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Veröffentlicht am 2015-06-10 12:00:3 in /ph/

/ph/ 12227: Entfesseltes Sein

snowshade Avatar
snowshade:#12227

“If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, Infinite. For man has closed himself up, till he sees all things thro' narrow chinks of his cavern.” - William Blake


Alan Watts beschreibt in einem Vortrag, wie Mönche, die ein Schweigegelübde abgelegt haben, nach Monaten beharrlichen Schweigens ihre Welt in einer Weise erleben, wie gewöhnliche Mitglieder der westlichen Gesellschaft sie sich nur durch Drogenzustände erklären können: die Fülle des Lebens wird sichtbar, Farben, Gerüche, alle Eindrücke besitzen eine ehrfurchtgebietende Intensität, alles trägt das Gepräge der Erhabenheit und Fülle.
Dies geschieht laut Alan Watts, weil der menschliche Geist nach einer langen Zeit des Schweigens die menschliche Sprache als Medium seines bewußten Denkens verlernt oder vergisst. Sprache und Begriffsdenken sind für den Menschen kaum voneinander zu treffen, deshalb fällt mit dem Vergessen der Sprache auch das begriffliche Denken weg - und auch wenn nur die Wenigsten einen solch drastischen Schritt wagen und ein Schweigegelübde ablegen würden, die Entmachtung des begrifflichen Denkens hätte bei weitem nicht den durchweg negativen Effekt, den man erwarten würde.
Begriffe und Konzepte helfen, die Welt einzuordnen, sie "begreiflich" zu machen. In einer Welt, da mehr gelesen als am eigenen Leibe erfahren und erforscht wird, werden alle Empfindungen und Erscheinungen vorschnell eingeordnet, etikettiert und abgefertigt. Und für viele Menschen findet die Welt nur noch in ihrem Kopf statt, das heißt, Denken dreht sich ums Denken. Begriffe versuchen sich selbst zu begreifen, doch merken nicht, dass sie längst keinen Kontakt mehr zu einer authentischen Erfahrung besitzen.
Warum erscheint die Welt, die wir geklärt vom Begriff betrachten, so wunderbar? Wir sehen die Welt dann so, wie wir sie als Kind sahen: voller Wunder. Die Welt, in der wir nun leben, ist mitunter das genaue Gegenteil: alles ist eingeordnet und kategorisiert, alles Wunderbare wurde konzeptionalisiert und der Mensch arbeitet nun nach Begriffsprogrammen, die ihn nur noch auf das achten lassen sollen, was Abweichung von Norm, Gesetz und öffentlichem verheißt.
Das Denken will das Sein erkennen, verstehen, durchdringen. Wüsste das Denken, dass das Sein eigentlich Bewußtsein ist, und dass es praktisch der endlose Teppich ist, auf dem unser kleiner Verstand und die Gedankenketten kreiseln und tanzen, wie würde unsere Welt dann aussehen?
Aber ist Denken nicht Bewußtsein? Ist Bewußtsein nicht das Ergebnis des Denkens, indem wir über etwas nachdenken und es uns so bewußt wird? Wohl nicht. Bewußtsein ist größer als alles begriffliche Denken und die Stille hinter unseren Gedanken ist weiser als der Lärm der Konzepte.
Es ist die Stille hinter unseren Gedanken, die wir wirklich sind. Und es ist die Stille hinter den Gedanken, die wirklich weiß - die wirklich versteht, WEIL sie nicht begreifen will, weil sie frei ist von Wunsch und Begehren, hat sie alles, ist sie alles.:

"Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin." - Rilke


Der Einzelne kann sich jederzeit selbst betrachten und fragen: ist das, was in mir vorgeht, ganz allein mein Werk? Die Begriffe, Konzepte, Ideen, sind sie notwendig für den Menschen, nützlich für mich? Was ist Konzept? Zeit, Raum, Moral, Gott, Mensch, Tier. Konzept ist Begriff, Begriff will begreifen, doch wie eine Hand nach einem Elefanten greift, kann sie ihn vielleicht berühren, doch niemals heben oder versetzen. Unser Ich schafft die Begriffe, denn es will verstehen, es will geistigen Besitz. Doch unsere Begriffe sind letztlich alle zum Scheitern verurteilt. Nichts kann das Sein umfassen außer das Sein selbst. Nichts kann das Bewußtsein fassen außer das Bewußtsein selbst. Und nichts kommt der Fülle der Stille gleich, denn sie ist das reine Bewußtsein.
Beobachte deine Gedanken, lass sie ziehen, sie sind die Wolken, doch das wirkliche Verstehen verbirgt sich dahinter, in dem Rauschen der Leere, in dem reinen Bewußtsein, an dem jeder von uns teilhat.

mefahad Avatar
mefahad:#12228

> die ihn nur noch auf das achten lassen sollen, was Abweichung von Norm, Gesetz und öffentlichem *Ideal verheißt.

> “If the doors of perception were cleansed every thing would appear to man as it is, Infinite. For man has closed himself up, till he sees all things thro' narrow chinks of his cavern.” - William Blake

Die Höhle aus Platons Gleichnis ist von Menschen gemacht. Sie ist die Illusion, zu glauben, dass die Welt der Begriffe die Wirklichkeit ist.
Der Mensch, sein Verstand und das Ich, sein Drang zur Ordnung und zum Begriffsdenken hat viel Wetteifer und Fortschritt mit sich gebracht. Doch der Schatten all dieses Fortschritts ist dabei, den Menschen zu verschlingen, sollte er sich ganz mit seinem Ich identifizieren, das doch in Wirklichkeit auch nur ein Konzept ist, an das er glaubt. Die Matrix ist wie Platons Höhle ein Ergebnis von Ich und Verstand, ein Ergebnis menschlichen Denkens und kein Naturphänomen wie gewöhnliche Höhlen. Der Mensch sieht und spricht: Ich habe diese Höhle gebaut und eingerichtet, damit sie mich vor Regen und Sturm schütze. Ich habe diese Matrix errichtet, damit sie mir Regelmaß, Ordnung und Einheitlichkeit gibt. Ich habe dies getan. Doch ich bin nicht länger nur dieses Ich. Ich bin der Ozean.

vicivadeline Avatar
vicivadeline:#12229

>>12228
>>12227

Spannend. Danke.

mhwelander Avatar
mhwelander:#12230

du packst es gleich in kategorien wie "größer, besser, schöner als"
dabei ist es in erster linie eine ANDERE form der wahrnehmung, eine andere form des denkens.
ein austausch der formen, die man den dingen in der welt zuteilt. ein kategorisieren mit gefühl.
das hört sich nach einem mitteilungslosen leben an...

a_khadeko Avatar
a_khadeko:#12234

>>12230
Es ist keine andere Form des Denkens damit gemeint, sondern ein Bewusstseinszustand der Achtsamkeit und Offenheit. Denken besteht aus Urteilen, Untersuchungen, Feststellungen und aus der Arbeit mit Begriffen und Definitionen. Diese Form der Achtsamkeit verlangt nicht zu verstehen oder zu urteilen, sie ist vor allem Denken und jenseits

antonkudin Avatar
antonkudin:#12235

aller Begriffe. Es ist ein Zustand von Betrachtung oder Kontemplation, der nicht zu verstehen verlangt, weil Denken zu oft dem Suchen eines Dinges gleicht, das man dort sucht, wo es ganz sicher nicht gefunden werden kann.

sgaurav_baghel Avatar
sgaurav_baghel:#12239

Das Denken geschieht stets durch die Schablonen und Raster von Sprache (Sprache ist jede Form von Vermittlung wie Deutsch, Englisch oder auch Mathematik, Bilder, Klänge, kurzum alles was als Symbol / Bedeutungsträger verwendet werden kann). Jede Schablone ist eine Bestimmung und somit Begrenzung, die ihren Preis fordert, indem die so präsentierte Welt als die Wirklichkeit verstanden wird, dabei ist sie nichts weiter als eine spezifische Deutung, Auslegung, Verfälschung des Eigentlichen. Die Wahrheit lebt jenseits aller Begriffe.

