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Veröffentlicht am 2014-10-15 23:09:41 in /ph/

/ph/ 11512: Utopie Zustand der Zeit und Hans Ulrich Gumbrecht

hota_v Avatar
hota_v:#11512

Wie viele sicherlich bereits mitgekriegt haben, geisterte lange Zeit das Wort vom Utopieverlust durch Köpfe in Deutschland. Utopie ist demnach Schnee von gestern. Wenn heute die Rede von "utopischen" Dingen ist, dann hat das in der Regel einen negativen Beigeschmack. Herr Gewerkschaftsführer, Ihre Forderungen sind utopisch! Ihr wisst, worauf ich hinaus will. Doch in Wahrheit ist die Rede vom Utopieverlust ein ebenso abgeschmackter wie falscher Topos, denn sicherlich können wir uns darauf einigen, dass nicht alle Utopien irgendwie verpufft sind (ziemlich genau so 1989/90 dann doch, oder?). In Wahrheit scheinen utopische Diskurse heute nach wie vor präsent zu sein, man denke nur an die Rede von der Europäischen Union als friedensgarantierende Institution, oder aber an etwas wie linkrelatiert: http://blogs.faz.net/digital/2014/09/13/eliten-von-morgen-ein-letztes-mal-utopie-690/ , was mir eine etwas literarischere Beschreibung des bedingungslosen Grundeinkommens zu sein scheint (welches hier ja bereits diskutiert wird). Andererseits können wir als Utopien mit Karl Mannheim zum Beispiel alle wirklichkeitstranszendierenden Ordnungsideen begreifen, die zugleich die gegebene Wirklichkeit auch sprengen. Will meinen: Auch im Faschismus waren "utopische" Elemente enthalten, auch im militanten Islamismus sind utopische Elemente enthalten usw. Alles in allem scheint mir unsere Gegenwart eine zu sein, die mehr und mehr eine utopische ist.
Wo seht ihr heute utopische Energien wirken und wenn ja - welche davon haltet ihr für die entscheidenden?

justinrhee Avatar
justinrhee:#11519

>Wo seht ihr heute utopische Energien wirken und wenn ja - welche davon haltet ihr für die entscheidenden?
Grüne Energie? Keine Ahnung, ob das eher eine Utopie oder eher eine Frage der Zeit ist, aber von dreckiger auf saubere Energie umsteigen ist ziemlich grandios.

ritapetrilli87 Avatar
ritapetrilli87:#11520

>>11519
Stimmt. Nennen wir diese Utopie die Öko-Utopie.

kamal_chaneman Avatar
kamal_chaneman:#11521

Na ja, wenn du sammeln willst:
- Veganer-Utopie
- Eigentlich jede politische Nichtregierungskraft vertritt eine gesellschaftliche Utopie (siehe AfD, die ein FDP-Wirtschaftswunderland will, oder die Linke, die ein Sozialmeisterland möchte)
- Technologische Utopien (Absolute Technisierung, niemand muss mehr arbeiten)
- EU-positive wie -negative Utopien (ein Staat / Wiederauftrennung)
- Dass Bernd eine Freundin findet ist auch ziemlich utopisch
- #GamerGate hat die utopische Vorstellung den Videospieljournalismus von der fest eingewobenen Lobby befreien zu können (aka Korruption)
- Dass niemand mehr hungern muss!!1

>welche davon haltet ihr für die entscheidenden?
Ich habe ja jetzt verschiedene Niveaus gesammelt, von persönlich bis global. Die Frage ist wohl auch "Entscheidend wofür?".

nasirwd Avatar
nasirwd:#11523

>>11521
>entscheidend wofür?
Ja, gute Frage. Mich interessiert schon ein bisschen dieses "nach dem Nach den Utopien", also sozusagen: Was kommt, nachdem die Vorstellung des Utopieverlusts selbst passé ist. Es ist einerseits möglich, dass die persönlichen Utopien entscheidend werden (Utopien der Lebenskunst zum Beispiel, Bernd findet eine Freundin usw.). Andererseits wäre es möglich, dass wirklich lebendige gesamtgesellschaftliche, kollektive Utopien entstehen. Es zeigt sich natürlich sofort, dass beides zutrifft und gar nicht leicht zu trennen ist. Doof von mir. Aber ich sags mal so, aktuell scheint mir die mitteleuropäische Gesellschaft (sry für bullshit-Begriff) immer noch eine eher "individualistische" zu sein, und es gibt keine wirklich starken kollektiven Utopien. Sieht man mal von dem AfD / generation identitaire-Kram ab vielleicht, aber da bin ich mir gar nicht so sicher, ob die eine konkrete Utopie verfolgen.
p.s. Gutes Bild. Hab gerade bei Wiki gelesen, dass er eine Art imageboard-Utopie hatte.