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Veröffentlicht am 2014-10-22 20:28:19 in /ph/

/ph/ 11599: Ästhetik

saulihirvi Avatar
saulihirvi:#11599

Dies ist ein allgemeiner Ästhetik-Faden. Was haltet ihr von dieser Sparte der Philosophie? Das größte Geschwurbel schlechthin oder eine praktikable Art, sich den Fragen des Hier und Jetzt zu widmen?
Meine früheren Fäden bewegten sich mehr oder minder alle im Dunstkreis der Ästhetik. Ästhetik, das war einmal die Wissenschaft des Schönen, dann war sie die Wissenschaft des Schönen und des Hässlichen, aber mittlerweile ist sie die Wissenschaft der Empfindung, die Lehre von den Beschaffenheiten, der Qualitäten des Lebens schlechthin. Nicht länger das Warum befeuert die Fragen der Philosophie, sondern das große Wie. Wie ist die Welt? Wie ist der Geist? Wie ist das Leben?
Ästhetik ist bei weitem nicht ausschließlich die Philosophie der Kunst, wie es durch Friedrich Schellings gleichnamiges Werk nahegelegt wird. Es geht darum, aus subjektiver Erfahrung ein eigenes Weltbild sich entwickeln zu lassen. Ratio und Intuition folgen der Erfahrung nach. Was sind für Bernd attraktive Gegenstände und Themen der Ästhetik? Ich bin gespannt.

aio___ Avatar
aio___:#11601

>isidor

Jetzt geht das schon wieder los! [-]

posterjob Avatar
posterjob:#11607

>>11599
Wenn man sich aus dem Fenster lehnen wollte, könnte man Ästhetik auch als Gegendisziplin zur Metaphysik sehen. Das Fühlen und Empfinden, nicht das Denken und Folgern stehen hier im Fokus. Viele betrachten die Disziplin bis heute mit Argwohn, und das nicht zu Unrecht - als eine Wissenschaft des Schönen wirkt sie wie die größte Selbstbefleckung selbst im Bereich der Philosophie. Auch wenn sinnliche Erfahrung schon im Altertum Gegenstand der Betrachtung war, so hat sich doch erst recht spät daraus eine eigene Sparte entwickelt. Bei Platon wird im Phaidros der Begriff des Schönen entwickelt und untersucht. Aber eine Universalie, einen Begriff und seinen Inhalt zu untersuchen ist Gegenstand der Metaphysik. Platon und nicht wenige andere übersprangen die Erfahrung und das Sinnliche, was sich durch die Annahme erklärt, sinnliche Erfahrung sei unzuverlässig, wechselhaft und trügerisch, ein verworrenes Bild, aus dem nichts zu gewinnen ist. Dieses Urteil ist in seinen groben Zügen nachzuvollziehen, vor allem aber offenbart es eine Resignation gegenüber der Ungreifbarkeit der Erscheinungen: alles was man erfahren kann, ist eine Illusion, also halte man sich lieber an das Ideal, das man zwar nicht erfahren, woran man aber glauben kann.
Nach meinem Dafürhalten ist es aber gerade das Untersuchen der Illusion, das genaue Betrachten der Wechselhaftigkeit der Dinge, die dem Philosophen den Weg zu metaphysischer Spekulation ebnen können.
Man kann die Welt ästhetisch betrachten wie man es mit einem Bild, einem Film oder einem Musikstück tut. Jede Erscheinung kann man auffassen als den Ausdruck einer Idee und die Architektur dahinter erforschen. Besonders die alltägliche Erfahrung kann ein Gegenstand ästhetischen Denkens sein: man betrachtet das Sein wie einen Film, wie einen Traum, dessen Sprache, dessen Grammatik man zu durchschauen beginnt, um das Bestimmte im scheinbar Wahllosen zu ermitteln. Einen vergleichbaren Ansatz verfolgt die Semiotik, eine Art exakter Ästhetik, der Erforschung der Zeichen des Erfahrbaren. Aber es braucht nicht notwendig den semiotischen Ansatz, um ästhetisch zu denken. Ästhetik heute verstehe ich als den praxisnächsten Zugang zur Philosophie, in welchem Erfahrung und Eindrücke gesammelt und untersucht werden. Erst ein ästhetisches Verständnis legt den Grundstein für die Philosophie im Ganzen.

