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Veröffentlicht am 2015-05-21 12:53:26 in /ph/

/ph/ 12168: Psychose oder Erleuchtung?

greenbes Avatar
greenbes:#12168

Ich schreibe dies auf /ph/, weil ich mich einerseits für nicht verrückt genug halte, einen Therapeuten darum zu bemühen, andererseits halte ich es verfehlt, einen Seelenklempner darum zu befragen. Es klingt einerseits sehr nach psychischer Krankheit, einige Anteile davon aber kommen mir vor, als wären sie die Vorboten zu einer größeren Einsicht. Also:
Hin und wieder habe ich Zustände von Depersonalisation und das äußert sich so, dass sich mein Körper fremd anfühlt und es mir so scheint, als wäre meine Seele nur in meinem Körper gefangen. Dabei kommt es vor, dass sich mein Körper wirklich taub anfühlt, wie ein Körperteil, der eingeschlafen ist. Das ist von der menschlichen Perspektive her beunruhigend und so wirkt es auch oft, aber davon abgesehen sehe ich, dass es ja gar nicht anders sein kann. Das was man Ich nennt, ist ein ziemlich wackeliges Konstrukt und mit etwas Glück oder Unglück bekommt man die Gelegenheit, über diese Attrape hinauszublicken, was eine befreiende oder aber sehr verstörende Erfahrung sein kann.
Dann habe ich andere gedankliche Verirrungen, die manchmal völlig spontan, manchmal auch in Verbindung mit Genussmitteln auftreten, die beinhalten, dass es mir vorkommt, schon lange verstorbene Menschen und andere Lebewesen würden aus dem Jenseits versuchen, den Menschen für ihre Gedanken zu begeistern. Die gestorbenen Menschen nehmen dann Kontakt auf zu den Lebenden, doch die Lebenden müssen einen Knacks haben, damit sie dafür zugänglich sind.
Ist das völliger Irrsinn oder steckt darin etwas von Wert?

abotap Avatar
abotap:#12169

Hmmmm. Schwer, so per Ferndiagnose und als Laie. Ich hab mir als Kind öfters vorgestellt, ich wäre verrückt und die anderen würden so tun, als merkten sie es nicht. War ich in dem Moment verrückt? Keine Ahnung. Solange du - oder andere - nicht darunter leiden, kann es dir doch eigentlich egal sein. Zum philosophischen Ertrag kann ich nicht viel sagen. Solche Geisterwelt- oder Außerkörper-Erfahrungen hatte ich noch nicht. Tschuldigung, mehr kann ich da nicht zu sagen.

puzik Avatar
puzik:#12170

Dieser Bernd ist seit einem Jahr in ambulanter Behandlung wegen Derealisationen, heisst, mir kommt nicht der von dir beschriebene Körper fremd vor, sondern meine Umwelt (verschwommen, nicht real und fremd). Auswirkungen davon sind, dass ich bin oft vergesslich bin, in meiner eigenen Welt "träume" und muss mich sehr konzentrieren muss. Man kann damit handeln (ich versuche es ohne Medikation, nahm eine Zeit lang jedoch Sertralin (half nicht)). Wenn solche Schübe auftreten, muss ich etwas aufpassen auf welchen Gedanken ich mich einlasse (Ganz nach dem Spruch "The mind is a good servant but a bad master"), wenn also alles unreal vorkommt und man praktisch ein Dejavu nach dem anderen hat, sollte man sich klarmachen, dass man eben dieses Defizit hat und nicht denken, dass die Welt wirklich so ist, denn sonst rutscht man leicht ab in paranoide Zustände.

>Ich hab mir als Kind öfters vorgestellt, ich wäre verrückt und die anderen würden so tun, als merkten sie es nicht. War ich in dem Moment verrückt?

