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Veröffentlicht am 2015-05-19 09:35:59 in /ph/

/ph/ 12148: Was wäre anders, wenn unsere Kultur nicht monothei...

albertodebo Avatar
albertodebo:#12148

Was wäre anders, wenn unsere Kultur nicht monotheistisch, sondern polytheistisch geprägt wäre?

Ich weiß, sehr spekulativ, aber es beschäftigt mich dieser Tage.

Würde auf /r/ posten, wenn es nicht der bayrische Katholikenkanal mit Trollwürze wäre. Schade eigentlich.

bluesix Avatar
bluesix:#12150

>>12148
Die monotheistische Prägung hatte in der Vergangenheit bedeutenden Einfluss auf die Politik und im Namen des einen Gottes wurden schon so einige Kriege und viele Gräueltaten gerechtfertigt. Der eine Gott ist die religiöse Entsprechung für eine politische, nationale Einheit. Eine Staatskirche oder ein Kirchenstaat ist leichter zu beeinflussen und auch wenn Deutschland vordergründig laizistisch geprägt ist, wirken Kontrollmechanismen bis in die Gegenwart, bis in unsere Tage fort. Polytheistische Kulturen haben nicht selten einen fremd anmutenden Liberalismus hinsichtlich religiöser Ausrichtung und Glaubenspraxis zu verzeichnen.
Allerdings stoße ich mich schon am Begriff monotheistischer Kultur. Diese Kultur ist zum überwiegenden Teil säkular und die Zeugnisse ihres Glaubens sind in der Regel schon sehr betagt. Religiöse und spirituelle Erfahrungen aus erster Hand sind vergleichsweise rar und die Kirchen nehmen dem Einzelnen nicht die Arbeit ab, sich mit Themen von Transzendenz und Immanenz zu beschäftigen. Diese Kultur ist de jure monotheistisch, de facto ist sie plutokratisch, ihr Gott heißt Mammon, sie ist diesseitig und ihre Beschäftigung mit Spiritualität ist allenfalls eine Randerscheinung.
Was selten beleuchtet wird, ist der Umstand, dass Jesus Christus dem Menschen zeigen wollte, dass der Mensch keiner Mittlerrolle bedarf, um sich mit dem Absoluten zu verbinden, es bedarf keiner Priester, Schamanen oder Geistlichen, die den Zugang zum Göttlichen verwalten. Seine Macht abzutreten an andere, ob politisch oder religiös, ist der Weg zur Entmündigung, und obwohl die Philosophie des Christentums gerade die Entfesselung der Spiritualität (die Demokratisierung derselben) propagierte, machte das Christentum denselben Fehler wie vergangene und kommende Religionen, indem sie zu einer Institution verkrustete und vereiterte, die einem Krebsgeschwür gleich seine Kraft gewinnt durch die Verneinung des Individuums.
Idealerweise hat der Monotheismus die Fähigkeit, die Menschen weltweit zu einen, aber die Mittlerrollen der verschiedenen Religionen vereitelt dieses Vorhaben in der Realität. Polytheismus allerdings ist in jeder Hinsicht ein Rückschritt. Es wäre, als betete man jeden einzelnen Fluss, See und Ozean an, wo doch alles aus Wasser besteht. So verhält es sich mit der Vielgötterei, sie verehrt verschiedene Götter, weil ihr nicht die absolute Quelle derselben bekannt ist. Dem logos aber, dem einen Gott ist jedes Lebewesen ausgeliefert, selbst die Götter Zeus, Enki, Amaterasu, Loki oder Osiris.
Es könnte sein, dass eine polytheistische Kultur aber effektiv spiritueller wäre, weil die Vielfalt der Beschäftigung mit dem Überirdischen bunter wäre. Allerdings ist dies von vorn bis hinten nichts als Spekulation. Ohne religiöse Erfahrung ist jede Gesellschaft, wie sie sich auch nennen mag, spirituell leer. Glaube allein ist nur der Anfang, religiöse Erfahrung muss diesen Glauben durch Gewißheit vertiefen.

joemdesign Avatar
joemdesign:#12151

>>12150
> religiöse Erfahrung

Darunter verstehe ich diese Erlebnisse, die man heutzutage wissenschaftlich nur unter den Begriffen Halluzination oder Psychose kennt. Der brennende Busch, Pfingsten, Sauls Vision und so weiter, diese Erlebnisse sind heute allesamt Gegenstände psychopathologischer Untersuchung und durch Forschung im Bereich der Neurobiologie sehen wir, dass all diese religiösen Erfahrungen Seelenzustände sind und manch eine Gotteserscheinung sich von einem LSD-Trip nicht unterscheidet.

kennyadr Avatar
kennyadr:#12152

>>12150
>Die Vielgötterei verehrt verschiedene Götter, weil ihr nicht die absolute Quelle derselben bekannt ist.
Das ist aber so, als würdest du eine Frage stellen, die schon durch ihre Prämissen beantwortet ist. "Welche Temperatur hat denn dieses 30° warme Wasser da drüben?" "Ist die Vielgötterei in unserem Universum mit dem einen Urprinzip angemessen?" usw. Mir als theologischem Laien erschließt sich weder, wieso Vielgötterei und ein gemeinsames Urprinzip zwingend ein Widerspruch sein müsste, noch, wieso man unbedingt ein solches Urprinzip annehmen sollte.
Drinvor: Nimm halt LSD.