damenleeturks Avatar
damenleeturks:#12240

>>12239
Die Wahrheit ist selbst nur ein Zeichen. Es gibt keine Wahrheit außerhalb von Zeichen. Auch das Jenseits der Zeichen ist ein Zeichen.

motionthinks Avatar
motionthinks:#12241

>>12240
Was meint Bernd mit Zeichen?

carlyson Avatar
carlyson:#12242

>>12241
Ein Zeichen ist etwas, dem wir eine Bedeutung zuweisen. Über das, was bedeutungslos und mithin kein Zeichen ist, lässt sich auch nur im Medium von Zeichen denken.
Alle Orientierung in und alles Nachdenken über Welt geschieht im Medium von Zeichen. Es gibt auch eine unbezeichnete Welt. Aber über die lässt sich nur im Medium von Zeichen sprechen. Sie erhält in dem Moment, in dem sie von uns gewusst wird, Zeichencharakter. Zeichen sind sozusagen 'Weichen', mit denen wir unser Weltverhältnis steuern. Wahrheit kann es deswegen nur als Zeichen geben. Die unbezeichnete Welt ist bedeutungslos.

karsh Avatar
karsh:#12243

>>12242
Letztlich wäre das, was ich mit Wahrheit benenne, mit keinem Worte zu benennen. Man könnte es mit Zen oder Dao kennzeichnen, aber es ist Leere, Nichtmanifestiertes, Formloses, Ungeschaffenes. Gleichzeitig ist es nichts grundsätzlich Fremdes, die Erfahrung desselben ist uns nur verstellt, weil wir dem Denken eine so große Bedeutung zuweisen.
Keiner braucht das Denken zu verlernen, aber die Stille, auf der sich das Denken abspielt, zu erfahren, ist das Erlebnis, das uns die Relativität auferlegter Konzepte vor Augen führt: Halten wir uns immerfort im Lärm der Gedanken auf, glauben wir, dass es eine Verpflichtung zum Denken gäbe und sogar, dass alles, was sich in unserem Kopf abspielt, ganz allein unsere Gedanken seien und nicht etwa die Widerspiegelung einer gesellschaftlichen Konditionierung, sind wir dazu veranlasst, der geistigen Fremdbestimmung zu unterliegen. Das heißt, wir halten uns auf diese Weise unhinterfragt an soziale Konzepte, die darauf aus sind, in einem Mittelmaß zu halten, uns in einem Grau-in-Grau der Empfindung einzusperren, weil wir den unrealistischen Idealen und Konzepten unseres Gesellschaft niemals gerecht werden können und so eine grundsätzliche Unzufriedenheit verspüren.
Die Stille, die große ungeschaffene Leere zu empfinden, das ist im Grunde die mystische Erfahrung schlechthin, es ist das, was einer Erfahrung des Absoluten im Menschenleben am nächsten kommt. Im Angesicht dieser Stille und Begrifflosigkeit betrachten wir unsere Gedanken von fern und können sozusagen unnötige Prozesse schließen, die uns davon abhalten, im Jetzt zu leben.
Diese Erfahrung ist durchaus unbezeichnet und bedeutungslos, doch hat man sie gemacht, hat man den Orientierungspunkt, nach dem viele Menschen so lange suchen.
Dieser Zustand der Stille, den wir erfahren können, ist ungeformt, unmanifest. Er enthält das größtmögliche Potential, so wie ein Körper in Ruhe die größte potentielle Energie besitzt.
Ein Geist jedoch, der diese Tiefe nicht gespürt hat, auf der er fußt, der diese Ruhe nicht erfahren hat sondern ruhelos in einer Analysewut zwanghaft begreifen und beurteilen will, verschenkt seine Energie, kann sich nicht selbst betrachten und handelt deshalb unwissentlich nach Plänen, die nicht seine eigenen sind und die ihn in Langeweile, Unlust, Lebensmüdigkeit stürzen, deren Ursache er nicht einsieht.
Diese Stille ist vielleicht der Ansatz, Kants Ding an sich oder das Eine des Parmenides zu verstehen. Dabei handelt es sich nicht um eine Substanz, sondern um einen Zustand, und sein Wert liegt eben in seiner völligen Leere und Ungeschaffenheit, in seinem reinen Potential. Dieser Zustand richtet das Denken aus und verhilft zur klaren Selbstbetrachtung, er ist der feste Punkt, von dem Archimedes sagen würde, mit ihm könne er die Welt aus den Angeln heben. Denn genau das ist der Fall:
Die Erfahrung der Stille ist ein weltveränderndes Erlebnis, für denjenigen, der es erlebt.

