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Veröffentlicht am 2015-01-02 21:06:48 in /ph/

/ph/ 11732: Rechte und Pflichten

suribbles Avatar
suribbles:#11732

Frage:
Kommt die Pflicht vor dem Recht oder nicht?

http://strawpoll.me/3319035

Ich bin der Meinung, dass die Pflicht in der Regel vor dem Recht kommt, da das Recht meist erst durch die jeweilige Pflicht ermöglicht wird.

raquelwilson Avatar
raquelwilson:#11733

Man könnte zunächst die Pflicht als Prämisse für den Erhalt eines Rechtes betrachten. Demnach wird einem ein Recht nur nach Erfüllung einer Pflicht zugesprochen, die Pflicht kommt zuerst. Man zahlt Miete und erfüllt damit eine Pflicht, um das Wohnrecht in einer bestimmten Immobilie zu erhalten. Man kann das ganze aber auch umdrehen, denn mit dem Recht zum Wohnen kommt auch die Pflicht, Miete zu zahlen. Um bei diesem Gleichnis zu bleiben, werden mit dem Abschluss eines Mietvertrages Recht und Pflicht gleichzeitig geschaffen.
>Ich bin der Meinung, dass die Pflicht in der Regel vor dem Recht kommt, da das Recht meist erst durch die jeweilige Pflicht ermöglicht wird.
Diese Betrachtung findet wohl auch in der Bevölkerung weite Zustimmung, wenn es hierbei auch nicht um rechtlich verbindliche Rechte und Pflichten geht. Man leistet zuerst etwas, das man als Pflicht verstehen könnte, und darf sich auf Grundlage dessen ein Recht herausnehmen. Beispielsweise ging man zwanzig Jahre ohne Fehltag zur Arbeit und wird es sich ja wohl mal herausnehmen können, einen einzigen Tag wegen Krankheit zu fehlen. Die Erfüllung einer Pflicht wird also zur Rechtfertigung einer Handlung, die man dann als Recht bezeichnet, verwendet, entspricht aber nicht dem bereits gezeigten Verhältnis von Recht und Pflicht.
zl;ng: Rechte und Pflichten sind gleichwertig, wenn es sich denn wirklich um Rechte und Pflichten handelt.

mutlu82 Avatar
mutlu82:#11734

>>11733
Ich habe vergessen, hervorzuheben, dass ich die zweite Betrachtungsweise für zutreffend halte. Vergebt mir.

marciotoledo Avatar
marciotoledo:#11735

>>11733
Genau dies. Es fällt mir schwer, Rechte ohne Pflichten zu denken und umgekehrt. Beides sind wahrscheinlich logische Komplemente. Aber das ist vielleicht auch wieder eine Frage der Vertragstheorie.

350d Avatar
350d:#11737

>>11735
Nö. Kinder, Behinderte, etc. haben Rechte, ohne entgegengesetzte Pflichten. Die Verbindung ist und war niemals zwingend.

a_khadeko Avatar
a_khadeko:#11738

>>11737
Es mag nun vielleicht etwas zurechtgebogen klingen, aber um diese Rechte zu erhalten, muss man nur die Pflicht, behindert zu sein, erfüllen. Die Pflicht lässt sich auch einfach als Voraussetzung bezeichnen, was weniger verwirrend ist, weil es nicht klingt, als wäre die Pflicht zwangsläufig eine Tat oder Leistung. Diese besonderen Rechte, die Behinderten, Kindern, aber auch Staatsbürgern zuteil werden, wurden ja nicht grund- und wahllos geschaffen, sondern es gibt eine Voraussetzung für ihr Gelten, die erfüllt sein muss und die ihnen erst eine Existenzberechtigung gibt. Allgemein besteht nach dieser Betrachtung also schon im Besitz einer Eigenschaft eine Pflicht, die den Erwerb von Rechten begründet.

mrzero158 Avatar
mrzero158:#11739

>>11738
>die Pflicht, behindert zu sein

Ich hoffe, du merkst das selbst. Ich wiederhole: Es gibt keine, absolut keine logisch zwingende Verbindung zwischen Rechten und Pflichten. Damit ist über den praktischen Wert aber noch nichts ausgesagt.