funwatercat Avatar
funwatercat:#12153

>>12152
Für mich stellt sich die Frage, welche Vorteile eine Gemeinschaft mit polytheistischem Glauben hätte. Die Germanen hatten ihre eigenen Götter, hatten Seher, Schamanen und Weise, die Traditionen aufrecht erhielten. Diese Tradition ist abgebrochen und untergegangen. Wäre sie bis heute intakt, wer weiß, vielleicht würden wir in einer Gesellschaft leben, für die Spiritualität eine bessere Konnotation hätte, wie in allen schamanischen Kulturen. Schamanismus ist eine Religion ohne Dogma und Schriftkultur, eine Religion, die in jeder Weltregion Variablen besitzt und Kostanten: Variablen sind die Bräuche und die Götter, Konstanten sind religiöse Praktiken, die Hand in Hand gehen mit Philosophie, Medizin, Wissenschaft, Kunst, Musik und Gemeinschaftsdenken.
Ein Wiederaufleben hat seinen Reiz, aber diese Wiederbelebung würde zu sehr gezwungen erscheinen und allzu künstlich wirken. Durchaus, der Mensch könnte von traditionellen Religionen ohne Dogmen sehr profitieren, aber eine sozusagen archäologisch geborgene Religion würde der Wahrhaftigkeit und Vertrautheit ermangeln, die für unser heutiges Zusammenleben vonnöten wäre. Es bräuchte eine neue Offenbarung, eine allgemeine geistige Offenheit für alternative (ursprüngliche) Formen religiöser Gesellschaftsprägung abseits von vergiftenden und stagnierenden Strukturen einer Kirche.

betraydan Avatar
betraydan:#12159

Ok OP, also wenn unsere Kultur polytheistisch und nicht monotheistisch geprägt wäre, wäre eigentlich nichts anders, nur dass es ein paar Götter mehr gäb.

krdesigndotit Avatar
krdesigndotit:#12160

>>12159
Nur kurz: Ich denke, dass der religiöse Hintergrund gesellschaftsprägend ist oder zumindest potenziell sein kann, weshalb mich diese Überlegung interessiert.

Danke für deine Posts, isidor. Ich werde mich später noch mal näher mit ihnen befassen.

olgary Avatar
olgary:#12161

>>12153
Möglicherweise ist der Effekt der monotheistischen Kulturen einzig, dass alle spirituellen und religiösen Bestrebungen, die sich nicht mit dem einen Gott befassen, für vollkommen nutzlos, falsch und abergläubisch verurteilt werden können. Dies wiederum führt dazu, dass die Menschheit unter den monotheistischen Religionen kontrolliert wird, in der Hinsicht, dass sie glauben, dass die Kirchen und Moscheen und Synagogen Gott "verwalten" und die Spiritualität allein dort zu finden ist. Tatsächlich aber hat jede Religion, wie Eugen Drewermann beschreibt, einen Nutzen, so wie jedes Medikament für eine andere Krankheit genutzt werden kann. Die "Entdeckung" des logos, des Prinzips des Seins, hat in gewisser Weise den Anlass geschaffen, spirituelle Monokultur voranzutreiben, obwohl doch Spiritualität gerade durch die Vielfalt der subjektiven Erlebniswelten entsteht und gerade diese Vielfalt und Freiheit des Glaubens das Lebendige des Seelenlebens ausmacht.

ninjad3m0 Avatar
ninjad3m0:#12162

>>12161 Ich stimme mit dir überein, dass die Kirchen etc. den Glauben nur verwalten und ein Sammelbecken der Gläubigen darstellt. Der von Dir skizzierte Schamanismus ist dort anzutreffen, wenn man den Predigten und der Liturgie genaue Beachtung schenkt. Andererseits ist es für einen.Menschen unmöglich, dem einen Gott zu folgen

ademilter Avatar
ademilter:#12163

Der Mensch kann erkennen, was Gott will oder ist, es fehlt ihm aber an der Reinheit und Kraft, dieser Erkenntnis zu folgen. Daher ist die potentielle Korruption der Kirche und ihre Inkonsequenz eigentlich auch ein Schutz für die eigene Unzulänglichkeit. Den eigenen Glauben kann man ja auch nur selbst finden. Die Bibel ist ja keine Bedienungsanleitung, aus der sich das know-how erkennen ließe. Aber gerade das macht das Christentum so glaubwürdig, weil es nur in aktive

clubb3rry Avatar
clubb3rry:#12164

r Auseinandersetzung mit der Welt und der Schrift Leben lässt. Wohlgemerkt auch in wissenschaftlicher Auseinandersetzung, was das Christentum somit vom Schamanismus abgrenzt.

vaughanmoffitt Avatar
vaughanmoffitt:#12165

>>12164
Warum sind deine Beiträge so zerteilt? Auch wenn der Inhalt interessant ist, sieht das nicht schön aus.

kazukichi_0914 Avatar
kazukichi_0914:#12166

>>12165 Weil der Browser spinnt. Meinst Du, das macht jemand freiwillig. Sei doch froh, dass ich mir die Mühe mache.

terryxlife Avatar
terryxlife:#12167

Ich verstehe ...