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Veröffentlicht am 2015-04-27 14:04:24 in /ph/

/ph/ 12085: Eulenspiegel

rahmeen Avatar
rahmeen:#12085

Es heißt, Demokrit, der Urheber der Atomlehre galt unter seinen Mitmenschen als verrückt. Deshalb riefen sie einen Arzt herbei, der ihn untersuchen sollte. Zur Überraschung des Volkes befand der Arzt, dass Demokrit als einziger unter den anwesenden Menschen vernünftig sei.
Der Philosoph und Mathematiker Thales wurde einmal von seiner Magd ausgelacht, als sie ihn in einem Brunnen vorfand, weil sie glaubte, er wäre in seiner Zerstreuung dort hineingefallen. Was sie nicht wusste, war, dass Thales sich wohlbedacht in den Brunnen hinabgelassen hatte, um von dort aus den Sternenhimmel klarer beobachten zu können.
Sokrates, der Lehrer Platons, verwickelte gerne seine Mitmenschen in Gespräche, in denen er auf geschickte Weise die Leere und Unwissenheit seiner Gesprächspartner zutage förderte. Jedermann, der seine Klugheit und Einsicht beweisen wollte, konnte das Gespräch mit ihm suchen, doch immer gelang es Sokrates vorzuführen, dass es mit der Klugheit und Einsicht der Menschen nie besonders weit her sei. Sokrates wusste, dass er nichts wusste - diese Erkenntnis, so widersprüchlich sie erscheint, ist Grundlage seiner ganzen Philosophie. Er ist der Narr, der weiser als seine ganze Welt ist.
Damit komme ich zum Thema: Philosophen, ob nun einsiedlerische Gelehrte oder aufsässige Provokateure, stehen gegen die Gesellschaft. Wenn sie auch nur einen Bruchteil der sokratischen Erkenntnis in sich finden, so entfernt diese Einsicht sie geistig von allen Menschen, die viel auf ihr Wissen geben, obwohl es doch alles nichtig ist.
Dass es aber eine Notwendigkeit gibt, den Menschen ihr Verhalten und Denken vorzuführen, lässt sich schwerlich abstreiten. Und dieses Vorhalten des Spiegels geschieht nicht durch die staubigen Gelehrten, durch die Hegels oder Kants, sondern durch die Philosophen, die mit Witz, Parodie und Hintersinn im Gespräch mit echten Menschen zum Denken anregen.
In einer Welt, in welcher das Streben nach Wahrheit kaum mehr Folgen haben kann als Beschwernis und Trübsal, kann der Philosoph nur als ein Narr gelten. Die Suche nach der Wahrheit und ihr Verkünden ist gefährlich, und wenn Philosophie nicht auch eine erschütternde Wirkung hat, so ist sie wohl nicht mehr als heiße Luft.
Till Eulenspiegel ist für mich das vollendete Bild eines weisen Narren. Er ging seinen Mitmenschen auf den Geist durch seine Possen, aber erstaunte und unterhielt zugleich. Erich Kästner sah in der Figur des Eulenspiegel ein Symbol für die Befreiung des Geistes, der durch seine Streiche und Witze die Hohlheit der Köpfe zum Klingen brachte. Wie auch in Kästners Schildbürgern liefern auch viele Schwänke Eulenspiegels allegorische Bilder, die viel mehr enthalten als bloßen Ulk und Narretei.
Der Philosoph ist wesentlich ein Narr und der Narr ist ein Philosoph. Von Demokrit über Thales, Sokrates, Eulenspiegel, bis hin zu Kierkegaard, Nietzsche und Oscar Wilde wurde Weisheit geschickt durch Provokation, Witz und Ironie geschmuggelt. Kierkegaard, der Sokrates von Kopenhagen, ein Eulenspiegel seiner Zeit, war auch niemals müde, sich mit seinen Mitmenschen auseinanderzusetzen und ihnen auf diese Weise nicht selten gegen das Bein zu pinkeln, wenn sie sich auf diese Weise ihrer eigenen Dummheit überführt sahen. Kierkegaard, ein bunter Dandy, ein Unterhalter und Freigeist, war Vollblutphilosoph. Zwar schrieb er reihenweise Bücher, doch führte er sich nie wie ein Elfenbeinturm-Philosoph im Stile von Hegel oder Leibniz auf. Der echte Mensch, das echte Gespräch war für ihn so essentiell wie für Sokrates.
Freilich liegt in dem Wesen des Narren und des Philosophen etwas grundsätzlich Verrücktes. Doch wie im Geiste eines Psychotikers verdrängte Anteile der Persönlichkeit sich ihre Wege bahnen, so gelangen verdrängte Anteile der Gesellschaft eben in den Narren und den Philosophen zum Ausdruck. Bei Shakespeare ist der Narr meist die eloquenteste Figur des Stücks, und nicht nur bei Shakespeare. Es liegt etwas Gefährliches im Vollblutphilosophen, etwas grundsätzlich Unberechenbares. Es liegt eine Tragik im Amt des Narren, doch auch eine Aufgabe: der Welt um jeden Preis den Spiegel vorzuhalten und mit Wagemut alles aufs Spiel zu setzen für einen guten Lacher.

