungspersön...

samihah Avatar
samihah:#10231

Durch den Faden über Führungspersönlichkeiten angeregt, habe ich mal darüber nachgedacht, wie es sich mit Müßiggang in unserer Gesellschaft verhält.
Seit jeher wird das Nichtstun verschrien und angefeindet mit Sprüchen wie "wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen" etc. Aber das ist ein Spruch aus der Bibel, aus Zeiten da Überversorgung und Massenproduktion noch kein Thema war. Obwohl noch immer Menschen Gefallen an der Idee von Vollbeschäftigung finden, ist diese Vorstellung nicht allein nicht mehr zu verwirklichen, sie hat auch überhaupt keinen Sinn.
Es sollte eigentlich so sein, dass durch die erhöhte Automatisierung unserer Arbeitsabläufe die Arbeit für Menschen verringert werden müsste, sodass mehr Freizeit bleibt, aber das Gegenteil ist der Fall. Neue Arbeit (oder besser: neue Beschäftigung, so hohl sie auch sein mag) wächst immer nach, nicht unbedingt weil immer mehr zu tun ist, sondern weil die Menschen nicht einfach zufrieden in ihrem Kämmerchen sitzen können wie Pascal schreibt, sondern immer etwas tun müssen.
Der normale Mensch will sich beweisen und nützlich sein, das sei ihm gestattet. Aber hinsichtlich der allgemeinen Überversorgung an Produkten werden immer mehr Menschen an den Rand gedrängt, überflüssig, zum Nichtstun verdammt.
Puschkin hat seinerzeit mit seinem Roman Eugen Onegin den Prototyp dieses überflüssigen Menschen geprägt: ein junger Mann, intelligent aber zynisch, der nie etwas für sein Auskommen getan hat oder tun musste und so sich dem Spleen des Lebens übergibt. Das ist natürlich irgendwie auch keine wirklich erstrebenswerte Lebensführung. Wer etwas tun kann, der wird es gern tun. Aber manche Menschen leben einfach seit sie denken können nur in einem Leben der Betrachtung, in ihren eigenen Gedanken - und bei diesen Menschen ist das Nichtstun eine Berufung, kein Todesurteil.
Es gibt genügend NEETs, die keine NEETs sein wollen, die arbeiten können und wollen. Das ist nicht das, was ich meine. Ich spreche von der - durchaus selteneren - Klientel der Personen, die zufrieden ist mit einem beschaulichen Leben. Darunter mag es zwar auch solche verhärmte Exemplare geben wie Dostojewskis Kellerlochbewohner, aber die Bandbreite ist doch auch in diesem Metier recht groß, besonders heute, da so viele Menschen ziellos durch ihr Leben treiben, diversifiziert und kultiviert sich das Nichtstun immer weiter. Das Internet ist ein Emblem für diese Art zu leben.
Und es sind eben nicht einfach bloß die Verlierer, die ausscheren und sich dem Müßiggang verpflichten. In unserer Gesellschaft nehmen immer mehr Frauen Führungspositionen ein, Männer stehen desorientiert da, aber beginnen die Orientierungslosigkeit für eine Freiheit anzuerkennen: sollen die Frauen sich ruhig einmal in Arbeit und großer Verantwortung üben, sie wollen es ja. Und so kann der Mann beginnen, das Nichtstun, seine Berufung, zu kultivieren.

ionuss Avatar
ionuss:#10233

Viele der von dir angesprochenen Punkt sind eine Verfehlung an der Realität. Allein schon der letzte Absatz.

Der Kern aber, dass jetzt gesamtgesellschaftlich viel mehr Freizeit auf uns zukommt, stimmt aber. Wie mit dieser umzugehen ist wird ein kulturelles Problem sein.

Ich selbst kann ganz super ohne geregelte Betätigung, in der Regel werde ich dann nonkommerziell aktiv, gestalte und unterhalte.

Ich kenne aber auch viele, die daran zugrunde gehen. Mutet - wenn ich so frei sein darf zu werten - recht drohnenhaft an.

grrr_nl Avatar
grrr_nl:#10234

>>10233
>Verfehlung an der Realität

Ich bin wohl recht verblendet was das gerade betrifft, magst du im EInzelnen sagen, wie es sich deiner Ansicht nach verhält?