350d Avatar
350d:#11608

>>11607
Zugegeben, ich bin nicht ganz "Platon-fest", aber ist das hier nicht lupenreiner Platonismu?
>Jede Erscheinung kann man auffassen als den Ausdruck einer Idee und die Architektur dahinter erforschen. Besonders die alltägliche Erfahrung kann ein Gegenstand ästhetischen Denkens sein: man betrachtet das Sein wie einen Film, wie einen Traum, dessen Sprache, dessen Grammatik man zu durchschauen beginnt, um das Bestimmte im scheinbar Wahllosen zu ermitteln ...
Wo ist also der Unterschied?

vickyshits Avatar
vickyshits:#11609

>>11608
Die reine Erkenntnis der Idee ist das letzte, was man unmittelbar erfährt. Die ästhetische Analyse ist der erste Schritt zu dieser Erkenntnis, aber der Weg, den man mit ihr beschreitet, liefert Wissen und Einsicht aus verschiedensten Bereichen und Perspektiven.
Durch ästhetische Betrachtung kann uns die zugrundeliegende Psychologie von Kunstwerk und Alltag klar werden. Im Sinne von Jacques Lacan ist die ästhetische Analyse der Grundstein um das Imaginäre, das Symbolische und das Reale in den Objekten zu ermitteln.
Erst wenn uns die Beschaffenheit der Dinge klar wird, können wir mit Recht voranschreiten zur Betrachtung der großen Zusammenhänge.

dmackerman Avatar
dmackerman:#11611

>>11609
Ich glaube so ähnlich hat das Platon auch gesagt; im "Symposion" zum Beispiel lässt er Sokrates erzählen, dass er zur Vorstellung von Ideen (der Liebe und Schönheit) erst gekommen sei und kommen konnte, nachdem er sich an der sinnlich fassbaren Wirklichkeit die Hörner abgestoßen hat. Klingt doch auch nach einer wichtigen Durchgangsstation beziehungsweise einem ersten Schritt.
>Was sind für Bernd attraktive Gegenstände und Themen der Ästhetik?
Ab und zu ist dieser Bernd schon über eine philosophische Ästhetik der Existenz gestolpert. Von Wilhelm Schmid z.B. konnte Bernd, obwohl Schmid manchmal als onkelhaft und schlicht verschrien ist, profitieren. Das war aber keine Ästhetik im Sinne einer Lehre der Wahrnehmungen (= Phänomenologie?). Vor allem aber interessiert mich Ästhetik im Sinne einer Philosophie der Kunst und ihrer Verfahren (z. B. Jean Pauls "Vorschule der Ästhetik" finde ich sehr gut).