VinThomas Avatar
VinThomas:#12244

>>12243
Vielleicht kann man zwischen einer Wahrheit erster Ordnung und einer Wahrheit zweiter Ordnung unterscheiden.

Eine nur individuell gewusste Wahrheit ist 'unvollständig', solange sie nicht anerkannt wurde. Der Film 'Into the wild' endet mit der Einsicht "Glück ist nur echt, wenn es geteilt wird." Erst eine Wahrheit zweiter Ordnung, die durch einen Anerkennungsprozess gewandert, gespiegelt und bestätigt worden ist, ist meiner Meinung eine vollständige Wahrheit.

juaumlol Avatar
juaumlol:#12245

>>12244
Das wären dann subjektive und objektive Wahrheit. Interessant, dass zum Beispiel in der Philosophie Kierkegaards die Wertung genau umgekehrt ist. Bei ihm ist es die Wahrheit, die erbaut, die sich "richtig anfühlt", die, welche man für sich anwenden sollte. Daraus ergiebt sich aber natürlich kein Anspruch, diese subjektive Wahrheit anderen aufzuzwingen.
Das öffentliche Leben verlangt freilich einen Konsens und da kommt deine anerkannte Wahrheit zum Tragen.
Tatsächlich aber habe ich den Begriff Wahrheit als Platzhalter verwendet für etwas eigentlich Unaussprechliches. Darum mutet es auch dumm an, darüber reden zu wollen, doch es ist weniger der Inhalt der Erfahrung den ich erklären will als vielmehr dessen Stellenwert für den Menschen.

ionuss Avatar
ionuss:#12246

>>12245
Zu Kierkegaard kann ich nichts sagen. Objektiv wäre diese Wahrheit nur insofern, als sie dem Subjekt jetzt als etwas Äußerliches entgegentritt. Aber sie ist immer noch 'subjektiv', insofern sie durch die Verständigung zwischen Subjekten erst ihre Gegenwart erhält.

Eine Wahrheit zweiter Ordnung verstehe ich auch nicht nur als ein Bedürfnis des öffentlichen Lebens, sondern als ein sehr privates Bedürfnis. Man könnte meinen Gedanken auch so ausdrücken: "Was nutzt die Wahrheit in Gedanken?"

Die Wahrheit zweiter Ordnung gewinnt ihre Wirklichkeit im Gespräch. Und wenn du ein Gespräch zwischen zwei Menschen als Öffentlichkeit verstehst, folge ich dir. Aber ich würde es erstmal eine private Situation nennen.

Sie ist nicht notwendigerweise 'praktisch' in dem Sinne, dass durch sie ein Konsens über Vorgehensweisen im zivilen Alltag geregelt werden.

Sie existiert in allen Abstufungen. Von den großen politischen Fragen zu den vermeintlich kleinsten, privaten.

Die Formulierung vom Unaussprechlichen finde ich gut. Das ist die Erfahrung der Wirklichkeit noch vor der Wahrheit erster Ordnung. Zu einer Wahrheit im Sinne einer Identität des Bewusstseins mit dem Gewussten wird das Unaussprechliche erst, sobald es bezeichnet wurde. Das bedeutet automatisch Selektion, Interpretation, Verarmung. Diese unbezeichnete Welt ist nicht die Wahrheit, sondern der Grund der Wahrheit. Heidegger würde sie wahrscheinlich das Sein nennen. Die Zen-Buddhisten das Nichts. Das Om des Brahmanen.