hoangloi Avatar
hoangloi:#11740

>>11739
Na gut, das ist wohl Sache der Sichtweise. Wenn man die Prämisse voraussetzt, Recht und Pflicht würden immer gemeinsam auftreten, hätte man schon eine logische Verbindung geschaffen. Die würde dann auch erklären, wie ich auf diese Begründung gekommen bin.
Warum würdest du diese Verbindung nicht vornehmen?

michigangraham Avatar
michigangraham:#11741

>>11740
Weil ich, beispielsweise im Falle von Tieren, kein Problem damit habe, ihnen Rechte zuzusprechen (auf körperliche Unversehrtheit z.B.), ohne von ihnen etwas zu verlangen. Es gibt keine Rechte, es gibt keine Pflichten. Das sind in den unterschiedlichen Ausformungen moralische, ethische oder juristische 'Erfindungen' aus praktischen oder orientierungsbezogenen Motiven. Es mag sein, dass diese Verknüpfung von Rechten und Pflichten in vielen Fällen sinnvoll sind, also das Miteinander irgendwie erleichtern; ich wehre mich nur dagegen, zu vergessen, dass das eine bloße Setzung ist. Im Recht steckt nicht per se die Pflicht; in der Pflicht nicht das Recht. Allein aus kinder-, behinderten- und tierethischer Perspektive sollte man da, meiner Einschätzung nach, sehr, sehr vorsichtig mit sein.

keyuri85 Avatar
keyuri85:#11742

>>11741
>Verknüpfung

Muss natürlich Verknüpfungen heißen.

nateschulte Avatar
nateschulte:#11756

Recht vor allem.

guischmitt Avatar
guischmitt:#11757

Recht und Pflicht müssen zum gleichen Zeitpunkt entstehen, der Rest jedoch ist wilder Westen meiner Meinung nach.

Man nehme an Bernd H. leiht sich 10 Sheckel bei Bernd J., Recht auf Rückzahlung sowie Recht auf 10 Sheckel entstehen dadurch zum gleichen Zeitpunkt, jedoch wird zuerst das Recht durch Bernd J. abgehandelt, danach ist Bernd B. an der Reihe baldmöglichst seinen Teil zu erledigen.

Also #3 wenn nur genau ein Recht+Pflicht paar besteht, sonst was ähnliches wie die Asimov'schen Gesetze oder #4 Situationabhängig.

chrstnerode Avatar
chrstnerode:#11783

Recht scheint mehr eine stillschweigende Einigung zu sein bei der er zunächst noch nicht um Einhaltung geht.
Wenn aber jemand sein Recht einzufordern versucht, scheint es Pflicht zu sein dies zu akzeptieren (ähnlich Sanktionen)

mrxloka Avatar
mrxloka:#11785

Ließe sich allgemein sagen, dass die eigenen Rechte auf den Pflichten der anderen basieren?

albertodebo Avatar
albertodebo:#11794

Zunaechst einmal ist jedes Recht auch eine Pflicht.

Man hat die Pflicht, die Buerde, zu entscheiden, ob man von diesem Recht gebrauch macht, man hat die Qual der Wahl. Eine Pflicht sei eine Handlung, die bei Unterlassung negative Folgen habe. Kann man sich nicht entscheiden von einem Recht gebrauch zu machen oder nicht wird das folglich einen Nachteil mit sich bringen.

Die Frage ist, ob man diese Entscheidungspflicht von dem urspruenglichen Recht gesondert betrachten muss.

shesgared Avatar
shesgared:#11804

Gleichzeitig, denn das Recht des einen ist die Pflicht des anderen:

Kommt die Pflicht vor dem Recht: Wieso sollte ich sie erfüllen, da sie mir keinen Vorteil gibt.
Kommt das Recht vor der Pflicht: Wer erfüllt mir das Recht?

smenov Avatar
smenov:#11811

Pflichte rekrutieren sich aus Rechten
/Faden

(Eine Pflicht, die dies nicht tut, würde einem dumm oder paternialistisch vorkommen und kaum eingehalten werden.)

malgordon Avatar
malgordon:#11814

>>11811
Seid ihr jetzt irgendwann mal fertig mit dem dummen Zeug?

