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Veröffentlicht am 2015-04-19 22:56:22 in /ph/

/ph/ 12010: Hallo Bernd. Inwiefern hältst du die aristoteli...

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doooon:#12010

Hallo Bernd.

Inwiefern hältst du die aristotelische Tugendethik heute noch für aktuell, und bist du der Meinung, dass diese Ethink in dem heutigen Zeitalter noch als Orientierung zur praktischen Lebensführung dienen kann?

Diese Frage stelle ich natürlich unter der Annahme, dass die Tugendethik auf die gesellschaftlichen und persönlichen Umstände der jeweiligen Personen angepasst ist.

tmstrada Avatar
tmstrada:#12029

>>12010
Aristoteles unterscheidet zwischen Verstandestugenden und charakterlichen Tugenden und sieht ein tugendhaftes Leben als ein gutes Leben an. Allerdings sind die Verstandestugenden selbst (Klugheit, Kunstfertigkeit, Vernunft, Weisheit, Wissenschaftlichkeit) einerseits Grundlage und / oder Ergebnis von tugendhaftem Verhalten. Klugheit, Weisheit, Vernunft sind Tugenden, die nicht, wie Aristoteles nahelegt, durch Erziehung oder Einübung aus dem Nichts entstehen können. Seine Ethik erscheint deshalb mehr kritisch als praktisch, im Sinne von: dies sind die Anzeichen, an denen ein tugendhafter Mensch erkannt werden kann und nicht etwa: so müsst ihr sein und ihr werdet alle glücklich.
Ich halte die aritotelische Ethik mit ihrer Betonung auf die Tugenden für sehr angestaubt, da von keiner Theorie des Wesens des Menschen ausgeht. Zwar verlautbart er, der Mensch sei ein Wesen, das auf ein Ziel gerichtet sei, und dieses Ziel sei im Letzten das Gute - auch grenzt er den Menschen ab vom Tiere, indem er das Unterscheidungsmerkmal von Sprache und Vernunft vorbringt. So haben wir einerseits eine Abgrenzung des Menschen vom Wesen der Tiere und andererseits eine behauptete Eigenschaft, die den Menschen als Wesen ausmache. Ist es aber denn das Gute, das den Menschen antreibt, ist es nicht allein Ziel, sondern auch Beweggrund, gar Ergebnis seines Handelns und Denkens?
Möglicherweise ist ein solch blumiges Bild vom Menschen erbaulich, Aristoteles als Realisten steht diese Position allerdings nicht besonders zu Gesicht. Eine wirkliche Theorie vom Wesen des Menschen fehlt bei Aristoteles, und bevor man nicht geklärt hat, was den Menschen und sein Dasein wesentlich bestimmt, hat eine Ethik kein stabiles Fundament.

liang Avatar
liang:#12126

>>12010
Gestern stolperte ich über etwas Interessantes. Es gibt Ansätze im Kommunitarismus, die aristotelische Tugendethik neu zu beleben. So zumindest bei Alasdair McIntyre (After virtue). Ich kenne das Werk nicht sehr gut, aber vielleicht kann mir ein Bernd unter die Arme greifen. Der Grundgedanke scheint mir zu sein, dass die Moderne sich selbst durch die Kritik der Metaphysik ihre moralische Grundlage entzieht. Dagegen will MacIntyre dann Aristoteles und dessen Menschenbild wieder stark machen. (Wie >>12029 finde ich dieses Menschenbild ein bisschen dürftig.)
Die MacIntyre'sche Neuauflage von Aristoteles kommt mir insgesamt ein bisschen wie das Pendant identitären Denkens in der Politik vor. Vielleicht kennt ein Bernd sich da ja mit aus.