scottgallant Avatar
scottgallant:#11612

>>11611
Besonders in den Vordergrund stellen möchte ich die Funktion der Ästhetik als Werkzeug zur Ermittlung der Mechanismen von sinnlichen Eindrücken. Wir nehmen etwas wahr und unser Geist deutet den Eindruck, auf den wir seelisch mit einem Gefühl reagieren. Andersherum können wir auch etwas fühlen und zum Ausdruck des Gefühls bestimmte Kunsttechniken anwenden, die wiederum bei anderen Menschen das entsprechende Gefühl hervorzurufen imstande ist. Eine gründliche Kenntnis der ästhetischen Dimension der Dinge schärft das (Selbst-)Bewußtsein und eröffnet Möglichkeiten positiver Einflußnahme. Auf diesem Wege wird man auch gegen mediale Beeinflussung gefeit, da man, wie es auch in der Semiotik Thema ist, die Mechanismen der Beeinflussung nachvollziehen kann und gegen die gesellschaftliche Konditionierung vorzugehen befähigt wird.
Ästhetik verbindet die Philosophie des Geistes mit Kunstwissenschaft, Medientheorie und angewandter Psychologie.
Zu guter Letzt ist Ästhetik auch Betrachtung und Deutung der Kunstgeschichte. Eine Betrachtung des sich entfaltenden menschlichen Schöpfergeistes, seines Spieltriebs und seiner Entdeckerlust. Die Kunstgeschichte erzählt von den Siegen, den Niederlagen, von Phantasie und Realismus, von politischen Konflikten und prophetischen Visionen. Es ist eine Geschichte, die weniger die äußerlichen politischen Fakten darstellt, sondern den Geist, den Geschmack und die Sehnsüchte des Menschen, ein dankbares Studienobjekt, wenn man es denn methodisch anzugehen weiß.

alv Avatar
alv:#11628

Die philosophische Disziplin hat sich durch die Jahrhunderte viele Rechtfertigungen leisten müssen, so viele wie es die Philosophie heutzutage tun muss. Philosophie im Allgemeinen und Ästhetik im Speziellen stehen immer wieder im Verdacht, vollkommen nutzlos zu sein. Damit sagt man nichts Falsches, Philosophie betreiben ist etwas für Menschen, die sich in der Betrachtung des Lebens wohler fühlen als im tätigen Leben, darum sind Müßiggang und Philosophieren nicht selten gemeinsam anzutreffen. Müßiggang ist ebenfalls solch ein kontrovers diskutierter Zustand, aber zu Unrecht. In einer Gesellschaft, die nur die Beschleunigung kennt, ist der Flaneur der wahre Rebell. Stillstand bedeutet Auflehnung, bedeutet ein Herausfallen aus der Zeit. Wenn man von Künstlern spricht mit den Worten, dieser oder jener sei seiner Zeit voraus gewesen, so trifft das nicht das Wesen der Sache. Künstler sind vielfach aus der Zeit herausgefallen, da sie durch die Beobachtung des inneren Lebens und des äußeren Lebens, das sie so reichhaltig und intensiv empfinden, zu Müßiggang verpflichtet sind. Für den Künstler ist Leben selbst größter Segen und größter Fluch, denn alles was er hervorbringt, ist ein Ruf in der Wüste, in der er mit seiner Lebensart aus seiner Isolation ausbrechen will - und gleichzeitig sucht er doch nicht selten eine Konstante in Denken und Leben, die ihm Sicherheit verschafft.
Der Künstler ist ein Kind, das die Regeln der Vernunft kennt, aber sie nach Belieben brechen oder ignorieren kann, wenn es seinem Spiel, seinem Traum, seinem Tanz, seinem Lied, seinem Lachen widerstrebt. Das wichtigste für das Kind und für den Künstler ist die reine Empfindung.