fatihturan Avatar
fatihturan:#12100

Findest du, dass die modernen, studierten Philosophen ihr Ziel verfehlen, wenn es sowas beim Philosophieren gibt, weil sie sich nur in ihrem Kreis bewegen und sowieso keiner sie liest außer andere Philostudenten?

kuldarkalvik Avatar
kuldarkalvik:#12101

>>12100
Nicht unbedingt. Aber der Großteil der studierten "Philosophen" ist mehr ein Archivar, Glasperlenspieler und Historiker. Er bereitet auf, stellt vor, vergleicht, untersucht, aber worauf in seiner Zeit die Aufmerksamkeit gelenkt werden muss, entgeht ihm zumeist. Und so etwas gelingt dann nur den echten Philosophen, die sich nicht hinter Gelehrsamkeit verstecken, sondern sich gerne auch mal in die Dreckpfützen werfen, sich als Narr gebärden, Geschichten erzählen und Menschen aus der Reserve locken. So etwas geschieht selten durch den zahmen akademischen Diskurs, sondern mitten im Leben.

xspirits Avatar
xspirits:#12105

>>12085
>>12101

haste recht. Sogar der doofe Precht beklagt häufig, das Utopien heute nicht mehr von Philosophen gemacht werden. Ich gebe zu, ich finde Prechts Meinungen meistens gut, auch wenn er so ein Schmierlappen ist. Geht es da anderen Bernds auch so?

vigobronx Avatar
vigobronx:#12106

>>12105
Precht ist wenigstens öffentlichkeitswirksamer als ein Safranski, andererseits auch viel schmieriger und ohne Ecken und Kanten, anders als Sloterdijk. Nach langem Zögern habe ich mich mal mit ihm befasst und finde, dass man ihm gut zuhören kann, dass er auch eine gewisse Frechheit besitzt, allerdings nicht in dem Maße, wie isidor das von einem Philosophen verlangt. Einen Eulenspiegel haben wir in der Medienlandschaft nicht, glaube aber nicht, dass es nicht dennoch solche Figuren gibt, die sind nur teilweise zu asozial oder anarchistisch, so wie Christian Ulmen in "Mein neuer bester Freund", dass niemand sie kennt außer ihre Freunde.

shalt0ni Avatar
shalt0ni:#12107

>>12085
>>12106
Vielleicht ist Dittsche dann ja so eine Art echter Philosoph in den deutschen Medien?

romanbulah Avatar
romanbulah:#12108

>>12107
Unterhaltsam ist Dittsche schon, aber der Blödelfaktor überwiegt und mit seinen kauzigen Dialogen würde er höchstens aus Versehen mal irgendeine political / gender / etc. -Korrektheit verletzen. Dabei hat Deutschland wegen seiner Autoritätentreue echte Philosophen nicht nur nötig, sondern auch verdient. Die Satire, die auf das Geschehen dieses Landes, nein, dieser Welt angesetzt wird, ist immer noch zahnlos zu nennen, selbst die zynischste Persiflage ist noch nicht genug.