>Wie mit dieser umzugehen ist wird ein kulturelles Problem sein

Das ist der Fall. Und nicht nur kulturell wird dieses Problem sein. Der Mensch, der nicht im Plan eines anderen nützt, der in keinem Beschäftigungsverhältnis steht, ist mit existenzphilosophischen Fragen konfrontiert: Was ist meine Bestimmung? Was will ich? Was kann ich und wie kann ich werden, was ich sein will? Kierkegaard hat das seinerzeit ausführlich behandelt, und seine Lebensführung war ja auch die eines Müßiggängers, gar nicht so unähnlich Puschkins Onegin, ein dandyhafter Einzelgänger, der sich in Oberflächlichkeit suhlt aber tief im Innern darum bemüht ist, eine Orientierung, ein Ideal zu finden, das es wert ist, verfolgt und verwirklicht zu werden.
Und immer mehr Menschen werden in diesem Typus geboren und groß werden, immer mehr Menschen stehen zwischen den Stühlen und können sich nicht auf fremde Pläne berufen, können sich nicht einordnen in die Ideen von Fremden, sondern sind zur Eigeninitiative angehalten.
Eigeninitiative ist das Stichwort. Mehr Freizeit verlangt auch mehr Eigeninitiative, mehr bewußtes Genießen und Erleben. Schließlich ist der Müßiggang auch eine fruchtbare Ausgangslage, weil erst in der Ruhe der Freiheit von Verpflichtungen eine genaue Beobachtung der Umwelt wirklich intensiv wird, und zu Beobachtungen können sich Visionen gesellen und schlußendlich auch die Lust, diese Visionen umzusetzen. Das natürlich ist die ideale Abfolge - ich stimme dir zu, dass es viel mehr Menschen gibt, die verrückt werden, wenn sie nicht beschäftigt werden. Es gibt eben Folgende und Führende. Und der Mensch in der Masse lebt am besten als Folgender, der einzelne, einsame Mensch dagegen muss für sich selbst zum Führenden werden, denn niemand sonst reißt ihn aus seiner drohenden Isolation heraus.

samscouto Avatar
samscouto:#10235

>>10231
Ich denke, wir sollten den Begriff Nichtstun hier vermeiden, denn gerade dadurch, dass das Nichtstun einem Menschen eben unmöglich ist, ergibt sich ja erst die interessante Frage, was der Mensch anstellen wird mit der Zeit.

Anbei der Text eines französischen Sozialisten von 1848, in welchem der Autor das Recht auf Faulheit und den dreistündigen Arbeitsstag propagiert. (Aus dem Keller und bereits etwas verstaubt, ich weiß.) Ganz interessant, aber leider dreht es sich dort noch hauptsächlich um eine Beseitigung des Bestehenden, und nicht so sehr um den Ausblick nach vorne; darum, was danach kommt.

turkutuuli Avatar
turkutuuli:#10236

Ist die Frage jetzt, was dann wird?
Der Großteil der Leute beschäftigt sich dann mit Party und Konsum. Medien überall.
Ein paar andere produzieren diese Medien.

Das vermute ich, weil es jetzt schon so aussieht.

orkuncaylar Avatar
orkuncaylar:#10237

>>10236
Naja, zumindest Rentner in der Situation sind auch inzu Ehrenamt und obsessivem Hobby. Stellt sich die Frage, ob das zusammenhängt damit, dass zuvor bereits ein Beruf ausgeübt wurde; man also bei Menschen, die nie arbeiten mussten, von einem gleichen Effekt ausgehen kann.

layerssss Avatar
layerssss:#10239

>>10237
Zumindest bei mir ist es so. Ich setze mich auch allgemein lieber für Dinge ein, in denen Geld keine Rolle spielt oder nur eine untergeordnete. Man sollte Geld haben um arbeiten zu können, nicht arbeiten, um Geld zu verdienen. Aber das ist eben das Credo der Müßiggänger einer dekadenten Periode. Die Menge muss immer mit Angst vor Abstieg traktiert werden, damit sie schuftet - so zumindest das ungeschriebene Gesetz wie es scheint.

herrhaase Avatar
herrhaase:#10241

>>10237
Schon, aber die wenigsten, oder? Weiß jetzt nicht, ob es Rentnerstatistiken gibt, aber mein Eindruck ist, dass die meisten ja doch nur irgendwo rumgammeln.

>>10239
>Man sollte Geld haben um arbeiten zu können
Was zum Fick bist du sprechend.
Ich bin zwar auch immer für nonkommerzielle Operativen zu haben, aber dass man sich eine bessere monetäre Lage durch Arbeit erwirbt ist doch völlig straightforward; gut, wir überproduzieren maßlos und alles, aber es erfordert immer noch ein Gro der Bevölkerung, um auch eine nicht überproduzierende Versorgung aufrecht zu erhalten.
Die ganzen selbsternannten Freigeister der Richtung "Wir müssen eigentlich alle nicht mehr arbeiten." reichen wirtschaftlich vielleicht ein Jahr weit und würden dann elendlich verrecken.
Ich sehe den Appeal der Sache, zweifelsohne, aber bis dahin brauchen wir noch einiges an Technisierung und Automatisierung.
Die kommt aber nicht von selbst und ich bezweifle, dass die meisten Neets daran forschen. Das kommt dann doch aus dem Kommerzsektor - wer dafür blutet, will auch Knete sehen.

roybarberuk Avatar
roybarberuk:#10242

>>10241

>Weiß jetzt nicht, ob es Rentnerstatistiken gibt, aber mein Eindruck ist, dass die meisten ja doch nur irgendwo rumgammeln.