Reine Empfindung ist der Inhalt der Ästhetik schlechthin. Empfindung ist subjektiv beurteilte Erfahrung. Und auch wenn man in sich schon die ersten Züge vernunftorientierten Handelns und Denkens beobachten kann, auch wenn man schon geübt ist im rationalen Schlußfolgern, in dieser so reineren Art der Erkenntnis, so ist damit die unmittelbare Erfahrung bei weitem nicht entwertet. Es geschieht schließlich nicht selten, dass ein vernünftiger Mensch trotz allem von Ereignissen seines Lebens erstaunt und verwundert ist. Das erklärt sich dadurch, dass der menschliche Geist trotz hoher Fähigkeiten nicht jede Situation analysieren und intellektuell durchdringen kann oder will. Die Begegnung mit einer interessanten Person, ein schöner Tag, ein inspirierender Film wirkt auf so vielen Ebenen auf einen Menschen ein, in vieler Hinsicht will man gar nicht allein verstehen, sondern genießen. Das erzeugte Gefühl in manchen Situationen birgt so große Lust, dass man es durchwandern will wie einen glitzernden Wald im September. Umgekehrt will man unangenehme Gefühle fliehen, weil die subjektive Wertung sie ablehnt.
Grundsätzlich kann jedes Gefühl Gedanken hervorbringen und jeder Gedanke Gefühle hervorbringen. Man könnte mutmaßen, dass Gefühle unbewußte Gedanken sind, sozusagen Gedanken des Bauchs, Körpergedanken, während Gedanken die Gefühle des Kopfes sind, Gefühle die so verfeinert sind, dass man sie beobachten und vergegenwärtigen kann.
Was Gefühle, Gedanken und die Verwandlungen beider in jeweils das andere für Situationen im menschlichen Geist bewirken, wie das Bewußtsein ästhetischer Empfindung größere Erkenntnis über die Objekte unserer Wahrnehmung, der inneren Welt und der äußeren Welt, unseren Geist anregt und erweckt, sehe ich als die Hauptdisziplin moderner Ästhetik.

https://www.youtube.com/watch?v=MekX-nVPalk

Aber Ästhetik ist und bleibt auch eine Philosophie der Kunst, dabei gilt weiterhin was oben festgestellt wurde. Ästhetik beschäftigt sich mit Empfindung, Kunst ist Objekt der Vermittlung von Empfindung, insofern ist sie ein Mittel der Verständigung. Die Mechanismen der Vermittlung von Empfindung zu verstehen ist eines der Anliegen der Philosophie der Kunst. Um den Faden didaktischer zu gestalten, habe ich zwei Bilder der Künstlerin Nana Nauwald beigefügt. Die nichtfigürlichen Darstellungen, in denen die Farbe, keine Zeichnung, das Ereignis des Werkes ausmacht, sind nach meinem Dafürhalten eine ausgezeichnete Bebilderung dessen, was ich unter reiner Empfindung verstehe. Eure Eindrücke zu Nana Nauwalds Werken, eine tiefergehende Besprechung höre ich gerne. Darüberhinaus könnt ihr auch Bilder anderer Kunstwerke pfostieren, anhand derer ihr eure Sicht von ästhetischem Denken erläutern könnt, wobei ich mich darum bemühen möchte, sie nach meiner Beobachtung zu besprechen.

devankoshal Avatar
devankoshal:#11689

Ästhetik des Böse, anyone? drinvor: Mondsprache!!!!! durrr. Und wenn schon ...

RussellBishop Avatar
RussellBishop:#11690

>>11689
*Bösen

rawdiggie Avatar
rawdiggie:#11701

Ästhetik im klassischen Sinne verstanden ist ja die Lehre von der Wahrnehmung überhaupt. Dass wir diese auf dem Wege der Erkenntnis nicht umgehen können, hat Kant meiner Ansicht nach gut gezeigt.

Wenn wir Ästhetik mehr phänomenologisch als epistemologisch begreifen (hängt natürlich zusammen, ich hoffe Bernd versteht); gerade dann hat die Ästhetik einen klaren praktischen Wert. Es gibt ja nicht nur Phänomene, die einfach erscheinen und dann von uns interpretiert werden (die Sterne am Himmel z. B.), sondern auch unsere eigenen Handlungen haben einen gewissen Gehalt, den wir erst verstehen, wenn wir ihn bewusst untersuchen.

