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Veröffentlicht am 2015-03-06 19:23:24 in /ph/

/ph/ 11818: Mittelalter 2015 oder: die betrübte Aufklärung

ah_lice Avatar
ah_lice:#11818

Betrachten wir unsere Zeit. Wir sprechen von der Gegenwart als Moderne, Postmoderne, digitales Zeitalter - kurzum: als eine zivilisierte Ära, abgegrenzt vom sogenannten dunklen Mittelalter.
Aber wie aufgeklärt ist unsere Zeit? Und war das Mittelalter wirklich so viel dunkler?
Wir haben Jahrhunderte abendländischer Tradition, auf die wir zurückblicken können. Wir haben Ideale aufgestellt und erhalten, die Europas Ruf als fortschrittliche und menschliche Gemeinschaft von Nationen bilden. Doch wie sieht es mit der Verwirklichung europäischer Ideale aus, die das Mittelalter von der Moderne philosophisch und moralisch abgrenzt? Die Aufklärung, die in der Wiederentdeckung griechischer Philosophie ihre Wurzel hat und seit dem 17. Jahrhundert als Programm ihre Inhalte und Ziele definierte, sie ist weder abgeschlossen, noch besonders fortgeschritten. Würde man sapere aude wörtlich nehmen, wären unsere Demokratien nicht wie allenthalben bloß Schmierenkomödien, sondern würden der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes Rechnung tragen.
Mehr noch: nicht allein steckt die Umsetzung des Programms der Aufklärung noch immer in einem frühen Stadium, so ist das vermeintlich dunkle Zeitalter gar nicht so dunkel gewesen, sondern wurde zum Teil erst nachträglich mit Ruß und Asche beschmiert, denn klar, aufgeklärt ist unsere heutige Zeit längst nicht, aber es gefällt dem durchschnittlichen Bürger, sich als ein solch zivilisierter Mensch zu sehen - und das erreicht man durch die kulturelle Herabsetzung vergangener Zeitalter:
"Früher waren die Menschen ja so roh und dumm und haben sich ohne Ende an der Nase herumführen lassen, das ist jetzt zum Glück nicht mehr der Fall." - Wir wissen alle, dass es heute nur schlimmer geworden ist.
Wir wollen keine von der Polemik unmöglich gemachte Begriffe wie die der Lügenpresse in den Mund nehmen, denn die Presse ist nicht der Feind der Aufklärung, es ist das Vertrauen an den Stellen, wo der Mensch seinem Geist zutrauen müsste, Sachverhalte nachzuprüfen, mit allen ihm verfügbaren Mitteln. Unsere mediale Landschaft ist vielfältig, doch die Mechanismen der unterschwelligen Beeinflussung ebenfalls.
Die Aufklärung ist ein Gemeinschaftsprojekt, und die philosophische Vorarbeit ist nicht mehr als das Aufzeigen der Richtung.
Es gilt, die Initiative des einzelnen Menschen aufzuwerten und den Mut nicht zu verlieren gegenüber den betonartigen Strukturen der Geister, die das Mittelalter unter den Menschen verewigen wollen.
Die Aufklärung ist eines der Ideale, deren Verwirklichung aussteht. Das zweite Ideal ist das der Barmherzigkeit. Keine Kirche und keine fertig zusammengebraute Glaubensrichtung kann dem Freidenker heutiger oder vergangener Tage reichen auf seinem Weg zur Selbstbestimmtheit, aber er kann aus den Weisheiten geistiger Führer die Dinge beleben, die zeitlose Wichtigkeit besitzen. Dazu gehört es, das Leben zu würdigen und sich nicht vom Zorn überwältigen zu lassen. Menschen, die sich provozieren lassen, lassen sich leicht lenken. Wenn man sieht, dass man nur einen Vorwurf der Pädophilie erheben muss und so im Handumdrehen Menschen mobilisieren kann zu Hetzjagden und Selbstjustiz, so kann man nicht davon sprechen, wir hätten uns vom Mittelalter verabschiedet. Die Menschen, die so reflexartig und berechenbar in ihrem Zorn getriggert werden, sind zu leicht lenkbar und sie merken es selbst nicht. Würde man das Neue Testament in seinen ethischen und philosophischen Inhalten wieder sich zu Herzen nehmen, wir müssten keine Angst vor Manipulation von außen mehr haben, denn:
Wer seinem Feind vergiebt, und wer barmherzig ist gegenüber denen, die anders sind als man selbst, der kann nicht aufgehetzt werden, der steigt aus vom Spiel, in dem die Oligarchen vom Schwarzweißdenken und gegensetigen Resentiments profitieren.

