Krautkanal.com

Veröffentlicht am 2014-12-26 01:00:4 in /ph/

/ph/ 11721: Gibt es ein Recht auf Rausch?

roybarberuk Avatar
roybarberuk:#11721

Eine der bekanntesten philosophischen Schulen ist die der Stoa. Stoizismus besteht in der Mäßigung der Leidenschaften mit dem Ziele der Gemütsruhe, der ataraxia, einer Ausgleichung innerer Regungungen, seelischer Balance. Die Anziehungskraft einer solchen Doktrin ergiebt sich durch die wechselhafte Natur des Lebens selbst, gegen dessen Unberechenbarkeit man sich durch Disziplin (Schülergeist) und Enthaltsamkeit schützen möchte. Das Leben birgt für viele Menschen auch ohne deren eigenes Zutun viele Ausschweifungen und Entgleisungen, ungewolltes Leid, ausufernde Freuden, die eine Balance zunehmend erschweren. Aber was ist, wenn das Leben uns durch seinen unsteten Kurs so etwas lehren will? Dass man den Exzess als Praxis des Lebens zu kultivieren hat? In allen Epochen fanden und finden sich Zeugnisse ausschweifender Feste und Berichte von Menschen, die durch geistige Übung und psychotrope Substanzen die Grenzen ihres Verstehens und Erlebens überschreiten wollten.
Sehen wir uns um in der Kunstgeschichte, so finden wir kaum eine Person von Schöpfergeist, die sich aufrichtig um das Aufsuchen einer stoischen Balance bemüht hätte. Stattdessen sehen wir die größten Künstler und ihre Werke verbunden mit exzentrischem Lebenswandel und ausuferndem Drogenkonsum. Die Literaturwelt und das Geistesleben des 19. Jahrhunderts ist dabei so wenig ohne Opium vorstellbar wie die bildende Kunst und die Musik im 20. Jahrhundert ohne Heroin oder LSD. Gibt es vor diesem Hintergrund ein Recht auf Rausch für schöpferisch tätige Menschen, philosophisch ausgerichtete Existenzen oder ist all dieses Leben verfehlt und zerfressen von übermäßigem Egoismus?

anaami Avatar
anaami:#11723

Beispiele dafür gibt es schon. Wielands Agathon, der erste moderne deutsche Entwicklungsroman überhaupt, endet für den Protagonisten in einem Zustand epikuräisch-stoischer Ataraxia. Und vielleicht muss man sich ataraxia bzw. Unerschütterlichkeit auch bloß als Furchtlosigkeit und als die Zuversicht vorstellen, dass es eine moralisch-moralistische Substanz gibt, die innerhalb aller historisch-biografischer Kontingenz Bestand haben wird. So gesehen ist Ataraxia nicht bloß kein Widerspruch, sondern fast schon so etwas wie die Möglichkeitsbedingung einer gediegenen Drogenkultur. Denn einige Drogen sollten besser nicht von "labilen" Menschen konsumiert werden, sondern von solchen, die bereits ihre Gedanken und Gefühle einigermaßen geordnet haben. So oder so sekundiere ich den Teil mit dem Recht auf Rausch.

doooon Avatar
doooon:#11730

Ja.

jqueryalmeida Avatar
jqueryalmeida:#11759

Gegen welches Recht sollte der Rausch denn verstoßen? Es ist ein freies Land hier.

mshwery Avatar
mshwery:#11760

"Recht auf Rausch" klingt nach frei verfügbarem Heroin für alle nüchternen Personen. Würde Formulierung überdenken.

arashmanteghi Avatar
arashmanteghi:#11761

>Aber was ist, wenn das Leben uns durch seinen unsteten Kurs so etwas lehren will?

Teleologie-Bernd, bist du es?

>Gibt es vor diesem Hintergrund ein Recht auf Rausch für schöpferisch tätige Menschen, philosophisch ausgerichtete Existenzen

Warum diese Einschränkung, Bernd? Was ist mit dem Pöbel? Auch: den Exzess kultivieren zu wollen ist doch schon etwas widerspürchlich, oder? Wäre es dann überhaupt noch Exzess? Bernd muss dabei immer an so Fundichristen denken. Kein Alkohol, kein Seks vor der Ehe, nicht heimlich unter der Bettdecke Reibung vollziehen, aber wenn der Heilige Geist in der Kriche in dich fährt, dann aber: Holla die Waldfee! So sieht kultivierter Exzess aus. Schon etwas albern, nicht?

franciscoamk Avatar
franciscoamk:#11764

>>11759
Das Recht auf Rausch könnte ein intrinsisch menschliches sein, juristisch ist nur ein sehr bedingtes. Wenn man sich an die Gesetze der westlichen Nationen orientiert, dürfte man abgesehen von Alkohol, Nikotin und vereinzelten noch nicht im Betäubungsmittelgesetz aufgelisteten Naturstoffen oder neuen Forschungschemikalien keinen Gebrauch machen dürfen.
>>11761
> Auch: den Exzess kultivieren zu wollen ist doch schon etwas widerspürchlich, oder?