Kek, wirklich? Mein Eindruck ist wirklich ein ganz gegenteiliger. Wie ist es denn bei Euren Großeltern so? Bei mir ist es so, dass alle vier sich ein Projekt nach dem anderen aufladen und aus deren Freundeskreisen kann ich eigentlich auch nur ähnliches berichten.

http://www.generali-altersstudie.de/online/portal/gdinternet/altersstudie/content/815252/831052

>Die Ergebnisse der Generali Altersstudie stützen sich auf eine repräsentative Befragung von 4.197 Personen im Alter von 65 bis 85 Jahren, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Generali Zukunftsfonds durchgeführt hat. Damit entsteht erstmals ein umfassendes Bild der heute 15,24 Mio. 65- bis 85-Jährigen. Auffällig ist die Leistungsfähigkeit dieser Generation. Auch im hohen Alter ist die Vitalität deutlich höher als bei den Vorgänger-Generationen.

>Verjüngte Generation im Wohlstand
>Die Altersschwellen, ab denen sich Interessen und Aktivität deutlich vermindern, haben sich um rund zehn Jahre nach hinten verschoben. Während die Gesellschaft strukturell altert, hat sich die ältere Generation gleichsam verjüngt und kompensiert damit zum Teil die Auswirkungen des demografischen Wandels. Die materielle Situation ist gefestigt wie nie, die Lebenszufriedenheit hoch. Soziale Kontakte sind überraschend stark ausgeprägt. Die Älteren legen Wert auf Autonomie und zeigen starkes politisches Interesse.

>Gesellschaftlicher Beitrag bisher unterbewertet
>Ältere setzen sich in größerem Maße als bisher bekannt in der Gesellschaft ein. Besonders innerhalb der Familie wenden sie viel Zeit und Geld auf. Allein das Volumen des informellen Engagements in der Familie umfasst hochgerechnet auf den Angaben der Befragten 2,4 Mrd. Stunden im Jahr. Zudem ist das bürgerschaftliche Engagement Älterer stärker ausgeprägt als vermutet und liegt mit 45 Prozent deutlich höher als beim Bevölkerungsdurchschnitt. Die größte Sorge Älterer gilt allerdings der konkreten Lebenssituation – und hier besonders dem Verlust von Gesundheit und Autonomie.

samscouto Avatar
samscouto:#10257

Dieser Bernd findet das nichtstun auf jedenfall besser als für eigene Spiegelbild den Helden zu spielen. DIe Bernds hier sind sich nicht bewusst was für ein priviligiertes Leben sie haben. Ein Bernd hat unterm strich mehr glücksmoment als irgendwelche Anführer. Familie, Freunde, Liebe, alles 1000 mal wichtiger als männlicher Stolz!

ionuss Avatar
ionuss:#10258

>>10257
>Bernd
>Familie, Freunde, Liebe
Komputiert nicht.

andrewgurylev Avatar
andrewgurylev:#10276

https://www.youtube.com/watch?v=9IZtgKjFw5A

Ein Bericht über Tom Hodkinson, Müßiggänger aus Überzeugung.

ffbel Avatar
ffbel:#10512

OP, hier ist der OP vom Faden über Führungspersönlichkeiten. Ich finde deine Pfosten interessant, aber unverständlich. Kann ich dich nochmal zu einer Antwort bewegen?

Meine Fragen an dich:

1.Wie kommst du auf Puschkins Eugen Onegin? In unserer Wissensgesellschaft wären es doch eher die Geringqualifizierten die überflüssig werden, nicht die Intelligenten.

2.Was meinst du damit dass das Nichtstun ein Todesurteil ist?? Wenn auch viele NEETs unzufrieden mit ihrer Situation sind, würden sich doch nur die allerwenigsten deswegen umbringen.

layerssss Avatar
layerssss:#10513

>>10512
wieso hat mein post jetzt nicht den Faden auf Seite 1 gestoßen?

csteib Avatar
csteib:#10619

>>10512

Zu 2.): Das tuen sie allerdings auch nur deswegen nicht weil der Leidensdruck geringer ist als notwendig um den Drang zum Überleben zu überwinden.

Es gibt ausreichend Beispiele, in denen es zu suizidialen Handlungen infolge von repressivem Verhalten gegen NEETs seitens der Leistung gewährenden Stellen gekommen ist.