Ganz deutlich wird das in unserem Umgang mit Dingen. Ein Autofahrer bspw. denkt nicht jedes mal über seine Handlung nach, wenn er schaltet: Er hat gewisse Routinen entwickelt, die gut genug funktionieren. Wenn er aber seinen Umgang mit dem Fahrzeug untersucht und evtl auch mit technischem Wissen vergleicht, kann er sich verbessern. So wird man dann Rennfahrer. Die Wahrnehmung des eigenen Handelns.
Ich habe dieses Beispiel gewählt, weil es die meisten kennen. Beim Umgang des Musikers mit seinem Instrument ist es finde ich am offensichtlichsten. Wenn man den untersucht, wird einem erst klar, was man da tut und was man nicht tut, aber vielleicht tun könnte.

joynalrab Avatar
joynalrab:#11705

Asthetik habe ich lange zeit nicht von üblicher moderner Kunst unterscheiden können, aber irgendwann habe ich in einem Museum ein Buch gekauft:
http://amzn.to/12SYg0T
und hatte danach einen ganz anderen Blick auf die Welt. Ich habe angefangen Dinge intensiver wahr zu nehmen und habe inzwischen auch eine Ganz andere Sicht auf die normale Kunst. Ich kann jedem nur empfehlen sich einmal im Leben mit Ästhetik zu beschäftigen.

souperphly Avatar
souperphly:#11711

>>11701
Phänomenologie ist ein gutes Stichwort.
Denn zu dem in >>11689 erwähnten Werk passt meiner Einschätzung nach auch eher der Begriff der Phänomenologie. Peter Andre Alt, Autor der Ästhetik des Bösen und Präsident der FU Berlin hat in eben dieser Schrift vornehmlich die Erscheinungsformen des sogenannten Bösen in der Literatur, aber auch in bildender Kunst und Film unter die Lupe genommen. Nun haben wir schon durch den Begriff des Bösen eine Aufgabe, die zwischen uns und der Erschließung des Werkes steht. Das Böse ist gemeinhin eine moralische Wertung - worauf eigentlich abgezielt wird in den ineinander verbundenen Untersuchungen der Werke von Autoren wie Poe oder ETA Hoffmann ist eher die Schattenseite der Kunst, das Dunkle, Perverse, Anormale, Hässliche, Gräßliche. In dieser Hinsicht zeichnet Herr Alt das weiter, was Karl Rosenkranz damals in seiner Ästhetik des Hässlichen begonnen hat: die Kehrseite der Ästhetik, die damals noch befreit werden musste von einer ausschließlich die schönen Künste betreffenden Wissenschaft. Während Rosenkranz sich mehr der bildenden Kunst zuwendet, betrachtet Alt die Weltliteratur und fördert die einzelnen Momente des Schreckens, des Dämonischen und Perversen zutage. Aber anders als Rosenkranz wird mehr eine Rundumschau geboten als eine Theorie der Beschaffenheiten der vorgestellten Autoren. Rosenkranz bemüht Begriffe, um das Hässliche, das Nicht-Schöne ästhetisch greifbar zu machen, ästhetisch zu thematisieren. Im Werk Ästhetik des Bösen fehlt eine solche Theoretisierung - keine Schande, da die Absicht der Schrift offenbar auch mehr der Literaturgeschichte als der Kunsttheorie widmet.
Allgemein gefasst kann man aber davon sprechen, dass eine Ästhetik nicht ohne Phänomenologie auskommt - ohne epistemologische Ansätze vielleicht schon eher. Der Ästhetik muss Material vorliegen, eine Reihe von Erfahrungsgegenständen, die untersucht werden können. Ohne empirischen Input verliert es sich im Abstrakten und dann, ja, dann ist es Epistemologie und damit Metaphysik. Meines Erachtens ist es aber die heutige Aufgabe der Ästhetik, die Epistemologie aus ihrem rein metaphysischen Reich auf die Erde zu holen, was dadurch erreicht wird, indem man die Art, wie wir Dinge (Kunstwerke, Naturobjekte) deuten, besonders genau untersucht. Neben dem reinen Erlebnis steht also besonders unsere Verarbeitung, unsere Auswertung des Erlebnisses als Gegenstand im Raum.