Das nenne ich nun eine Wahrheit nullter Ordnung. Sie ist fundamental, aber ihre Vollendung erfährt sie meiner Meinung als Wahrheit zweiter Ordnung.

andrewofficer Avatar
andrewofficer:#12247

Alan Watts: The Mind

https://www.youtube.com/watch?v=emHAoQGoQic

davidcazalis Avatar
davidcazalis:#12248

>>12247
Schön.

i3tef Avatar
i3tef:#12249

>>12247
Wie schon oft erwähnt, der Großteil der Dinge, die ich auf /ph/ schreibe ist eine Präsentation von Inhalten, die ich für wichtig halte. Mit etwas Glück sehen Andere darin etwas, das ihnen lange gewünschte Anstöße liefert. Als Abschluss verlinke ich noch eine Vorlesung von Alan Watts, On Being God. Zwar Mondsprache, aber die Klarheit und Einprägsamkeit seines Vortrags würden sich selbst in einer guten Übersetzung etwas verlieren.
Auch Alan Watts begründet keine neue Philosophie, er zeigt Zusammenhänge auf, die uns Altbekanntes neu erscheinen lassen und Alltägliches in ein frisches Licht tauchen. Menschliches Innenleben und menschliche Gesellschaft sind vereinnahmt worden durch Institution, Doktrin und Dogma, und der Weckruf unkonventioneller Denker wie Alan Watts ist ein vorzügliches Mittel auf dem Weg zur Besinnung, die Mühelosigkeit des Seins wiederzuentdecken, die eigene Bestimmung und das Selbst neu zu entdecken.
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.

https://www.youtube.com/watch?v=EKNykrzfgQs

chrstnerode Avatar
chrstnerode:#12250

>>12249
Hier ohne Hintergrundmusik:

https://www.youtube.com/watch?v=ZY28PJZY5eo

giuliusa Avatar
giuliusa:#12261

>>12227
Bernd fühlt sich sehr angesprochen; es besteht eine Passung zu seinem durch Achtsamkeitspraxis veränderten Erleben. Die Konsequenzen sind tiefe Freude und Zufriedenheit (um an dieser Stelle reduzierende Begriffe zu verwenden).

uxdiogenes Avatar
uxdiogenes:#12262

>>12261
Es ist vielleicht die erstaunlichste Sache der Welt, dass die Abwesenheit von äußeren Ereignissen selbst mit das größte Ereignis in einem Menschenleben werden kann. Gestern sah ich eine Dokumentation über Isolationstanks, auch Samadhi-Tanks oder Floatingtanks genannt. Dort schwimmt man in Salzwasser, das auf Körpertemperatur ist, in völliger Dunkelheit und Stille. Nach einiger Zeit in dieser Reizarmut, die den Menschen seinen Körper vergessen lässt, beginnt er, in seine Tiefen hinabzusinken. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn bei solchen und ähnlichen Formen von Reizentzug bunte Lichter vor dem inneren Auge erscheinen oder der Geist seine eigene Realität wirklich werden lässt, doch noch häufiger ist das Gefühl des Neugeborenseins, nachdem man die Stille wieder verlässt. Der Mensch in unserer Gesellschaft allerdings fürchtet Stille genauso wie Stillstand, dabei ist die Erfahrung der Stille DAS grundlegende Erlebnis, das mithin die gesamte Wahrnehmung justiert, zurechtrückt.
Es ist ein wenig wie beim Fasten. Fasten kann aus verschiedenen Gründen geschehen, aber sich eines Reizes für eine Zeit zu enthalten, kann die Wahrnehmung ordnen und in einer positiven Art "zurücksetzen", auf Werkseinstellungen sozusagen.
Wer genug hat vom Durcheinander des Alltags und nur Unzufriedenheit, Kummer oder Verdruss verspürt, der suche die Stille auf, das Dunkel, die Ruhe.
In einem Kurzfilm von Lars von Trier fällt der Satz "Ich fürchte mich von den Dingen, die das Licht verbirgt". Das Licht des Tages und die Geschäftigkeit verbirgt so einiges.