coreyhaggard Avatar
coreyhaggard:#11819

>>11818
Das NT hat in seiner Idee der Vergebung eine ungeheuer subversive Strategie angeboten, mit der jedwede staatliche oder organisierte äußerliche Macht aufgelöst werden kann. Auch dies ist ein Ideal, das seiner Verwirklichung noch harrt, damit wir auch geistig im Hier und Jetzt wirklich ankommen.
Und das letzte Ideal, das sich in dieser Welt offenbaren muss, um das Mittelalter in den Köpfen zu überwinden ist die unverbrüchliche Würde jeden Lebens. Es gibt ein Recht zu sein, ein Recht sich seines Lebens zu freuen und sein Leben zu genießen, sich zu freuen an seiner eigenen Empfindung und Erkenntnis. Dieses Recht auf Leben fordert gleichzeitig aber die Bereitschaft, zuzuhören und verstehen zu wollen - Jeder soll in seinem Leben Platz haben zum tanzen und spielen. Jeder soll lachen und singen können und träumen und Freude mehren, indem er andere anhört und sich darum bemüht, seine Feindbilder abzubauen.
Dass diese drei großen Ideale gefühlt noch im Larvenstadium stecken ist der Grund, warum ich unsere Zeit das Mittelalter oder die betrübte Aufklärung nenne. Aber wenn wir uns vergegenwärtigen, dass jeder Einzelne zählt, dass die Aufmerksamkeit, der Mut und die Freundlichkeit des Einzelnen in der Summe sehr wohl einen Unterschied machen, dann werden wir bald erleben, wie die Menschheit den Kokon durchbricht und sich der Geist lossagt von seinen selbstverschuldeten Fesseln auf dass die Freude spürbar werde in unser aller Leben.