xravil Avatar
xravil:#11715

>>11711
"A fool sees not the same tree that a wise man sees." - William Blake

"Du gleichst dem Geist, den du begreifst." - Johann Wolfgang Goethe

https://www.youtube.com/watch?v=r9GGb_dXpmg

Was bedeutet das: Aussagen der Form von >Das ist schön<, >das ist hässlich<, >das ist ein Meisterwerk<, >das ist ein Fehlschlag<?
Gemeinhin wird man diese Aussagen als ästhetische Urteile werten. Doch was ist ein ästhetisches Urteil? Kants Begriff der Empfindung der Schönheit gründet sich laut seiner Kritik der Urteilskraft auf dem interesselosen Wohlgefallen. Das heißt, schön ist das, was ohne Interesse, ohne Gedanke an Vorteil oder Nachteil für die empfindende Person Gefallen erzeugt. Aber was begründet dieses Urteil? Was liegt der Erfahrung von Schönheit, dem ästhetischen Urteil zugrunde? Der Ort, an dem diese Antwort ermittelt werden muss, ist das Subjekt der ästhetischen Erfahrung, namentlich das Individuum, das Ich-denke.
Ästhetische Urteile geben uns weniger Auskunft über das Geschaute, über das Werk, die Natur, als über den Schauenden. Jede sinnliche Erfahrung ist mehr oder minder ein Zauberspiegel, es offenbart nicht das Wesen des Werkes, sondern einen Wesenszug der Seele des Erfahrenden. Aus diesem Grund ist es angeraten, die Gegebenheiten menschlicher Erfahrung elementar zu betrachten, die nach meinem Dafürhalten in der Triade von Zustand - Ansicht - Einstellung manifestiert ist.
Zustand ist die Gegebenheit schlechthin, das heißt, er ist die von den drei genannten Setzungen am wenigsten - oder am mühevollsten - durch eigene Tätigkeit zu ändernde.
Der Zustand des Erlebenden ist die Gesamtheit seiner Erfahrungen und Wertungn in jedwedem Moment.
Die Ansicht ist die beweglichste der drei Setzungen sinnlicher (ästhetischer) Erfahrung. Sie kann sich je nach äußeren Anstößen ändern und verwandeln.
Die Einstellung ist das innere Urteil, das durch eigene Entscheidung und erhaben über äußere Urteile gefällt wird.
Zustand, Ansicht und Einstellung sind die Setzungen (Positionen) des ästhetischen (sinnlichen) Urteils.
Zustand, Ansicht und Einstellung bestimmen die Beschaffenheit des ästhetischen Urteils. In der Regel urteilt der Mensch ohne zu zögern, er urteilt allenthalben über Menschen, Zustände, Ansichten und Einstellungen anderer und denen ihm eigenen. Weniger als über die Erfahrung des Geschauten selbst gibt uns dies Auskunft über das Wesen und das Sein des Erlebenden.
Wenn wir in der Literatur, in der Kunst, in Videospielen, in Bildern, in Musik und so weiter, bestimmte Regungen verspüren, so ist dies demnach weniger - oder unwesentlicher - ein vertrauenswertes Urteil über das Geschaute als vielmehr ein unwillentliches Bekenntnis des Erlebenden selbst. Gemäß Nietzsches Aphorismus:

>> Leg ich mich aus, so leg ich mich hinein:
Ich kann nicht selbst mein Interprete sein.
Doch wer nur steigt auf seiner eignen Bahn,
Trägt auch mein Bild zu hellerm Licht hinan. <<

Insofern gibt jedes ästhetische Urteil mehr Selbsterkenntnis preis als er Erkenntnis über das erlebte Werk offenbart.