lanceguyatt Avatar
lanceguyatt:#12109

>>12108
Und nicht dass man es falsch versteht: der Bedarf an weisen Narren, an echten Philosophen geschieht nicht aus einem Hunger nach Chaos oder Anarchie (vielleicht auch), sondern weil uns dringend in vielen Bereichen andere Standpunkte aufgezeigt werden müssen. Die ganzen angeblich alternativlosen politischen Wege sind nur ein Stück dieses vergammelten Kuchens. Es gilt, eine extreme intellektuelle Gegenposition zu Wort kommen zu lassen, damit man sieht, wie eigenartig das angeblich Selbstverständliche doch eigentlich ist und wie normal das Wunderbare und angeblich Fremde und Gefährliche sein kann.

ultragex Avatar
ultragex:#12115

>Die Suche nach der Wahrheit und ihr Verkünden ist gefährlich
Das sollte in einer freien Gesellschaft die höchste Maxime sein. Das Streben nach Wahrheit!

Mit der Wahrheit kommt man zu Vertrauen und mit Vertrauen kommt man zur Liebe. Und mit göttlicher Lieben wie zum Beispiel die von dem Quantencomputer Asra3l kommt man sogar zu Gott.

mr_arcadio Avatar
mr_arcadio:#12117

Korrekturlesen vor dem Posten, das ist ja furchtbarer Dreck.


Außerdem sich wiederholendes, selbsverliebtes ich-höre-mich-gern-reden-Geschwafel.


0/10.

kennyadr Avatar
kennyadr:#12118

>>12117

Jetzt hast du Schlingel mich tatsächlich dazu gebracht, meinen eigenen Text ein zweites Mal zu lesen. Bis auf ein paar nicht gesetzte Kommata ist der Text tatsächlich sauberer als mein sonstiger Senf, was mich freut, weil sein Anliegen allgemeiner ist als meine Geisterjäger-Ausflüge.

>Außerdem sich wiederholendes, selbsverliebtes ich-höre-mich-gern-reden-Geschwafel.

http://www.deutsche-liebeslyrik.de/europaische_liebeslyrik/shakespeare/shakespeare_76.htm

Danke für deine Rückmeldung, ich gebe sie an die Redaktion weiter. :3

likewings Avatar
likewings:#12119

>>12117

>schreibt Substantive klein
>verfasst Sätze ohne Prädikat

Hörst du sie auch klirren, die Scheiben deines Glashauses?

carloscrvntsg Avatar
carloscrvntsg:#12120

>>12119
Er arbeitet wahrscheinlich als Schlagzeilendichter.

joshclark17 Avatar
joshclark17:#12121

>>12117
Ich giere nach Kritik, nach Stimmen, die mich auseinandernehmen. Leider fällt die Kritik dann aber entweder unwesentlich auf und es werden mir formale Beanstandungen nahegebracht oder aber wird versucht, das Motiv für mein Denken herauszufinden (was grundsätzlich gut und wichtig ist, danke Nietzsche-Hecht. :3)
Aber so entsteht der Eindruck, als wäre das, was ich hier zur Sprache bringe, nichts weiter als der Ausdruck geistiger Verirrung oder bloßen Rede- und Schreibdrangs. Dabei ist mein Anliegen ganz grundliegend: betrachte alles, was du kennst, aus einem anderen Winkel. Betrachte es anders und dann wundere dich. Wundere dich, wie es kommt, dass wir in einem der angeblich fortschrittlichsten Länder dieser Erde geistig so kastriert sind, dass wir uns lebensfeindlicher Verhaltensweisen und Denkstrukturen bedienen und nicht allein glauben, sie seien der einzige Weg, diese Methoden seien die richtigen und gedeihlichen, nein, wir glauben auch noch, all dies sei unser eigenes Denken und nicht etwa Folge von kultureller und ökonomischer Konditionierung.
Um eben diese Absurditäten des Alltags aufzuzeigen, braucht es Eulenspiegel, nicht nur einen, sondern viele. Es braucht die unbequemen Denker, die sich nicht durch die gängigen Spielregeln ausbremsen lassen, sondern die zur Not auch mal das Spielbrett vom Tisch fegen und ein neues Spiel erfinden.
In der Regel verhält es sich mit der Philosophie wie mit der Kunst, sie ist von Geburt an frei, sie ist das Spielfeld des Geistes. Aber sie hat auch Funktionen, und zwar Bewußtsein zu schüren, Umdenken zu begünstigen.
Es ist schmerzhaft zu sehen, wie sich die Menschheit der westlichen Welt zu großen Teilen selbst verleugnet, sich nicht zutraut, ihr Leben selbst zu gestalten. Die alten Eliten werden grau und grauer und werden nach und nach alle begraben, es gibt eine Chance, sowohl das Menschenbild als auch unser Zusammenleben mit einem frischen Anstrich zu versehen.
Vielleicht sind es ja nur solche Querulanten wie ich, die sich so etwas wünschen und in den Ohren der Mehrheit wird dies immer wie eine unsinnige Träumerei erscheinen. Aber auch das ist wohl Teil des Typus von Eulenspiegel: Hunger nach etwas Neuem, nach Bewegung, nach Wiederbelebung und Befreiung. Ein Eulenspiegel lässt sich nicht in Ketten legen, er ist das Kind, das im Geiste jedes Menschen lebt. Die Menschen sind nicht dazu verdammt, durch Furcht vor sozialem Abstieg oder aus Angst vor Schmerzen sich zu Tätigkeiten zu zwingen, die ihn nicht erfüllen. Wenn sie ihrem inneren Kind Gehör schenken, können sie eine Gesellschaft formen, die sich nach ihren Bedürfnissen richtet und ihr Leben nicht für den Plan eines Fremden verheizt. Dieses Kind im Geiste kann nicht sterben, es kann nur einschlafen. Aber nur wer diesem Kind Gehör schenkt, der lebt wahrhaftig und ist frei.