iamkarna Avatar
iamkarna:#11821

>>11818
Der Begriff "dunkles Zeitalter" wird heute leider als Synonym für "Mittelalter" verwendet, was falsch ist, den ein jedes Zeitalter dessen existenz wir wegen fehlender Quellen nicht erfassen können, ist ein dunkles Zeitalter. So zumbeispiel die Zeit im alten Babylonien, mit dem Reich von Akkade und der 3. Dynastie von UR. Das Mittelalter jedoch als Dunkel zu bezeichnen ist auch falsch, da wir über das Leben, die Geseze, die Philosophie (Religion) und die Politik genauestens informiert sind, und wir das Leben der in diesem Zeitalter lebenden Menschen kennen und vorallem verstehen. Da wir das Mittelalter verstehen können wir es auch kritisieren.
Das einzige was die Menschen des Mitelalters am dahinvegetieren hielt war die Furcht vor dem Tod und der Freiheit, genährt von den Lügen und der Unterdrückung der Kirche. Du hast recht wen du sagst "Würde man das Neue Testament in seinen ethischen und philosophischen Inhalten wieder sich zu Herzen nehmen, wir müssten keine Angst vor Manipulation von außen mehr haben" den die Religion sichert den Menschen vor äußerlichen Einflüssen, und zwar indem es ihn in einer Blase von Lügen und Angst einschließt, die jegliche Kontaktaufnahme mit Vernunft und wissenschaftlichen Fakten verhindert; der Mensch ist sicher vor äußerlicher Manipulation, aber nur weil er sich in seinem inneren mit dem Betrug der Religion sättigen lässt. Es ist nicht der weg der Freiheit oder gar Vernunft sich der Religion hinzugeben, ist sie doch ein Werkzeug der demagogen für die unwissenden.
Die Probleme die du ansprachest, das der Mensch nicht den sich selbst vorgegebenen Ansprüchen gerecht wird, da er sich von seinen Gefühlen und Überzeugungen lenken lässt, lassen sich nur Lösen wen der Mensch all dies was ihn ausmacht i.e seine Erziehung, sein Glaube, sein Libido, seine Erfahrungen, seine Gefühle aber auch seine Wünsche, also sich selbst, überkommt und frei von diesen niederen bedürfnissen des Fleisches sich nicht mehr selbst dient, sondern sich selbst beherrscht so das er entlöst von den Quallen seiner selbst und den Blutegeln seines Umfeldes, die sich an ihn haften wollen um ihn leerzusauge, endlich wahrhaftig leben kann. Ohne auf niedere Befehel der Maden, wie Gesetz und Moral, rücksicht nehmen zu müssen. Die Aufklärung ist für die Befreiung des Menschengeschlechts nicht brauchbar, sie ist als philosophie einfach unnütz. Der Mensch ist zu leicht ablenkbar, zu leicht zu Manipulieren und auch zu ignorant um sich damit auseinanderzusetzen; er versteht sie nicht und kann sie daher auch nicht tragen. Deshalb ist die Aufklärung auch gescheitert, weil der Mensch unwillig und unfähig war sie zu erhalten und verwirklichen, da ihm die Phantasie fehlt um sich von der Unterdürckung der Gesellschaft loszulösen. Der Übermensch auf der anderen Hand, braucht die Aufklärung nicht, da er das was sie zu heilen und verbessern versucht bereits überkommen hat und sie damit für seine Zwecke höchstens als obsolete Vergnügungsmöglichkeit dastehen lässt.

davidcazalis Avatar
davidcazalis:#11823

>>11821
Aber gibt es denn eine Alternative für die Aufklärung? Wenn man nicht an die Idee glaubt, dass die Menschen irgendwann, jeder für sich, ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen können, sind wir auf kurz oder lang verdammt, wieder durch fremde Hand einem fremden Traum geopfert zu werden. Im Großen und Ganzen entspricht dieses Schicksal dem, was die Welt mit Adolf Hitler erlebt hat: daß ein Führer ein Volk befehligt, kann nur geschehen, wenn die Menschen sich für unmündig halten und ihre Stimme und ihren kleinen Splitter an möglicher Freiheit für wertlos halten. Was aber könnte dem Menschen Wert verleihen, wenn nicht dies?
Die darauf folgenden Einwände sind bekannt: der Mensch hat keinen freien Willen. Aber er hat die Freiheit, so marginal sie erscheinen mag, sich und sein Selbst zu vergegenwärtigen - er hat die Freiheit, Erkenntnis zu gewinnen und Bewußtsein zu erlangen. Das Bewußtsein macht den ganzen Unterschied - und allein darauf zielt das Programm der Aufklärung hin. Sollen wir sie wirklich auf alle Zeit für gescheitert erklären, wäre das dann nicht das Eingeständnis von Mutlosigkeit, das Eingeständnis, dass man an die Emanzipation des Geistes nicht mehr glaubt?

> Es ist nicht der weg der Freiheit oder gar Vernunft sich der Religion hinzugeben, ist sie doch ein Werkzeug der demagogen für die unwissenden.

