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Veröffentlicht am 2015-06-04 13:27:34 in /ph/

/ph/ 12220: Fragen über Fragen

armcivor Avatar
armcivor:#12220

Ich möchte mich, nach Plato und Aristoteles, an Descartes wagen. An Sekundärliteratur habe ich mir bereits eine Einführung von Hans Poser und einen Überblick von Dominik Perler zugelegt.

Meine Frage ist nun: Was sind die essenziellen, für mich als Philosophie-Interessierten wichtigen Werke von Descartes?
(Neben den Meditationen)

Auch: Hat Bernd einen Verlag, den er generell bevorzugt beim Kauf philosophischer Werke?

sokaniwaal Avatar
sokaniwaal:#12221

>>12220
Descartes' einflussreichste Werke sind die Meditationes, die Principia Philosophiae und die Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs. In den Meditationen ist Descartes' Denken am zugänglichsten, zudem sind die darin behandelten Gegenstände auch heute noch von Interesse. In den Prinzipien findet man einige wissenschaftliche Spekulationen, die überholt oder widerlegt sind, wie Beiträge zur Physik seiner Zeit.
Konzentriere dich auf die Meditationen, meines Erachtens bieten sie das perfekte Mischungsverhältnis zwischen Lesbarkeit und Gehalt. Ein kleiner Ratschlag: Es ist vorteilhaft, das Werk von Denkern zu erforschen, aber es geschieht leicht, dass man sich mehr Einzelheiten auflädt, als nötig wären. Versuche hin und wieder, Descartes quer zu lesen mit Denkern anderer Zeitalter, die ähnliche Fragen stellen, Fragen nach den Dingen, die unsere Wirklichkeit bestimmen, was Bewußtsein ist und was das Individuum für eine Bedeutung hat.
Der Meiner-Verlag ist für das Studium in der Regel der Verlag mit der sorgfältigsten Aufmachung hinsichtlich Kommentar, Bemerkungen, Wortregistern etc. Zum Lesen des Textes allein kann einem Interessierten auch eine Reclam-Ausgabe empfohlen werden.
Mein Senf zu Descartes: Descartes markiert einen Paradigmenwechsel in der Philosophiegeschichte, von dem philosophischen Betreben, das Wesen der Dinge zu ergründen, verschob Descartes das Ereignisfeld des Denkens auf die subjektive Erfahrung, das Individuum und das unmittelbar Erlebte. Sein cogito ergo sum ist dabei aber nicht über alle Kritik erhaben. Das Denken ist bei Descartes eine Bezeichnung für das gesamte bewußte Innenleben des Menschen, also eine Zusammenziehung von Denken, Fühlen und Vorstellen. Denken aber ist ständigem Wechsel unterworfen und ein dem Wechsel unterworfenes Erleben ist nur bedingt als feste Basis für den Nachweis von Wirklichkeit geeignet. "Ich bin bewußt" oder aber "Ich bin Bewußtsein, also bin ich", wie unter anderem Eckhart Tolle vorschlägt, würde seine Philosophie zutreffender charakterisieren.

peterlandt Avatar
peterlandt:#12222

>>12221
Und dieses Querlesen empfehle ich ganz grundsätzlich bei philosophisch Interessierten. Es kommt oft vor, dass das Lebenswerk von Denkern am Stück verschlungen wird, aber nichts hängen bleibt, weil man die Fragen nicht kennt, die den Denker zu all seinen Abhandlungen geführt haben. Wichtig ist es, die eigenen Fragen als Kompaß anzunehmen und durch das Gelesene sie zu verfeinern und anzugleichen - das geschieht durch eine abwechslungsreiche Lektüre. Zu Descartes' Meditationen würde ich empfehlen, in der Nähe eine Ausgabe von Augustinus' Bekenntnissen liegen zu haben, sowie Geschichten zu lesen und Filme, die sich in dieser Themenwolke aufhalten, wie die Truman-Show, Matrix, Ghost in the Shell und ähnliches. Ein geistiger Gegenstand wird umso klarer, desto mehr Positionen man ihm gegenüber eingenommen hat und kennt.

mfacchinello Avatar
mfacchinello:#12224

>>12221
>>12222
Bedankt.