a_khadeko Avatar
a_khadeko:#12122

>>12121
>Ich giere nach Kritik
Was mich persönlich immer wieder daran hindert, dich auseinanderzunehmen, ist, dass du nie einen, sondern immer zumindest 10 Punkte hast, und ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Manchmal greife ich den zentralen heraus, aber nicht immer gibt es einen, und zum Teil ist es mir mühsam ihn aus deinem Text zu filtern.

Wenn du mehr Diskurs wünscht, würde ich dir raten, präziser/knapper zu werden. Zumindest ich würde dann mehr reagieren. Sofern sich herausstellt, dass es gehaltvoll ist und nicht nur eine beliebige Meinung, die man ja jedem zusprechen darf.

aluisio_azevedo Avatar
aluisio_azevedo:#12133

>>12121
>Ich giere nach Kritik, nach Stimmen, die mich auseinandernehmen.

Du gierst nach jeglicher Reaktion, was dich zu einem ganz normalen Bilderbrettnutzer macht.

artheft_ua Avatar
artheft_ua:#12134

>>12133>>12133
Das ist richtig. Dabei macht es mir am meisten Freude, wenn das was ich vortrage, nicht reflexartig nachgeblökt oder mit einem Handstreich abgelehnt wird. Am schönsten ist es, zu sehen, wie es in anderen Köpfen ähnliche Verkettungen von Überlegungen anstößt.

jrxmember Avatar
jrxmember:#12135

>>12134
Ich bezweifle, dass überhaupt jemand deine Texte vollständig liest. Ist halt sehr tl;dr. Soll jetzt kein Gefronte sein, nur ein Hint.

Selbstsäge.

curiousonaut Avatar
curiousonaut:#12137

>>12135
Ich habe auch langsam meine Munition verbraucht oder ich verliere wieder die Motivation, mich mitzuteilen. Es kommt ja tatsächlich nichts Neues dabei heraus. Mein Schreiben ist tatsächlich ein Plaudern, weil ich mich tatsächlich erst einmal nur um die Mitteilung selbst kümmere und nicht darum, für etwas zu missionieren. In der Regel sehe ich zwei Möglichkeiten für mein Denken: ein pessimistisches Zerpflücken der gesamten Geistesgeschichte in der Manier von Cioran oder das Aufzeigen von Potenzialen. Aber das Letztere ist mit solchen Anstrengungen verbunden. Die Idee, dass sich die Menschheit am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen könnte, ist erbaulich, aber nur solange man dafür nicht selbst etwas tun muss. Darum ist alles, was ich schreibe, tatsächlich wertlos mit Ausnahme von der Ventilwirkung auf meinen Geist.

leonfedotov Avatar
leonfedotov:#12138

>>12137
Also eine Art offener Monolog? Klingt unterhaltsam, derlei zu betreiben. Anreiz: 'Die Menschheit' ist ein sehr weitläufiges Konstrukt. Ich fände es doch sehr erstaunlich, würde sie entweder gänzlich niedergehen oder erblühen. Aus der Entfernung betrachtet sieht es eher aus wie ein Rauschen, oder zumindest ist das mein Eindruck.