Grundsätzlich kann man beobachten, dass viele Religionsanhänger ihre Vernunft scheinbar eingetauscht haben gegen eine Sicherheit, die sich durch keinerlei Beweise stützt, und in gewisser Weise sind Viele, die blind glauben, verloren für den Diskurs und den Weg der individuellen Erkenntnis.
Aber die reine Empirie steuert ebenso in eine Sackgasse hinein. Es gibt eine Weisheit, die jenseits der Regeln von Falsifizierbarkeit und Experiment sich entfaltet - in der Beschäftigung mit Träumen, Mythen, Fabeln und Märchen.
Der einzelne Mensch ist sicher versucht, von den Religionen eingenommen zu werden und die leicht Beeindruckbaren werden durch das Gepräge der Unfehlbarkeit und der Weisheit der geistigen Lehrer so sehr beeindruckt, dass sie sich völlig fremder Erkenntnis überantworten. Der wirklich fragende Einzelne aber wird niemals bei einer Religion stehenbleiben können - er erachtet die Religionen als Angebote, um den Hunger und die Leiden der Seele zu behandeln, darum aber gibt er nicht seine Eigenständigkeit zugunsten des Dogmengehorsams und der Autoritätentreue an der Garderobe ab.

> Der Übermensch

Ich würde den Begriff Zufrühgeborener bevorzugen. Das, was Nietzsche mit dem Konzept des Übermenschen propagiert, ist ein Skandalon für seine Zeit und scheint auf eine Art Zweiklassengesellschaft hinzudeuten. Stattdessen aber lege ich es so aus, dass der sogenannte Übermensch schlichtweg früher als die Mehrheit zu einer geistigen Reife gelangt ist, die ihn entfremdet und vereinsamen lässt. Er ist wie ein Gewächs, das im Winter erblüht ist, während die anderen Gewächse noch erstarrt sind und in sich versunken. Vielleicht sind alle die Worte eines solchen Zufrühgeborenen Worte eines Rufers in der Wüste, Worte in Wasser geschrieben oder in den Wind geflüstert, aber sie verfolgen das Ziel, Bewußtsein zu lenken auf den kollektiven Prozeß geistiger Reife. Wir alle streben mehr oder weniger hin zur Reife, zum Übermenschentum - manche entschieden wie ein Pfeil, manche taumelnd und unstet. Übermensch ist aber in so vieler Hinsicht ein kaum noch verkehrsfähiger Begriff. Es ist der kommende Mensch, der Mensch, der seine Bestimmung verwirklicht, nicht um eine Gesellschaft weniger Erleuchteter gegen das Volk zu stellen, sondern um den noch nicht mit ihrem Ideal erblühten Menschen den Weg zu weisen und sie Mut und Vertrauen zu lehren.

atariboy Avatar
atariboy:#11826

Darf ich fragen, woher die Bebilderung deiner Posts stammt? Ich finde sie auf unterschwellige Art zutiefst bewegend.

tube_man Avatar
tube_man:#11827

>>11826
Die stammen von keiner bestimmten Seite. Google Reverse Search wird dir helfen. Das erste in diesem Faden ist wie du siehst eine Fotografie die David Bowie zeigt, das zweite ein Bild, das Carl Gustav Jung in seinem Roten Buch verewigt hat. Das dritte Bild ist vom Künstler Rassouli:
http://www.rassouli.com/
Ich bin gerne an anderer Stelle bereit, ausführlicher über Kunst und ästhetische Theorien zu sprechen, gerne mit vielen Beispielen, sollte die Nachfrage bestehen.
Wenn ich Bilder zu meinen Beiträgen auswähle, sollen sie Stimmung und Absicht unterstreichen und erweitern, daneben stelle ich gerne vor, was mir unterkommt und gefällt, damit Andere sich auch daran erfreuen können.

liang Avatar
liang:#11829

>>11818>>11818
Bei all diesem trockenen Salbadern über verfehlte Projekte der Menschheit darf nicht vergessen werden, dass es nie zu spät ist, sich zu seiner geistigen Freiheit zu bekennen - zuweilen hat geistige Freiheit tatsächlich dort geherrscht und gewaltet, wo man sie am wenigsten vermuten würde, im sogenannten dunklen Mittelalter, in welchem der italienische Dichter Boccaccio seine Geschichtensammlung des Decamerone schrieb.