jonkspr Avatar
jonkspr:#11815

>>11756
Dies. Recht ergibt sich aus der Fähigkeit des Menschen. Der Mensch hat Rechte, die aus seinen Bedürfnissen und Eigenschaften folgen.
Pflichten sind so etwas wie ungeschriebene moralische Verträge zwischen beliebigen Personen und Gruppierungen.
Dass das Recht vor der Pflicht kommt, erschließt sich daraus, dass der Mensch nach Kant Zweck an sich ist, und deshalb seine Bedürfnisse und Freiheiten Teil seines Menschseins sind.
Den Bedürfnissen nachzugehen und die eigenen Freiheiten (Möglichkeiten) zu nutzen ist das Grundrecht des Menschen, wie Spinoza schreibt: Jeder hat soviel Recht, wie er Macht hat. Man darf hier das rein menschliche Recht nicht mit einem geschriebenen Recht verwechseln, das Gegenstand juristischer Untersuchungen ist. Der Mensch, sofern er lebt, hat Bedürfnisse und diese Bedürfnisse zu erfüllen ist ihm erlaubt, weil er lebt, das ist sein intrinsisches Recht. Pflichten kommen zustande, wenn er sich mit anderen Menschen arrangiert, um effizientere Wege der Bedürfnisbefriedigung zugänglich zu machen. Pflichten sind Bedingungen ungeschriebener moralischer Übereinkünfte, sie werden erhalten. Kein Mensch aber kommt mit Verpflichtungen zur Welt, er muss keine Schulden seiner Eltern abbezahlen, muss keine Wirtschaft am Laufen halten. Er hat zuerst nur die Verantwortung, sich zu erhalten, die aber eine Recht ist, eine Freiheit und keine Pflicht. Die Pflicht folgt dem unveräußerlichen Recht des Menschen, sich zu erhalten und nach Freude zu streben, wenn er Beschlüsse mit anderen Menschen tätigt, die ihn involvieren.

jodytaggart Avatar
jodytaggart:#11816

>>11815

Danke.

pakhandrin Avatar
pakhandrin:#11817

>>11815
Wow, isidor unterbietet sich mal wieder selbst.

>Recht ergibt sich aus der Fähigkeit des Menschen.

Nein. Es ist und bleibt eine Setzung. Aus einer Fähigkeit folgt gar nichts, außer der banalen Tatsache, dass etwas gekonnt wird.

>erschließt sich daraus, dass der Mensch nach Kant Zweck an sich ist

Dass Kant irgendetwas sagt, ergibt noch gar nichts. Außer, wieder, dass Kant es gesagt hat. Kants Ethik und Anthropologie ist so ziemlich das Widersprüchlichste, was man sich denken kann. Er war streng mechanistisch denkender Newtonianer, rettet sich aber in eine Parallelwelt, für die er nicht einmal Argumente hat. Sie seien halt nötig.

Auf den Rest muss man gar nicht eingehen. Das ist eine einzige, bodenlose Erschleichung. Du solltest es besser wissen.

lightory Avatar
lightory:#11820

>>11817
Wieder mal freue ich mich, dass jemand mein Geschwurbel inhaltlich unter die Lupe nimmt. Schade, dass dich dann mittendrin die Motivation verlässt, denn

> Auf den Rest muss man gar nicht eingehen. Das ist eine einzige, bodenlose Erschleichung.

macht mich neugierig, was ich denn besser wissen sollte. Zugegeben, ich gehe hier von Spinozas Rechtsverständnis aus, und das halte ich vor allem deswegen hoch, weil es so frisch paradox klingt. Spinoza selbst erschöpft die Thematik freilich nicht und Kant kränkelt an den Widersprüchen seiner eigenen Arbeit. Ich kann bis auf einer Handvoll populärer Zitate offen gesagt Kant weder empfehlen noch loben, aber man sollte seine Weigerung, argumentativ vorgehen, ihm eher als schätzenswerten Charakterzug denn als Makel auslegen, gemäß Oscar Wilde:

„Argumente sollten vermieden werden, sie sind immer vulgär und oft überzeugend.“