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Veröffentlicht am 2014-04-17 20:57:19 in /ph/

/ph/ 10410: Bernd hat heute sein Philosophicum mit einer 1 bes...

trickyolddog Avatar
trickyolddog:#10410

Bernd hat heute sein Philosophicum mit einer 1 bestanden, Thema waren die Meditationen von Rene Descartes. Darum: Fragt einen Jungphilosophenbernd alles über Descartes.

Abgesehen davon: Allgemeiner Erkenntnistheoriefaden! (Hatten wir lange nicht und ist so schön kontrovers)

grrr_nl Avatar
grrr_nl:#10411

>>10410
Uh eine 1, du schmucker Nobelphilosoph, gibst du jetzt eine Dinnerparty? :3

ninjad3m0 Avatar
ninjad3m0:#10412

>>10410

- Was war die Hauptintention der Meditationen und auf welche Art und Weise wollte Descartes sie erreichen?

- Wie begründet Descartes seinen Substanzdualismus in den M.? Führen Sie dafür zwei Beispiele an!

- Erläutern Sie die Bedeutung des Wachsbeispiels!

Auch: Glückwunsch, Berndi :3

jacobbennett Avatar
jacobbennett:#10413

>>10410
Danke für das Bild.

fatihturan Avatar
fatihturan:#10419

>>10412
Ohoh, da will es aber wohl jemand wissen.

>Was war die Hauptintention der Meditationen und auf welche Art und Weise wollte Descartes sie erreichen?
Ziel war es, die empirischen Wissenschaften auf ein sicheres Fundament zu stellen. Die Methodik die dies gewährleisten sollte, bestand im methodischen, radikalen Zweifel an allem, was nicht sicher als für wahr gehalten werden kann. Dabei, das macht auch weniger Arbeit, ist es nur nötig die Prämissen des bisherigen Fundaments anzuzweifeln. Alles was darauf erbaut wurde fällt danach logischerweise mit dem Fundament in sich zusammen.

>Wie begründet Descartes seinen Substanzdualismus in den M.? Führen Sie dafür zwei Beispiele an!
Descartes bezweifelt am Anfang sowohl die Existenz eines Körpers wie auch die eines Verstandes. Der Verstand wurde mit dem Cogito-Argument der zweiten meditation bereits auf ontologisch sichere Beine gestellt, der Körper jedoch nicht. Allein aus der Tatsache, dass ich also der Existenz meines Verstandes sicher bin, die Existenz meines Körpers jedoch noch weiter bezweifle, zieht logischerweise eine Verschiedenheit von Geist und Körper nach sich.
Problem ist nun die Interaktion von geist mit Substanz, also Materie in Form meines Körpers. Descartes versuchte dies über die Zirbeldrüse als Bindeglied zwischen endlicher und unendlicher Substanz zu lösen, ist aber großer Käse und wird heute nicht mehr rezipiert. Hoffe ich.

>Erläutern Sie die Bedeutung des Wachsbeispiels!
Das Wachsbeispiel ist für Descartes das Vehikel als Rationalist die empirische Sinneswahrnehmung zu widerlegen. Das funktioniert folgendermaßen: Descartes wehrt sich gegen die damals verbreitete Vorstellung, dass wir nur über die Sinne wahrnehmen. Sehen wir Beispielsweise eine Bienenwachskerze in ihrem natürlichen Vorstand, dann in dem brennenenden Zustand und schlussendlich als Wachslache auf dem Tisch, wüssten wir trotzdem jedesmal, dass das Bienenwachs wäre. Würden wir unsere Erkenntnis nur über die Sinne erlangen, müsste jedesmal etwas anderes dabei rumkommen, da die Sinne in jedem Zustand anderes vermelden, wie andere Ausdehnung, andere Struktur, unterschiedliche Wärme, verschiedener Geruch, etc. Tun wir aber nicht, nach Descartes wissen wir immer, dass das Bienenwachs sei. Warum? Weil wir schlussendlich nicht über die Sinne Erkenntnis erlangen, sondern über unsere ratio, den Verstand. Der Verstand greift erst wirklich den Gegenstand, den wir sinnlich wahrnehmen.

trueblood_33 Avatar
trueblood_33:#10420

>>10419
>Descartes versuchte dies über die Zirbeldrüse als Bindeglied zwischen endlicher und unendlicher Substanz zu lösen, ist aber großer Käse und wird heute nicht mehr rezipiert. Hoffe ich.

Für das Problem hat dann Spinoza kurz darauf seinen Geniestreich gebracht, dass Geist und Körper nicht wesensverschieden sind, sondern durch verschiedene Arten der Betrachtung getrennt scheinen.
Was Descartes von der Zirbeldrüse aussagt, erschien mir lange Zeit eher zweifelhaft. Aber geheimnisvoll ist diese Drüse durchaus, in ihr werden Serotonin, Melatonin und Dimethyltryptamin hergestellt. DMT bewirkt im Menschen Träume, religiöse Ekstasen, Nahtoderfahrungen und Visionen. Wenn Descartes von der Verbindung zwischen dem Materiellen und dem Geistigen durch die Zirbeldrüse spricht, dann müsste man es nach heutigem Kenntnisstand eher als die Verbindung vom Diesseitigen zum Jenseitigen betiteln. Denn für alltägliche Vorgänge in denen Geist Materie durchdringt (ein Gedanke, der den Arm bewegt, der Arm der den Stein bewegt) ist diese Spekulation meines Erachtens zu hoch gegriffen.

alagoon Avatar
alagoon:#10421

>>10419
>wüssten wir trotzdem jedesmal, dass das Bienenwachs wäre
>wissen wir immer, dass das Bienenwachs sei

Für diese Erklärung muss ich dir leider einen Punkt abziehen. Der springende Punkt ist, dass erkannt wird, dass das letztlich immer noch die ursprüngliche Kerze bzw. deren Substanz (= das Wachs) ist, die all diese Verwandlungen durchmacht. Dass es jeweils Bienenwachs ist (egal in welchem Zustand) kannst du mit den Sinnen erfassen, nicht aber, dass es immer dasselbe Wachs ist. Dafür braucht es den Verstand.

Genau das hat mir mein Dozent damals in der Zwischenprüfung vorgehalten, weil ich das auch nicht erwähnt hatte.

t.
M.A. phil. Bernd

malgordon Avatar
malgordon:#10424

>>10421
Hast recht. Mea culpa, mea maxima culpa. Ich wurde tatsächlich nicht nach dem Wachsgleichnis gefragt.

samscouto Avatar
samscouto:#10452

Welche weitgreifenden Fragen wurden dir gestellt?
Mich würde es verwundern, dass solch leichte Prüfungen exisitieren. Im Abitur erschien meine um einiges schwieriger, als hier bisher diskutiert wurde, so wahr ich nicht nur über die Meditation befragt wurde.

Welche früheren Philosophen haben Descartes Ideen bereits geäußert? Worin bestehen die Unterschiede?
Welchen Stellenwert haben seine Meditationen für aktuelle Debatten?