Boccaccios Geschichten zeigen die Lebenslust der Menschen, ihr Leben zwischen Alltag, Religion, Unglück und Wunder. Die Geschichten drehen sich um die List von Eheleuten, dumme Doktoren, die an der Nase herumgeführt werden, neugierige Nonnen, die es nach fleischlicher Liebe gelüstet. Die Geschichten handeln von Geistlichen, die von den Reizen einer Frau nicht unberührt bleiben und ihren geschickten Ränken, dies zu vertuschen, gespickt mit Einfällen von lustiger Dreistigkeit, geistreich, stilistisch bis heute genußvoll und formvollendet. In den Erzählungen dieses Italieners wird auf lustvolle, heitere Weise die ganze Palette menschlicher Empfindungen zum Einsatz gebracht: vordergründig geschehen dort Tabubrüche vielfacher Art, ob religiös, gesellschaftlich oder intim-persönlich, da wird die Grenzüberschreitung gefeiert, doch niemals verurteilt, sondern als Ausdruck menschlicher Lebenslust aufgeführt. In dem Panorama des Lebens, das Boccaccio aufzeigt, erscheint das Mittelalter bunt, durchwirkt von Freude. Dogmatische Strenge oder moralisierende Formeln sucht man vergebens, der Vorzug dieser Erzählungen ist ihre klare Sprache, die erheitert, erstaunen lässt oder auch hin und wieder zu Tränen rührt, wie in 'Federigos Falke'.
Wozu die Vorstellung dieses über 700 Jahre alten Buches? Weil es ein strahlendes Beispiel dafür ist, wie ein Meisterwerk die Zeiten überdauert: schlägt man es auf, meint man, das Leben selbst wachse einem spielerisch und glitzernd entgegen, so frisch wirkt es in seiner Art, die großen Fragen unserer Welt mit Humor zu behandeln. Und wir sehen anhand Boccaccio, welche sanfte Macht vom Geistreichtum ausgeht, von Esprit, vom Charisma einer Erzählung die von Herzen kommt und Freude bereitet: denn Humor ist nicht allein Zeitvertreib, er stimmt den Menschen ein auf eine höhere Menschlichkeit, macht ihn zugänglich für die Welt der Ideen. Wer lacht, denkt nicht an Schuld oder Strafe, wer lacht, der freut sich an dem Überschäumen des Geistes.

Tausend Jahre grauer Gelehrsamkeit werden vergessen sein, wenn wir nur ein Kind sorglos lachen hören.
Meinen wir, auf dem Holzweg zu sein, verloren zu sein, dann wenden wir uns einem Werk wie dem Boccaccios zu, und der göttliche Tanz, das leuchtende Lachen seines Stils wird uns daran erinnern, dass die Fähigkeit immer in uns schlummert, die Repressalien unserer selbstgewählten Unmündigkeit zu überkommen und die Welt einzustimmen auf ein Zeitalter des freudevollen Geistes.
Wer sich Boccaccio zu Gemüte führt - wie es bei wahrhaftiger Kunst grundsätzlich der Fall ist - der wird erinnert an die ursprüngliche Sprache: die Sprache des Herzens.
Und wer zu den Herzen spricht, der ist unverwundbar, für den ist die Macht der Welt das traurige Spielzeug grauer alter Herren.
Und wer die Sprache des Herzens spricht, der wird teilhaben an der Verwandlung der Welt, wie wir sie kennen.