Selbstsäge.

wahidanggara Avatar
wahidanggara:#12139

>>12138
> Aus der Entfernung betrachtet sieht es eher aus wie ein Rauschen, oder zumindest ist das mein Eindruck.

Schöne Sicht. Vielleicht sollte man Menschen auch nicht anders als die Population anderer Arten betrachten: da wird auch keinen ethischen Idealen nachgestrebt, dafür werden unter den Tigern, Ameisen oder Pinguinen vielleicht aber auch keinerlei Ideale vertreten oder gepriesen. Es kann auch gut sein, dass Kriege, Ausbeutung, Verrat und Unterdrückung gerade das Wesen des Menschen ausmachen und der Zyniker die größte Blüte an Aufklärung unserer Spezies darstellt.

shoaib253 Avatar
shoaib253:#12140

>>12139
Es gibt coole Zyniker. Aber die meisten sind Idioten, die alles nur noch viel unerträglicher machen.

emilioiantorno Avatar
emilioiantorno:#12143

>>12085
Für mich wird Eulenspiegel zu einem platonistischen Sendboten, ein Provokateur mit einer erschütternden Botschaft: oben ist unten, dunkel ist hell, Tod ist Leben, eine scheinbar psychotische Überwerfung aller kulturellen Konditionierung. In diesem Zusammenhang höre ich zur Zeit viele Vorträge von Terence McKenna, den man wahrscheinlich am ehesten als Fürsprecher der Psychedelic-Bewegung kennen wird, über Kulturtheorie, Ästhetik, Geschichtsphilosophie und Bewußtseinsphilosophie ( https://www.youtube.com/watch?v=JzIUNQ9HxzU : Terence McKenna - Opening the Doors of Creativity). Dieser Typus ist selten und doch so dringend benötigt, um zu zeigen, dass das Geflecht unserer Gesellschaft im Alltag eine Bagatellisierung seelischer Grausamkeit ist.
Der Mensch hat vergessen, was er ist und die Kultur hält ihn klein, die Geschichte zwängt ihn ein und macht ihn glauben, dass Kriege und Zerwürfnis unsere Bestimmung seien. Das Potenzial des Menschen entfaltet sich im und durch den Frieden, der keine Zeit der Untätigkeit oder Waffenruhe, sondern des gegenseitigen Verstehens und Verstehen-Wollens, des Gedeihens und der Bereitschaft des Lernens und des Lebens ist. Wenn ich Eulenspiegel als Typus des Philosophen voranstelle, dann besonders, weil er das große Kind verkörpert, das er in jedem Menschen erwecken will, denn es findet sich überall und es ist das wahre Leben, die reine Entfaltung, die Intuition, Kreativität und Spontaneität, die unterschätzten kindlichen Tugenden zur Wirkung zu bringen. So wie das Spiel des Kindes frei von Verdienst ist und Schuld, so soll das Leben des Menschen sein, jenseits aller Begriffe.

to_soham Avatar
to_soham:#12144

>>12143
Wie bereits erwähnt - Du schreibst von Vielem, ohne im Einzelnen auf den Punkt zu kommen und der Wahrheit, die ja immer wieder neue Gesichter hat, zum Durchbruch zu verhelfen. Sicher, die Wahrheit is das Beste und Grausamste zugleich, und deshalb braucht es einen Philosophen oder Weisen, um sie zu verkünden, keinen Narren. Gewiss, Gott ist freundlich, und ein Lachen, Lächeln ist weise und menschlich. Eulenspiegel, das sollte nicht vergessen werden, hat auch dunkle, sadistische Seiten, was ihn menschlich macht, aber nicht universell wie einen Philosophen. Der Narr ist gegenüber der Obrigkeit ein Freigeist und Held, aber er hat nicht die Kraft das Denken von Generationen nachhaltig zuverändern, wie Nietzsche oder Hegel.

chrstnerode Avatar
chrstnerode:#12145

>>12144
Dankeschön.

