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Veröffentlicht am 2014-06-01 21:47:17 in /ph/

/ph/ 10587: Nachdenken

_vojto Avatar
_vojto:#10587

Wie denkt ihr über ein Thema nach? Und wie schafft man es, diese Gedanken dann so zu ordnen, dass man sie in einem Essay zusammenfassen kann?
Ich habe das Problem, dass ich schon beim finden des Themas Schwierigkeiten habe. Ich denke über ein Problem nach, zum Beispiel: "Warum gibt es schlechte Menschen", welches dann in meinen Gedanken immer weiter runter gebrochen wird, "was ist überhaupt schlecht?" etc. und ich komme auf keinen grünen Zweig.

Hat ein Studentenbernd Tipps? Kann man "ordentliches denken" lernen?

sketi_ndlela Avatar
sketi_ndlela:#10589

Dieser Bernd macht gerne Listen, Mindmaps und Notizen, bis er etwas findet, bei dem sich zu bleiben lohnt. Außerdem bringt man so Ordnung in die Schädelwelten. Ansonsten ertappt man sich auch gern mal dabei die gleiche Überlegung fünf mal durchzugehen oder im Kreis zu denken. Wenn das Problem sich hierarchisch strukturieren lässt, ist das eigentlich am besten zu bearbeiten.

- Eigene Erfahrung -

>Kann man "ordentliches denken" lernen?
Ja.

- Zufällige Antwort -

horaciobella Avatar
horaciobella:#10606

Wenn das Thema nicht zu lang ist, mache ich mir Notizen mit Fragen und Antworten wo vorhanden, und schreibe dann einfach drauflos und versuche möglichst viel von meinen Notizen unterzubringen. Dann wird alles Überflüssige weggeschnitten und übrig bleibt hoffentlich etwas lesbares.

saarabpreet Avatar
saarabpreet:#11008

Hhahha, wenn du zu keinem guten gedanken kommst, ist es wohl kein guter gewesen.

mactopus Avatar
mactopus:#11028

>>10587

Semantiker-Bernd hier: Wenn ich über ein beliebiges Thema nachdenke, überlege ich zuerst, worüber ich quantifizieren will. Im Klartext: Ich prüfe, welches die Gegenstände sind, über die ich etwas aussagen will, denen ich etwas zuschreiben will. Geht es um - ich wähle ein belibiges Thema - professionellen Pferdesport, dann sind es vermutlich Pferde, auf Basis derer ich letztlich Aussagen treffen will. Ginge es aber um Liebe, dann wären es wohl doch Menschen, über die diverese Verhältnisse zu spannen wären.

Worum es hier geht, ist, dass man einen Bereich, eine Menge festlegt, d.h. in einem mathematischen Sinne bestimmt, so dass eindeutig festgelegt ist, was die Gegenstände sind, die nicht weiter begrifflich hintergangen, d.h. hinterfragt werden. Geht es um Menschen, nehme ich menschliche Eigenschaften derjenigen Gegenstände bereitwillig an, über die ich etwas aussagen will.

Nach der Festlegung eines Grundbereichs oder auch Quantifikationsbereiches, beginnt der schwierige Teil einer philosophisch-wisssenschaftlichen Überlegung: nun geht es um die im Englischen als "primitives" bezeichneten Prädikate, Relationen oder - philosophisch dann - Begrifflichkeiten, die jeweils zwischen den einzelnen Gegenständen, über die ich etwas aussagen will, bestehen können.

Nach der Festlegung derselben, können definierbare Begriffe, die sich unter Rekurs (im mathematischen Sinne) bestimmten lassen, definitorisch eingeführt werden.

Ein Beispiel: will man etwas über den Verantwortungsbegriff untersuchen, quantifiziert man vermutlich grundlegend über Menschen. Also ist der Grund- bzw. Quantifizierungsbereich meiner Syntax (also der Sprache, die ich dafür benutzen werde) die Menge der Menschen. Weiters nehme ich eine atomare Relation der Verwantwortung an, die so und so (Details wären debattierbar) zwischen Gegenständen (also Menschen) definiert wird. Auf Basis der Verantwortungsrelation, ließen sich ggfs. andere Relationen/Prädikate einführen, d.h. buchstäblich definieren.

Man könnte so eine Semantik für eine formale Sprache möglicherweise erster Ordnung aufbauen, die sich u.U. für eine mathematisch adäquate Weise, zu argumentieren, also in formaler Hinsicht Beweise zu führen, eignen würde.

In der Praxis ist das selbstredend nicht exakt das, was ich tue, wenn ich über beliebige Themenbereiche nachdenke, aber ich versuche immer, diesem Ideal so nahe zu kommen, wie möglich.

Das Ziel ist immer, wissenschaftlich verwertbare Aussage zu gewinnen.