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Veröffentlicht am 2014-11-17 22:56:32 in /ph/

/ph/ 11655: albert camus - der fall

snowshade Avatar
snowshade:#11655

hi /ph/ bernd

Ich hab vor geraumer Zeit mal "Der Fall" von Camus gelesen und war und bin immernoch relativ begeistert von dem Buch, nur leider verstehe ich nicht ganz, warum unser ehemaliger Anwalt nun von seinem Gefühl der Höhe genau heruntergefallen ist. Wofür steht der Selbstmord der Frau und warum schlussfolgert der Anwalt daraus, das jeder Mensch schuldig ist, und erst das Recht über andere zu urteilen erhält, wenn er sich selbst beschuldigt? Wo ist da der Zusammenhang, also zwischen seinem früheren Leben und dieser Erkenntnis am Ende?

Danke schonmal für deine Hilfe Brent!

eduardostuart Avatar
eduardostuart:#11656

>>11655
Ich interpretiere es so: Beim Suizid hatte er sich zu entscheiden: Hilft er und riskiert Gesundheit und Leben, oder hilft er nicht? Jede Entscheidung hat etwas für sich, aber sie bedeutet auch einen Verzicht (auf die andere Option). Durchs Unterlassen oder durchs Tun - durch beides - entstehen Schuldverhältnisse zwischen Mitmenschen. D.h. dass jeder Mensch in Schuldzusammenhänge verstrickt ist, ob er es will oder nicht. In der Figur des Anwalts werden sowohl ein gediegener sozialer Status als auch großes moralisches Selbstbewusstsein zusammengeführt. Wobei sich das Selbstbewusstsein durch diese Idee nicht als wirkliches Selbstbewusstsein, sondern als naive, abstrakte Idee entpuppt. Diese Idee war aber außerdem funktional für eine bestimmte gesellschaftliche Funktion (des Anwalts). Deswegen kann man vielleicht schon sagen, dass durch den abstrakten Moralbegriff des früheren Anwalts gleichzeitig ein gesellschaftlicher Verblendungs- und Unterdrückungszusammenhang gestützt wurde. Aber die Lektüre ist lange her.

emmakardaras Avatar
emmakardaras:#11677

TE hier.

Das hört sich ziemlich plausibel an, aber was war denn an seinem vorherigen Moralbegriff so verwerflich? Im Prinzip ist es ja nichts schlechtes, selbstlos zu sein und sich dadurch indrekt selbst zu belohnen, ich meine so funktioniert ja Altruismus. Und wie sieht sein neuer Moralbegriff denn nun genau aus?

Danke Brent :)

christauziet Avatar
christauziet:#11678

Er ringt nun um Erkenntnis,weil er nicht akzeptieren kann ein dummer Arsch zu sein.

shesgared Avatar
shesgared:#11685

>>11677
Zu dem Buch kann ich dir wirklich nicht viel mehr sagen; die Lektüre ist viel zu lange her. Zu dem Moralbegriff ganz allgemein: Das würde ich jetzt anders ausdrücken als in Nr. 11656. Der frühere (d.h. ungeläuterte, bornierte) Anwalt hatte überhaupt keinen Moralbegriff, sondern eine abstrake Idee von Moral. Hätte er einen Begriff von seiner Moral, würde das nämlich heißen, dass die Idee sich selbst transparent geworfen wäre: Sie wäre nicht mehr ein absolutes Ding, sondern Resultat einer subjektiven Initiative. Es gibt mit anderen Worten keine absolute Moral, keine Garantie von Moral. Das ist ja das große Thema der Existenzialisten: Aus der ursprünglichen Sinnlosigkeit des Seins entsteht die einsame Revolte. Ich würde nicht sagen, dass es "verwerflich" ist, abstrakt zu denken. Aber es ist eben ach nicht gerade intelligent. Daher kommt der Anwalt sich durchaus vor wie ein "dummer Arsch" ( >>11678 ). Schwer zu sagen, wie "die neue Moral" von ihm aussieht. Es liegt sogar im Wesen der Sache, dass es unmöglich ist, das zu sagen. Existenzialistisch gesprochen: Die Existenz kommt vor der Essenz, d.h. die ethische Ordnung, die der Anwalt seinem Leben gibt, wird wesentlich individuell sein - nicht abstrakt. Von nun an hat er seine Sache auf nichts gestellt ...