carlyson Avatar
carlyson:#12263

>>12262
In diesem Zusammenhang ist das Werk des Philosophen und Forschers John C. Lilly interessant, hier ein Artikel über ihn:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/john-c-lilly-rausch-der-tiefe-a-422301.html

Er war der Erfinder der Samadhi-Tanks, aber seine Erkenntnisse und Beschäftigungen reichen weit darüber hinaus. Animulüfter werden seinen Namen vielleicht in Serial Experiments Lain einmal gehört haben.
Es gibt auch einen interessanten Film über das Thema namens Altered States.

craigelimeliah Avatar
craigelimeliah:#12280

>>12262
>>12263

Interessant, vielen Dank!

ionuss Avatar
ionuss:#12462

Und was hat das mit Philosophie zu tun?

mikaeljorhult Avatar
mikaeljorhult:#12467

>>12462
Na es berührt die Themen von Gemütsruhe und der allgemeinen Existenzfragen, die nicht nur mal bei den Philosophen der Stoa wichtig waren.

tube_man Avatar
tube_man:#12491

Wie man herauslesen können wird, ist es nicht allein Alan Watts, sondern auch Meister Eckhart und Eckhart Tolle, die in den Gedanken dieses Fadens Anklang finden.
Eckhart Tolle erklärt in einem Vortrag die Bedeutung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn: Der Sohn bekommt sein Erbteil, verlässt seinen Vater und gondelt fortan in der Welt umher. Er pfeift auf sein Elternhaus, doch verschwendet im Handumdrehen all sein Geld, sodass ihm nichts übrig bleibt, als zu seinem Vater zurückzukehren. Der Vater aber, überglücklich über die Rückkehr des Sohns, liebt seinen Sohn nun umso mehr und schließt ihn in die Arme. Für Tolle ist der Sohn der Geist des Menschen, der sich vom Ursprung entfernt. Er trennt sich von der Familie, um sein Glück zu versuchen, das heißt, er erprobt seinen Intellekt, er fordert sein Denken heraus. Doch seine Reisen haben ein Ende, war doch all das verschwendete Geld nicht erworben, sondern geerbt - er ist mit seinem Intellekt und seinem Denken an eine Grenze gestoßen. Die Rückkehr zum Vater bedeutet ein Wiederentdecken des Ursprünglichen, dessen Allgegenwart man während des Individuationsprozesses verdrängt hatte. Eckhart Tolle wie auch Alan Watts sagen dazu, diese wiedergewonne Verbundenheit mit der Seinsquelle ähnele zwar dem Sein der Kinder, Tiere und Pflanzen, weil es ein Zustand des Vertrauens und der reinen Bewusstheit ist, doch unterscheidet sich dieser Zustand der reinen Bewusstheit beim Erwachsenen von jenem des Kindes (bei welchem man es auch ozeanisches Gefühl nennt) der Tiere und Pflanzen hinsichtlich der Intensität der Erfahrung. Es ist zu vergleichen mit einem Menschen, der etwas oder jemand aus den Augen verloren hat - wenn er mit dem Verlorenen wieder verbunden wird, ist die Empfindung stärker, bewusster und wird mit tiefer Wertschätzung empfangen, während Dinge, die man nie verloren hat, öfters für unbedeutend gehalten werden, weil man sie für selbstverständlich hält. Und die Erfahrung der Stille ist es, die uns mit unserem Ursprung bewusst verbindet.
Dieser Zustand ist zu vergleichen mit dem Zustand, den Nietzsche im Zarathustra mit der Verwandlung zum Kinde beschreibt. Spontanität, bewusste Verbundenheit mit der Quelle des Seins, das sind Qualitäten des Heiligen wie des Kindes oder des Genies - es bedeutet, die Mission des Denkens abzuschließen, um sich jenseits der Gedanken, in der Stille von Meditation, Selbstversenkung und Besinnung, als vollständig, vollkommen, heil(-ig) zu erfahren. Mit den Worten eines Swami: "Wherever there is life, it is sacred."