Widersprüchlich vielleicht im Sinne von paradox, also gegen das allgemeine Dafürhalten gehend. Aber es ist gut, dass Bernd es anspricht, denn Rausch ist ein Wort, das sich in anderen Sprachen so nicht findet. Das englische Wort intoxication (= Vergiftung) wird den Bedeutungen des deutschen Terms Rausch nicht gerecht. Ob der Begriff Rausch nun deckungsgleich ist mit dem des Exzesses bleibt auch Gegenstand der Untersuchung. Ich könnte dabei den Standpunkt beleuchten, dass der Exzess, also die Überschreitung vielen Menschen aufgrund ihrer Unzufriedenheit mit den Gegebenheiten ihrer Umwelt schon die Möglichkeit und die Notwendigkeit einer Disziplinierung (eines Schülergeistes) und einer Kultivierung mit sich bringt.
Ich kann nur von meinen persönlichen Erfahrungen sprechen und sage, dass der Exzess niemals eine völlige Auslöschung des Alltagsbewußtseins anstrebt, sondern dieses erweitern will, oder es in ein anderes Licht zu tauchen beabsichtigt. Viele Menschen "behandeln" sich selbst mit illegalen Drogen, verschlimmern damit aber ihr Problem, weil sie nur das Andere, das Faszinierende in der Wirkung der Drogen suchen, also von sich selbst flüchten wollen, anstatt die durch die Drogen vorgestellte Wirkung zum Gedankenanstoß zu nehmen, um sich selbst besser kennenzulernen.
Woher kommt denn die Lust, sich zu berauschen oder zu betäuben? Ist das Leben denn in so vielen Fällen so schlecht eingerichtet, dass man es mit körperfremden Chemikalien subjektiv angenehm zu gestalten angehalten ist? Wir sehen zumindest an der bedeutsamen Menge von Depressionsdiagnosen, dass es dem Menschen an etwas fehlt und diese Leere durch unmäßiges Verhalten jedweder Art ausgeglichen werden will.
Es könnte aber auch sein, dass die Möglichkeiten, die dem Individuum durch Drogen gegeben sind, genutzt werden wollen, dass man eben diese Möglichkeiten psychisch-physiologischer Selbstregulation mit Bedacht anwenden soll, bis man eine ertragreichere Art gefunden hat, sich selbst zufrieden und doch mit Tätigkeitsvermögen in seinem Leben zu erhalten.

HenryHoffman Avatar
HenryHoffman:#11766

>>11759
>Es ist ein freies Land hier.
Musste schmunzeln.

polarity Avatar
polarity:#11767

> Gibt es ein Recht auf Rausch?

Es gibt gar nichts.

csswizardry Avatar
csswizardry:#11772

Die Evolution wird es schon richten.

souperphly Avatar
souperphly:#11773

>>11772
Meinst du damit, dass alle, die Lust auf Drogen haben, ausgesiebt werden, oder dass wir uns dahin entwickeln werden können, selbst je nach Lust und Laune durch die bloße geistige Entscheidung dazu Rauschzustände erzeugen können? Alexander Shulgin meinte einmal, dass die Menschen der Vorgeschichte endogenen Rauschzuständen erlegen sein können - zumindest wäre das eine Theorie für die Existenz von allen möglichen Rezeptor-Arten im Gehirn, die in einem gewöhnlichen Menschen heutiger Zeiten in vielen Fällen nur noch durch exogene Stimulation ihre Wirkungen und Eigenschaften auf den Organismus offenbaren.

suribbles Avatar
suribbles:#11784

>>11773
Das klingt interessant. Weißt du eventuell wo man diesen Text finden kann?

jamesmbickerton Avatar
jamesmbickerton:#11786

>>11784
Relativ am Anfang dieser Dokumentation spricht er davon: https://www.youtube.com/watch?v=f5q1bBVzDpc

linux29 Avatar
linux29:#11839

>>11773 Beispiel Einsamkeit und Depression.Unser Vorfahr, der ausserhalb der Gruppe frass,war schnell Leopardenfood.Got it?