aluisio_azevedo Avatar
aluisio_azevedo:#11830

>>11827
Wird es bald auch wieder einen "Frag isidor"-Faden geben? Ich habe den Eindruck, dass es wieder Zeit sein könnte. Der letzte liegt nun schon lange zurück und inzwischen hat die Welt sich weiter gedreht, du hast neue Erkenntnisse gewonnen und /ph/-Bernd neue Fragen zu stellen.

bagawarman Avatar
bagawarman:#11831

>>11830
Für Fragen stehe ich immer zu Verfügung, ich finde, ein Faden, in dem ich mein Unwesen treibe, reicht.

olgary Avatar
olgary:#11832

>>11830
Meine neuen Erkenntnisse sind spärlich und wie schon oft erwähnt möchte ich trotz der Unverschämheit, immer als Namensschuchtel aufzutreten, keine neue Lehre hervorbringen, sondern Impulse und Strömungen zusammenführen und neu vorstellen, die mir für die heutige Zeit besonders wichtig scheinen.
Meine Beschäftigung auf philosophischer Ebene konzentriert sich nach wie vor auf drei großen Gegenständen, als da wären:

1.) Die Ästhetik der Freude

2.) Die Theorie des Traums

3.) Die Freiheit des Menschen

Zu ersterem habe ich vor einiger Zeit eine erste Fassung eines Essays hier veröffentlicht. Im groben geht es um ein neues Menschenbild, das sich auf die ästhetische, vornehmlich sinnliche Erfahrung des Menschen stützt. Hauptquellen für meine Positionen sind dabei Nietzsche mit seinem halkyonischen Stil, einem freudevollen Ansatz, der im Zarathustra zum Tragen kommt, vornehmlich in seiner Konzeption der dritten Verwandlung, der Verwandlung zum Kinde. Davor noch ist Spinoza zu nennen, der mit seinem Hauptwerk, der Ethik, die Grundlagen unserer heutigen Psychologie geschaffen hat, der mich aber besonders inspiriert in seiner konstruktiven Sicht auf die Fähigkeiten des Menschen, die seiner Philosophie nach noch lange Zeit Gegenstand der Forschung und Erfahrung sein werden: der Mensch wurde lange Zeit durch Dogmen, Religionen und Fremdherrschaft gehemmt, wer würde ahnen, zu welch erfreulichen Ergebnissen sein Wirken auf Erden führen würde, wenn er sich ganz zu sich selbst bekennen würde! Weiterhin ist es Kierkegaard, den ich besonders schätze in seiner Bemühung, das Individuum, den einzelnen Mensch zu würdigen und die Problematik seiner Existenz vorzuführen, die sich zwischen Angst, Verzweiflung und Freiheit abspielt. Kierkegaard bietet vor allem, aufbauend auf Spinoza, eine aufgeklärte Sicht gegenüber Glaubenssystemen an, die wie auch die Deutsche Romantik ein work in progress sind - die Synchronisierung von Naturwissenschaft mit einer Sprache des Herzens ist eine der Herausforderungen, die unsere Ära anzunehmen hat, wenn sie nicht wieder völlig in mittelalterliche Zustände versinken will.
Zuletzt ist noch Schiller zu nennen, dessen Spieltrieb-Theorie für mich als Ergänzung zur dritten Verwandlung im Zarathustra zu lesen ist. Baudelaire schrieb einst: Genie ist Kindheit, die man nach Belieben zu Bewußtsein ruft. Der Mensch, der sein Kindsein völlig verwirklicht und vergegenwärtigt, bekennt sich zu seiner ganzen Freiheit und ist Wegbereiter des kommenden Menschen.
Der Denker allerdings, der mich erst seit Kurzem, dafür umso umgreifender beschäftigt, ist Eugen Drewermann, dem es in seiner Philosophie gelingt, Psychoanalyse mit den Fragen des Herzens zu verbinden, die Naturwissenschaft und die Faszination der Romantik, der Träume, Sagen und Märchen zu versöhnen. Nicht allein seine Inhalte und Positionen haben mich tief beeindruckt, auch seine rhetorischen Fähigkeiten und menschliche Wahrhaftigkeit sind etwas, das ich an einem Denker bislang vergeblich gesucht habe.