a_khadeko Avatar
a_khadeko:#12531

Mit diesem Pfosten beschließe ich von meiner Seite das Thema. Wie man vielleicht mittlerweile bemerkt haben wird in , ist es Spinoza, auf den ich mich in meinen Gedanken am häufigsten beziehe. Das kommt daher, dass dieser Denker einerseits rationalistischer Klarheit in Ausdruck und Denken verpflichtet war, andererseits er unter den Rationalisten selbst der Paradiesvogel ist. Seine Herangehensweise an Probleme, die noch Descartes Kopfzerbrechen bereitet haben, ist schlichtweg genial (Das Leib-Seele-Problem löst er, indem er Leib und Seele als Aspekte einer Substanz vorstellt). Was mir noch wichtiger erscheint, ist dabei die Tatsache, dass er als erster neuzeitlicher Psychologie das menschliche Innenleben systematisch untersucht hat, nüchtern und klar, in der Weise, wie Euklid seinerzeit über geometrische Formen redete. Schon mit der Form seines Hauptwerks setzt Spinoza ein Zeichen, das an Selbstbewußtsein kaum zu überbieten ist: die Affekte, die menschlichen Regungen und Emotionen, gemeinhin als das Chaos schlechthin begriffen, erklärt er systematisch, als seien sie Dreiecke, Quadrate oder Winkelfunktionen und erläutert ihren Ursprung, ihre Funktion und wie der Mensch es schaffen kann, der Herrschaft der Affekte nicht zu unterliegen. Die klare Sprache seiner Philosophie und Seelenlehre wurde dabei zur Inspiration für eine Vielzahl von Künstlern, Dichtern und Gelehrten, darunter Goethe, Einstein, Deleuze, Wittgenstein, Jorge Luis Borges und viele weitere.
Vor allem aber beeindruckt Spinoza durch seine Bescheidenheit: in seinem Briefverkehr wie in seinen Werken erwähnt er, dass seine Philosophie inhaltlich absolut nichts Neues ist, ja nicht einmal die Art der Präsentation, die Form seines Hauptwerkes ist völlig neu, nur die Kombination der klaren Darstellung mit dem Inhalt des menschlichen Verhaltens ist sein Verdienst. Spinoza ist sich darüber im Klaren, dass er ein Wissen, eine Weisheit lehrt, die durch alle Zeitalter bekannt ist, die dem Buddhismus zugrundeliegt genauso wie dem Stoizismus, dem Epikureismus, der Philosophie des Christentums und der Mystiker sowie der Philosophie perennia. In seinem Briefverkehr heißt es, beinhalte seine Philosophie nichts anderes als das, was in den ersten Versen des Johannesevangeliums beschrieben ist, allein Spinozas Ansatz ist verschieden und seine Sprache ist jene des Rationalismus. Das Wort des Evangelisten, das ist bei ihm die Substanz.
Viele weitere Übereinstimmungen können sich zwischen Spinozas Lehre und denen der Mystiker weltweit aufzeigen lassen. Die meines Erachtens nach wichtigste Übereinstimmung kann man in seinem Ausdruck "sub specie aeternitatis" finden. Spinoza schreib, dass der Mensch die Dinge möglichst durch die Augen der Ewigkeit betrachten sollte, um der Herrschaft der menschlichen Natur und den Ketten des Leidens zu entkommen. Vielleicht kennt man den Spruch: Wenn Zeit nicht existiert, so ist die Ewigkeit das Jetzt. Und durchaus, Zeit lässt sich ohne große Anstrengungen als ein geistiges Konzept identifizieren, genauso wie Vergangenheit und Zukunft, die dem menschlichen Denken gemäß unendlich groß erscheinen, während das Jetzt, der gegenwärtige Moment verschwindend gering wirkt, genauso wie der schmale Sekundenzeiger auf der Uhr. Dies ist allerdings eine unheimlich starke Verzerrung der Wirklichkeit, denn die Gegenwart ist die einzige Zeit, die wirklich existiert. Und weil die Gegenwart ein einziger unteilbarer Moment, das Jetzt, ist, offenbart sich, dass die Ewigkeit immer da ist, wenn man das Konzept der Zeit als ein solches entlarvt. Die Ewigkeit ist demnach nicht irgendwo im Nirgendwo zu finden, sondern sie ist überall dort, wo der Mensch zur Ruhe kommt und still wird. Die Dinge sub specie aeternitatis zu betrachten bedeutet genau dies.
Und jeder Mensch kann auf diese Betrachtungsweise zugreifen, dies ist die Grundlage jeglicher Meditation und jeglicher Besinnung.