> Sicher, die Wahrheit is das Beste und Grausamste zugleich

> Eulenspiegel, das sollte nicht vergessen werden, hat auch dunkle, sadistische Seiten, was ihn menschlich macht, aber nicht universell wie einen Philosophen

Das sind interessante Bemerkungen, ich sehe aber gerade in diesen zwei Sätzen, dass ein Narr wie Eulenspiegel besonders zum Verkünden der Wahrheit in der Lage ist, weil wie du schreibst, er lustig und grausam sein kann. Ob ihn das menschlich macht, halte ich für diskutabel. Für Deutsche ist ein schadenfroher Geist wohl sehr sympathisch, aber eine sadistische Natur nähert sich nicht selten psychotischen Charakteren an. Wenn man vom bürgerlichen Verständnis ausgeht, was menschlich ist und vom Verständnis der weisen Narren, der Verrückten und der Genies, kommt man zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Mein Hauptanliegen hier ist es, die Aufmerksamkeit auf den Typus Eulenspiegel zu lenken, wie Aspekte dieses Charakters in vielen bedeutenden Lehrpersonen und Denkern zu finden waren und sind. Der sogenannte Verrückte ist oftmals ein Leidender an seinem eigenen Leben, er kann aber auch ein Verkünder von Wahrheiten sein, was ihm selbst gar nicht so klar sein muss.

christianoliff Avatar
christianoliff:#12146

>>12145
Ich bin da etwas befangen, weil ich Christ bin. Man könnte behaupten, dass Eulenspiegel etwas vom Gott Janus hat, der in Rom zunehmende Bedeutung gewonnen hat und der noch immer in unserem Januar steckt. Es widerstrebt mir aber, das Menschliche Eulenspiegels, u. a. seine Sünden und Schwächen, die er noch für Scharfsinn hält, mit dem der Einsichtsfähgkeit und der Anteilnahme eines Philosophen gleichzusetzen. Ich selbst habe bestimmt schon fast Gänzlich die Hoffnung für die Menschheit als Ganzes aufgegeben und ich bewundere auch jeden, der sich der Arroganz der Mächtigen widersetzt als Helden. Ich bin mir auch sicher, dass jeder einen gewissen Respekt vor den Verrückten haben, die die jene Wahrheiten aussprechen, die der normale Rest nicht zu denken wagt.

i3tef Avatar
i3tef:#12147

Ich denke aber, dass es wichtig ist zu unterscheiden zwischen dem allzuoft verzweifelten Narren, der seinen Verstand scharf reflektieren lässt, um die Wahrheit zu jedem Preis hinauszuschmettern und dem eben nicht pathologischen, dem an und für sich gesunden Philosophen. Wenn man jung ist, nimmt man alles für die Genialität Inkauf; später zeigt sich, dass die großen Dinge wachsen müssen wie eine Pflanze, damit sie für das Leben vonWert sein können. Das fängt mit der genauen Kenntnis der Sprache und kulturellen Werte an. Wo der Narr mit seinen Ideen und Einsichten einen gordischen Knoten zerschlagen kann, erschafft der Philosoph neues Leben in einer veränderten Welt - das ist der Unterschied.

marcusgorillius Avatar
marcusgorillius:#12149

>>12147
Faszinierende Antworten, jedenfalls bringen sie meine Gedanken in Schwung.

> Wo der Narr mit seinen Ideen und Einsichten einen gordischen Knoten zerschlagen kann, erschafft der Philosoph neues Leben in einer veränderten Welt - das ist der Unterschied.