breehype Avatar
breehype:#11833

>>11832
Und würdest du sagen, dass die politische/ gesellschaftliche Erweckung oder Erneuerung nach wie vor eine wichtige Aufgabe ist? Ich kann mich erinnern, dass das im letzten Frag isidor-Faden ein Thema war. Nun ist im letzten Jahr ja viel passiert (Terror, IS, Pegida). Geben dir die Ereignisse recht, siehst du deine Wünsche vlt. sogar zum Teil erfüllt (bloß allgemein als Tendenz zur Politisierung meine ich), oder siehst du Anlass zum Nachsteuern? Wenn ja: wo?

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linux29:#11834

>>11833
Die gesellschaftliche Erweckung ist nach wie vor ein Thema und ich spreche sie hier im OP wieder an, wenn ich mich auch diesmal mehr auf die Mängel als die Möglichkeiten beziehe.
Wesentlich neu sind die Terrorakte, einschließlich der Feldzug der IS nicht: Wir sehen einmal mehr, wie Leben verachtet und zerstört wird und die Schäden einer religiösen Doktrin zugeschrieben werden. Dabei sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass der islamistische Terror der letzten Jahrzehnte nicht gedacht werden kann ohne die Aufrüstung und Unterstützung kriegerischer Truppen im nahen Osten durch die USA. Bereits zur Zeit des Schahs von Persien war dies der Fall, dort wurde Persien gegen Russland aufgerüstet, um ein Bollwerk gegen den Kommunismus zu errichten. Das Gleiche fand statt, als die US-Regierung Osama Bin Laden ausbildete, um das von Russland besetzte Afghanistan zu befreien. Und ein vergleichbarer Mechanismus findet nun mit den Kämpfern der IS statt, die den USA erst nützlich waren und nun mit hineinspielen in das fingierte Schreckensbild der Religion des Islam. Doch es ist weder der Einfluss der Vereinigten Staaten allein, noch die Rohheit marodierender Horden, die für das neue Blutvergießen verantwortlich gemacht werden können. Vor allem ist es der Wunsch der Menschen nach einfachen Lösungen, einfachen Feindbildern, welche geliefert und bestärkt werden, denn die wirklichen Machthaber profitieren von Krieg, von Zwiespalt und Zerstörung, weil es wieder einmal von ihnen ablenkt und die öffentliche Diskussion so immer vom Wesentlichen fortgetrieben wird: der selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen.
Nicht dass der Individualismus und die Freiheit des Einzelnen in der westlichen Welt zu einem lobenswerten Ziel gelangt wäre, doch hinken die Staaten des Islam ein Stück weiter zurück, haben sie doch keine Reformation oder eine Aufklärung erlebt, wie sie in Europa die Runde gemacht hat.
Fremdbeeinflussung, so meine These, wirkt demnach in Regionen des Nahen Osten um einiges stärker, weil die geistige Entfaltung des Einzelnen durch rigide Gesellschaftssysteme gehemmt wird - dies wiederum spielt den USA in die Hände, die ein Interesse an den Rohstoffvorkommen haben und obwohl die USA nun nicht weniger fundamentalistisch erscheinen, die Todesstrafe praktizieren und für ein westliches Land erschreckend roh und gewalttätig sind.
Pegida ist zum großen Teil eine traurige und beschämende Sache, da der Schwerpunkt der Veranstaltungen auf der Angst vor Einwanderung und Überfremdung fußt. Dabei habe ich lange Zeit, wie wohl nicht Wenige, darauf gehofft, dass die Deutschen endlich Initiative ergreifen und für ihre Rechte und ihre Selbstbestimmung auf die Straße gehen. Leider fanden und finden die Protestzüge unter der völlig falschen Botschaft statt - das spielt wiederum den USA in die Hände, sie stilisieren medial die Proteste zu einer neuen Radikalisierung unseres Landes. Dass während der Montagsdemonstrationen abseits der ärmlichen Tiraden gegen Einwanderer tatsächlich wichtige Impulse angesprochen wurden, verliert dabei jede Wirkung:
Tatsächlich bedarf dieses Land eines Aufbegehrens, denn die offizielle Regierung hat sich die Opposition gefügig gemacht und einverleibt, während die Bevölkerung selbst teilnahmslos bleibt. Sicher, rechtspopulistische Polemik kann uns nicht helfen, aber eine Volksinitiative für eine aufrichtige Neugestaltung des Landes steht noch aus. Wir sehen mit Merkel einen Kohl 2.0 an der Regierung, wir werden in den Schlaf regiert und ausgesaugt. Wehe dem, der aufwacht - er könnte sich erschrecken.
Nachsteuern, Einfluß nehmen auf diese Regierung und das globale Schmierentheater, muss flächendeckend auf individueller Ebene geschehen. Tatsächlich glaube ich aber fast, dass es einer Katastrophe bedarf, um den Beton der Dogmatiker, Konservativen, der Kriegstreiber, all der grauen Herren, aufzusprengen - der Mensch unserer Zeit ist fähig, sich selbst zu regieren, das ist meine Überzeugung, aber damit er Raum bekommt, wirklich zu leben, müsste tatsächlich ein mittelgroßes Wunder geschehen. Ein Wunder kann es aber schon sein, wenn Jemand zu Bewußtsein gelangt und sich leiten lässt vom Ideal der Vergebung und Sanftmut.