Was aber will das Leben selbst?
Das Leben ist Schöpfung und Zerstörung, es ist ein Fünffaches, das sich ergiebt aus Lachen, Spielen, Tanzen, Singen, Träumen. Diese Fünfheit ist keine wahllose Folge von menschlichen Handlungen, sondern eine bestimmte: Zuerst beginnt der Mensch zu lachen, dann beginnt er zu spielen, dann zu tanzen, dann zu singen und dann zu träumen. Dies sind die menschlichen Eigenschaften schlechthin und sie sind allesamt ästhetische Tugenden. Das Leben ist allein für diese Fünfheit in Gang gesetzt. Arbeit, Pflicht, Verantwortung, Schuld und Leistung sind die negativen Tugenden, Lachen, Spielen, Tanzen, Singen, Träumen sind die kindlichen, im nietzscheanischen Sinne die kindlichen, das heißt die göttlichen Tugenden. Aber erinnern wir uns an Montaignes letzten Essay der betitelt ist >>Über die Erfahrung<<, darin es geschrieben steht:

>> Ein Gott du in dem Maße bist / Wie Mensch zu sein du nicht vergißt. <<

Diese göttlichen, kindlichen Tugenden sind die eigentlichen menschlichen Tugenden. Und alle menschliche Erfahrung zielt darauf ab, die Reinheit dieser Tätigkeit zu offenbaren.

https://www.youtube.com/watch?v=kGK3qUYPTJE

bagawarman Avatar
bagawarman:#11717

>>11715
Bin an der Gleichsetzung von Ansicht mit sinnlicher Erfahrung bzw. von ästhetischem mit sinnlichem Urteil hängen geblieben. Denn es gibt auch Gedanken, von denen wir sagen können, sie sind schön und ebenso gibt es Dinge, die erst dann schön sind, wenn Gedanken dazukommen. Die Aussage "Ich hatte ein schönes Leben" operiert nicht mit einem Zustand, der rein sinnlich ist - schließlich meinen wir damit nicht einen sinnlich gegebenen Zustand und wir meinen noch nicht einmal die Erinnerung an ausschließlich sinnlich gegebene Zustände; möglich, das Denken oder Erinnern der Dinge selbst als sinnlichen Vorgang zu fassen. Das wäre zwar kein notwendiger immanenter Widerspruch, doch es sollte noch ein bisschen erörtert werden. Nimm vorerst diesen Hund als Zeichen der Anerkennung.

malgordon Avatar
malgordon:#11720

>>11717
Ein guter Einwand. Ich habe da tatsächlich zwei Begriffe zusammengeworfen, die höchstens große Schnittmengen, aber gemeinhin keine völlige Übereinstimmung aufweisen. Nur so viel: wenn ich von sinnlicher Erfahrung spreche, ist damit nicht vordergründig das physiologisch-Sinnliche angesprochen, sondern das Sinnliche in der Bedeutung von Genuß. Genuß, die von einem Objekt der Schönheit, allgemeiner: von einem unter ästhetischen Parametern betrachteten Objekt gewonnene subjektive Freude.
Die von dir angeführte introspektive Art, ästhetisch zu urteilen über Gegenstände, die in der Erinnerung und der Vorstellungswelt liegen, sind durchaus nicht physiologisch-sinnlich und müssen auch nicht durchweg einen intrinsisch erbaulichen Charakter haben. Traumatische Erlebnisse, das Hässliche, Verworrene und Abstoßende sind genauso ästhetische Gegenstände wie das rein Gefällige. Aber auch das Hässliche ist eine Dimension des Sinnlichen, und letztlich spielt auch dieses "Schmutzige" in den Reichtum ästhetischen Erlebens mit hinein.

Man könnte von einer Dreifaltigkeit ästhetischer Erfahrung zu reden beginnen, die aus Hässlichem, Schönen und Erhabenen besteht. Hässlich ist alles, was das Subjekt verstört und abstößt, schön ist alles, was es anzieht und ihm schmeichelt und erhaben ist alles, was Erfuhrt und Bewunderung erzeugt, weil es von einer transzendenten Reinheit zeugt, die als bejahend-fremd / geheimnisvoll angesehen wird.

edobene Avatar
edobene:#11722

>>11720
Sekundiert.