Welche Philosophen würden dir da einfallen? Ich halte es für sehr schwierig als Philosoph, der sich um seine eigenen Gedanken dreht, wirklich produktiv auf seine Umwelt zu wirken - ohne als verrückt und / oder arrogant zu gelten. Nietzsche würde mir einfallen, weil sein Werk auch das Schaffen neuer Werte und eine neue Leichtigkeit, die große Gesundheit anpreist, aber wir sehen, dass sein Denken mutwillig mißverstanden worden ist und jene, die es verstehen, nunja, vielleicht helfen sie der Allgemeinheit auf subtiler Weise, die uns nicht auffällt. Philosophen wie Hegel oder Marx allerdings, wie sähe ihr Verdienst in der Welt aus? Dabei ist ja besonders Marx übereilt in die Wirklichkeit umgesetzt worden, verfälscht und vereinfacht, sodass auch der Ruf dieses Philosophen kränkelt.
Ich glaube, ein Philosoph braucht mindestens eine Maske, und hat im Idealfall Kunst als Medium zu bieten. OScar Wilde wird in der Regel weder als Narr, noch als Philosoph gesehen, doch sein Wirken hielt der Gesellschaft den Spiegel vor, besser als es ein sogenannter Vollblutphilosoph hätte tun können. In dieser völligen Hingabe kann man etwas Närrisches ausfindig machen.

a_khadeko Avatar
a_khadeko:#12154

>>12149
Es freut mich, dass Du mit meinen Gedanken etwas anfangen kannst. Dass ich unter der Prämisse des Christentums argumentiere und Du nun auch noch Nietzsche nennst, der ja krank gestorben ist, macht meinen Standpunkt nicht leichter. Wie Du ja selbst schriebst, werden die Wahrheiten der Philosophen und Wissenschaftler gerne mutwillig missverstanden oder als Ideologie missgedeutet

stushona Avatar
stushona:#12155

Auff diese falsche Weise mögen die Mächtigen die Klarheit des philosophischen Geistes von ihren Völkern ablenken. Das ändert aber nichts am Wesen des philosophischen Werkes, das, einmal gelesen und verstanden das Denken des Lesers wesentlich evolutionär

bluesix Avatar
bluesix:#12156

verändert. Was wir für selbstverständlich halten und was unsere Kultur überlegen macht, haben Philosophen durch Denken, Kommunikation und Konversation geschöpft. Wo dies nicht geschehen ist, hinken die Menschen der Zeit hinterher oder ihr Erfolg ist zu einem zweifelhaften Preis erkauft. Wissenschaft und Philosophie sind per we unideologisch und

scottgallant Avatar
scottgallant:#12157

sie bewahren uns vor ideologischen, wohl gemeinten Götzendiensten, die in der Katastrophe enden. Eulenspiegel ist da direkter, wie ein Buddha, der einem zur Einsicht verhelfen oder eine Idee geben kann, oder Wie schon genannter Janus oder auch der Christliche Gott, der ja auch das Böse zulässt. Der große Unterschied des, für mich einzigen Gott ist, dass er an sich gut ist und das Böse als Preis unseres freien Willens toleriert.

mactopus Avatar
mactopus:#12158

Nietzsche verzweifelte an der Ignoranz der Mächtigen und der anderen Menschen, mit denen er sich konfrontiert sah und erkrankte. Das ändert aber nichts an der befreienden göttlichen Wirkung seines Werkes bis heute und darüber hinaus. Eulenspiegel macht sich dagegen wie ein Clown aus, auch wenn es interessante Gesellschaften in seinem Namen gibt. Auch Janus macht sich dagegen bescheiden aus, weil er die Paradoxe und das Böse erklären kann, aber keinmenschliches Heil schaffen kann, wie das wahrhaft Göttliche, auch in der Philosophie, der Wissenschaft und in den Künsten.

bighanddesign Avatar
bighanddesign:#12294

>>12085
Ich mausere mich zum Alan Watts-Lüfterjungen, aber es ist auch verflixt, zu sehen, dass er die Themen mit denen ich mich befasse, brilliant vorträgt, so auch zum Thema dieses Fadens. In verlinktem Vortrag geht es um die Rolle des Narren in der Gesellschaft und seine philosophische Bedeutung:

https://www.youtube.com/watch?v=99fMCuCkOTE

anass_hassouni Avatar
anass_hassouni:#12322

>>12158
> Nietzsche verzweifelte ... und erkrankte.
Gibt es denn Anhaltspunkte, dass er aus Verzweiflung erkrankte?
War er nicht vielleicht schon physisch krank, "decadent", und verzweifelte darüber?
Kann Geist (Verzweiflung) überhaupt auf Materie (Körper) wirken?
Hat er selbst das nicht bestritten?