oaktreemedia Avatar
oaktreemedia:#12532

Gleichzeitig ist es die Grundlage der Erfahrung von tiefem Glück: der Mensch sucht nach dem Glück und strebt in die Ferne, er spannt sich an, ist gespannt auf ein Gut, das ihn irgendwann erfüllen möge. Gerade aber dieses Streben und Anspannen verhindert auf ewig die Erfahrung des Glücks, denn es ist das Annehmen dieses einen Moments, der immer das ist, dieses Nun, dieses Jetzt das die Ewigkeit ist, das gleichbedeutend mit Glück ist.
Wenn der Mensch begehrt, dann orientiert er sich auf die Außenwelt. Das Begehren ist das Wesen des Menschen selbst, aber der Mensch kann nicht durch das Begehren erfüllt werden. Objekt des Begehrens ist immer eine Reflexion eines Dings, das schon längst Teil des Selbst ist. Es ist das Wollen, das den Menschen nach außen, weg von der Ruhe und der Quelle der Erfüllung streben lässt. Es ist nicht die Sache, die er will und die er nicht bekommt, die ihn unglücklich macht. Es ist das Wollen selbst, dem er ungefragt folgt und somit nur Augen hat, für das, was kommen mag, nicht für das, was unwandelbar vor jeglicher Handlung da ist, verfügbar in jeder Situation des Lebens.
Die Ewigkeit bei Spinoza ist der gegenwärtige Moment. Und wer sich darauf einlässt, wird in der Erforschung des Nun, des einen Moments, erfahren, dass die Fragen nach seiner Identität alle durch die Tiefe des Moments, durch seine Stille beantwortet werden:
Was auch immer du bist, tust oder hast, wie auch immer du dich fühlst, wer auch immer du zu sein scheinst, dies sind Dinge, die für dich Welt gelten, aber sie sind flüchtig, verwandelbar, sie sind Masken (das Wort Person kommt von persona und bedeutet Maske, wir spielen eine Rolle und vergessen, was wir wirklich sind) und veränderliche Details. Das Wesen, das du wirklich bist und das sich niemals endet, ist identisch mit dem einen Moment. Dies ist der kleinste gemeinsame Nenner, der alles Sein verbindet. Und wie das Senfkorn im Gleichnis ist die Erfahrung der Tiefe dieser Seinserfahrung von positiv erschütternder Auswirkung.

"Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden - und wer einen Leichnam gefunden hat, ist der Welt überlegen."

"Wer mir (dem Nun, dem Tao, dem Sein) nahe ist, der ist dem Feuer nahe - und wer fern ist von mir, ist fern vom Königreich."

"Ihr prüft das Antlitz des Himmels und der Erde, und den, der vor euch ist, habt ihr nicht erkannt, und dieses Nun wisst ihr nicht zu prüfen?" - Jesus von Nazareth im Thomas Evangelium, Sprüche 56, 82, 91.

gmourier Avatar
gmourier:#12566

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