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Veröffentlicht am 2015-04-14 05:31:34 in /ph/

/ph/ 11922: Hurr durr, ich bin so stoisch!

markgamzy Avatar
markgamzy:#11922

Was würde /ph/ demjenigen Bernd zur Lektüre empfehlen, der sich für Affektlosigkeit, Apatheia und Ataraxie interessiert?

yigitpinarbasi Avatar
yigitpinarbasi:#11923

Hallo Bernd, mir hat Seneca sehr gut gefallen (z.B. 'De brevitate vitae') und vor allem Epikur. Epikur ist kein Stoiker im engeren Sinn, aber eigentlich hat er sehr ähnliche Themen. Grüße

carloscrvntsg Avatar
carloscrvntsg:#11924

>>11923

Danke, Bernd. Nur eine Sorge: Ich vermute, dass das konkrete Thema der Unerschütterlichkeit/Unempfindsamkeit lediglich einen sehr geringen Teil der Texte von Epikur und Seneca ausmachen wird. So wie ich das verstanden habe, ist das ja nur ein Teil viel größerer antiker Weltbilder. Gibt es also nicht so etwas wie eine Sekundär-Abhandlung über die Ideengeschichte* dieses einen speziellen Ansatzes? So was wie die Wikipedia-Einträge nur ausführlicher, hübscher geschrieben und wissenschaftlich auf festeren Füßen stehend.

*nicht sicher, ob ich diesen Begriff hier richtig verwende – ich hoffe, Bernd versteht, was ich meine

kimcool Avatar
kimcool:#11935

>>11922
Die Schriften der alten Stoiker sind freilich die erste Anlaufstelle für jeden, der darum bemühen will, Kontrolle über seine Affekte und Gemütsruhe zu erlangen. Wie aber vielleicht bekannt, ist das Streben nach innerer Balance und dem stoischen Ideal der ataraxia, nicht allein in der Stoa zu finden. Viel eher verfolgte die Stoa dieses Vorhaben am radikalsten. Epikurs Schule wird manchmal aufgeblasen zu einem dekadenten Haufen von Hedonisten, wobei der Epikureismus eher ein gemäßigtes Genießen mit dem Ziel von Selbstbeherrschung beinhaltet. Letztlich macht sich schon der Buddhismus Ideen von Gemütsruhe zu eigen. Viele östliche Weise predigen, man müsse im leben, als sei man tot, dieser Ausdruck ist eine deutliche Umschreibung eben jener stoischen Unerschütterlichkeit.
Die Reden des Buddha können in diesem Fall von großem Wert sein. Der Mensch hat für inneren Frieden sein Inneres klar zu beobachten, und nach und nach soll er aufhören, sich mit seinen Gefühlen, seinen Gedanken, seinen Vorstellungen und seinen Bedürfnissen zu identifizieren. Wenn der Mensch sich nicht mehr versteht als diese Einzelaspekte des Vergänglichen, sondern als die tiefe und ewige Stille in ihm, dann gewinnt er innere Ruhe und Unabhängigkeit.
Die Ethik, das Hauptwerk Spinozas, beschäftigt sich im dritten Abschnitt mit der Natur der Affekte. Spinoza zählt die elementaren Regungen des menschlichen Geistes auf, erklärt ihre Herkunft und ihre Zusammenhänge. Die drei großen Regungen oder Affekte sind zuerst das Verlangen, was er das Wesen des Menschen selbst nennt, dann die Freude und das Leid. Alles weitere baut mehr oder minder darauf auf. Die Lektüre dieser Affektenlehre schärft den Geist für die Thematik und erlaubt ein tiefergehendes Verständnis. In stoizistischer Manier handeln dann der vierte und fünfte Teil der Ethik von der Herrschaft der Affekte über den Menschen und von des Menschen Möglichkeiten, Freiheit zu erlangen. Auch abgesehen von diesen Inhalten und lebenspraktischen Ideen ist die Ethik ein Standardwerk der Philosophie und hält viele beflügelnde Gedankengänge bereit.

horaciobella Avatar
horaciobella:#11941

>>11935

Vielen Dank.

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bobwassermann:#11948

"Der Fremde" von Camus. "Das Spiel ist aus" Sartres empfehle ich weiterhin eingeschränkt, da es nur dieses Thema immerhin subtil behandelt.

Ist aber romanförmig.

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rangafangs:#11952

>>11948
Existenzialistische Kackscheiße.

Bernd Avatar
Bernd:#11962

>>11952
Höre ich öfter, man wird mit Sartre/Camus auch gern in die Ecke der Kantigkeit gestellt, was nicht 100% abwegig ist. Ich fand's aber ehrlich gesagt sehr erfrischend zu lesen, und auch, wenn man nicht voll damit konform geht, so befördert es zumindest Überlegungen.

betraydan Avatar
betraydan:#11977

Wirf mal einen Blick in das Handbuch der Stoiker

http://gutenberg.spiegel.de/buch/-7739/1

Vielleicht auch nur Sklavenmoral, aber genau das Thema.

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rawdiggie:#11979

>>11977
>Vielleicht auch nur Sklavenmoral

Erkläre dich!

murrayswift Avatar
murrayswift:#11985

>>11979

Würde mich auch interessieren.

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abdots:#11986

>>11977
>>11948

Danke!

mauriolg Avatar
mauriolg:#11992

>>11979
Trotz der nicht zu verleugnenden Brillianz des Epiketchen Werks, bleibt der gute Mann Kind seiner Zeit.
Als Sklave scheint es mir recht einfach Philisophie in jene Richtung zu betreiben, aus dem simplem Grund, dass ein Besitzender vermutlich andere Maßstäbe für die Philosophie hätte. Deshalb schaudert es mir immer vor dem Gedanken, dass ein Vollbürger-Epiket wohl andere Schriften verfasst hätte.

yesmeck Avatar
yesmeck:#11994

>>11992
Du meinst also, dass Epiktet kein Stoiker gewesen wäre, wenn sein Leben in Wohlstand verlaufen wäre? Also insofern er Armut und Repression erlebt hat, seine Philosophie genau von diesem Bewußtsein ausgeht? Könnte man diese Frage vielleicht auf die Gesamtheit aller Denker ausweiten, inwieweit die persönlichen Erfahrungen ihr Programm und ihre Bewertung des eigenen Weltbildes prägen, das ja nicht selten sogar identisch ist mit ihrer Philosophie?

remiallegre Avatar
remiallegre:#11996

>>11994
Exakt das hat Nietzsche gemacht. Bei Fichte findet sich so ein Gedanke auch schon ausgesprochen, nur hat er daraus nichts gemacht. Es fiel einmal aus ihm raus und war dann sofort wieder vergessen.

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starburst1977:#12017

>>11994
Bei Epiket sind die Paralellen nahezu unüberwindbar. Das ein Sklave nur Immaterielles als höchsten Wert schätzen kann scheint mir offensichtlich.
Und natürlich sollte man die Frage nach dem Hintergrund des Autors, und die daraus resultierenden Absichten und Motivationen auf, auf jeglichen Text anwenden, um so ein tieferes Verständnis des selbigen zu erlangen.

grantrobinson Avatar
grantrobinson:#12019

>>11992

Also mich schaudert es bei dem Gedanken nicht. Denkt man das nicht eh immer automatisch mit? Lese ich einen Text, habe ich unwillkürlich sofort massenhaft ad hominems à la "das sagst du doch nur, weil …" gegen den Autor auf Abruf.

Und ich merke es ja auch bei mir selbst: dass meine filosofischen Ansichten stark von biografischen Phasen abhängt.