ionuss Avatar
ionuss:#11835

>>11834
danke

mat_stevens Avatar
mat_stevens:#11836

>>11833
Zu den Lösungsansätzen habe ich jetzt kaum etwas geschrieben, aber ich sehe die Arbeit auf indivueller Ebene. Es muss ein Glauben an den Wert des Lebens existieren, damit Menschen sich für sich und Andere einsetzen. Und dieser Wert ergiebt sich nicht aus der Leistung, Kaufkraft oder Nützlichkeit, sondern einfach daraus, weil er lebt. Freilich, diese Einsicht wirkt beinahe absurd im Zusammenhang mit unserem Gesellschaftssystem und der Lieblosigkeit, die das eilige Miteinander unserer Welt durchzieht, aber wahrscheinlich ist dies das Einzige, was nicht absurd ist, sondern die Wertschätzung des eigenen Lebens ist Ergebnis von Intution, Ergebnis des Hörens auf das eigene Herz. Nur wer Wertschätzung lernt, kann aus sich selbst heraus ethisch und wohltätig (im allgemeinen Sinne: gedeihlich, mit Freuden, erbaulich und gut) handeln.
Diese Betrachtung des Lebens, dieses Menschenbild ist der Schlüssel zu einer lebenswerten Gesellschaft, die ihre Bestimmung nicht in einem künftigen Nirgendwo, sondern hier und jetzt verwirklicht.

Wesentlich zur Erlangung dieser Einstellung ist es, zu verstehen, dass menschliche Werte nicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnis, ökonomische Argumente oder Berufung auf Logik außer Kraft gesetzt werden dürfen. Das Lebendige ist ein Wert an sich, den zu dekonstruieren als nichts weiter gelten darf denn als Koketterie, als ein satirisches Sägen am eigenen Ast. Das Lebendige zu ehren ist der einzig ewige Wert des Lebens.
Ein Lächeln ist zu groß für jeden Beweis, eine Sinfonie größ als jede Theorie, ein Tanz größer als jede formale Logik, doch gerade dort ereignet sich das Lebendige. Dort vereinigt sich Mensch mit seinem göttlichen Prinzip und gelangt zu seiner Reife und völligen Freiheit.