Nein, du warst Kind. Jedes Kind hat einen Katalog epischen ausmaßes, was Vorstellungen, Tagträumen und Kreativität angeht. Da wird schnell ein Stock zum Gewehr, man erklärt sich selbst zum König der Legostadt und man erhofft irgendwann einmal Superkräfte zu haben, wie Spiderman oder der Avatar. All das wurde uns durch die Erziehung, Schule oder wie der Amerikaner sagt "Way of Education" genommen. Bei Kindern sind solche Dinge normal, als Erwachsener ist man geisteskrank.

mbilderbach Avatar
mbilderbach:#12171

>>12170
OP hier, so etwas passiert auch manchmal, es ist dann, als wäre eben nur und meine Gedanken real, während die Welt wie ein Puppenhaus wirkt und alle Menschen wie Puppen oder Schauspieler, ich würde diesen Zustand Truman-Show-Syndrom nennen. Und das könnte man vielleicht philosophisch mit dem Konzept des Solipsismus abgleichen.

keyuri85 Avatar
keyuri85:#12172

>>12171
Ah ... und es wundert mich jetzt auch nicht, dass so etwas schon bekannt ist:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Truman_Show_delusion

ninjad3m0 Avatar
ninjad3m0:#12173

>>12171
Da wir etwa das selbe Problem haben, wie geht es dir beim Lesen von Texten von z.B.
>http://en.wikipedia.org/wiki/The_Truman_Show_delusion
?

Ich verspüre immer einen Unterton "Vielleicht ist es wirklich so?" Es ist manchmal zum verrückt werden. Was mir öfter hilft ist, dass ich mir sage "Stell dich nicht so in den Mittelpunkt, als ob Leute dich in einer Filmshow sehen wollten, du hast einfach nen' Dachschaden - Fertig". Ich denke, man muss dieses Gedankenkonstrukt zu Fall bringen und sich auf keinen Gedanken einlassen.

>Solipsismus
Mit wem schreibe ich dann, und mit wem Du? Mir läuft gerade eine Schauer über den Rücken. Warum ist Philosophie/Psychologie nur so Angsteinflößend ;_;

vocino Avatar
vocino:#12174

>>12173
Interessanterweise gibt es keinen Gegenbeweis zum Solipsismus, aber wie Peter Möller schreibt, ist es eine Annahme, die man einklammern sollte, weil sie einen Menschen gemeingefährlich machen könnte, das wäre der Auftakt zu einem Psychopathenleben:

http://www.philolex.de/solipsis.htm

Mich beunruhigt es natürlich, dass ich in diesem Artikel zum Truman-Show-Syndrom mich selbst wiederfinde, obwohl es natürlich nicht ganz so wie im Film wäre. Psychologisch spräche man wohl von extremem Egoismus oder paranoider Schizophrenie und mir fiele keine Gegenposition dazu ein.

BillSKenney Avatar
BillSKenney:#12176

Einen Truman-Verrückten kenne ich sogar IRL, er versucht immer Rechnungen in Lokalen nicht zu bezahlen, weil's ja sowieso egal ist. Ziemlich lustig, eigentlich, für alle Beteiligten. Bis auf den Kellner. Wir gehen nie zwei mal in ein Restaurant.

Wie auch immer: In all dem einen philosophischen Gewinn zu vermuten ist imo abwegig. Der einzige Gewinn, den man haben kann, ist die Einsicht, was alles potenziell sein könnte, was wir eigentlich wissen können. Aber Gefühle als Maßstab zur Wahrheitsfindung sind ziemlich gefährlich. Das einzige, was durch die Gefühle wahr wird, ist imo das Erleben derselben.

Ich würde im Übrigen Meditation empfehlen. Nicht, um mit irgendwelchem Scheiß zu kommunizieren oder so, sondern um in sich zu gehen. Viele Gedanken streifen dich jeden Tag und wie ein Rausch - oder so ist es zumindest für die meisten, denke ich - und in Ruhe in sich zu gehen und seinen Kopf ohne Ablenkung zu sortieren kann einem wieder einen klaren Blick geben.

Ich bin jetzt einfach mal so arrogant zu sagen, dass dein Blick getrübt ist. Na ja.

Ich hoffe, ich konnte helf0rn.